Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24___ „Ah, Christinchen, wir halten bereits bei den Ahnungen! Ich gratuliere dem Herrn Verteidiger zu seinen Beiständen." . Christine hatte das Zimmer verlassen; nach Sekunden hörte man aus der SWafec ihre leichten Schritte. „Philipp," sagte der Amtsrichter, „Du willst der Patronin folgen? Laß Dich - nicht zurüclhalten, mein Sohn! Ich bin nicht der Othello, den Du glaubst." „Ich protestiere," rief der Doktor. „Ter Referendar bleibt hier, und wir klopfen einen Skat. Und Du, Nelly, verschwinde, aber vorher bringe Karten und Bier!" Nelly ging und kaiu und brachte geräuschlos das Verlangte, dann schmiegte sie sich >oic ein Kätzchen in. einen Lehnstuhl und stutzte den Kopf müde in die Hand. Der Amtsrichter merkte wohl, wie Philipp, der .sehr schlecht spielte, häufig nach der Tür sah, einmal ertappte er. den jungen Mann, wie seine Augen auf dem weißen Antlitz Nellys haften blieücir. Müller lächelte. Nach einer halben Stimde traf Christine in Begleitung der Fran Doktor wieder ein, schweigsam und sehr niedergeschlagen. Die Frau Doktor wußte sehr lebendig von einem „wahrhaften Wunder" zu berichten: Wer ihr nicht glaube, solle nur nach dem Gemeindehause gehe», sehen und staunen! Nachdem das alte Röschen von der Dinklage gegen Perez und seiner Verhaftung gehört, hatte sich die seit Jahren gelähmte Frau erhoben, war aufgestandeu und hatte den vollen Gebrauch ihrer Glieder wieder erlangt. „Sie geht mit festem Schritt, so gut wie wir," schloß die Doktorin in heller Aufregung, „und sie bewegt sich leicht wie ein junges Mädchen. Es ist ein wahrhaftiges Wunder,. Mann, Du wirst es natürlich wieder nicht glauben." Der Doktor sagte: „Das kommt vor," zeigte sich aber weder so erstaunt iroch so erregt iiber den Vorfall, wie seine Gattin verlangte. Dagegen war von den Entlastungsmomenten, welche Christine aus dieser Unterredung für ihren -Schützling erhofft, wenig zu hören. „Es scheint, daß auch Ahnungen trügen können," bemerkte der Amtsrichter maliziös. Christine erwiderte ganz kleinlaut: „Diesmal hast Du recht. Die arme Frau weiß für ihren Sohn keine andere Rettung als ihr Gebet." „Das wird den Staatsaiiwält sehr erschütterir." Der Amtsrichter 'erhob sich. „Wohl zu ruhen, alle niitcinander! Es ist für Kranke wie Gesunde höchste Schlafenszeit." In dieser Nacht träumte Philipp Hirschthal, er sähe Perez, an Armen und Beinen gekettet, in einem Kerker liegen, zehn Klafter tief, „bei Nattern und Schlangen", wie die Verse der alten Ballade besagen, welche die Lippen des Träumenden unaufhörlich rezitierten. Er selber aber trug ein scharfes Schwert, mit dem es leicht war, die Fesseln zu.zerschlagen und führte dann den Gefangenen eine unendlich lange Treppe herauf, immer höher,- immer höher, an das Tageslicht. Ihnen voran schritt ein Genius mit strahlender Kerze, mit der weißen Zand zur Befreiung winkend, und die Erscheinung hatte Christinens hohe Gestalt und ihre schönen goldenen Haare. Perez kroch auf allen Bieren hinter ihnen drein und konnte nur mit tausend Mühen sich durch all das Gewürm winden. Wer als Philipp, wieder auf die Erde gelangt, die schöne Retterin fassen. und umarmen wollte, da war es die kleine, schwarzlockige Nelly, die schmiegte sich an sein Herz und küßte chn so süß und zärtlich, daß er erwachte. Er rieb sich die Augen, — wo war die schöne Christine, wo die kleine Nelly? Der Herr Referendar war wirklich noch unverdorben genug, sich seines Traumes zu schämen. Im Gefängnis. „Perez, wirst Du nun aufhören?! Wenn Du weiter so gegen Dich tobst, MUß ich Dich in Eisen legen! Ich wundere mich, wie Deine magere Brust es aushält, wie Du sie mit den Fäusten zerschlägst! Und daß wirklich noch Haare auf Deinem Kopf und in Deinem Bart sind! Ich meine. Deine wütende Hand müsse sie schon alle ausgeraust haben. Es tut mir leid um Dich, Perez, sehr leid, aber ivelcher Christenmensch soll kiorwal 8edool Lovsiio I Weserstr.7. HMülM-MmelMM. Tel. 12428. | Privat-Zirkel- und Klassenunterricht. I Besondere Zirkel fflr Damen besserer Kreise. ■ Oeffentl. Probeatunden Mittwochs um 11,5,7 u. 9 Uhr. H Frankfurter Israelitisches Fümigenblatt. Dein Schreien länger ertragen? Donnerwetter, Kerl/ gib Ruhe!" Es war denr Wärter durchaus nicht zu verübeln, daß er ungeduldig wurde, — Perez hatte sich in seiner Zelle höchst widerspenstig betragen. Er hatte die ganze Nacht und den folgenden Tag geschrieen, gewütet und sich und sein Elend so grausig verflucht, daß dem Wärter, der in fünfzehnjähriger Ausseherlaufbahn schon manchen Berzweiflungsausbruch bei Gefangenen gesehen hatte, die Haut schauderte. Endlich, am dritten Morgen, von Wut, Schrcren und Mangel an Nahrung entkräftet — denn er hatte Speise und Trank voll Abscheu von Lich gewiesen —, sank Perez in einen tiefen Schlaf. Er schlief vierundzlüanzig Strmden und lag steif wie .ein Toter, ja, der Wärter hielt ihn für tot und meldete es dem Arzte. Dr. Thorner konstatierte, daß Aufregung und. Gram den Gebrechlichen aufs höchste geschwächt hätten, man solle ihn nur schlafen 'lassen, er iverde sich schon wieder erholen. Gleichzeitig erbat und erhielt der menschenfreundliche Arzt von dem Amtsrichter die Erlaubnis, dem Unglücklichen Nahrung aus dem jüdischen Gemeindehause senden zu dürfen, denn er wußte wohl, daß Perez lieber verhungern, als einen Bissen der Gefängniskost anrühren würde. Wirklich ivar auch nach dem langen Schlaf die stlngeberdigkeit und Tobsucht des Wasserträgers wie verschwunden. Er zeigte sich ruhig und folgte den Befehlen des Aufsehers mit allem Gehorsam. Als manihm has Essen brachte und chm sagte, daß .es. durch. Fran Doktor Thorner geschickt werde, da weinte er wieder, aber milder als vorher;'nnd segnete laut seine unermüdliche Beschützerin. Und der alte Junge ließ es sich mit dem Appetit eines hungrigen Kindes prächtig schmecken. Hiernach begann er in aller Ruhe über seine Lage nachzudenken. In der Brust dieses armen Menschen wohnte, ein unbesiegbarer Frecheitsdrang, — nichts hatte er ja besessen als das Recht, immer zu tun und zu lassen, was ihm behagte. Er, der gewohnt war, wie ein Vogel vom ersten Morgengrauen bis in die Nacht sich in freier Luft zu bewegen, er sollte hier eingesperrt sitzen? Warum? Was hatte er Böses getan? Zunt Henker, das hatte er satt! . . . Was brauchte er für andere sich das Gehirn zu erschüttern? Geächtet und schuldbeladen vor aller Welt! Er sprang auf und rief den Wärter herbei, er möge ihn nur augenblicklich vor den Amtsrichter führen, er wolle ihn darüber aufklären, wie es bei Jnleks Tod hergegangen. Der Wärter riß die Augen auf: „Also warst Tu doch dabei?" „Natürlich war ich dabei." „Dann willst Tri also — hm — ein Geständnis ablegen?" „Natürlich will ich. Da ist gar keine Zeit zu verlieren." Der Wärter schüttelte den Kopf. „Ich kann Dich nicht hinführen, ich muß nach der Instruktion gehen." „Was ist da nach der Instruktion zu gehen!" rief Perez ungeduldig, „gehen Sie nicht nach der Instruktion, sondern gehen Sie nach dem Herrn Amtsrichter, er soll auf der Stelle herkoMnien!" „Der Herr Amtsrichter wird Dich . . . Das geht nicht so schnell . . ." „Dann soll' er sich ein Pferd nehmen und herreiten!" schrie Perez erbost, „die Sache ist mir wichtig." „Verrückter Kerl!" brummte der Wärter und ging. Perez machte einen Lustsprung, so gut seine schlotternden Beine es vermochten: in ein paar Stunden war er stei, — vorausgesetzt, daß der Wärter den Amtsrichter sogleich niitbringen würde. Er zählte seine Zweifel an 'den Knöpfen der Jacke ab. Würde der Amtsrichter bald kommen? Ja oder nein? In wenigen Minuten chatte er voller Ungeduld sämtliche Knöpfe losgerissen. So dumm! Es waren ganz gute Hornknöpfe von des Herrn Oberamtmanns Rieger letztem Jagdrock, Pelagia hatte sie ihhtz» noch ange-, näht. Ja, Pelagia! Jetzt konnte er warten, ehe chm jemand dergleichen Liebesdienste erweisen würde . . Pelagia war hoch eigentlich immer recht freundlich zu ihm gewesen. Wie er im Winter krank war, — wer hatte ihm Tee gekocht und ihm eine warme Decke geborgt? Ein andermal litt er an der Gesichtsrose, — Pelagia hatte sie chm „besprochen", sie konnte, das. Wer hatte ihm wie seiner Mutter manches Paar Strümpfe gestrickt? Pelagia und wieder Pelagia. Sie war so gutherzig. Und jetzt wollte er sie. angeben. Um sich rein zu waschen! Wenn er dem Herrn Amtsrichter den wah- Seite 5. ren Hergang am Kiwitzabach erzählte, mußte man ihn selbst laufen lassen, gewiß. Mer Pelagia losrd man fangen und ihr den Kopf äbschlagen, und sie muß sterben, sie, die ihn geWßt, das schöne, mitleidige Geschöpf. Und dann blieb er zeitlebens ein Lump, ein Schuft; denn er hatte Pelagia beim Leben seiner Mutter zugeschworen, sie nicht zu verraten . . . Starke Männerschritte klangen auf dem Korridor, jetzt kehrte der Wärter mit dem Herrn Amtsrichter zurück, und noch einer folgte, noch einer und mehrere, — es sauste Perez in den Ohren, als käme ein ganzes Heer himmlischer Legionen herab, von ihm Rechenschaft zu fordern. Der Angstschweiß stand auf seiner Stirn . . . Beim Leben seiner Mutter hatte er geschworen! Und wenn er jetzt stei kam und Pclagia unter das Beil mußte? ... Es lebt Einer, der den Meineid straft . . . Wemr Er ihm seine Mutter nehmen würde . . . War das seine Freiheü wert? Was fehlte ihm hier? Er hatte Essen und Trinken und brauchte dastrr kein Wasser zu schleppen. Und solange für seine Schuld keine vollgültigen Beweise erbracht waren, das wußte er kotz seiner Dummheit recht gut, konnten sie ihm nicht an den Kragen. Ja, mußte er denn Pelagia angeben? Wenn Gott will, daß die Wahrheit an den Tag kommt, braucht er des einfältigen Perez Mund dazn? Ausgerechnet gerade auf ihn muß der Verdacht fallen! Wenn nächstens wo ein Erdbeben ist, trägt Pertz wohl auch Schuld daran! Wie die Tür aufging, war sein Entschluß gefaßt': beim Leben seiner 'Mutter, er wollte Pelagia nicht verraten; wer nach ihr stagt, kriegt soviel Antwort, wie der Stein gibt. Mag der Herr Richter sehen, wie er aus der fatalen Geschichte klug wird. Gott wird den armen Perez nicht zu Schaden kommen lassen. (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Neue Mainzerstrasse. Kaiser JFrledrlcb Quelle ■■ ■ Offenb&ch a. M. -. Segen. Sicht und Bheimntismas bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a.M~, Güntheraburg-Allee 37. Tel.259 u. 714. Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 21. Juni {= 16. Siwan.) SabÜat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frarüfurt a. M. Ä Uhr 4vMin. in Berlin S Uhr 35 Min. Wochenabfchnitt: Schelach-lecho. — Die Kleingläubigkeit des Volkes. Trotz der göttlichen Versicherung, daß Palästina ein gutes Land ist, senden sie zwölf Kundschafter „ach dorten, darunter Josna und Kaleb. Nach 40 Tagen kehren diese heim, bringen riesengroße Trauben mit, auch Datteln und Feigen. Sie loben das Land, flößen aber dem Volke Furcht und Grauen ein vor den riesengroßen Ureinwohnern. — Das Volk murrt, will eine neue Regierung einsetzeu und nach Egypten zurück. Josna und Kaleb suchen zu beruhigen: das 'Volk will sie dafür steinigen. — Da erscheint Gottes Herrlichkeit. Wie bei der Sünde des goldenen Kalbes soll die ganze Nation vernichtet werden, um auf Moses allein ein anderes, besseres Volk aufzubauen. Moses fleht inbrünstig. Die Strafe wird gemildert. Das ganze lebende Geschlecht — Josna und Kaleb ausgenommen — soll in einer vierzigjährigen Wüstenwanderung die Sünde abbüßen; nur das jüngere Geschlecht wird ins gelobte Land kommen. Die Lügenkundschafter starben sofort. Trotz Verwarnung will das Volk auf eigene Faust hineinziehen. Zu spät — sie werden geschlagen. Der Wochenabschnitt enthält ferner Vorschriften für die Speise- und Genußopfer. — Vom Teige ist eine Hebe für Gott — Challo genannt — abzusondern. Lehre daraus: Weihe des täglichen Genusses. — Sühne für Vergehen durch Götzendienst und abgöttliche Berehrungsarten. — Ein Sabbatentweiher wird betroffen, interniert bis zur göttlichen Entscheidung über die Art seiner Bestrafung. Er wird schließlich gesteinigt. — Schluß der Sidra ist „Parschas Zizis," bekannt aus dem täglichen Gebete. Wochengottesdienst in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr 30 Min.). Abends: 7 Uhr 15 Min. (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr). Offenbaeher Draeblnft - Anlage Qffanbach a. H, Telefon 133. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste TepplchralnlflanB. 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinignng mittelst Druckluft und Wasserdampf. Allgemeine Mitteilungen. Kristallpalast. Bor vollständig ausverkaustem Hause fand am 16. Juni der übliche Progrmmnwechsel statt. Die Diretttou hat besonders unt dem Engage-