Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ftotfofle p llr. 24 fe fanüfuctec Ifnieüflfdicii FamiKmklMes. Dreiheit. (Eine Zeitbetrachtung von „Ben Menachein".) (Schluß.) Während also der deutsche Staat seinen chr i st l i ch e n fremden E l e m e n t e n ohne Einschränkung die Gleichberechtigung gewähren kann, weil eben für den Polen, Franzosen, Dänen u. a. kein religiöses Hindernis besteht, durch Bernrischung schließlich in dem Volkskörper aufzugehen, sodaß jenes einzige Volkstum sich bilden kann, das für den Staat die Vollkommenheit bedeutet —, daß es noch nicht geschah, liegt einfach an der völlig verkehrten Regierungspolitik in diesem Punkte —, existiert bei uns Juden jenes Hindernis ganz entschieden, wenn anders das Judentum sich und - seine Hoffnungen nicht völlig aufgeben will! Vor dieser Tatsache hat Gabriel Rießer die Angen geschlossen, — vor ihr verschließt noch heute der Central-Vercin die Augen. Dafür sehen sie die christlichen Regierungen umso schärfer. Hören wir aber die weitern Gründe der „Illustrierten Zeitung": „Ein zweiter Grund gegen die Gleichstellung der Juden in einem feiner Mehrzahl aus Christen bestehenden Staate liegt in dem unabweisbaren Gegensatz, in Ivelchem Juden und Christen in Bezug auf die höchste Angelegenheiten des Lebens stehen, und in der unvermeidlichen Gefahr, daß dieser geistige Gegensatz sich auch auf das Leben überträgt und 511 unabweisbaren Reibungen führt, die notwendig den Gang des Staatslebens hemmen und in keinem Falle zur Förderung desselben beitragen können. ... Der Jude muß entweder mit seiner ganzen Vergangenheit brechen und anshören Jude zu sei», oder er muß sich dem Ausspruch des hohen Rates unterwerfen und in Christus den übersührten Gotteslästerer, in dem, „der 'sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat," den todeswürdigen Verbrecher, iin Auferstandenen den Lügner erkennen und nebenbei den. Menschen, um deswillen das jüdische Volk der härtesten Behandlung, der tiefsten Schmach und einer nie endenden Zerstreuung unterworfen ist. Er nruß hassen, tvo wir lieben, und wie ist es möglich, daß da Friede sei, wo ein nie rastender Kampf um das Heilige entbrannt ist?" Zwar sind diese Ausführungen mit dem Auge des Mchtjuden und darum viel zu hart gesehen; sie treffen in dieser Schärfe durchaus nicht zu. Der Jude haßt nie und nimmer den Christen um seines andern Glaubens willen. Er hat selbst zur Zeit der „Auto da fe“ seine Peiniger nicht gehaßt. Das böse Gewissen verleitet eben den Nichtjuden immer wieder zu solchen Voraussetzungen, und das nicht auszurotteude Vorurteil, aus Unkenntnis, Beschränktheit und vielleicht gerade aus Haß geboren, macht iil den Augen der Christen uns Juden zu lauter Shylocks! In Wahrheit besitzen die Inden den Satz: „Liebe Deinen Nächsten, er ist wie Du" und haben in normalen Verhältnissen auch nach ihm gelebt, während das Christentum den Satz besitzt: „Liebet Eure Feinde" und weder in normalen, noch in andern Verhältnissen danach gelebt hat. — Was also an unerbittlicher Wahrheit in der oben angeführten Stelle übrigbleibt, ist wahrlich mehr als ein Körnchen und läßt sich bei dem Konfessionsverhältnis von 60 Millionen zu einer halben Mllion nicht mildern oder gar wegdisputieren. Zwar besteht ja auch der Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus im Staat. Aber hier wird tatsächlich der Gegensatz durch gemeinsame Wstammung der Konfessionsträger, durch die immerhin breite gemeinschaftliche christliche Basis, durch Wechsel- Heiraten n. a. m. bedeutend gemildert, und was noch an Gegensatz übrig bleibt, bildet ja auch eine Hemmung (? D. Red.) im staatlichen Leben, die von den Regierenden bitter genug empfunden wird. Ist cs ihnen da zu verdenken, wenn sie sich scheuen, eine neue erhebliche Hemmung zuzulässen? Selbst wenn unzweifelhaft —.prinzipiell — das Unrecht auf ihrer Seite wäre, dürften sie ohne Gewissensbisse das allgemeine Staatsinteressc über das strenge Recht setzen. Freilich: Gabriel Rießer, der Mann, der das Recht mit dem Geniüt vertrat, lebte der Idee: Nur allerstrengstes Recht ist höchstes Staatswohl! Ja, wäre das Pulver nicht erfunden worden, und hätte nicht ein 1848 die Herrschermacht der Massen bewiesen. Man darf mir sage», was man will: ich bin der Ansicht, daß die christliche Masse sich auflehnen toürde (? D. Red.), tvenn zu ihrer ewigen Befürchtung, von Juden regiert zu werden, auch nur der Schatten eines Beweises geliefert toürde. * So kommt man gerade bei nüchternster, aber desto aufrichtigerer Betrachtung der unerbittlichen Wirklichkeit von den letzten Zielen des Central-Bcreins. d. i. Gabriel Richers, ab und zu ganz anderen Programmen. Höchste Achtung vor dein Charakter, dem Talent und dem Herzen Ricßers, aber von dem echten, wesentlichen Judentum war sein Geist weniger erfüllt als von den hohen Idealen einer restlosen Gerechtigkeit.*) — Und nun vergleiche ich sein Programm ,nit dem des Zionismus und beide mit der realen Wirklichkeit, und cs erscheint mir von beiden das zionistische als das — um ja nicht zu viel zu sagen.—, welches die geringere Unwahrscheinlichkeit für sich hat. Wir sind deutsche Juden, die ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland viel verdanken; sehr viel sogar, wen» wir uns mit Rußland vergleichen. Wir sind dafür dankbar und sind bestrebt, die bürgerlichen Pflichten möglichst vollkommen zu erfüllen und zwar nicht u it r aus Daukbarkeitsgefühlen, sondern auch, weil wir ja deutsche Sprache und Kultur, deutsches Geistes- und Wirtschaftsleben kennen und lieben und mit erschaffen halfen. *) Völlige Gerechtigkeit ist ja eiu Grundpfeiler des Judentums. D. Redakt. Wer wir sind Juden und wollen's bleiben! Und darum muß mit logischer Notwendigkeit das Ver- ' hältnis eines Gastvolkes zum Wirtsvolk zwischen uns und - dem deutschen Christentum oder wenn man will, dem christlichen Deutschtum bestehen bleiben. Zerftöieit läßt sich dieses Verhältnis nur durch Zer- A störung (Assimilation) desIndentums selbst. Also bedeutet das Programm Rießers und des Central- - Vereins jüdischen Tod und das Streben nach solchem Ziel Stagnation und Erniedrigung. Demgegenüber stelle man das zionistische Ziel! Wie jede Volksniinderheit moralisch eine Stütze an einem selbstständigen Heimatsvolk haben muß, wie beispielsweise das - j Deutschtum im Ausland seine Stütze an dem tüchtigen , Hcimatsvolke hat, so will der Zionismus den jüdischen! Minderheiten der Welt eine moralische Stütze in Palästina schaffen; in Palästina, der Urheimat, ein rechtlich ge- | sichertes, kulturell modernes, Wirtschaft- -fi lich selbständiges, jirdisches Land und Volk fi erstehe n lassen, das in seinen eigenen vier Wänden l haust; wenn der Zustand rechtlicher Sicherheit f i erlangt ist, mag die politische Oberhoheit haben, wer will! j Bedeutet das nicht Leben, Aufrichtung, Erneuerung? ' Muß das nicht moralisch kräftigend zurückwirken auf die S Juden aller Welt? Muß das nicht den alten Vorwurf der » Inferiorität vernichten? , s Und inwiefern berührt die bloße Unterstützung eines f solches Planes irgendwo das deutsche Empfinden eines jj deutschen Juden oder das französische Empfinden eines j französischen Juden? Inwiefern tritt ein jüdisches Land - und Volk in Palästina den deutschen Interessen etwa zu! nahe? Die Pflicht, solche jüdischen Bestrebungen zu unterstütze», da sie doch seine deutschpatriotischen Pflichten nicht kreuzen, ertvächst dem deutschen Juden schon aus der Idee brüderlicher Solidarität, zu deren Betätigung - er übrigens bei allen christlichen Bekennern der Welt in die Schule gehen kann. Es ist m. E. keine patriotische Sünde zu verlangen, daß bei einein guten Juden die jüdischen Empfindungen allen andern mindestens die Wage halten.-) -) Der gesch. Schreiber scheint die Emanzipation der Juden als Inden für ein Phantom, für etwas Unmögliches zu halten, da fremde Rasse» verbunden mit fremder Konfession im christlichen Staate „hemmend wirken." Diese Ansicht vermögen wir nicht zu teilen. In einem Rechts staate können verschiedene Rassen und Konfessionen in völliger Harmonie und Eintracht leben. Die Frage ist nur: Wie gelangt man zum Rechtsstaat? Daß dies früher oder später kommen wird, glauben wir Juden als unverwüstliche Optimisten sicher, — und bis dahin müssen wir für unsere Rechte kämpfen. Darin find die Nationaljuden mit dein Centralverein einig. Worin sie sich unterscheiden, ist ein anderes: Die Ra- . tionaljuden wollen sich der Rechte wegen nichts vergeben. Der kleine Rabbiner.*) Der Gottesdienst tvar beendet. Ter Rabbiner bat den ersten Vorsitzenden der Gemeinde, ihn eine Strecke zu begleiten, da er einen lvichtigcn Gegenstand mit ihm zn besprechen habe. Ihnen zur Seite — aber voll den sich eifrig Unterhaltenden nicht bemerkt — schritt ein kleiner, fünfjähriger Junge, der Sohn des jüdischen Schuhmachers Gumpel Wertheiiner aus der Batzenstraße, ein für seine Jahre schwächliches, aber geistig sehr entwickeltes Kind. Das Gespräch war beendet. Der Vorsteher verabschiedete sich ehrerbietig von dein Rabbiner und bog rechts iil die Straße ein. Der Rabbiner ging geradewegs tveiter. Nun gctvührte er seinen stummen Begleiter. Freundlich fragte er ihir: „Nun, mein Sohn, was hast dir denn auf dem Herzen?" Drollig antwortete der Kleine: „Ich will mit dir gehen und möchte gern ganz bei dir bleiben. Ich will nämlich auch Rabbiner' werden." Der Rabbiner, dem diese Worte sehr gefielen, nahni den Knaben an der Hand und fragte weiter: „Werden denn deine Eltern dir die Erlaubnis geben, ganz' bei mir zn bleiben?" Schlagfertig antlvortete der Junge: „Ja, Herr Rabbiner, ich habe es meinen Eltern schon, gesagt, und sie haben nichts dagegen. Meine Eltern haben außer mir noch dreizehn Kinder, und meinem Vater fällt es sehr schwer, für alle zn sorgen. Bitte, laß mich innner bei dir sein! Ich kann ja jeden Tag meine Eltern und Geschwister besuchen." Der muntere Kerl mit seiner frühreifen, aber doch so kindlichen Redeweise, gefiel denk Rabbiner außerordentlich. Er nahm ihn niit nach Hanse, und im Einverständnis mit ferner Frau und mit der Einwilligung *) Aus „Erlebtes, Erzählungen für die Jugend und ihre Freunde von Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen." der Eltern des Knaben erfüllte er dessen Wunsch. Wie glücklich tvar nun der kleine Kerl! Der Rabbiner selbst hatte keine Kinder, und schon lange hatten er und seine Frau die Absicht gehegt, einen Jungen an Kindesstatt anzunehmen, waren aber bisher noch zu keinem festen Entschluß gekontmen. Um so freudiger begrüßten sie den Zufall, der ihnen kaum Zeit zur Ueberlegung ließ und sie gewissermaßen zn einer raschen Entscheidung drängte. Die Frau des Rabbiners' hatte den kleinen zutraulichen Knaben mit seinen klugen Augen und seinen rosigen Wangen bald in ihr Herz geschlossen und hätte ihn unk keinen Preis der Welt wieder hergcgeben. Unser kleiner Bursche hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als nach Hause zu laufen, um seinen Eltern von der freundlichen Atlfnahme zn berichten, die er bei dem Rabbiner gefunden. In dessen Hause, wo es bislang immer sehr ruhig zuging, wurde cs von nun an lebendiger. Manele, so hieß der Kleine, machte seinen Pflegeeltern viel Freude. Er war aber auch so treuherzig, anhänglich, dankbar, willig und gehorsam. Bald konnte er schon kleine Aufträge für den Rabbiner ausfnhren und sich auch dessen Frau gegenüber nützlich erweisen und erledigte die ihm ausgetragenen Arbeiten mit der größten Gewissenhaftigkeit. — Was er tat, tat er mit Lust und Liebe. Er beherzigte das schöne Sprichwort: „Lust und Liebe zum Ding, mach Muh' und Arbeit gering." — Maneles größte Freude war es, mit dem Rabbiner auszngehen. Da schritt er in so stolzer und würdiger Haltung neben diesenk her, als'' fühlte er sich schon als das, was er' werden wollte. Jede Gebärde des Rabbiners hatte er sich bald angeeignet. Da er dieses so niedlich und dabei so naturgetreu verstand, kleidete der Rabbiner ihn genau so, wie er sich zu kleiden pflegte. — Manele trug einen langen Mantel imd einen großen Hut mit breitem Rand. Im Hause sa man ihn mit einem kleinen runden Samtkäppchen, das nur den hinteren Teil seines Köpfchens bedeckte, eifrig seinen kleinen Pflichten obliegen. Es war an einem Mittag. Der Rabbiner wollte gerade sein gewohntes Mittagsschläfchen halten, da klingelte cs. Manele lies eiligst zur Tür und öffnete. Ein Bruder des Rabbiners war unerwartet gekommen. Er erstaunte, von einer solch kleinen, ihm unbekannteit Persönlichkeit enipfangen zn werden. Offeribar wußte er noch nichts von dein Verhältnis, in welchem der kleine Bursche zu seinem Bruder stand, und fragte vertvundert: „Was bist du denn für ein Kleiner?" Verlegen stand Manele da und wußte nicht, was er auf die Frage antworten sollte. Mit einem gewissen Selbstbewußsein sagte er endlich: „Ich bin der kleine Rabbiner." Mit schallendem Gelächter trat nun der Bruder in das Zimmer des Rabbiners und erzählte ihm alsbald die drollige Antlvort des Kleinen. Als nun auch noch die Frau des Rabbiners, die indessen zur Begrüßung des Schtvagers ins Zimmer getreten tvar, den allerliebsten Einfall ihres Pfleglings erfuhr, da stimmte auch sie in das Gelächter mit ein. Maneles Ausspruch ivurdc bald in der ganzen Stadt bekannt, und man nannte ihn von nun ab nicht anders als den kleinm Rabbiner. Er war in der ganzen Stadt imd darüber hinaus sehr bekannt, wozu auch seine eigentümliche Kleidung viel beitrug. Der kleine Rabbiner tvar sich seiner Würde aber auch voll und ganz bewußt. Das bewies er in seiner Haltung und seinem ganzen Tun und Treiben. Maneles Selbstbewußtsein, das er zur Schau trug, war jedoch nur kindlicher Natur, nicht etwa Hochmut und Dünkel; denn er war stets bescheiden und manierlich, nicht nur seinen Pflcgceltern, sondern allen Mitmenschen, insbesondere seinen Spielgenossen gegenüber. Der regen Phantasie des kleinen Rabbine.s entsprossen viele witzige, oft sogar geistreiche Einfälle, die heute noch m lebhafter Erinnerung stehen, und von denen hier einige folgen sollen. Jn^ der Synagoge hatte der Keine Rabbiner seinen Platz neben denr großen, und bei den Predigten paßte er besonders ans, sodaß er vieles mit ziemlicher Genauigkeit wiedergeben konnte. Er selbst übte sich schon frühzeitig im Predigen, indem er mit seinen Spielgefährten oft Gottesdienst spielte, wobei er als Prediger wirkte. (Schluß folgt.)