Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gette 4. Frankfurter ZsraeWsches AmrWvrMüt. SK. 29. besondere der Erziehung zur Arbeitstüchtigkeit von zahlreichen Kindern armer Glaubensgenossen dienen soll. Architekt ist wiederum Heinrich T e s s e n o w - Hellerau der auch die übrigen großen Bauten der Stiftung entworfen hat. Zum Bau dieses Kinderhorts stifteten die Eheleute Joseph und Teresa Berliner 50000 JL Die Gesamtausgabe der Simonschen Stiftung im abgelaufenen Geschäftsjahr hat Jk 252 201.07 betragen, ein Anzeichen dafür, wie stark die Bedürfnisse sind, denen zu dienen die Stiftung bestimmt ist. Oesterreich-llugar». Wie«. Die „Neue National-Ztg." schreibt über das Resultat der Landtagswahlen in Galizien daß dieses nicht nur ungünstig, sondern auch beschämend für die Juden sei. „Jn den zwei größten Städten, Lemberg und Krakau, wo die Juden 28 bezw. 22«/o der Einwohner zählen, haben sic von 6 bezw. 4 Mandaten kein einziges erhalten In Lemberg ist Dr. Nathan v. Löwcnstein durchgefallen; in Krakau ist Dr. Ignaz Landau nicht mehr kandidiert worden. Das Beschämende daran ist, daß die Hauptschuld an dem Verluste dieser beiden Mandate die Juden selbst trifft. In Lemberg wäre jeder jüdische Kandidat durchgedrungen, nur nicht Dr. Löwenstein. Seine christlichen Gegner waren bereit, jeden anderen Juden zu akzeptieren . . . Der Führer der allerkorruptesten Moszko-Politik ist mit ihm v gefallen . . . Daß Löwenstein schließlich von einigen Dutzend Leuten in der Lemberger Handelskammer an Stelle des bisherigen Abgeordneten Kolischer gewählt wurde, ändert an der Sachlage gar nichts... In Krakau haben die beiden jüdischen Cliquen es vorgezogen, lieber auf das jüdische Mandat zu verzichten, als sich aus einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen. Das Resultat der galizischen Landtagswahlen war vom jüdischen Gesichtspunkte aus auch sonst sehr ungünstig. Die reaktionären Parteien haben zahlreiche Mandate erobert; auf Kosten der judenfreundlichen, fortschrittlichen Bauern-Partei Stapinskis hat der neugeschaffene chrrstlichsoziale Bauernbund in Westgalizien 10 Mandate erobert. Das führende Blatt der polnischen National-Demokraten ist in seiner antisemitischen Hetze so weit gegangen, daß es den Juden mit einer großen Boykott-Bewegung, wie sie sich in Russisch-Polen zur Schande der polnischen Nation breit macht, gedroht hat. Alles in allem ist das Resultat folgendes: Die Feinde der jüdischen Bevölkerung sind aus der Wahl gestärkt hervorgegangen. Die Juden dagegen haben eine Einbuße an Mandaten unw politischem Ansehen erlitten. Sie haben bewiesen, daß sie keine Solidarität, keine Organisation und keine führenden Männer besitzen. Die wirtschaftliche Deroute, unter der jetzt die galizische Judenschast so schwer leidet, geht mit der politischen Deroute Hand in Hand." Frankreich. Paris. Theodor Reinach, Mitglied des „Institut de France" und Deputierter für Savoyen, einer der Vizepräsidenten des -Metiwärtig in Paris tagenden „Kongresses für religiösen Fortschritt, lenkte in der Sitzung vom 10. Juli die Aufmerksamkeit der Versammlung auf den mitten im 20. Jahrhundert unternommenen Versuch, eine das Judentum schwer schädigende Verleumdung, die Anschuldigung des Ritualmords, zu erneuern. „Nicht eine einzige Zeile in den religiösen jüdischen Schriften," führte er aus, „nicht eine einzige wissenschaftlich begründete Tatsache gibt den geringsten Anhalt für diese verabscheuungswürdigö Legende, die früher ebenso ungerechtfertigter Weise dazu gedient hat, die ersten Christen zu verleumden und sie zu Tode zu martern. In der Affäre Beilis, die zur Zeit die ganze Welt in Spannung hält, haben die größten medizinischen Autoritäten verschiedener Länder die Schlußfolgerungen der Untersuchung der russischen Sachverständigen formell widerlegt, und die höchsten Autoritäten auf dem Gebiete der Sittenlehrc, darunter ein englischer Kardinal, haben bei dieser Gelegenheit wiederum entrüsteten Einspruch erhoben." Reinach sagte zum Schluß, er sei sicher, der Interpret aller Anwesenden zu sein, wenn er ^>uch ihren Protest zum Ausdruck bringe. Diesen Worten wurde einmütig lebhafter Beifall gespendet. Rntzlaud. Warschau. In Mjechow (Kjelzer Gouv.) wurde des Nachts das Hans des Holzhändlers Chajim Lewkowitsch angezündet. Bier der Kinder wurden von den Eltern gerettet, bei der Rettung des letzten Kindes kamen sie und das Kind in den Flammen um. Schweiz. Lasel. Die anttsemiüsche Bewegung an den deutschen Hochschulen, die gegen die jüdischen Studierenden aus Rußland gerichtet ist, nimmt auch in der Schweiz greifbare Formen an. Am schwarzen Brett der Alma mater Basiliensis ist jetzt folgender Anschlag zu lesen: „Denjenigen Herren Studierenden der Medizin, welche hier promovieren wollen, ohne das schweizerische Staatsexamen gemacht zu haben, wird hiermit angezeigt, daß vom 1. Januar 1914 an die P r o m o t i o n s - anforderungen wesentlich höher sein werden als bisher und zwar sowohl die Zülassungsbedingungen zur Promotion afe das Examen selbst. Diejenige» Herren, welche gegenwärtig schon zwei oder ntehr Semester in Basel immatrikuliert sind, können bis Ende 1914 das Examen nach den jetzigen Bestim-- nmngen machen. Im Aufträge der medizinischen Fakultät Basel: Der Dekan." Großbritannien. London. Das jüdische Parlamentsmitglied Sir P h i l i p p S a f s o o n und eine dem Vorstande der Anglo-Jewish Association angehörende Dame, Mrs. B i s ch o f f s h e i m haben der Einladung, des russischen Botschafters zu einem Diner Folge geleistet! Während der Oberrabbiner von England erst vor kurzem auf dem Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels eine heftige Anklagerede gegen die russische Regierung wegen ihrer barbarischen judenfeindlichen Politik gerichtet hat, während die englische Presse tagtäglich über neue grausame Judenverfolgungen im Zarenreiche berichtet und das vereinigte Komitee der jüdischen Gemeinde- und Wohltätigkeitsverbände wegen der Zurücksetzung englischer Juden in Rußland wiederholt bei der Regierung vorstellig geworden ist, scheuten sich diese gesellschaftlich, hochgestellten Vertreter des Judentums nicht, als Gäste des russischen Botschafters an seiner Tafel zu speisen! Der „Jewish Chronicle" und andere englisch-jüdische Zeitungen wenden sich in schärfster Weise gegen die empörende Takt- und Würdelosigkeit. Türkei. Saloniki Da es nunmehr feststeht, daß Saloniki griechisch bleibt, und weite Kreise der hiesigen jüdischen Bewohnerschaft zu den neuen Herren der Stadt kein Vertrauen fassen können, haben zahlreiche jüdische Familien, namentlich aus dem Kaufmannsstande, beschlossen, nach Konstäntinopel, Smyrna, Kleinasien und Palästina auszuwandern. Ueber 200 jüdische Familien haben sich, bereits nach Konstäntinopel begeben. Der Auszug so vieler wohlhabender Bewohner bedeutet eine schwere Schädigung für das Wirtschaftsleben der Stadt. Palästina. Jaffa. Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Sitz: Berlin) richtet hier in Jaffa im Herbst d. I. einen hebräischen Sprachkursus ein. Der Unterricht ist unentgeltlich und wird von den besten hebräischen Lehrkräften Palästinas nach einer bewährten, schnellfördernden Methode erteilt werden. Innerhalb eines Zeitraumes von sieben Monaten (vom 15. September bis zum 15. April) sollen die Teilnehmer des Kursus befähigt werden, die hebräische Sprache in Wort und Schrift vollständig zu beherrschen. Die Kurse sind namentlich für die studierende Jugend berechnet, und man hofft, daß so mancher Studierende der westeuropäischen Hochschulen gern ein Semester opfern wird, um die hebräische Sprache an einem Orte zu erlernen, wo sie zu neuem Leben erwacht ist und von Hunderten als'einzige Umgangssprache gesprochen wird. Amerika. Chicago. Wegen Todschlags stand hier der 20jährige Benni Bernstein vor den Geschworenen und wurde freigesprochen, trotzdem der Staatsanwalt Todesstrafe beantragt hatte. Der Fall ist folgender: B. kam vor 4 Jahren von Rußland herüber. Er verdiente bei schwerer Arbeit 7 bis 8 Dollars die Woche und schickte von diesem Geld noch seinem Vater. Leider wurde er lungenkrank und mußte Besserung in einem Krankenhause suchen. Nach kurzer Zeit wurde er jedoch entlassen, und er fand dann Beschäftigung in der Fleisch-Abteilung der Firma Rothschild u. Co. in Chicago. Hier arbeitete er jieBen einem Menschen, der ein wüster Antisemit war und ihn beschimpfte und mißhandelte. Beschwerde bei seinen Chefs nützte nichts; „er solle sich mit seinem Kollegen vertragen." Ms er eines Tages wieder aufs gemeinste mißhandelt wurde, zog er sein Messer und erstach seinen Peiniger. Philadelphia. „The Iewish Exponent" schreibt über die Vereinigung der orthodoxen jüdischen Gemeinden: Die Jahresversammlung der Vereinigung faßte Resolutionen, die den Eindruck bestätigen, daß die ausgezeichneten Absichten ihres Präsidenten durch die Obstruktion der Intransigenten gestört werden. Wenn es der Vereinigung möglich war, 1500 orthodoxe Gemeinden zusammenzubringen, so ist das eine Rechtfertigung für die bisherige f olitik. Eine Bereinigung von orthodoxen, konservativen räften ist nötig. Es besteht kein Verlangen nach 2 separaten Körperschaften. Der größte Teil des Programmes der Vereinigung ließe sich durch Zusammenschluß mit anderen Körperschaften verwirklichen, und cs wäre daher gut, wenn sic sich mit der United Synagogue verbinden würde und so eine starke Organisation aller derer darstellte, die die Erhaltung des traditionellen und historischen Judentums wünschen. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Im Alter von 62 Jahren verschied Isidor Heymansohn, Vorsitzender des Synagogen-Vereins „Beth-Zion". Heidelberg. Ein schreckliches Familtendrama hat sich hier ereignet: der 70 jährige Rohtabakhändler Meier Gcrnsheimer, seine 64 jährige Frau, seine 43 jährige Tochter und feine 58 jährige Schwägerin haben sich des Nachts durch Oeffnen des Gashahns getötet. Krankheit und Not waren die Ursache der furchtbaren Tat. Gernsheimer war Obmann der Israelit. Gemeindevertretung, von 1900—1912 Stadtverordneter und von 1909—1911 Vorsitzender der nationalliberalen Partei. Brückenau. Mit einem Kostenaufwand von 40000 Mk. hat die hiesige israelitische Kultusgemeinde aus eigenen Mitteln, nachdem ihr die nachgesuchte staatliche Subvention wiederholt versagt worden war, eine neue Synagoge erbaut. - Hagenau. Arthur Hemmerdinger wurde zum Oberbrandmeister und stcllvcrtr. Branbdirektor befördert. Stratzburg. Die Gerichtsassessoren Dr. Oppenheimer und Loeb wurden zu Amtsrichtern ernannt und nach Molsheim bezw. Dicdenhofen versetzt. H'ageuburg (Schaumburg-Lippe). Die hiesige Synagoge hat zu bestehen aufgehört; sie ist in den Besitz eines christlichen Privatmannes übergegaugen und 'wird umgebaut. (L) Filehne. Ein Kind der Ostmark ist der Erfinder der jetzt viel erwähnten sprechenden Uhr in Berlin. Er ist ein geborener Filehner Namens Max Marcus und der jüngste Sohn der hier lebenden Witwe Frau M. Marcus, geborene' Philipp. Die Erfindung und Verwertung schenkt Mutter und Sohn einen sorgenfreien Lebensabend. 1 Krakau (Galizien). Charakteristisch für die Zwangstaufen ist folgendes Inserat in einer hiesigen Zeitung: „Ein junges, intelligentes, getauftes Mädchen, das von ihren Eltern verstoßen wurde, befindet sich ohne jede Subsistenzmittel. Es bittet um irgend eine Arbeit, damit cs nicht Hungers sterbe." Mit Recht fragt ein anderes Blatt, wo denn jetzt diejenigen sind, die das unerfahrene Mädchen zur Taufe überredet haben, und wo denn ihre sicherlich hochgestellten Taufpaten weilen. Paris. Hauptmann ArthurPerehre, Sohn des Rabbiners von Bayonne, ist zum Kommandanten der Kvlonialarmee befördert worden. Petersburg. Auf einen fünfjährig en Wunderk n a b e n machen die bekannten Professoren Bechterew und Schakow in der Presse aufmerksam. Der Junge, M i s ch a Atlas mit Namen, ist in Astronomie» Zoologie, Chemie und Literatur verblüffend bewandert. — Im Städtchen Mileitschiz sind zahlreiche jüdische Häuser heruntergebrannt. Warschau. Jecheskel Krawzow, eine der wohltätigsten, sympathischsten und angesehensten Persönlichkeiten in der Warschauer Judenheit, ist in Berlin im Alter von 50 Jahren an den Folgen einer Nierenstein-Operation verschieden. K. war in der russischen Judenheit eine seltene Erscheinung: Millionär, Absolvent einer Realschule — und dabei als Jude streng. traditionell und national. Selten war auch seine Betätigung auf dem Gebiete des Wohltuns. Mle philanthropischen Institutionen und Talmud- Thoras Warschaus wissen davon zu erzählen. Vielen jungen Leuten hat er die Möglichkeit zu ihrer Ausbildung gegeben. Er gab möglichst anonym. Als das Gesetzcsprojekt wegen der Sonntagsruhe vorlag, weilte er während des ganzen Winters in Petersburg, um Erleichterungen für die den Sainstag beobachtenden Juden zu erreichen. In der letzten Zeit wandte er sein Interesse Palästina zu. Er wollte in einigen Monaten nach dorten fahren. Warschau. Zu einerganz gewaltigenKundgeb u n g gestaltete sich die Beisetzung Krawzows. Nur mit Mühe konnten berittene Polizisten, die Menschenmassen in Ordnung halten, und vor dem Friedhof kam es infolge des Gedränges zu Störungen. Die Geschäfte waren sämtlich geschlossen. London. Die angesehene „Morn in g Post" verlangt in einer Reihe von Artikeln eine Verschärfung der E i n - Wanderungsbestimmungen. Die Artikel sind ein Zeichen des Antisemitismus in England. Baltimore (Amerika). Hier verschied in hohem Mter Frau Riska Adler geb. Selz, Schwiegertochter des seeligen Burgpreppacher Rabbiners I. G. Adler. Sie war eine Esches-Chajil im besten (sinne des Wortes und hat es — früh verwittwet — verstanden, ihre acht Kinder zu frommen Juden zu erziehen. leuleton. Das „Scherer-Bttbnl". Bon C. Berg. (23. Fortsetzung). „Warum denn?" fragte der Amtsrichter. „Um diese Stunde erwartet mich meine Schneiderin," erwiderte Christine. „Läßt sich das nicht aufschieben?" Sie wich seineni Blick aus. „Unmöglich. Es tut mir leid." „Schade. .... Gib mir doch einen Schluck Wein!" „Fehl Dir etwas, Heinz? Du bist so blaß." „Ich bin abgespannt." Als seine Frau das Zimmer verlassen hatte, um das Verlangte zu holen, bückte er sich schnell, hob das Couvert auf und las: „Herrn Referendar Philipp Hir . . .", dann hatte ein Klecks die Aufschrift verdorben. Müller steckte es zu sich, ec wußte genug.