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Neue jüdische Presse · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es istj viel in der letzten Zeit — auch in dieser Zeitschrift — über die Falaschas geschrieben worden. Wir haben von Europäern vieles über ihre Leiden und Hoffnungen vernommen; besonders von ihrer starken Anhänglichkeit an ihren altchrwürdigen Traditionen — die den unseren mehr oder weniger gleich sind — ist! uns viel berichtet worden. Bon den Falaschas selbst. Von ihren Gefühlen und ihren Geistesrichtnngen haben wir bis jetzt nur wenige authentische Dokumente zu Gesicht bekommen. Dem ist nun durch ein neues Merkchen von dem Mannten Falascha-Forscher*) abgeholfen. Es ist dies eine Sammlung von einigen Briefen in amharischer Sprache, die an Dr. Faitlovitch während seines zweiten Aufenthaltes in Abessinien, nach Amba Gualit (Dembea) von einer Reihe angesehener Führer Vvn Falascha- Gemeinden, von sog. KohaniM (Priester) bezw. Dabtaras (Gelehrte) gerichtet wurden. Dem amharischen Urtexte sind eine deutsche! Uebersetzung und einige erläuternde Bemerkungen zugesügt. In dem kurzen Borwort wird die Geschichte der Reise zu den Falaschas und der bedauerlichen Streitigkeiten mit der Pariser „Alliance", die seinerzeit viel Aufsehen hervorriefen, in sehr sachlicher Weise auseinandergesetzt. Da die Briefe einen stark persönlichen Charakter tragen, entschied sich Dr. Faitlovitch sehr ungern zu deren Veröffentlichung. Er gab nur den dringenden Bitten seiner Fröunde nach, die hofften, durch Veröffentlichung dieser authentischen Dokumente die „Alliance" doch bewögen zu können, ihren Standpunkt zu ändern. Alle Freunde der Falaschasache werden dem energischen Falascha-Forscher für diese Schrift erkenntlich sein. In diesen Briefen, aus denen eine heiße Sehnsucht nach den Feldern der Urheimat glüht, und in denen die ganze Not der treuen Falaschas sich Luft Macht, findet Man die beste Widerlegung der Zweifler und Nörgler an düM edlen Rettungswerk, das hochherzige Juden unternommen haben, ungeachtet der Gleichgültigkeit derjenigen Institutionen, die doch als erste hier hätten eingreifen müssen. Der tiefe Ernst, der feste Glauben und die ungebrochene Zuversicht auf die Hilft ihrejr in der ganzen Welt versprengten Brüder, der „Bene Israel", sind rührend. Unsere Zweifler, die über die „Jüdischkeit" der „schwarzen Juden" spötteln, mögen sich doch mal entschließen und diese Ergießungen der Falaschas ihrem Retter gegenüber lesen, und sie werden anderer Meinung sein. Die orientalische Ausdrucksweise, die Manchmal unbeholfen ist, der Geist, der aus diesen Blättern weht, ist Geist von unserem.Geiste. Wären siö in hebräischer Sprache abgefaßt und wüßten wir .ihren Ursprung nicht, wir würden glauben, Verse aus den Psalmen Davids oder Verzweiflungsrufe unserer alten Propheten zu lesen. So jüdisch — ja hebräisch — ist der Sprachausdruck, so biblisch sind die Metaphern. Hier einige Beispiele. Abba Gödewon und Abba Kende, zwei religiöse Oberhäupter der Falascha-Gemeinden, aus der Provinz Semen, schreiben: „ . . Möge Gott Dir die Gerechtigkeit des Himmels und den irdischen Ruhm gewähren. Du bist gekommen, uns zu besuchen, uns, die Elenden und Schwachen. Möge Gott Dir Gnade *) Dr. Jacques Faitlovitsch, Falascha-Briese. Berlin, 1913. Verlag von M. Poppelauer. verleihen vor dem Negus Menilök. Möge der Herr Abrahams, der Herr Jsaacs, der Herr Jacobs, unser Herr Dich schützen. Wir wünschen lebhaft, Dich zu sehen; Du bist für uns, was das Brot ist für unseren Hunger und das Wasser für unseren Durst. Dein Angesicht zu sehen ist für uns so ersehnt wie das Wort, das uns Moses gebracht hat vom Berge Sinai. . . . Frieden, Frieden, o Jakob, Sohn von Müsse. Wir, Abba Gedewon und Abba Kende, hängen an der Lehre Gottes. Wir sind weniger zahlreich als alle anderen Völker. Wir haben keine Güter und keine väterlichen Besitztümer. Wir find in Abessinien zerstreut und glauben an Gott. Daß Gottes Hilfe bei Dir sei und der Segen der Israeliten auf Dir ruhe. Möge der Segen der vörehrungswürdigen Israeliten Jerusalems und der Segen von uns Schwachen, die wir in Abessinien unter den anderen Völkern zerstreut sind, auf Dir ruhen. Zürne uns nicht; sei uns nicht böse; entferne Dich nicht von uns; wir sind arm, verzweifelt und haben Dir vieles An erzählen." Aus dem Briefe der Notabeln von Balassa und B a g a l a (Amhara): „ . . . Wir sind elend, bedeckt mit Schmach und Schande; die (Nachbar-) Völker verschlingen uns und unsere Spuren verlieren sich. Wir kennen Dich nicht von Ansehen, aber wir haben vernommen, daß Au gekommen bist, uns zu sehen und zu erftagen (wie es uns geht). Gott lasse Dich das begonnene Werk vollenden, von dem wir Nachricht erhalten haben. Das wird Dir Ehre einbringen und uns Ruhe verschaffen. Wir sind nicht erst heute widerspenstig; die Widerspenstigkeit Israels nahm ihren Anfang, als Moses es aus Egypten führte, es durch das rote Meer führte und ihm als sein Leiter das Manna zu essen gab. Schon damals sprachen sie: ,,Laßt uns Moses töten und. in die Sklaverei zurückkehren." Sage jetzt nicht, die Umgebung von Dambeya ist schlecht, man hat Mir von Schlechtigkeit gesprochen; ich habe Schlechtigkeit gesehen; vörnachlässige uns nicht, denn Israel ist Dein Bruder. Gott gebe Dir Ansehen." Zum Schluß sei mir noch erlaubt, einige Sätze aus dem Briefe des Dabtara Eraday, eines gelehrtenFalascha-Greises aus Malata in Semen, wiederzugeben, welcher Brief ein glänzendes Zeugnis von Gottvertrauen und inbrünstiger Treue zum Judentum ablegt: „ . . . Möge Gott Dir Achtung schenken beim Negus Menilek und Dich in Frieden in Dein Land znrückkehren lassen. O Du Hochgeehrter, Held Israels! „O Gott, nnsero Ohren haben gehört, unsere Väter haben uns erzählt das Werk, das Du vollbracht zu ihren Tagen, in alter Zeit; mit Deinen eigenen Händen hast Du Nationen ausgetrieben und sie (unsere Väter) eingepflanzt." David sagt in seinen Psalmen, daß Gott die Heiden entwurzelt und Israel eingepflanzt hat, und auch Du hast uns gesagt, daß es noch viele Israeliten gibt, und daß die Religion Israels noch unerschüttert auf Erden standhält. Ich bin immer der Hoffnung gewesen, daß Gott, mein Schöpfer, mich die Rückkehr der Israeliten (in ihr Land) sehen lassen würde. Jetzt, da ich alt bin und dä meine Kräfte schwach sind, fürchte ich zu sterben, ohne die Hoffnung Israels erfüllt zu sehen. . ." Wer wird noch nach der Lektüre solcher Bekenntnisse irgend welche Zweifel über den Charakter dieses eigenartigen Stammes haben können? St. 81 Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Wie Juden von Inden entrechtet werden t Bei all' unserer Zersplitterung hat uns deutsche Juden stets eines geeinigt: der Kampf um unser Recht. Diese Einigkeit ist jetzt in Gefahr! Nicht, als ob uns nicht mehr das Streben, unser Recht zir erkämpfen, gemeinsam wäre. Reich — ein anderes hat zerstörend eingegriffen: ein Teil von uns hat sich jeU dieses Recht verwirkt! Denn wie kann einer für das Recht kämpfen, wenn er selber ein Rechtsräubör ist, wenn ihm Macht vor Recht geht! Die Plutokratie verschiedener jüdischör Großgemeinden hat sich das zweifelhafte Verdienst erworben, den gemeinsamen Kampf der deutschen Judenheit um ihr Recht unmöglich gemach zu haben. In einigen rheinischen Großgemeinden fing's an, und jetzt wird von Chemnitz in Sachsen die Fortsetzung gemeldet. Von dort wird nämlich berichtet, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde eine Statutenänderung angenommen hat und durchzubringen sucht, nach der nur diejenigen ausländischen Mitglieder ihr Wahlrecht behalten, die Zeh'n Jahre in Chemnitz wohnen und für diese"Zeit mindestens 25 Mark jährliche Steuer entrichtet haben, deren Einkommen also mindestens 4000 Mark beträgt. Durch diesen neuen Modus würden nur etwa 20 bis 25 Leute wählen können, während» vorher etwa 200 Ausländer ihr Wahlrecht ausübten. Man muß sich ftagen, was achtbare Männer, die sich dazu rühmen, liberal zu henken, zu einem solchen ungeheuerlichen Rechtsraub veranlaßt haben kann. Was kann es anders fein, als daß sie sich in ihrer bisherigen Domäne bedroht sehen, als daß ihre Macht schwankend' geworden ist und sie nun, um sich ihre Macht An erhalten, zu jedem Mittel greifen? Es hat längst so kommen müssen. Die deutschen Mitglieder unserer Großgemeinden schwinden dahin. Was nicht infolge Taufen und Mischehen verloren gegangen ist, ^findet sich zum großen Teil in einem Zustande jüdischer Unwissenheit und Gleichgültigkeit. Erfreuen sich doch selbst die meisten Glieder der Gemeindeleitnngen einer rührenden Unwissenheit in allem, was das Judentum betrifft. In diese große Leere flutet nur der Strom, der vom Osten kommt, und der jüdischen schockt mit sich bringt. Und gegen dieses östliche Element, das allein den Bestand der deutschen Judenheit firr die Zukunft verbürgt, will man sich wehren, statt zur Selbstbesinnung zu kommen! Die kurzsichtige Methode der Machthaber aller Zeiten! Der Ehrenschild der deMschen Judenheit soll besudelt werden! Wird das nicht Wasser aus die Mühle der Antisemiten bringen? Die antisemitische Presse wird sich gar .bald den neuen Stoff fibc ihre Spalten zunutze machen. In ihrem Kämpft gegen die Besetzung von Aemtorn durch Juden haben ihnen dann die Juden selbst Waffen in die Hand» geliefert, denn die Antisemiten werden dann darauf Hinweisen können, daß die Juden dort, wo sie die Macht haben, gleichfalls ihren Besitz rein zu halten wissen. Doch für uns deutsche Juden ist die Frage vor allen Dingen eine Frage des Rechts, im&i deshalb müssen alle Rechtdenkenden unter uns gegen diesen Rechtsraub Front machen. Ganz bs-

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