Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' Nr. 22 : IDccorationsblumen Arrangements für Festlichkeiten gesehmackvollst und billiget.- Krankfurter Kunstblumenu. Kranzfabrik Wolscliendorff & Meissner 88 Töngesgasse 38. „Wenn mich der Herr Bürgermeister einsperren will," antwortete Perez grolieud,^ „brauche ich mir das gefallen zu lassen? Weiß er doch selbst nicht warum." ■ „Genug, genug!" winkte der Amtsrichter. „Tilmaun, sprechen Sie weiter!" „Na," sagte Tilmann, „da ging ich mittags in den Wald, Holz roden, imt> da habe ich - den Perez mit der Pelagia ganz oben an der Chaussee gehen sehen." „Was Tilmann alles sieht!" rief Perez mit einer verzweifelten Anstrengung, voll Tilmann verächtlich zu reden, „er weiß viel, ob ich mit der Pelagia oder Petruschka gegangen bin." . «Ich werde wohl die Pelagia kennen!" sprach Ti> mann gekränkt, „ich habe sie und 'Dich ganz deutlich gesehen, 'Du hast ihr ja noch Geld. gegeben, und sie hat so geweint und Dich geküßt!" Alle Anwesenden fuhren erstaunt zurück. Lee Büv- ' germeister schlug die Hände über dem Kopf zusammen. -„Nein, so was! so was!"" Er selbst hatte ja gar nicht an die .Wahrheit seiner Anklage geglaubt, und nun .mußte er hier unvermutet die Bestä.igung seiner eignen Worte hören . . . „Herr Amtsrichter," rief scr, die klugen gegen Himmel richtend, „was sagen Sie dazu?! Dieser Perez!" „Du hast mich also belogen," donnerte der Amtsrichter erzürnt, „schämst Du Dich nicht, mich zu hintergehen?" „Ich, weiß von nichts," stamwelte Perez, an allen Gliedern zitternd, ' „der Tilmann muß falsch gesehen haben, — es war vielleicht ein anderes Mädchen!"; „Ein anderes Mädchen!" erwiderte der Amtsrichter sv.rächtlich. ,sDu sichst, w.hin das Lugen führt. Und - jetzt rate ich Dir An letztes Mal, ohne Rückhalt, sage die Wahrheit! Wie kamst Du Sonnabend nachts an den Kiwitzabach? Wer hat den Julek umgebracht:" Perez seufzte tief auf; nun war es wieder da, das Furchtbare. „Ich kann nichts weiter sagen," murmelte er be zweifelt, „machen Sie mit mir, was Sie wollen!" Dem Amtsrichter schwoll die Stirnader vor Zorn, er wollte dem Verstockten etwas recht Niederschmeitterndes entgegenschleudern, besann sich aber und sagte kalt: ,-Quitte, führen Sie den Mann ins Gefängn's" „Sehr wohl, Herr Amts.ichter. Marsch, komm!" Perez gehorchte willenlos. An dcr Tür wandte er sich noch einmal um; seine irrenden Augen sachten einen Trost und blieben schließlich auf Ph'lipps Antlitz haften. Philipp hätte dem Unglücklichen gern ein freundliches Wort gesagt, aber zu hoch stand ihm die Subordination und Achtung vor dem Vorgesetzten, ec wagte es nicht. Da ging die Tür zum Speisezimmer auf, Frau Christine erschien auf dcr Schwelle und lächelte Pe ez freundlich zu. „Adieu, Perez, gehen Sie getrost," sagte sie sanft, „ich werde Ihrer Mutter Ihre Grüße bringen." Laut aufweinend wankte Perez hinaus, gefolgt von dem Gendarmen. Es litt den Bürgermeister nicht länger in dem Raum, er nmßte hinaus: nur durch seinen Mund sollte Zladno hie große Neuigkeit erfahren; am liebsten hätte er Tilmann, der mit vielen Kratzfüßen sich gleichfalls davon machte, einen Eid auf unverbrüchliches-Schweigen abgenommen. Allein mit ihrem Gatten und Philipp, war es mit Christinens Zurückhaltung . zu Ende. „Da habt Ihr etwas Schönes angestellt," begann sie ohne Scheu und blickte vorwurfsvoll zürnend auf den Amtsrichter wie den Referendar. „Redet dem armen Juden so lange ein Verbrechen an den Hals, bis er selber glaubt, er habe es begangen, um rhu schließlich für nichts und wieder rlichts einsperren zu lassen." „Bist 'Du seiner Unschuld so sicher?" fragte der Amtsrichter. . ' * „Glaubst Du doch selbst nicht an seine Schuld!" rief Christine, rot vor Eifer. Müller schritt dröhnend im Zimmer auf und ab, warf sich dann wuchtig in einen Lehnstuhl und sah FranHurter JsraeWsches Famigenblatt. __ mit schier herausfordernder Ueberlegenheit auf seine Frau. „Freilich, niemand kann über seinen Schatten springew Du bist ein Weib, Christine, doch so weibisch und unvernünftig habe ich Dich all Tein Lebtag nicht reden hören. Mit Deinem Gefühl, Deinen persönlichen Sympathien und Deiner subjektiven Meinung dünkst Du Dir, alles getan zu haben. Du besitzest nicht eine Spur von Rechtsbewußtfein und wirst niemals welches erlangen . . . Glauben! Ein Richter hat -nichts zu glauben, — er hat sich über den Tatbestand zu unterrichten, hat zu prüfen und . . ." Die junge Frau hörte mit halbem Ohr. „Philipp," unterbrach sie jäh ihren Gatten, „halten Sie Perez fiir schuldig?" „Keineswegs für unverdächtig." „Natürlich! Sie auch! Es scheint, daß man, um Jurist zu tverden, erst seinen gesunden Menschenverstand ad acta legen musst Aber ich schwöre, daß ich die Unschuld des armen Narren an den Tag bringen werde." . _ „Genug! Genug!" Der Amtsrichter sprang auf und klopfte seiner Frau begütigend die erhitzten Wangen. „Die Sache wird mir zu groß, gehen wir zum Abendessen über! . . . Don Philipp, gib unserer angenehmen Wirtin de» Arm! Und Du, Liebste, bemühe Dich, Dir eine weniger pathetische Miene abzuringen! Wir werden von jener fatalen Angelegenst kt d.s Verdrießlichen noch zu viel erfahren" . . . Der Amtsrichter schritt ins Speisezimmer voran, Philipp .folgte mit Christine. Er fühlte, wie sie an seinem Arme heftig zitterte. 0s que la femme veut. Bald nach dem Abendessen erhob sich Christine; sie bitte Gast und Gemahl herzlich um Entschuldigung, sie müsse ausgehen, nach der verwmrdeten Nelly zn sehen. Der Amtsrichter fragte: „He, Philipp, wollen wir meine Frau begleiten?" „Danke, auf Dein Geleit verzichte ich. Dagegen wenn Herr Hirschthal mitzugehen Lust verspürt . ." Philipp sprang dienstbeflissen auf, Müller aber lehnte sich um so behaglicher in dem großen Polsterstuhl zurück und betrachtete seine Frau mit komischer Bestürzung: „Du verurteilst mich also zur Einzelhaft?" „Ich wünschte, ich hätte zu urteilen, .... dann solltest Du was erleben!" (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fltsu. Plncenez Donbld Mk. 7.5V, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Neue Mainzarstrasse. Das Prehbnrger Ghetto. Dem „Pester Lloyd" sei aus einer Schilderung Tr. I. Straßers folgendes entnommen: Sie hieß eigentlich nicht Schloßgrundgasse, sie hieß auch nicht Judengasse, sie hieß schlechthin „die Gasse", denn nie nannte sie der Ghettobewohner anders. Bon dem zierlichen Bifflischen Häuschen, einem wundersamen Gemisch deutscher Renaissance und späten Rokokos, schauen heute die zwei mit Blumenreliefs zart umwobencn Giebelfenster wie trauernd auf die Sandslächen des Fischplatzes hinunter. „Die. Ga's'" ist überhaupt keine Gasse mehr. Die Gäßchen und Gassen, die an ihrer Seite deii Berg hinanlaufen, streuen, wie Hände des Verzweifelten, Asche auf ihr betrübtes Haupt, und ihre Bewohner, ärmste, ringende Juden, rufen es, jeder ein Jeremias, klagend: „Siehe, die Stadt!" . . . ... Es gilt 'Abschied nehmen von Menschen und Stätten. Kahl ragen die Schornsteine aus dem Gebälk des riesenhaften Nesterhauses empor, eines Massenquartiers, das hunderte Familien, die doch wieder eine traute Familie bildeten, beherbergte. Hier oben, .auf dem gelbgetünchten Gange des sechs Stock hohen Hofes, wo jetzt Schutt und Asche lagert, lebte im Dunkel der Einsamkeit der mysteriöse Gottesmann, denr in stillen Nächten der Herr der Heerscharen sein Ohr neigte. In Fällen tätlicher Gefahr führte der letzte Weg zu dem geheimnisvollen Manne, damit er denr Sterbenden noch Genesung erbete. Aus diesem Hofe zog auch der alte Wolf Freitag morgens auf den Fischma-.kt, von wo er im roten Schnupftuch den Siechen fette Karpfen in das Ve.sorgungshaus trug, das er ■ den Armen seiner Gememde mit reichen Opfern gestiftet hatte. Von dem Gang, dessen Gitter jetzt bodenlos in die Tiefe hängen, lachte» die Hellen Augen der drei schön- Eefte 5. sten Mädchen des Ghettos, ein „jüdischer Frühling", in die Welt. Sie mußten den Gatten im äußersten Nordosten des Landes wählen, denn das Ghetto hatte keinen Mann, der den hohen Frömmigkeitsansprüchen des glaubensstarken Vaters genügt hätte. Und hier, an diesem vergitterten Fenster auf der breiten Stiege, vor dem jetzt ein Militärkordou aufgestellt ist, saß achtzehn Jahre lang im Lehnstuhl ein in Redlichkeit ergrauter Hüter der Lehre, ohne mit seinem Weibe ein Wort zu wechseln, weil dieses ihn bewegen wollte, weltlichem Reichtum die Lehre zn beugen. Er starb wie Leo Tolstoi mtt dem lauten Bekenntnis zur selbstlosen Hingebung für das Wort Gottes auf den Lippen. Andenken, deren Heim in Schutt und Asche liegt. In der Toreinfahrt der „Jeschiwa" liegen die alten Messingleuchter und Lüster auf dem Boden. Der Rauch hat die Blender geschwärzt. Die Eisenstäbe vor dem Stankmhcim der Rabbinerdynastie hängen lose von de» Gängen in den .Hof. 'Die Treppenreihen des großen Hörsaales .sind über und über mit Schutt bedeckt. Die wcitgeöffnete heilige 'Lade ist leer. Die Talmudisten haben die Thorarollen gerettet. Der Geist, der hier in lauten Kämpfen und in stillen Palastreookten das Banner der Orthodoxie im Streite gegen die Neuerung unentwegt hochgehalten hat, ließ die heiligen Schriften nicht untergehen. Steinmassen, Eisenstücke, Kleiderfetzen, Möbelt dümmer bedecken den weitgestreckten Hof des fürchterlich leergebrannten Zsigrayhauses, völlig ausgebrannt wankt das große Sonnenfeldsche Haus zur schlammigen Erde. Wo ist „das starte Männlein", das hier in einer hohen, weißen Halsbinde, wie sic ans dem Goctheportrat Stielers zu sehen ist, im schwarzen Leibrock, eine antiquiert-groteske Karrikatur verflossener Salonlöweaschast, dem uneleganten Geschäft des Verkaufes alter Flaschen oblag? Auf dem Höhepunkt der Gasse beginnen Pioniere mit der Abtragung eines zusammenbrechenden Speisehauses. Es ist das Heim jenes einäugigen Frommen, der sich, ein Muster seiner Jünger, täglich eine Stunde betend und büßend im Vergessen übte, weil ihn eitle Neugierde einst bewogen hatte, den „Don Carlos" Friedrich Schillers zn lesen. Und wo sind die Kinder, die im wetten Edelhof unter den Akazien mit Nüssen spielten? Der Hof ist zerstört, die Akazien sind zerhackt und verbrannt. Und auf den „Stiegen" des Schulhofes, wo ernst ein jauchzendes Kinderregimenr in die Gaffe hinabjagte, liegt rauchendes Gebälk, steigt der dünne, weiße Ranch zum hellblauen 'Abendhimmel. a D m Linoleum einfarbig braun, Ia Qual. 3,6 mm Bei grösseren Quinten Extraofferten. G. Kupsehß Frankfurt a. M., Altegasse 27/29. - — — --= Ringfraie Tapetenindostri*. : ■ Kaiser Friedrieh Quelle — ■. Ottenbach a. L - Gegen Gicht and Bbenuflamu bewährt. AU einiger General -Vertreter: FVIsdrlob Stahl* Frankfurt a. X., Güntherabarg-AUee 37. Tel.259 u. 714. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnacb.) Samstag, den 7. Juni l— 2 Siwan.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 55 Mim Sabbat-AuSgang in Frankstrrt a. M. 9 Uhr 30 Min. in Berlin 9 Uhr 23 Min. ■ Wochenabschnitt: N o s a u. — Die Dienste der Leviten beim Tragen der Stiftshütte. als diese zum Wetterziehen abgebrochen wurde. Das Dienstalter der Leviten ist vom 30. bis zum 50. Lebensjahre bestimmt. — Aussätzige und andere „Unreine" sollen außerhalb des Lagers bleiben. — Wer „Untreue" begeht an den Heiligtümern Gottes, hat Ersatz zu leisten und ein Sühnopfer zu bringen. — Verfahren gegen das treulose Ehe^ weib. — Der „N'asir" oder Enthaltsame. Gott zn Ehren meidet er Weingenuß oder sonstiges berauschendes Getränk, läßt sein Haar frei wachsen und berührt keinen Toten. Das R'asirgelübdc kann sich auf Jahre hinaus erstrecken, mindestens aber aus 30 Tage. Wird die Nafirperiode durch Berührung einer Leiche unterbrochen, so verfällt die bereits beobachtete Zeit. Der Räsir schert sich, bringt ein Opfer. Beides auch mit einiger Abänderung am Schlüsse der regelrecht verlaufenen Enthaltsamkeüsperiode. (N'ach dem Talmud ist ein Nasirgelübde überhaupt nicht löblich!) — Die Pflicht des Priestersegens. — Den Schluß der Sidra bildet die Aufzählung der Einweihungsopser der. «stiftshütte. Freitag . abend (6. Juni) — 46. Omer Samstag (7. „ ) 47. «onnmg „ (8. ) 48. „ Montag „ (9. „ ) 49. „