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Neue jüdische Presse · 1913-06-13 · Heft 23 (13.6.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 23 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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In einer seiner Unterhandlungen, die Theodor Herzl mit Baron Hirsch führte, suchte der große Philanthrop dem Schöpfer der nationalen Bewegung zu beweisen, daß ihre beiderseitigen Absichten schließlich auf dasselbe hinauslaufen, worauf Herzl ihm — beinahe erregt — zurief: „Was ich will, ist großzügige nationale Politik, was Sie tinn, ist lediglich humane Philanthropie." Seitdem sind über 15 Jahre verstrichen, seitdem hat Man in unzähligen Versammlungen und Büchern das Wesen der heutigen Judenfrage! tiefgründig zu erforschen gesucht, — und doch war es letzten Endes immer noch der Gegensatz von Assimilation und Nationalismus, der sich da wiederspiegelte. In der Philanthropie koMmt die Existenz einer Mischen Nation nicht zum Anspruch: Philanthropie bezeichnet Beziehungen zwischen einzelnen Individuen und Gruppen; ein ganzes Volk kann eb'enspwenig Philanthropie treiben, wie ihm mit Philanthropie geholfen werden kann. So schön und edel die jüdische Philanthropie auch sein mag, insofern sie ein Ausdruck des guten Herzens und des Wohltätigkeitssinnes ist, so sehr haftet ihr in ihrer Gesamtheit der entwürdigende Charakter unserer Golusexistenz an: Einzelne Juden helfen einzelnen Juden! Hierin ist nichts von wahrhaft nationalem Schaffen zu verspüren. Die Zersplitterung des jüdischen Volkes in viele einzelne Juden, diese Kardinalerscheinung der Assimilation, hat in der jüdischen Philanthropie ihren deutlichsten Ausdruck gefunden. Darum wird alle Philanthropie, so großzügig und edel sie auch sein Mag, niemals dem jüdischen Volke als solchem helfen können; dies wird einzig und allein die nationale Politik vermögen! * Welcher Unterschied zwischen jüdischer Philanthropie und jüdisch-nationaler Politik besteht, hat sich gerade in den letzten Aionaten wieder deMlich ge-! zeigt. Die Balkanwirren, die das Interesse Europas für so lange Zeit fast ganz auf sich kon-, zentriert haben, haben auch verschiedene jüdische Interessen berührt und die führenden Pürsönlich-- keiten des Judentums intensiv beschäftigt. Die Materielle Not der vielen durch den Krieg geschädigten Juden des Balkans, die Frage der rumänischen Juden, Las Problem Saloniki mit seiner jüdischen Majorität der Bevölkerung und manche andere Fragen standen ja in den letzten Monaten schier ununterbrochen im Mittelpunkt des öffentlichen jüdischeu Lebens. Man. muß zugeben: Die Führer der großen Mischen Organisationen haben lall diesen Fragen ihr lebhaftes Interesse zugewandt, haben sich redlich bemüht, ihren Brüdern auf dem Balkan beizn-! stehen, — aber was herausgekommen ist, ist doch nur sehr viel oder auch kläglich wenig. Je nachdem! Man es nimmt. Sehr viel vöM Standpunkt der jüdischen Philanthropie und kläglich wenig von dem der nationalen Politik. -Vielleicht niemals im letzten Jahrzehnt hat Ihtcnt den Mängel einer großzügigen nationalen Politik .so schmerzlich empfinden müssen wie jetzt. Welche glänzenden Gelegenheiten haben sich da nicht geboten, bei denen eine nationale Politik wahrhaft Großes, Bleibendes hätte leisten können. Greifen wir nur die zwei wichtigsten Punkte heraus! Zunächst die Frage der rumänischen I ud en. Wenig Mische Angelegenheiten haben schon seit langem die Aufmerksamkeit ganz Europas in so starkem Maße auf sich gelenkt wie gerade diese. In den Balkanwirren wurde sie wieder aufgerollt. Nun denke man sich eine Vertretung des ganzem jüdischen Volkes, die energisch und mutig in die Angelegenheit eingegriffen, die der Empörung des gesamten Judentums über den jahrzehntelangen Frevel, der an den rumänischen Juden begangen wird, den richtigen Ausdruck verliehen hätte, die an Jsie europäischen Staaten mit der energischen Forderung herangetreten wäre, diesem Zustand endlich ein Ende zu machen, — ist es nicht anzunehmen, daß ein solcher Schritt von Erfolg gekrönt worden wäre? Haben doch die im Vergleich zu einer solchen Aktion des gesamten Volkes nur unbedeutenden Bemühungen des Oberrabbiners Ehrenpreis und der italienischen Gemeinden bereits den Erfolg erzielt, daß in den von Rumänien neu erworbenen Gebieten den Juden volle Gleichberechtigung zugesichert wurde. Statt einer solchen Aktion aber, die stolz und erfolgreich gewesen wäre, die die Lage der rumänischen Juden für immer gebessert, das Ansehen der gesamten Judenheit aber unendlich gehoben hätte, — was geschah? Man sandte eine Kommission nach dem Balkan, um die Spendenverteilung an die materiell ruinierten Balkanjuden zu organi-, sieren. Gewiß, eine sehr schöne Sache, ein erneuter Beweis für das gute jüdische Herz. Aber im Vergleich zu der großzügigen politischen Aktion wie klein! Jener politische Schritt hätte eine Besserung der Lage des gesamten Volkes zur Folge gehabt, diese philanthropische Aktion hat einigen tausenden einzelnen Juden für kurze Zeit materielle Hilfe gebracht. Jenes wäre großzügige nationale Politik gewesen, dies ist kleine humane Philanthropie geblieben. Und dann die zweite große Frage, die uns Juden so intensiv berührt: Saloniki. Eine mächtige, blühende Handelsstadt, deren Bevölkerungs- Majorität jüdisch ist. Von den verschiedensten Seiten ist der Vorschlag gemacht worden, Saloniki zu einer Freistadt zu machen mit jüdischer Selbst-, Verwaltung. Und nun denke Man sich wieder eine Aktion der gesamten Judenheit zugunsten dieses Vorschlages. Liegt auch hier nicht die Wahrscheinlichfeit vor, daß sie von Erfolg gekrönt worden wäre? War doch die politische Situation einem derartigen Erfolge durchaus günstig. Bulgarien hat lange Zeit sich geweigert, Saloniki den Griechen abzutreten, auch manche Großmacht sieht es nicht gern, daß diese mächtige Stadt Griechenland zufällt, — wäre es da nicht bei einem energischen Auftreten einer jüdischen Volksvertretung sehr möglich gewesen, diese Lösung der Schwierigkeiten durchzusetzen? Und man bedenke, was es bedeutet hätte. Eine der mächtigsten, reichsten Städte Südeuropäs jüdische Freistadt! Zum ersten Mal wieder ein jüdisches Territorium, — welche glänzende Zufluchtsstätte für so viele jüdische Auswanderer des Ostens. Zugleich welche Erhöhung des jüdischen Ansehens! Was geschah statt dessen? Einmal wieder die übliche Spendenverteilüng. und sodann — der tragikomische Zankzwi schen Ober rabb iner Dr. Ehrenpreis-Sofia und Rabbi Meir-Saloniki. Dr. Ehrenpreis erklärt, daß die Juden Salonikis nur unter bulgarischer Herrschaft glücklich werden leben können, und Rabbi Meir protestiert dagegen ganz entrüstet und verkündet, daß die Juden Salonikis sich unter der trefflichen griechischen Verwaltung sehr glücklich fühlen. Wenn Bulgarien und Griechenland sich um Saloniki zanken, wer soll den Streit ausfechten, wenn nicht die Rabbiner beider Länder, sie, die doch die Berufenen wären, die wirklich Mischen Forderungen zu vertreten? Wahrhaft, ein netter Witz, wenn er nicht so furchtbar traurig wäre. So ist denn, der ganze Balkankrieg bereits vorbei, ohne daß wir Juden irgendwie daran gedacht hätten, bei dem Wettstreit der Völker, der sich dabei entspannen hat, auch nur schüchtern unsere Forderungen geltend zu machen. Der mutige Brief Max Nord aus an die Times war alles, was an wahrhaft jüdischer Politik in dieser ganzen Krisis unternommen wurde, aber was konnte ein Brief eines einzelnen ausrichten, wenn er ohne jegliche Unterstützung blieb. Wie arm sind wir Juden doch. Die Polittk aller europäischen Nationen besorgen wir in der Preffe und im öffentlichen Leben, und wo es sich darum handelt, das mindeste in unserem eigenen Interesse zu unternehmen, da findet sich kein einziger, der fähig und gewillt wäre, nattonale Polittk zu treiben. Und was statt dessen dann heraus kommt, ist wohl gutgemeinte, aber dennoch bedeutungslose humane Philanthropie! Aus de« Ereignisse« des Tages. 1. Die Sinnesänderung der Alliance bezüglich Palästina. Herr Jacques Bi gart, der allmächttge Generalsekretär der „Alliance Jsraslite Universelle"", hat gesprochen! Und siehe! Nicht etwa vor jüdischen Notabeln in einer Wahlängelegenheit. Nein, Wahlreden sind Gottlob überflüssig geworden, wird doch nach dem Staatsstreich in der Alliance die Leitung einfach ernannt. Doch Herr Jacques Bigart sprach — man höre und staune: vor polnischen „Schnorrern", vor eingewanderten „Pollacken", in der sogenannten Volksuniversität des Pariser Ghetto! Er sprach — nein, er beichtete öffentlich, er klopfte! an seine Brust: „al cheet", daß er, — dies will heißen: die „Alliance"— sich an dem Land unserer Väter, an dem heiß „geliebten" Palästina, versündigt habe, indem er — die Alliance — ihm den Rücken gekehrt habe, sträflich gekehrt, trotz der anfänglichen großen Zuneigung der Alliance für Palästina. War doch die Alliance die erste am Platze, als es galt, Palästina für die Juden urbar zu machen! Die Alliance war es, die die schon dem Namen nach viel verheißende Schule „Mikwe Israel" (die Hoffnung Israels) gegründet hat. Und nun, beteuerte Herr Bigart, soll es anders werden! Die Mliance bekennt ihren Irrtum und ist gewillt, ihre Fehler gut zu Machen, sie wlll ihre Aufmerksamkeit Palästina zuwenden und ihm tatkräftig aufhelfen! So sprach Herr Jacques Bigart, dem Palästina bis vor kurzem ein Dorn im Auge war, und der alles tat, um Palästina zu entvölkern und die Aktion der Zionisten zu inhibieren! Und Loch liegt es uns fern, die dargebotene Hand zurückzuweisen. Wir sind die letzten, die einem Reuigen den Weg zur Besserung versperren möchten! Wir wären glücklich, wollte die Alliance ihr schweres Vergehen gegenüber Palästina aufrichtig gut machen! Und wir wären die ersten, die ihr für diese ihre Tat Beifall zoll-.

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