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Neue jüdische Presse · 1913-07-04 · Heft 26 (4.7.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 26 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mttfle au ilt. 26 fe fcanftfnrfet IsmMflkm Familimklaiies. Naturwiffenschast und Gottesglaube. (Aus einem Vortrag.) Bon Bezirks-Rabbiner Dr. Benno Fischer in Palanka. Eine ähnliche Untersuchung stellte der gelehrte P. K. A. Wneller in seiner Schrift: „DasChristentum und die Vertreter der neueren Naturwissenschaft" an. Auch dieses Werk geht nicht darauf aus, Zeugnisse von Naturforscherir zu Gunsten einer bestimmten Religion zu sammeln, sondern es will den Einwand beseitigen, der ans der angeblichen UebereinstimMung der Naturforscher gegen Religion und Gottesglauben hergenomMen wird. Dabei ist die Umschau auf Gebiete des 19. Jahrhunderts beschränkt, mit Ausschluß noch lebender Naturforscher. „Nicht die Folgerungen, die Man aus dem behaupteten Gegensatz der Naturforscher ziur Religion .herzuleiten sucht, sollen abgewiesöu, sondern die Tatsache dieses Gegensatzes selbst geprüft werden. Von denjenigen, welche sich als Vertreter der Wissenschaft aufspielen, möchten wir uns zu den Männern wenden, welche im vollsten Sinne als Vertreter der Naturfprschung anerkannt werden müssen, zu denjenigen, deren Arbeiten Man dem Fortschritt der Naturerkenntnis verdankt, und unter diesen wiederum namentlich zu den eigentlichen Bahnbrechern, den Forschern ersten Ranges. Sie vor allem möchten wir über den Gegensatz zwischen Naturforschung und Gottesglauben befragen. Wenn hier ein Widerspruch besteht, so Muß, er ja von den Intelligenzen ersten Ranges am klarsten eingesehen werden." Kneller hält. nun in seinem äußerst interessanten und gehaltvollen Buche Revue unter den Vertretern der Mathematik, Physik, Chemie, .Geographie, 'Mineralogie, Geologie, Physiologie, Zoologie und Botanik. An die zweihundert Pfadfinder aus dem Gebiete der Naturforschung werden behandelt. Und was ist das Resultat? Das gerade Gegenteil von dem, was die gottesleugnerischen Populärwissenschaftler mit verblüffender Steifheit behaupten. Das Ergebnis der Untersuchung stimmt ganz mit dem Dennert'schen Beobachtungsergebnis überein. Der Abfall zu völlig ungläubiger und gottesleugnerischer Richtung erscheint nur durch einen sehr mäßigen Prozentsatz der namhaften Naturforscher neuerer und neuester Zeit repräsentiert. Die größten Geister, die Naturforscher ersten Ranges waren. vielmehr in ihrer überwiegenden Mehrheit Gottesglauben ergeben und waren ihm um so günstiger gesinnt, je länger sie über die Grundftage des Daseins nachdachten. Ja, eine ganze Reihe von Forschern, die anfangs ausgesprochen materialistischen oder nronistischen Anschauungen huldigten, kamen von denselben immer mehr zurück, je weiter sie in ihren Forschungen voranschritten. Zu demselben Resultat wie die beiden Vorbenannten gelangt auch Pros. Otto Zöckl e r in einer anziehend geschriebenen Schrift, betitelt: „Gottes Zeugen im Reiche der Natur". Zöckler gibt hier Biographien und Bekenntnisse großer Naturforscher aus alter und neuer Zeit und zeigt eben , durch eine streng objektive Darstellung ihrer Lebensläufe, daß die Meinung' naturwissenschaftliche Weltanschauung und 'Gottesleugnung seien eins und dasselbe, ein großer Irrtum ist. ZuM Schlüsse seiner wertvollen und interessanten Darstellung stellt Zöckler fest: „Die auf atheistischer Seite gern verbreitete und als unwidersprechlich hingestellte Behauptung einer angeblichen Solidarität zwischen Modern-wissenschaftlicher Bildung und Jrreligiösität ist in den Tatsachen, wie sie dermalen vorliegen, nicht begründet." * Hören wir nun einige namhafte Naturforscher selbst, welche 'Stellung sie zum Gottesglauben einnehmen: Nikolaus Kopernikus (1473—1543), der Vater der neuern Astronomie, der Begründer des heliozentrischen Weltsystems, mit dessen Entdeckungen eine neue Epoche in den Wissenschaften und überhaupt in der Kultur der Menschheit eingeleitet . wurde,- hat in seinen Werken unzähligemäle seinen Gottesglauben bekannt. Der astronomische Reformator, der „Beweger.der Erde und.Feststeller von Sonne und HiMMel (Terrae motor, Lolis Coelique stator)" sagt selber, daß die Darlegung seines Systems der Verherrlichung des Höchsten, dem Nachweis .der „Größe des Werkes Gottes, des Mlmächtigen und Allgütigen" gewidmet sein sollte. Ein tiefer, religiöser Geist spricht aus den Betrachtungen allgemeinen Inhalts, womit er seine Forschungsergebnisse einführt und begleitet. Und dieser Geist kann unmöglich auf Rechnung der allgemeinen konventionellen religiösen Anschauungen jener Zeit gesetzt werden, denn es spricht eine so innige, aufrichtige Ueberzeugung aus seinen Worten, daß deren Wurzeln nur in der eigenen Forschung und Erfahrung liegen können. So sagt er jxt seinem Hauptwerke „Bon den Umwälzungen der Himmelskörper" (De revolutiouibus orbium ooelestium): „Wer sollte nicht, wenn er' bei der mit göttlicher Weisheit geleiteten herrlichen Anordnung des Weltgebändes sinnend verweilt, durch die stete Betrachtung davon und sozusagen durch den vertrauten Umgang damit zum Höchsten angetrieben und zur Bewunderung des allwirkendeu Baumeisters der Welt geführt werden, in dein' die.höchste Glückseligkeit ist, in deM alles Gute gipfelt! Denn nicht aufs Geradewohl würde der LvttbegeistSrte Psalmist sagen, er „singe ftöhlich von Gottes Werden und rühme die Geschäfte seiner Hände" (Ps. 92, 5), würden wir nicht in der Tat durch sie wie auf Schwingen zur Betrachtung .des höchsten Gutes emporgetragen." Der englische Lordkanzler Francis Bacon von Verulam (1561—1626), der Begründer der neueren Philosophie wie des neueren naturwissenschaftlichen Realismus und Vater der empirischen Forschungsmethode, der der Herrschaft des scholastischen Formalismus ein Ende bereitete, war ein Gottesgläubiger und huldigte einem nüchterner religiösen Realismus. Bekannt ist sein Ausspruch, wonach „oberflächliches Abschöpfen der Philosophie möglicherweise zur Gottlosigkeit verführen könne, dagegen tieferes Eindringen in dieselbe zur Religion zurückführe." (Leviores gustus in philosophia movere fortasse animum ad theismum, sed pleniores haustus ad Deum reducere.) An einer Stelle seiner Schriften sagte er: //Ich glaube, daß, obgleich Gott seit dem ersten Sabbat vom Schaffen geruht hat, er dennoch seinen Willen iit allen Dingen, großen wie kleinen, einzelnen wie allgemeinen, ebenso vollständig und genau durch seine (gewöhnliche) Vorsehung erfüllt, wie er dies durch Wunder oder neue Schöpfungsakte tun könnte. Seine Wirkungsweise ist körne unmittelbare oder direkte, sondern eine mittelbare, indem er die Natur, welche sein Gesetz für die Kreaturen ist, nicht verletzt." (Conf. fidel, act. 9.) Jo Hann Kepler (1571—1630), der große astronomische Entdecker, Weiterbildner und Bokräftiger des kopernikanischen heliozentrischen Systems, war von einem gottbegeisterten Glauben erfüllt. Der Satz von der den Höchsten lobpreisenden wundervollen Harmonie des Schöpfungsganzen ist ihm stets NorM. und Leitstern in seinen astronomischen Arbeiten gewesen. .Seine großen Entdeckungen haben ihre Wurzeln in dem überzeugungsstarken Glauben, daß das Weltganze nach ewigen Gesetzen des Schöpfers konstruiert ist. Er ist überzeugt, daß Gottes Schöpferkraft in streng gesetzmäßiger Weise eine wundervolle UebereinstimMung aller Kräfte des Himmels und der Erde hervorgebracht hat. Wir gewahren in der Welt „gewisse Proportionen und Ordnung, was unleugbar ein Werk der Vernunft ist." Er preist den Menschen glücklich, dem es vergönnt .ist, Gottes Gedanken in.den Gesetzen seiner Schöpftmg nachzudenken. „Glücklich diejenigen, .denen es gegeben ist, sich zum Himmel zu erheben! Sie lernön gering schätzen, was ihnen einst vortrefflich schien; sie lernen die Worte Gottes über alle! Dinge setzen und in .deren Betrachtung alle ihre Freuds _ und .Ergötzung finden. Vater der Welt, welchen Grund hast du, ein irdisches, armes, schwaches und elendes Geschöpf so hoch zu erhöhen, daß es zuM weithin herrschenden Könige wird, ja fast zuM Gott: denn es denkt dir deine Gedanken nach!" Ueberwälttgt von der Herrlichkett des Schöpfers findet seine Begeisterung in dein gebetartigen Worten Ausdruck (am Schluß des neunten Kapitels seines Werkes „Welt-HärMonie"): „O Vater des Lichts, der du durch das Licht der Natur Verlangen in uns weckest nach dem Licht der Gnade, uM uns zum Lichte der Herrlichkett zu führen! Ich danke dir, du mein Schöpfer und Herr, daß du mich ergötzt hast durch deine Schöpfung, da ich entzückt war über deiner Hände Werk. Siehe, nun habe ich vollendet das Werk meines! Berufs, ausnützend das Maß der Kräfte, das du verliehen. Ich habe die Herrlichkeit deiner Werke den Menschen geoffenbärt, soviel mein beschränkter Geist deine Unendlichkeit zu fassen vermochte. Ist ' etwas von mir sündigem Menschen vorgebracht worden, was deiner unwürdig, oder habe ich j eigene Ehre .gesucht, so verzeihe mir gnädiglich!" ' Alles Sein und Geschehen ist für chn ein Ausfluß Gottes, der alles vorher festgesetzt hat. Und j daß d er Mensch dies alles erkennen kann, auch - j dies ist im Gottesplane vorgesehen. So sagt er; in seinem „ProdomUs" (oder Mysterium eosmo- I graphicum):; „Nach Art unserer Architekten hat 'Gott der u Herr mit Ordnung und Norm den Bau der Welt angegriffen- und alles so ausgemessen, als ob nicht die 'Kunst die Natur nachahmte, sondern als; ob Gott selbst auf die Bauweist des künstlerischen 4 Menschen Rücksicht genommen und ihr seine voll-; kommenen Muster vorgezeichnet hätte." j Es ist ergreifend, wenn wir sehen, wio dieser gewaltige Geist, einer der größten aller Zeiten, ]j in kindlich-frommer Demut vor der Herrlichkeit des 1 Schöpfers erfüllt war. Davon zeugt der Lobgeja saug am Schluß seines „Prodomus", eine herrliche Umdichtting des 8. Psalms. Die Anfangsverse lauten: „Sator mundi, nostrumque aeterna potestas, Quanta tua est omnem terrarum fama per ordern etc.“ (Schöpfer der Welt, du unser ewiger Hörrscher! Wunderbar herrlich und groß ist in allen Landen - dein Name usw.) Oder der begeisterte Hymnus am Schlusst der „HarMonice Mundi":! Herrlich und groß ist in allen Landen dein Name - usw. - Oder der HymNus am Schlüsse der „Welt-! Harmonie": '! „Groß ist unser Herr und groß seine Macht,! und seiner Weisheit kein Ende! Lobet ihn Sonne, Mond und Planeten, in welcher Sprache nur immer euer Loblied dem Schöpfer erklingön mag. Lobet ihn, ihr himmlischen Harmonien, und auch ihr, die Zeugen und.Betättger seiner enthüllten Währi Heiken. . . Und du, meine Seels, singe die Ehre des Herrn dein Lebelang! Bon ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge, die sichtbaren und unsichtbaren. Ihm allein sei Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen." (Fortsetzung folgt.). Das Staatsaugehörigkeitsgesetz «uv die jüdische» Kultusbeamterr. In unserer Reichsgesetzgebung finden Wünsch j auf Befriedigung spezieller Betzürsnissö des jüdij scheu Volksteiles selten Berücksichtigung. Um so frönj diger zu begrüßen ist ein Erfolg, der jetzt 8vi der s Beratung des Gesetzes über den Erwerb der Staats- \ angehörigkeit erzielt wurde. j Dieses Gesetz, das auch die Grundsätze für die j Naturalisation der Ausländer in Deutschland feststellt, enthält einen dem bisherigen Rechte eittsprechenden § 10, wonach eine Anstellung im Kirchendienst ohne wetteres auch die Naturalisation 1 einschließt, sofern solche nicht bereits vorher bestand. Es bedarf keiner Erörterung, wie tvichttg es für unsere jüdischen Verhältnisse ist, wenn eine solche Bestimmung sich nicht auf die christlichen Kirchen beschränkt, sondern auch die jüdischen Gej meinden einschließt. Ein dahingehender Antrag war | von der freisinnigen Volkspartei gestellt worden, er wurde aber in zweiter .Lesung abgelehnt, da speziell das Zentrum — durch den Abg. Beizer ] — widersprach, freilich nicht aus Animosttät gegen; die Juden, sondern, well es in dieser Bestim- \ mung einen Eingriff in die Rechte der Einzül- - staaten sah. j Auch die Regierung selbst hatte, wie in der! Kommission so auch im Plenum, gegen die 4kus-

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