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Neue jüdische Presse · 1913-08-15 · Heft 32 (15.8.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 32 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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**" .. zn Nr. ZZ des fanfifnrfec Ifmetififdiea Ittmltienlitaffes. Ratnrwiffenschaft uud Gottesglaube. (Ans einem Vortrag.) Von Bezirksrabbmcr Dr. Benno Fischer in P a l ä n k a. (Fortsetzung.) Der dritte hellleuchtende Stern im astronomischen Dreigestirn, Galileo Galilei (1564 bis 1642), der große Märtyrer der wissenschaftlichen Wahrheit, war ein ebenso vornehmer Zeuge Gottes und seiner Offenbarung. Er war der erfolgreichste Entdecker und Erfinder ans dem Gebiete der Physik und der Astronomie; so der Entdecker der Fällgesetzc (dargelegt in der Schrift: De motu gravium), der Erfinder einer hydrostatischen Wage (beschrieben ill der Schrift: Da bilancetta), des sog. Proportionszirkels und einer Art Wärmemessers, besonders aber eines Teleskops, mit dessen Hilfe er die kraterförniigen Vertiefungen der Mondfläche und die Zusammensetzung der Milchstraße aus zahllosen Sternen zuerst erkannte und eine große Zahl noch nicht gekannter Sterne entdeckte. In allererster Reihe war er aber der wirksame Vertreter und Verteidiger des Kopernikanismus oder des hiliozentrischcn Systems, das er, da es von kirchlicher Seite als dem Wortsinn der heil. Schrift widersprechend verurteilt wurde, bestrebt war, auch theologisch gilt rechtfertigen, bezw. die Thesen des heliozentrischen Systems mit den Stellen der heil. Schrift in Einklang zu bringen. So suchte er die Stelle in Josna von dem Stillestehen der Sonne, die von den Gegnern — von der katholischen Kirche sowohl, als auch voll Luther — gegen den Kopernikanismus besonders ins Tressen geführt wurde, mit dem heliozentrischen System' auszugleichen. Die Grundsätze, die er hierbei über die Zulässigkeit, bei naturwissenschaftlichen Streitfragen Stellen aus der heiligen Schrift als Argunrente beizuziehen, aufstellt, verdienen unsere Bewunderung, ja, sie dürften auch heute noch ihre prinzipielle Gültigkeit behaupten. Diese Grundsätze hat der große Forscher in einem Schreiben an seinen Schüler und Anhänger Castelli (vom 21. Dezember 1613) erörtert, sie enthalten ein herrliches Bekenntnis Gottes und die Rechtfertigung der Anschauung von der Harmonie zwischen Naturforschung und Gottesglauben. Ill den einleitenden Sätzen begründet er seinen Standpunkt von der notwendigen UebercinstiMmung zwischen Offenbarung in der Natur und der in der heil. Schrift, die beide aus einer Quells, aus Gott, fließen. Es mögen einige dieser Sätze hier wiedergegcben werden: „Die Heilige Schrift und die Natur kommen beide vom göttlichen Worte her, jene als Eingebung des Heiligen Geistes, diese als Ansrichtorin der göttlichen Befehle. Es ist aber anerkannt, daß einerseits die Bibel, mit sich der Fassungskraft der großen Menge anzubequemen, vieles sagt, was scheinbar, wenn man beim eigentlichen Wortsinn stehen bleibt, von der absoluten Wahrheit abweicht, während andererseits die! Natur unerbittlich und unveränderlich und unbekümmert darum ist, ob ihre verborgenen Wirkungsweisen der menschlichen Fassungskraft zugänglich sind oder nicht. Es scheint mir daher, daß Naturwirkungen, die wir durch verständige Beobachtung wahrnehmen oder mittelst zwingender Demonstrationen erschließen, in keiner Weise in Frage« zu stellen seien mit Rücksicht auf Schriftstellen, welche ihrem Wortlaute nach etwas anderes zu besagen scheinen; denn nicht jeder Ausspruch der Bibel ist an so strenge Normen gebunden wie jede Wirkung der Natur. Vielmehr, wenn die Bibel, aus Anbequemung an die Fassungskraft vieler noch ungebildeter Menschen, sich nicht enthalten kann) manche ihrer wichtigsten Lehren zu verhüllen, ja Gott Zustände, die seinem Wesen durchaus fremd, und widersprechend sind, zuzuschreiben;*) wer dürfte da behaupten, sie binde sich imMer streng an die eigentliche Wortbedeutung?, dies zumal, wenn sie *) Diese Anschauung, die schon von den Talmudmeisen in dem bekannten Satz: „Diwre Tauro teloschaun bene Odom" vertreten wird, fand bei den jüd. Religionsphilosophen des Mittelalters ausführliche Begründung; es soll hier nur auf Maimonides hingewiesen werden, der 400 Jahre vor Galilei einen großen Teil seines More hierfür gewidmet hat. voit derartigelt Geschöpfen lvie die Sonne! oder die Erde Dinge aussagt, die ihrem (der heil. Schrift) Hauptzwecke ganz fern liegen?-Da die Bibel, obschon vom Heiligen Geiste eingegebcn, aus obigen Gründen häufig Auslegungen zuläßt, die sich vom Wortlaute entfernen, und da lvir nicht mit Sicherheit behaupten können, daß alle Ausleger göttlich inspiriert seien, so glaube ich, würde es das klügste sein, nieinand zu gestatten, daß er Bibelstellen dazu verwende, die Wahrheit naturwissenschaftlicher Konklusionen zu stützen, deren Gegenteil spätere Beobachtung mittelst überzeugender. Gründe lehren könnte." An einer anderen Stelle (in einem Briefe an die Großherzogin Christine vom 16. Mai 1615) sagt er über denselben Gegenstand u. a.: „. . . Daß aber bezüglich des Stillstandes oder Sichbewegens von Sonne imd Erde die.Bibel aus Anbequemuug an die Fassungskraft des Volkes, sich so ausdrücken mußte, lvie sie tat, zeigt die Erfahrung. . „. lind ich füge bei: nicht nur die Rücksicht auf des Volkes geringe Fassungskraft, sondern auch, die herrschende Ansicht jener ,Zeiten wird der Grund gewesen sein, weshalb die Schrift in den zur Seligkeit nicht notwendigen Dingen Mehr auf die herkömmliche Ausdrucksweise, als aufs Wesen der Tatsachen Rücksicht genonrMen hat." Daß die römische Inquisition, auf eine Denunziation des Dominikaners Lorini hin, 1615 gegen Galilei eine Untersuchung ainleitete, daß sie anr 23. Februar 1616 zwei Sätze seiner Schrift. — den Satz von der Zentralstcllung der Sonne und den Satz von der Bclvegung der Erde mit sie — für „formell ketzerisch", für „irrig im Glauben" und „töricht und absurd in der Philosophie" gestempelt hat und daß am 26. Februar namens des Papstes und des heiligen Offiziums Galilei gezwungen wurde, die These von dem Stillstand der Sonne usw. „ganz aufzugeben und sie in Zukunft in keiner Weise mehr festzuhalten, zu lehren, .oder zu verteidigen, in Wort oder Schrift", ja sogar, daß infolge seines 1632 erschienenen Dialoges über das Ptolemäische und das Kopernikanische System, worin die für den Kopernikanismus eintretenden Personen des Gesprächs die Argumente der Gegner völlig vernichten, die neuerliche! Anklage gegen Galilei erging, die mit der völligen Abschwörung des Kopernikanismus endete —: das alles konnte an denk Sieg der Galileischen Anschauungen nichts ändern nnd auch nichts an der Ueberzeugung aller Gebildeten, daß in diesent Streite die Wahrheit auf Seite Galileis war und daß er für den Glauben an Gott, ja für die Ehre Gottes und seiner Anerkennung mehr gewirkt hat als seine Richter. (Fortsetzung folgt.) Ein internationales Gesundheitsamt in Jerusalems Ende Mai wurde in Berlin unter dem Schutze der deutschen Kaiserin die Deutsche, Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem errichtet. Dem Zentralvorstand der Gesellschaft gehören von jüdischen Persönlichkeiten u. a. folgende Herren an: Dr. James Simon, Vorsitzender des Hilfsvereins der deutschen Juden, Ball in, Generaldirektor der HamLurg-Amerika- Linie, Exzellenz Ehrlich, Geheimrat Landau, Geheimrat v. Wassermann, Professor Marburg, Vorsitzender des Aktions-Komitees der zionistischen Organisation, Justizrat Dr. Bodenheimer, Vorsitzender des Jüdischen Nationalfonds. Vor kurzem wurde nun eine Vereinbarung getroffen zwischen dieser Gesellschaft, dem Jewish Health Office (Stiftung des amerikanisch-jüdischen Philantrophen Nathan Straus) und der Gesellschaft jüd. Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina. Die genannten Gesellschaften begründen unter dem Namen „In ternationalesGesundheitsamt in Jerusalem" ein gemeinsames Institut. Dieses wird durch ein Kuratorium, das aus je einem Delegierten (bezw. dessen Stellvertreter) der beteiligten Gesellschaften besteht, verwaltet. Das Internationale Gesundheitsamt arbeitet in der Weise, daß für besondere Zwecke einzelne Abteilungen eingerichtet werden, und' zwar zunächst: 1. Abteilung für Malaria. Leiter: Professor Dr. M ü h l e n s. Unterhalten von der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem. 2. Hygienische Abteilung. Leiter: Dr. Brünn. Unterhalten vom Jewish Health Office. 3. Serologische und Wutschntzabteilung. Leiter: Dr. B e h a ni. Unterhatten von der Gesellschaft jüd. .Aerzte usw. 4. Bakteriologische Abteilung. Leiter: Dr. G o l d b e r g. Unterhalten vom Jewish Health Office. Ferner werden Unterabteilungen für eine ara-, bische Fürsorgestelle in der inneren Stadt und eine Station zur Bekämpfung der Angenkrankheiten eingerichtet. Die Oberleitung sämtlicher Abteilungen lisgtz in den Händen eines Direktors, der aus die Dauer von zwei Jahren vom Kuratorium ans der Mitte der Abteilungsleiter gewählt wird. Die Wiederwahl ist zulässig. Zum ersten Direktor wird Professor Dr. M ü h l e n s gewählt. Vom Dezember 1913 ab sollen alle Wteilungen in einem gemeinsamen Hause untergebracht werden, lieber die Ausnahme neuer Gesellschaften oder Organisationen entscheidet das Kuratorium. Beiträge, die denr Internationalen Gesundheitsamt gewährt werden, werden zu gleichen Teilen den bestehenden Abteilungen zugewandt. Aus der zionistische« Beweg«««. Berlin. Der Schekeltermin ist hinausgeschoben worden! Das Aktionskomitee wird die Mandate aller Wahlkreise anerkennen, für welche die entsprechende Zahl von Schekeln nnd die Wahlprotokolle bis zum 29. August, dem Tage des Zusammentritts des Legitimationsausschusses, beim Zion. Centralbüro, Wien I, Giselastr. 12, eingegangen ist. London. DerOst-Londoner zionistische SS«* ein hat für den Zionistenkongrest unter seinen drei Delegierten Chiefrabbi Dr. Hertz gewählt. Dr. H. zeigte sich in Südafrika stets als warmer Zionist; — als Chiefrabbiner Englands muß er aber schweigen, und deshalb ist es sicher, daß er das Mandat nicht annimint. Aus der Lehrerwett. Breslau. Zum Kapitel „Unsere Vorsteher", liefert nachstehende Notiz der hiesigen ,Jüd. Bolksztg." eine Illustration. Die Zeitung schreibt: „Die Rabbiner- Frage ist noch immer nicht gelöst. Der Vorstand hat jetzt der Knltnskommission I mitgeteilt, daß er nicht in der Lage ist, dem Anträge der Kommission auf Berufung des Herrn Dr. H a m b n r g e r zu einer Probepredigt stattzugeben, da derselbe sich geweigert habe, die Kinder zum Jugendgottcsdienste in die neue L-ynagoge zu führen uud dort zu beaufsichtigen bezw. während des Gottesdienstes dort zu verweilen. Danach ist diese Kandidatur erledigt. Ein anderer Kandidat, der bereits Probepredigt gehalten hat und prinzipiell denselben Standpunkt einnimmt, hat sich dazu bereit erklärt, nachdem ihm privatim erklärt worden war, daß der Vorstand dmnit umgehe, für jede Synagoge besonderen Jugendgottesdienst einzuführen, wonach der Gewissenszwang nicht mehr in Betracht käme. Der Vorstand wolle sich nur nicht von außen drängen lassen, er wolle selbst zu diesem Entschlüsse gelangen." „Der iBorstand wolle sich nur nicht von außen drängen lassen"; — ist das nicht köstlich? Stratzburg. Hier verschieb im 72. Lebensjahre d« Lehrer a. D. I o s u e Wiener, früher in Pfalzburg, Vater des Rabbiners Dr. Wiener-Antwerpen., Karlsbad. Rabb. Dr. Ignaz Ziegler begeht am 16. August sein 25jähriges Ämtsjubilänm. Köln. Die Jahresversammlung des Rhein. Rabbtnerverbandes faßte folgende Resolution: „Der Rheinische Rabbinerverband ist in Anbettacht der gegenwärtigen politischen und religiösen Verhältnisse für die Erhaltung und den möglichst weitgehenden Ausbau der jüdischen Volksschulen in großen, mittleren und kleinen Gemeinden. Wir erblicken in der jüdischen Volksschule, sofern sie den inneren Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinde wahrt, die geeignete Pslegestättefür die sittlich-religiöse Erziehung der jüdische« Jugend." Helüeabergeu. L. Wertheimer, Vorsitzender des Vereins israelit. Lehrer im Großherzogtum Hessen, begeht am 20. August sein SOjähriges Ämtsjubilänm. Budapest. In Tuzla wurde Dr. EliaS Grün» wald und in Ung.-Brod Dr. Rüruberger»J>^ mintz zum Rabbiner gewählt. — Unter dem Titel ,,'Iesiva" gibt Josef Sofer- Tornalja eine ungarische Monatsschrift für die Interessen der Jeschiba-Hörer heraus. — . In Berbö wird Ende August die neu erbaute sechsklassige jüdische Bürgerschule, eine Gründung des unermüdlich tättgen Oberrabbiners Samuel Reich, eingeweiht. 48

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