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Neue jüdische Presse · 1913-08-15 · Heft 32 (15.8.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 32 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32. Seite 5 Frankfurter Israelisches Familsenblatt. Sofort scharte sich männiglich am Fuße der kleinen Treppe zusammen, man zog für die Damen Stühle heran, Relly ließ sich etwas schüchtern von ihrem Verlobten hcrbeiführen. Christine begann in launigen Knittelversen die Geschichte der Verlobung herzusagen. Sie webte dabei Dichtung und Wahrheit zusammen. Die Dichtung bestand, ivie Müller nachträglich kritisierte, „aus handgreiflich dicken Lügen"; die Wahrheit trat so ungeniert an den Tag, daß die jungen Brautleute öfters sehr starr erröteten, einmal wurde sogar auch der Herr Amtsrichter rot, was allgemein auffiel. Die schöne Sprecherin erzählte, wie Nclly und Philipp einander schon lange tief im Herzen getragen, wie an einem stürmischen Hcrbstabend Nelly ihr Liebesweh im dunklen Wald spazieren geführt, sich in der Finsternis dort verirrt und ini Riegnerschen Zelte unter der Marienbuche vor dem Unwetter Schutz gesucht habe. Dorthin sei ihr unvermutet ein erprobter Verführer nachgeschlichen, der ihr mit.Kuß und Umarmung drohte. Vergeblich habe sich Nelly gewehrt, — der Versucher habe nicht von ihr abgelassen, bis Philipp plötzlich Nelly zur Hilfe kam und den Zudringlichen verjagte, was durchaus nicht gefahrlos gewesen sei, da der Unhold eine geladene Pistole bei sich führte. (Sämtliche Anwesende zerbrachen sich die Köpfe, wo in ihrer Stadt ein solches Individuum zu finden wäre.) Da sei Nelly laut aufschluchzend ihrem Retter in die weit ausgebreiteten Arme gesunken, und sie gestanden sich ihre Lieb: beim Silberschein des Mondes und den Flötentönen der Nachtigallen. „An einem Novemberabcnd!" rief der Amtsrichter. Die Rcdnerin ignorierte den Zwischenruf und schloß jetzt mit einem begeisterten Hoch auf das Brautpaar, worauf unendlicher Jubel aus-rach. Man umarmte und beglückwünschte einander, Nellys Mutter vergoß Freudcntränen, die Damen waren entzückt über den aufregend interessanten Abend. Die Herren überschütteten die schöne Wirtin mit Beifall. „Alle sind heiter, nur Du nicht," schalt Christine, ihre Freundin in das Schmolltvinkelchcn des Erkers ziehend. „Das macht das schlechte Gewissen," sagte Nelly leise. „Gedulde Dich nur noch drei Tage," mahnte Christine, das junge Mädchen liebkosend, „dann magst Du nach Herzenslust Deinem Verlobten beichten!" „Drei Tage!" seufzte Nelly, wären sie nur 'erst ohne Unheil vorbei!" „Abwarten! Da naht Tein Bräutigam, nur Dich zum. Tanz zu holen. Ihr habt fünf Minuten für Euch, ehe der Tanz beginnt." In der nächsten Sekunde stand Philipp vor Nelly. „Warum so ernst, Geliebte?" Nclly seufzte. „Ich möchte Dir gern ein Unrecht cingestehen und darf cs nicht." „Oho! Das fängt gefährlich an," scherzte er. „War es der Klavierlehrer? Kleine Puppe, bin ich Deine erste Liebe nicht?" Sic hob die dunkle» Augen ruhig zu ihm auf, — ihr Blick war so offen wie der eines Kindes. Fast mit Feierlichkeit sprach sie: „Philipp, Du bist meine erste Liebe. Ich habe noch nie einen anderen Mann lieb gehabt." „Mein ehrliches Mädchen," murmelte Philipp gerührt, „iech kann und will Deine Unschuld nicht belügen. Wirst Du mir grollen, daß mein .Herz einmal für jene Frau dort mit den goldenen Haaren schlug? Aber dann kamst Du und küßtest mich im Traum." Nelly ivar tief erbleicht, — einen Moment nur, dann aber leuchteten ihre Wangen wie die Rosen in ihren Locken. ,/Ob 'Du wohl weißt, was mir damals geträumt?" flüsterte er ihr ins Ohr. Nelly nickte. „Es war in der ersten Nacht, nachdem ich Dich gesehen —" da stockte sie. Sie war doch zu scheu und verschämt, um niehr zu bekennen. Philipp betrachtete sie glückstrahlend. „Du kannst nicht lügen. Behalt: alle Deine kleinen Geheimnisse, süße Braut! Ich vertraue Dir; aus diesem Herzen kann kein Unrecht kommen. Und jetzt gib mir einen Kuß . ." „Vor allen Leuten!"' wehrte sic erschrocken ab. „Die sollen nichts sehen," er rückte die beiden großen Palmen, welche zur Zierde des Erkers dastandcn, aber eigentlich nur den Durchgang verengten, ~Normal School Bovano I Wesarstr. 7. SprartlEn-UßbBPSßtZUngen. Tel. 12428.1 Privat-Zirkel- und Klassenunterrichfc. I Besondere Zirbel für Damen besserer Kreise. ■ Oeffentl. Probestanden Mittwochs um 11,5,7 n. 9 Uhr. M unauffällig näher zusammen, „einen Abschiedskuß! Denn morgen muß ich fort von hier, vom Tanzsaal in den Richtsaal." „An Deinen Beruf." „Der mir noch nie so unleidlich erschien. Denn meine Seele lechzt nach Liebe, und ich soll von Mord und Totschlag reden hören." . „Glaubst Du, daß Perez frei kommen werbe?" fragte sie angstvoll. Er lachte ein wenig ärgerlich. „Perez und kein Ende! Seid Ihr doch eine wie die andere, Christin: >vie Du! Jede sorgt um Perez und denkt und bangt für ihn. Der Amtsrichter und ich, wir könnten wohl eifersüchtig aus den alten Sünder wcrden." Es war drei Uhr morgens, als die letzten der Gäste das Haus verließen. Christine ging noch immer räumend und ordnend durch die Zimmer; der Hausherr hatte schon mehrere Male vergeblich an die Nachtruhe gemahnt und sich dann murrend allein zurückgezogen. Die junge Frau wartete, bis sie die Gewißheit hatte, daß ihr Gatte sich im Schlafzimmer befinde, dann öffnete sie behutsam die Tür und rief leise: „Komm!" Sogleich huschte eine Gestalt herein, sie war groß und stark und hatte das Antlitz und die Gestalt der schwarzen Hanne. Und unter den weißen Tüchern und der weißen Kapuze, die sie verkleideten, grinste sie vergnügt hervor. „Schauerlich!" lachte Christine leise. „Ich hoffe. Du sollst bald erlöst sein, armer Geist. Nimm Dir eine Flasche Wein mit hinauf in Deine.kalte Kammer!" lieber das breite Gesicht Hannas flog ein vergnügten Lachen. Da schrack sie zusammen: „Ter Herr!" und verschwand. Wirklich trat Müller, den sie längst zu Bett glaubten, wieder ins Zimmer, und die Hände der jungen Frau fassend, rief er: „Weib meines Herzens, da heute ein Tag der Enthüllungen ist, bekenne mir nur eines: Wer hat den Campagner heraufgeholt?" „Das Gespenst," erwiderte Christine gelassen, „konntest Du daran zweifeln?" „Das Gespenst," wiederholte er, und sich trotz seines Negligees in eine theatralische Stellung werfend, sprach er: „Ich bin lüstern, mit diesem Geist ein Wort zu reden!" „Morgen, morgen," lachte Christine, „Fortsetzung folgt." Im Gcrichtssaal. Der Präsident hatte eine Pause in den Verhandlungen cintretcn lassen. Der Zeugin Frau Amalie Schmula ivar wenige Minuten, ehe sic vereidet werden sollte, tibel geworden, was angesichts der drückenden Schwüle im Gerichkssaale kein Wunder war. Richter, Geschworene, Reporter, sowie die zahlreich anwesenden Zuhörer begrüßten mit Freuden di: Viertelstunde der Erholung, in der man sprechen, sich rühren, ja sogar aufatmen durfte, da auf Befehl des Vorsitzenden die Fenster geöffnet worden waren- Und nun konnte man doch einmal Umschau halten, wer eigentlich alles da war! „Eine Masse Federvieh!" brummte der Förster Hegemann. Ihm waren alle Zeitungsschreiber ein Gräuel; er schimpfte bcrefts über die vielen Lügen, die die große Anzahl frenidcr Reporter in die Welt setzen würden. Er hätte nur hören sollen, wie im Jonrnalistenwinkel ein Berliner Berichterstatter soeben über ihn und seine Landsleute, welch: zum größten Teil als Zeugen geladen waren, spöttelte. „So also sieht Stadt und Kreis .Zladiro aus! Welche lächerliche Fülle rotbäckiger, gesundheftstrotzender Gesichter! Und welche abnormen Hüte! Welche sonderbaren Gewänder! Diese Leute kleiden sich noch nach der Mode der sechziger Jahre! . . Aber was leuchtet dort fiir ein Stern?" Er wandte sich hastig an den Poscner Kollegen: „Bitte, wer ist die Dame dort, die eben aus dem Zeugenraum tritt? Der alte Präsident verbeugt sich, und die Dame nimmt auf der ersten Bank. Platz. Prächtige Gestalt! D, dieses Goldhaar! Ach und ihre himnitischen, schwarzen Augen!" Der Poscner bog seinen Zwicker um, sah durch die doppelten Gläser und lächelte. „So schön sind nur unsere Frauen," nickte er, „die Polinnen nämlich, und Frau Christine Müller ist eine der herrlichsten ihres Stammes." „Eine Frau Müller?" machte der Berliner gedehnt. „Haltung und Toilette ließen mich wenigstens ans eine Gräfin schließen." „Das.war sie. Und dahinter steckt eine Geschichte. Sehr romantisch! Von Liebe und Batcrfluch. Sie ist die Gattin des Amtsrichters, welcher die Voruntersuchung in diesem Prozeß führte. Drüben am Richtertisch der vorn chm blickende, große Herr ist Müller. Bemerken Sie, wie die Erscheinung seiner Frau im Saal allgemeines Aufsehen erregt? Selbst der Angellagte, so scheu und gedrückt er dasitzt, hat für die schöne Frau, die übrigens seine Protektorin sein soll, einep bewundernden Blick." f| „Wahrhaftig," lachte der Berliner, „da Sie mich darauf aufmerksam machen, scheint es mir, als ob ihm die schone Gnädige freundlich zulächle." _(Fortsetzung folgt.)__ J. W. Albert, Optik Fits - n. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Neue Mainzerstrapse. Bmtte Chronik. Vaterland und Mutterland. In Robert Hamerling's lyrischem Nachlaß findet sich ein Gedicht „Vaterland und Mutterland". Hamerling sucht in dem Gedichte'in einer höchst originellen Art den scheinbaren Widerspruch and Zwiespalt zwischen deutschnationalem und treuösterreichischem Denken und Fühlen zn widerlegen und die wohl mögliche Harmonie beider Treue- und Liebe-Empfindungen zn veranschaulichen Rabb. Dr. Altniann-Salzburg nimmt nun mit gutem Rechte — in der „Jnd. Volksstimme" — an dem Gedichte eine kleine Umänderung vor, und cs lautet nun: Zion ist mein Vaterland! Und Oesterreich? ei, mein Mutterland! Ich liebe sie innig beide. Hat Vater, Mutter nicht der Mensch? Warum nicht so desgleichen Ein Vaterland, ei» Nkutterland, In Freuden und im Leide? Mein Vaterland, ich lieb' es. Wie man den Vater liebt; Mein Mutterland, ich lieb' es. Wie man die Mutter liebt. In jenem wurzelt meine Kraft, In diesem treibt die Blüte: Von jenem Hab' ich Geist und Sinn, Bon diesem das Gemnte!! i l i ' I Wenn ich denke, wenn ich sinne. Wenn ich dichte, wenn ich schaffe. Fühl ich mich als Sohn des Vaters, Sproß vom Makkabäerstamme, Aber wenn ich liebe, schwärme. Wenn ich jauchze, lache, weine. Bin ich meiner Mutter Sohn, Liege wie am Mutterbusen In dem weichen Schoß der grünen. Blumigen Heimaterde! Darum denkt nicht, fordert nicht. Daß von des Vaters starker Brust, Vom weichen Mutterbusen ich Unkindlich je mich scheide; Ich liebe dich, mein Vaterland» Ich liebe dich, mein Mutterland, ■ Gott segn' euch alle beide!" Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbaoh a. 9. —- ' Keren Gicht and Bheamatfemas bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl. Frankfurt a.M., Günthertiburg-Allee 37. Tel.259 u. 714» Wocheit-Kalender. Zeitangabe» nach dem Luacb.) Samstag, den 16. August {= 13 Aw.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 15 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 3 Uhr 35 Min. in Berlin 8 Uhr 20 Min. Auf den größten jüdischen Nationaltrauertag folgt stets der Trostsabbat Schabbos-Nachamn, so genannt nach dem Anfangsworte der zn verlesenden Hastoro: „Nachamu, nachamu amt", tröstet, tröstet mein Volk! Stets ist für diesen Sabbat die Sidra „W oäs - chanan" der laufende Wochenabschnitt. Wir hören zunächst von Moses' Bitte, das gelobte Land sehen zu dürfen. Vielfach: Ermahnungen ergehen an Israel, dem Gottcsgesetze treu zn bleiben. Hinweis auf die Zeichen und Wunder bei der Erlösung aus Aegypten. Erwähnung der sechs Zusluchtsstadte für den nicht vorsätzlichen Mord. Wiederholung der „10 Gebote" aus dem 2. Buch Moses, die jedoch an manchen Stellen in der Fassung abweichen. Den Schluß bildet der erste Abschnitt von Schema und öftere Ermahnungen, sich des gelobten Landes würdig zn zeigen. Mit dem Schabbos-Nachamn beginnen die „sieben Trostprcdigten", in ununterbrochener Reihenfolge als Haftoros verlesen. Sie alle find von dem redegewaltigen Jesajah. — Am Montag (18. Aug.) ist C h a m i schoo sor-bo aw — 15. Awl Ein Halbseiertag. der an verschiedene freudige Ereignisse erinnert. (Aushören des Sterbens in der Wüste, Beerdigung der Toten Betar's, Absetzung der jerobamäischen Beamten usw.). Es wird kein Tachanun gebetet. — In der Tradition „Janm tevar Homagol" genannt. Tag des Zerbrechens der Axt. Man beendete nämlich das Holzfällen fiir den Tempel, dg

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