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Neue jüdische Presse · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Aus der Lehrerwelt. Berlin. Während des Studienjahres 1811/12 haben -11 Hörer das Rabbiner-Seminar besucht. Außerdem haben noch einige frühere Hörer im vorliegenden Berichtsjahre ihre Examina fortgesetzt bezw. abgeschlossen. Die R ab bin a t s-An t o r i sa ti o n wurde in diesem Jahre nach Absolvierung der Prüfungen erteilt den Kandidaten: M. de Hond aus Amsterdam, Dr. D. Braunf ch w e i g c r aus Würzburg, Dr. S. G a l l i n e r aus Zinthen (Ostpreußen), Dr. Bruno Silberberg aus Breslau, Dr. Tally D a i ch c s aus Sunderland (England), Dr. H. Wiesel aus Tereselpatak (Ungarn). Berlin! Die Pensions-Witwen- und Watsenkasse des Verbandes der jüdischen Lehrerve re ine versendet ihren 12. Jahresbericht. Das Jahr stand unter dem Zeichen der Einführung der Reichsversicherungsordnung für Privatangestellte. Da.dieses Gesetz naturgemäß eine Umgestaltung der Kasse nach sich ziehen mußte, fanden Neuaufnahmen nicht statt. Das Vermögen der Kasse beträgt 232 900 AL; an Pensionen wurden ausgczahlt an zwei Witwen je 300 an 4 Mitglieder je 600 AL Leivrlg. Rabb. Dr. N. Porges feierte am 1. Aug sein 20 jähriges Jubiläum als Rabbiner der hiesigen Gemeinde. Da er sich jede öffentliche Feier verbeten hatte, mußte cs die Gemeinde mit Adresse und Ehrengabe genügen lassen. Essen. Auf Betreiben der den bet.effenden Ausschüssen angchörcnden Lehrer hat hier am letzten Sonntag eine gemeinsame Sitzung der Ausschüsse der Provinzialgemcindeverbände von Rheinland und W e st f a l e n getagt, die sich fast ausschließlich mit der Frage der jüdischen Volksschule beschäftigte. Beantragt war, cs mögen die Ausschüsse der Provinzialvcrbände beschließen, bei dem Deutsch-Israelitischen Gemeindcbunde den Antrag zu stellen, daß die Frage der jüdischen Volksschule auf die T a g e s o r d n u n g des nächsten Gemeinde tag es gesetzt werden möge. Wien. Zu dem demnäch'rigen 20 jährigen Bestehe» der Israelit.-Th eo lo g. Lehranstalt macht die „Neue National-Ztg." einige interessante Bemerkungen. Danach hat die Anstalt in den zwei Jahrzehnten ihres Bestehens nur eine größere Spende erhalten (20000 Kr. von Theodor Ritter von Tanssigi. Die jüdische Plntokratie Oesterreichs verwendet ihr Goto lieber für den Ankauf von Adelsprädikatcu und. Titeln. Selbst der sehr reiche Präsident der Wiener Kultusgcmeinde, (Dr. Alfred Stern, hat — bezeichnenderweise — noch nie einen Kreuzer sür die Jüd.-Theolog. Lehranstalt übrig gehabt. Aber nicht nur materiell, sondern auch wissenschastlich stellt das Rabbinerseminar der österreichischen Judenheit ein sehr bescheidenes Pflänzchen dar. Was Wunder auch, — das Fach für Religionsphilosophie hatte der jüngst verstorbene bedeutende Orientalist Prof. David Heinrich Müller, der von Religionsphilosophie nichts verstand mH seine Kinder so jüdisch erzog, daß sie sich taufen ließen. Aus de» Vereinen. A«S Bade«, 4. August. DaS Friedrich 8h eim, Asyl für is r. Sieche und arme Greise in G aifingen (Baden) versendet seinen Bericht pro 1912, der jüdische Wohltätigkeit im schönsten Lichte dartut. Die Zahl der Pflegebefohlenen beträgt 44, von denen nur 3 außerbadische sind. Der Voranschlag pro 1913 beläust sich aus etwa 30 000 AL, ein Beweis für die große Arbeit, die da geleistet wird. Am 14. Zlpril 1912 feierte die Insassin des Asyls Esther Guggeuheim aus Altdorf ihren 100. Geburtstag. Der Rechenschaftsbericht führt 17,200 AL an Grundstocksgaben auf im Berichtsjahre, An Mitgliederbeiträgen und Spenden gingen weiter 23 000 AL ein, als VcrpflegungS- und Bcrpfründungsbeiträge wurden 17 000 AL vereinnahmt. Das Gcsamtvermögen wird mit 265 000 AL bezeichnet. Die ganze Arbeit, die hier geleistet wurde, ist ein Kiddusch haschem. Hohensalza. Dem 2. Jahresbericht des Erna Levy- Heims Solbad H o h c n s a l z a entnehmen wir folgendes: Das Berliner Komitee sür Ferienkolonien jüdischer Kinder mußte ungünstiger finanzieller Verhältnisse wegen die Zahl der zu sendenden Kinder erheblich herabsetzen. Infolgedessen stiftete 'Assessor Dr. Levy 16 Freistellen sür den Monat Juni und andere Vereine und Korporationen traten an die Stelle des Berliner Komitees. Im ganzen wurden während der Monate Juni, Juli und August 78 Kinder verpflegt. Anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages seiner Tochter machte Stadtältester Dr. Weigert-Berlin dtm Frauenvcrein eine Schenkung von 5000 AL., deren Zinsen zum weiteren 'Ausbau des Erna Levy-Heims zu verwenden sind. Von mehreren Vorschlägen, die das Komitee dem Stifter auf dessen Wunsch unterbreitete, erklärte dieser den eines Kinderhortes sür am meisten seine» Intentionen entsprechend, und so wurde denn ein solcher Hort Anfang November mit 14 Kindern eröffnet, deren Zahl inzwischen auf 19 gestiegen ist. Mer««. Das Genesungsheim des Vereins „Asyl für mittellose kranke Israeliten, Meran" wird mir 1. Oktober 1913 für die Herbstsaison wieder eröffnet. Mittellose israelitische Bewerber wollen sich baldigst brieflich wegen der ausführlichen Ausnahmsbedingungen an die Kanzlei des Vereines (Äldresse: „Asyl sür mittellose kranke Israeliten, Meran") wenden. ErzalitmiM ans &\M und Mmuif. Von M. Pulvermann. Jerusalems letzter Tag. Vom frühestcu Morgen bis zur sinkenden Nacht dröhnten die römischen Aexte und Sturmböcke gegen Zions herrliche Mauern; vom frühesten Morgen bis zur sinkenden Nacht sielen die römischen Pfeile und Wurfgeschosse wie Hagelschauer auf Menschen und Tiere in Jerusalem nieder. Und Israels Kriegsruf erhob sich wie die Stimme des Donners, der Felsen spaltet. Es stürmten die feindlichen Legionen heran wie der Tiger, der Beute wittert und nach Blut lechzt; immer wieder von Judas Männern zurückgeworfen, immer wieder aber zurückkehrend, um alles niederzuschlagen, um alles hinzumetzeln, was zu Judas Gott sich bekannte, sodaß innerhalb der Stadt ein Hügel von erschlagenen Menschen und Waffen sich auftürmte. Der Abend brach herein, aber der Kampf dauerte fort; bei des Zwielichts dunkeln Schatten, wo kaum noch Mensch von Mensch zu unterscheiden war, schlug immer noch Klinge an Klinge, blitzende Funken aus dem harten Eisen sprühend, immer mehr Mcnschenblut vergießend. Oft und oft wurde der Feind zurückgeschlagen. Aber der römische Adler führte immer neue Scharen herbei, bis sie von der hellklingenden Posaune ins Lager zurückgerufen wurden, von Zions Jubel- und Siegeslied begleitet. Wieder hatte der Feind es erfahren, wie mächtig Judas Arm noch immer war, wie tief sein Schwert einzudringen vermochte, * Es war finstere Nacht, das Geräusch der Erde war verstummt, nur das' leise Plätschern der Springbrunnen vor der königlichen Burg, das Rauschen der Palmen und das Locken der Nachtigallen in den dichten Myrtenzweigen waren vernehmbar. Mild und köstlich war die Luft, und stiller Frieden lagerte über der ganzen Umgebung. Die Strahlen des Mondes versilberten Zelte und Lager, gossen ihr sanftes Licht über Tal und Hügel und krönten mit ihrem Glanz die Zinnen des heiligen Tempels. Das Rasseln und Klirren der schweren Riegel und Sperrketten hatte aufgehört, kein schwerer Fußtritt auf den Mauern war mehr zu hören, kein Marschieren der Kohorten, kein Wiehern der Rosse; nichts gab Kunde, daß noch Leben ans Erden vorhanden war. Selbst die weißen Zelte sahen, wie vom, Frost: erstarrte Meereswellen aus. Alles ruhte. in feierlicher Stille, von dem Willen des Allmächtigen verstummt und gebannt. Sogar Wunden, am Tage empfangen, verloren ihren peinigenden Schmerz, Augen, am Tage von Tränen übervoll, waren, jetzt getrdcknü"im wohltätigen Schlummer, und der erbarmungsvolle. Schlaf hätte manches gequälte Herz wenigstens für küiHe Zeit beschwichtigt. Da, plötzlich erdröhnte ein mächtiges Krachen, als sollten Felsen gesprengt, Bäume entwurzelt und Mauern gestürzt werden! Grelle, augenblendende Blitze zuckten ans und nieder, Feuergarben fielen zur Erde nieder, als sollte Welt und Natur in Flammen ausgehen! Aus den Himmelspforten stürmten die Engelsscharen zur ■ Erde nieder, laut wehklagend, aus dem Innern des heiligen Tempels drangen Töne süßer Lobgesänge, zugleich aber auch Jammer und Seufzer der Trauer, als wenn Hoffnung und Hilfe weltfern, unerreichbar wären. Es war rin Stimmengewirr höchster Seelenqual, das aber bald in schwaches und leises Wimmern überging, wie schwache Pulsschläge, ehe das Herz zu schlagen aufhört. „Scheiden! Scheiden! Wir müssen scheiden!" ertönte es jetzt mit einer Stimme, die aus tausend Schmerzen zusammengesetzt zu sein schien, — und kaum waren die Worte verhallt, als ein wunderbarer, unaussprechlicher Glanz den Tempel umhüllte, während die Himmclsboten zum Berge Morija hinaufschwcbten und in den Wolken verschwanden. Noch einmal wurde alles vom Karmel bis zum Hermon mit dem himmlischen Glanz übergossen; noch einmal erklang der Wehlaut: „Scheiden! Scheiden! Wir müssen scheiden!" — dann herrschte »nieder Totenstille, und tiefe, undurchdringliche Finsternis bedeckte wieder die Erde. Woher aber kamen dieser plötzliche elementare Aufruhr, der himmlische Lichtstrahl, der erschütternde Klagelaut? Keiner weiß es, keiner vermag es zu fassen. Denn nicht vermag der Sterbliche zu ergründen, was der Herr verbergen will. Nur seine Zeichen und Wunder läßt er uns schauen, und beugen sollen wir uns vor seiner Allmacht. * Auch die Römer waren durch den blendenden Strahl erwacht und stürmten nun wieder mit frischer Kraft gegen Jerusalems Mauern. Und Judas Streiter fallen, aber sie beugen sich nicht. Ein Gemetzel entsteht ringsherum; es stirbt der Bräutigam an der Seite der Braut, es fällt der Fürst neben dem Ackersmann, es verbluten die Kinder ncken den Leichen der Bäter. Das Blut fließt in Strömen, es erstarrt zu Klumpen, es flammt auf die verderbenbringende Fackel, und Judas letzte Stundehat geschlagen. Doch, nein! Schwert und Dolch blitzen im nächtlichen Dunkel! Blut wird gefordert für Blut, Leben für Leben! Es gill, das Allerheiligste zu verteidigen und zu schützen! Mit der einen Hand umllammert der Priester den heiligen Vorhang, während er mit der andern den Wurfspieß schleudert; der Levite, gewöhnt nur Schalmei und Saitenspiel zu handhaben, seine Muskeln spannen sich, um den heidnischen Räuber zu erwürgen, um das feindliche Banner in sein eigenes Blut zu tauchen. So kämpft Heldenmut gegen Mvrdgier, so stirbt ein Volk, um sein Ideal zu verteidigen. Wer in jener Nacht von Juda gefallen, keiner kann es sagen; nur dann wird es offenbar werden. wenn einst die Gräber ihre Toten wiedergeben. Bisidahin aber bleibt Judas Stolz gebeugt, und Schmerz und Leid und Knechtung und Zurücksetzung sind sein Anteil. * „Scheiden! Scheiden! Wir müssen scheiden!" Ach, Wort voller Leid und Trauer! Es ist die Wehklage, die bereits mehr als achtzehnhundert Jahre in unser Ohr gellt;! Aber auch süße Hoffnung und heilenden Balsam enthält dieses Wort. Es ist nur ein Scheiden, aber keine Trennung sür die Ewigkeit! Israels Söhne Men fort und rüsten sich schon zu neuen Ruhmestaten! Wiederkehren werden wir, o Zion, wieder einziehen in deine Mauern, o Jerusalem! Auferstetzen wirst du zu deinem alten Ruhme, erstrahlen wirst du in neuem Glanz, um wieder durch Recht und Wahrheit die Menschen zu beglücken, um durch das Gotteswort den Bölkerftieden auf Erden zu begründen und. zu befestigen! Der S. Aw. Wehdurchflossine alte Klänge Steigen heute auf zur Höh; Uralt sind die Klagesänge, Und sie singen nur von Weh. Langgezogen, siefergreifend Ringt es sich ans wundem Herz, Hin durch trübe Hallen schweifend Zittert eines Volkes Schmerz. Unsre Bäter sind getötet. Unser Tempel steht nicht mehr, , Zions Burgen sind verödet. Und geraubt ist unsre Wehr! Unsre Bäter sind gefangen, tortgeführt nach Babylon» ern an Babels Wassern sangen Sie den heimaiswehen .Ton! Unsre neuerstandnen Hallen Hat zerstört ein neuer Feind; Unsre Jugend ist gefallen! — So die alte Klage weint. Und aus neuer Heimat Frieden Wurden sie gehetzt, gejagt. Weinend sind sie fortgeschieden, — 'So die alte Klage klagt. Und es stieg in schwarzer Wolke Feuer, das noch nie erschaut; Und es stöhnt von einem Volke Nie gehörter Jammerlaut. * Trockne, Herr, die tränenfeuchten Augen, richte sie empor Die jahrhnndertlang Gebeugten, Leih' dem Klageruf dein Ohr! Baue deinen Tempel wieder Und die Stadt Jerusalem. — Also fnteen wir vor dir nieder Weinend der Gestorbenen. ItK.

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