Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 25 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 5. Nr. 28. Frankfurter JsraeMfches Famigenblatt. Fremde, der zweite Staatsantvalt-des Landgerichts, der zur Untersuchung eigens nachJZkadno gekommen war, ein großer, blonder, schon älterer Herr, nieinte, da er den Angeklagten aufmerksam betrachtete: der Mann sehe nicht aus wie einer, der ein reuevolles Geständnis oblegen will. Der Wärter hatte, so gut cs in dem engen Raum gehen wollte, den Herren Stühle, Tisch und Schreibzeug gebracht. „Nun, Perez," begann der Richter streng, „ich will nicht hoffen, daß Du wieder anderen Sinnes geworden bist. Dieser Herr ist Doktor von Pauli vom Landgericht; hüte Dich, vor dem Herrn zu lügen oder ihn mit falschen Ausflüchten hinzuhalten! Du hast soeben vor dem Wärter Kazmarek das' Verlangen geäußert, mir über den Mord die Augen zu öffnen!.Jetzt bekenne, was Du darüber weißt!" „Herr Amtsrichter," sprach Perez ruhig, „wie ich nlir erlaubt habe, nach Ihnen zu schicken, war ich ein ganz schlechter Kerl. Jetzt aber bin ich wieder ein rechtschaffener Mensch, und ich kann sagen: Ich bin ganz unschuldig an Juleks Tod." „Oho," rief der fremde Herr, „dieser Rechtschaffenheit wollen wir sogleich ans den Grund kommen. Kennen Sie dieses Messer?" „Was fiir ein Messer?" Perez nahm cs, prüfte cs, betrachtete cs hin und her.' „Es ist ein erbärmliches Ding. Nein, ich kenne cs nicht." „Nun, Ihre Verstellungskunst scheint nicht übel," erwiderte der Fremde, „und doch sage ich, .daß es Ihnen gehört." „Warunr soll cs mein sein?" „Weil der Anfangsbuchstaben Ihres Namens darauf steht; also, leugnen Sie' nicht! Sehen Sie her, hier ist ein lateinisches P." Perez folgte dem Finger des Beamten mit dem Blick und begann ganz vergnügt zu lachen: „Also das ist ein lateinisches P? Wegen meiner ein französisches. Herr Doktor — Sie sind doch ein Doktor, nicht? — nehmen Sie mir's nicht übel, wenn das mein sein soll, müßte doch ein jüdisches Pei darauf sein, ich kann doch nur jüdisch lesen!" Der Staatsanwalt sah den Amtsrichter an, dieser antwortete beinahe .verblüfft: „Das ist wahr, — meines Wissens kann er wirklich nur hebräisch lesen?' . Darauf legte der Staatsanwalt das Messer bei Seite. Der Amtsrichter fertigte den Zwischenfall gleichfalls kurz ab. „Bleibt vorderhand unaufgeklärt. Wir kommen jetzt zu den Zeugenaussagen, welche ich Dir verlesen werde. Da ist zunächst die Franziska Luschek, welche bezeugt: In der Nacht vom sechsten bis siebenten dieses Monats hat die Luschek vom Fenster ihres Wohnhauses gesehen, wie Perez vor ihrem Hause den Przhwinua laut geschimpft, ihn in den Rücken geschlagen und ihn bis hinter das Gebüsch der Kirche verfolgt hat. Nach zehn Minuten ist Perez zurückgekchrt, den blutigen Leichnam des Przywinna hinter sich herschleifend und. ist nach dem Stadtwalde zu entkomnien." Perez schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das hat sie gesehen?! Die Kröte! Die Giftschlange,— nein, o nein, — kein Tier ist so schlecht zu lügen, nur ein Weib!" Er hatte eine Unmenge Verwünschungen gegen Franja auf der Zunge, als ganz unerwartet mit einem barschen „Schweigen Sie!" Philipp' Hirschthäl sein Jammern unterbrach und sich dann höflich an die Beamten wandte: „Die Herren gestatten eine Frage!" Müller warf deni Referendar einen Seitenblick zu und sagte dann förmlich: „Der Herr Verteidigerin Lpö!" „Ull/a! Bitte sehr!" „Warum hat die Franja Luschek bei diesem grausigen Anblick nicht um Hülfe geschrieen und sofort die ganze Stadt alarnriert?" Wieder blickte der Staatsanwalt. nach den: .Amtsrichter; dieser entgegnete kühl: „Es ist in der Vor- ,Untersuchung nicht angängig, die einzelnen Zeugenaussagen kritisch zu beleuchten." Bürgermeister Hartmann hörte mit stiller Genugtuung diese Zurechtweisung. Der Herr Amtsrichter, das war sein Mann, der würde es den Juden schon zeigen und den Perez gehörig hineinlegen. Doch schien es ihm! an der Zeit, durch ein zweckentsprechendes Wörtlein au der Verhandlung teilzuneh'men. Er räusperte sich: „Meine hochgeehrten Herren, ich wollte ergebenst er- . suchen, auch dem rituellen Standpunkt dieser traurigen Affäre Beachtung schenken zu wollen. Sintemal die Bluttat vielleicht im Charakter des Perez als jüdischer TWpeldimer begründet scheint. Bedenken Sie, daß das Volk in diesem Falle so nahe nach den jüdischen Hanptfesten von einem Ritualnrord fast überzeugt fetr muß! Ich schlage ergebenst vor, den 'Angeklagten zu veranlassen, über seine .Passahbräuche wahrheitsgemäß auszusagen, da werden wir gewiß Näheres über so 'manche unaufgeklärte Schandtat erfahren." So unwissend Perez ivar, von der Persidie dieser Blutbeschuldignng, welche, der Seeschlange gleich, die ein dreister Lügenbold geschaut, immer wieder im Meer der Jahrhunderte auftaucht, hatte auch er schon gehört, und mit nicht gerade liebevollen Blicken auf das weise Stadtoberhaupt antwortete -er spitz: „Es steht geschrieben im zwölften Kapitel im zweiten Buch Moses: „'Du sollst schlachten ein fehllos Lamm, männlich und einjährig sei es Euch. 'Aus den Schafen und Ziegen sollt Ihr es nehmen." Aber es steht nicht geschrieben: „Du sollst ein Kalb oder ein so ausgewachsenes Stück Rindvieh nehmen, wie der Herr Bürgermeister eins ist." „Ist der Mensch immer so dreist?" fragte Doktor Pauli erstaunt. „Es ist ein halber Narr," sagte der Amtsrichter leise. „Ein Idiot," schrie Hartmann erbost. „Und stützt in Diensten der jüdischen Gemeinde?" „Warum nicht?" antwortete Perez. Seine scharfen Augen hatten wohl bemerkt, daß der ftemde Herr vorhin ein Lächeln unterdrückte, Mehr bedurfte cs für ihn nicht, .sich wieder als Allerweltsspaßmacher aufzuspielen. „Ich bin ein Stück von einem Schammes," lachte er, sich in die Brust werfend. „Was ist das, ein SchaMmes?" „Ein Schammes ist kein Kozin."*) „Ein Schammes ist, soviel mir bekannt, ein Tempeldiener," erklärte der Amtsrichter, „meines Wissens ist Perez aber mit den Funktionen des hiesigen Synagogendienstes gar nicht betraut, Man benützt ihn nur zu?lushülfeleistungen, z. B. die Gemeindemitglieder zu wecken." „So, so," sagte der Staatsanwalt, „und was bckonnnen Sie dafür?" „Ein Geschrei, wenn ich einen zu spät rufe." Perez war wieder im richtigen Fahrwasser. Der Bürgermeister sah es mit großem Verdruß und drängte': „Ich bitte die Herren nochmals, den rituellen Standpunkt nicht außer acht zu lassen." „Schon gut, schon gut!" rief der Amtsrichter bündig. „Wir kommen jetzt zu den Aussagen der Frau Schmula. Die Frau des Schuhmachers Franz Xaver Schmula, Amalie Michaeline, sagt aus, daß sie den Perez am Abend nach der Tat, Sonntag, den siebenten, schwer betrunken gesehen habe, ihn wüst schreien und schimpfen hörte." .< „Ich war im ganzen Leben noch nicht betrunken," rief Perez empört, /-nicht 'mal am Purim, wo cs doch eine Mizwe ist." „Was meint er damit?" „Purim ist ein Freudenfest der Juden, an welchem ein guter Trunk obligatorisch ist," erklärte der Amtsrichter dem Staatsanwalt und fuhr fort: „Bedenke, Perez, die Schmula hat beeidet, daß Du furchtbar betrunken warst." „Herr Amtsrichter," benrerkte Hartmann eifrig, „die Schmula hat sogar erst heute in der Stube des Perez eine angebrochene Flasche Wein gcftmden." Perez brummte ärgerlich: „Was hat das Weib in nieiner Stube hcrumzukramen? Den Wein hatte nrir der Doktor für meine kranke Mutter geschickt." „Hast Du davon getrunken?" „Ja, ein Glas." „Weshalb tatest Du es?" „Meine Mutter hieß mich trinken, weil ich mich in der Nacht schwach fühlte." „Aha," schrie der Bürgermeister triumphierend, „und was Ivar dann in der Nacht?" „Finster!" erwiderte Perez, genrütlich mit den Augen blinzelnd. „Herr Bürgermeister;" sprach der Anitsrichter ernst, „ich niuß Sie bitten, keine Zwischenftage mehr an den Angeklagten zu stellen. Zu meinem Bedauern mangelt es Perez an jedem Respekt vor Ihrer Person. Perez, ich rate Dir streng, Dich geziemend zu betragen! Deine Sache steht schlimm genug, mithin sollten Dir 'die Späße vergehen. Passe auf: Die Schmula hat ausgesagt, Du habest Dich geäußert, Du wolltest den Julck totschlagen wie einen Hund.!' „Sielügt, Herr Amtsrichter," fuhr Perez auf, „ich habe nur einmal gesagt: Der Julek verdiene, daß es ihm im Leben gehörig schlecht ginge." *) Ein reicher Mann. „Ei, ei, das klingt freilich ganz anders," sagte der fremde Beamte zu deni Amtsrichter, und fuhr, zu Perez gewendet, freundlich fort: „Der Julek hat Dir wohl manchmal etwas zulcid getan? Hat er Dich geschlagen oder Dich öfters mißhandelt, wie?" „Gott behüte, Herr Doktor, wo werde ich einem Toten eine Lüge Nachreden! Nein, der Julek hat mir niemals etwas zuleid getan, dazu war er ein viel zu gutmütiger Mensch." 'Der Staatsanwalt nickte. „Tas ist brav, Perez, daß Du die Wahrheit sprichst. Nun aber, sage mir doch, wenn Dich der Julek nicht geschlagen oder beleidigt hat, warum hast Du selbst ihnr Böses gegönnt?" „Ich bin dem Menschen so gram geworden." „Aber warum denn, mein Sohn'?' „Weil-" Wie der Blitz spürte Perez die Falle, in der er saß. Verwünscht! Er merkte, er hatte in seiner Offenheit, ermuntert durch des vornchnien Herrn freundliches Wesen, eine riesengroße Dummheit gesagt. Und rechts und links saß je einer, der jedes Wort aus sei-' nem Munde festhielt und notierte! Nun konnte deM Lustigsten der Spaß vergehen. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, er richtete sich auf und sprach trotzig : „Warum werde ich Ihnen nicht sagen, Herr Doktor." „Nicht?" fragte der Beamte schneidend, „ist mich nicht nötig, wir brauchen Sie nicht länger darum zu bemühen." „Ich will es Ihnen sagen," — der Blick des Staatsanwalts bohrte sich wie ein Dolch in das Antlitz des zitternden Wasserträgers —, „Sie haßten den Julek, weil Sie eifersüchtig auf ihn waren, weil Sie seine Geliebte, die Pelagia, lieb hatten." Perez hätte in den Boden sinken mögen vor Scham. Was er bei seiner keuschen, schüchterneir Verschlossenheit - sich nie getraut hätte, sich selbst einzu- - gestehen, das pfissen nun die Spatzen von den Dächern, das sagte ihm hier ein stockftemder Mann laut ins Gesicht. „Antworte, Perez, ob es anders ist!" „Was soll ich da antworten?" begann er stockend. „Daß man mich so etwas hier vor dem jungen Herrn und dem Herrn Anitsrichter fragt, ist mir Schande und Buße genug. Ja, ich habe die Pelagia lieb gehabt, wie ich alle schönen Mädchen liebe. Oder die Pelagia noch mehr, weil sie immer so gut und freundlich zu mir gewesen. Aber es war kein Unrecht dabei, nichts, worüber die Pelagia sich zu schämen hätte. .Und ich auch nicht." „Das ist unwahr," sprach der Amtsrichter kalt, „soll ich Dich daran erinnern, was Tilmann gesehen hat?" „Wenn es die Herren besser wissen," stieß Perez keuchend hervor, „was zapfen sie mir erst mit Ihre» Fragen das Blut ab?" (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fits - a. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Erke Nene Mainzeratraasa. fl&alser Friedrich Quelle - Offenbach i> X. ■ Gegen Gicht «ad Bhemmatlsmna bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl. Fraakfnrt a. X., Güntherabnrg-Allee 37. Tel.259 u. 714« Wocherr-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 28. Juni (--- 23 Siwan.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Min. - in Berlin 9 Uhr 30 Min. Wochenabschuitt: Korn ch. — ikorach verbindet sich mit Datan und ülbiram und 250 angesehenen Männern gegen Moses und -Ahro», denen sic Ueberhebnng und Herrschsucht vorwersen. Moses ermahnt die Empörer: die Leviten erinnert er an ihre ohnedies bevorzugte Rangstellnng als „Diener des Stiftzeltes." Am andern Morgen soll ein von alle» zu bringendes Räncherwerk därttin, wen Gott als Auserwählten will oder nicht. Datan und Abiram zeigten sich besonders trotzig und überhänfen Moses mit »och andern schwerbcleidigenden Borwürfen. Am andern Tag hatte sich die ganze Gemeinde auswkegel» lassen. Gott will sie alle vernichten. Moses betet für sie, Gott will Verzeihung gewähren, wenn die Verführten sich von den Verführern absondern. Dies geschieht. -Nur KorachS „Anhang" bleibt demselben. Moses verkündet, daß diese Empörer eines ungewöhnlichen Todes sterben werden zum Beweise seiner göttlichen Sendung. Darauf ösfnet sich die Erde und verschlingt sie. Die 250 Mann, die das Räucherwerk gebracht, sterben durch Feuer. Die Räucherpfanncn sollen als Erinnerung zu Beschlägen an dem Altar-verwendet werde».