Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. ^ransturtir ZsraeWUev. FamilieMM. Leite. 11. „Was erwarte» wir von unserer Jugend?" Drei Forderungen stellte der Redner für die Jugend der Agudas Jisrocl auf: Wille znr Pflicht, Wissen und Tatkraft. Jedes Volk hat eine Besonderheit, die es zur Geltung bringen will. Uns Juden ist diese Besonderheit von jeher der Wille zur Pflicht, die Mtzwoh, gewesen. Wir erfüllen unsere Aufgaben als Juden nicht, weil sie uns angenehm sind, sondern weil.sie uns Pflicht sind. Nur dieses Pflichtbewußtsein ist es gewesen, das uns zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen unseren Aufgaben hat treu bleiben lassen und daher unser Judentum erhalten hat. Die zweite Forderung Tautet Wissen. Das Wissen unserer Zeit ist meist gegen die Anschauungen unseres Judentums gerichtet; mögen wir dieses Wissen in den Lehrzimmer» der Schulen und in den Hörsälen der Universitäten oder bei unserer Lektüre in uns anfnehmen. Mer das Wissen des Judentums ist ja auch ganz anders geartet! Alle Wissenschaft zerstört das Vorhergehende, um immer wieder neu aufzubauen; — im jüdischen Wissen wird das Vorhandene gestützt, mit der fortschreitenden Zeit immer von neuen Gesichtspunkten zu verstehen gesucht; nur ' so ist die Methodik von jeher beim Lernen in unserem Schrifttum gewesen. Wir kennen iin Hebräischen nicht die Begriffe Religion (Ehrfurcht) und Glauben, sondern unser Begriff Emunoh heißt Ueberzeugung. Es ist gut, wenn wir stolz auf unser Wissen als Juden, auf unser Judentum sind; es würde auch nichts schaden, wenn wir nur Lichtseiten in ihm sehen würden; befolgen wir damit doch nur das Gebot: „Ehre Vater und Mutter," denn das Judentum ist uns Vater und Mutter. Wille zur Pflicht Und Wissen nützen nichts, wenn sich nicht als dritter im Bunde die Tatkraft zugesellt. Die Tat hat stets im Judentum als das höchste gegolten. Die Tat allein ist es, die die gesetzestreue Judcnheit stark machen kan», deshalb ward die Agudas Jisrvel gegründet. Der Redner schloß unter stürmischem Beifall. Bei der Eröffnung des Abends hatte der Vorsitzende, Leopold Perl m u t t c r, in warmen Worten des Heimgegangenen Herrn Dr. Israel Roos s. A. 'gedacht. Wandergruppe des Vereins „Moutefiore Am 1. Juni zog die „Wandergruppe" unter der bewährten Führung des Herrn I. B. Lev y in den Spessart. Von Langenselbold aus marschierten die sehr zahlreich erschienenen Damen und Herren nach Alzenau, besichtigten dort die Synagoge und gingen sodann in flottem Wandertempo über den Hahnenkamm bis nach Hemsbach, wo abgekocht tvurde. Ohne auf Hitze und Ziegen zn achten, zog mau dann bis nach Dettingen, wo „Einkehr gehalten" tvurde, um schließlich die Heimfahrt anzutreten, im Bewußtsein, einen herrlichen Tag verlebt zu haben, und in der Ueberzeugung, daß der „Moutefiore" mit der Einrichtung der gemeinsamen Ausflüge einen nicht genug zu schätzenden Faktor auf dem Gebiet der körperlichen Kräftigung der jüdischen-Jugend geschaffen hat. Unsere Heranwachsende Generation sollte sich freuen, daß ihr in diesem Verein Gelegenheit gegeben tvird, den religiösen Feiertag durch geistige Genüsse und den bürgerlichen Ruhetag durch körperliche Erholung in gleichgesinnter, jüdisch-fühlendcr Umgebung würdig zu verleben. Möge sie recht häufig davon Gebrauch machen! Sonntag, den 8. Juni, Morgens: Tour: Oberursel, Hohe Mark, Weiße Mauer, Altkönig, Eronbcrch Leiter: K. Feist, F. Sulzbachcr. Abfahrt Hauptbahnhof 7 Uhr. Mittags. Leiter I. Kahn, S. Posen. Abfahrt 225 Uhr Hanptbahnhof: Cronberg; Altkönig, Bürgelkopf, Eronbcrg. Eingesandt. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie, mir bezüglich einiger hier bestehender Mißstände die Spalten Ihres geschätzten Blattes öffnen zu wollen. 1. Es ist sehr häufig als ein Mißstand empfunden worden, daß im R o t h s ch i l d - S p i t a l auf dem Röderbergweg kein Arzt oder wenigstens Assistenzarzt wohnt, wie es sonst in sämtlichen hiesigen Spitälern selbstverständlich ist. Es sind schon mitunter Fälle vorgekommen, wo die sofortige Anwesenheit eines Arztes gut gewesen tväre. Die vorzüglich geschulten Schwestern können doch nur bis zu einem gewissen Grade selbständig handeln, und besonders des Nachts kann die Abwesenheit eines Arztes recht unangenehm sein. 2. Im Gegensatz zu den anderen Spitälern werden bei dem Rothschild-Spital — wenn nicht eine ansteckende Krankheit vorlag oder mehrere Todesfälle sind — die Beerdigungen vom Leichenhaus des Spitals aus vorgenommen. - In Rücksicht auf die Kranken, wäre es doch Wohl geboten, die Beerdigungen stets vom Friedhof aus vornehmen zu lassen. W ist doch für die Kranken aufregend, wenn sie eine Beerdigung mit allem, was drum und dran ist, sehen und hören. Es ist auch zu berücksichtigen, daß die großen Entfernungen heute eine Beerdigung vom Friedhof aus verlangen, da sonst die Geschäftsleute einen zu großen Zeitverlust haben. Bemerkt sei auch, daß das Leichenhaus des Rothschild-Spitals zu klein, ist, als daß die Taharoh gut vörgenommen werden kann. Auch ist im Sommer ein Leichenhaus; aus hygienischen, Gründen nicht wünschenswerte ' ’ 8. Dse Einrichtungen auf dem Friedhof der R e l i g i o n s g e s e l l s ch a s t sind noch sehr. primitiv. So fehlt eine Wasserleitung, und das Wasser muß in Zubern herbeigeschleppt werden, im Winter besonders eine nicht grade angenehme Arbeit. Auch holt man sich' bei dem nicht bedeckten Steinboden, wenn iin Winter ein Hesped gehalten wird, kalte Füße. Das Geld für eine bessere Einrichtung ist doch längst vorhanden! 4. In dem Vorraum der Religiousgcsellsch a f t - S y n a g o g e hängt eine Bekanntmachung des Inhalts, daß das- Publikum sich nicht auf dem Trottoir und Fußweg vor der Synagoge aufhalten möge. Trotz des auspassenden Polizisten stehen aber ans Trottoir und Fnßtveg besonders junge Leute, und man hat mitunter den Eindruck eines Rendezvous. ES entspricht das doch nicht der Würde, auf die sonst so viel in der Religionsgesellschaft gehalten tvird. Ich bitte den löblichen Vorstand und den Herrn Rabbiner, endlich ein Machtwort zu sprechen. ü. Zu Zeiten unseres Rabbiners Hirsch s. A. hat man Samstag abend stets warten müssen, bis mit Beginn der Nacht Licht augezündet tvurde. Jetzt brennen an verschiedenen Stellen der Synagoge die elektrischen Lampen durch, und es wird so eine große Geldvergeudung verursacht. Warum? Derech hamelech. Bevor man - diesen Sommer seinen Kuraufenthalt wählt, möchte ' ich den verehrten Lesern und Leserinnen über Freudenstadt folgendes öjfentlich unterbreiten. Nachdem das dortige jüdische Hotel Kalb iin letzten Spätjahr eingegangen ist, entschloß ich mich, am dortigen Platze ein jüdisches Hotel-Restaurant zu eröffnen. Zu diesem Zwecke mietete ich mir eine größere Billa, die ich umbauen und modern einrichten wollte. Ich suchte dafür inr Februar d. I. um Konzession nach llnd tvurde diese, ohne tvcitcre Begründung, vom dortige» Gemcindcrat mit 8 gegen 3 Stimmen abschlägig beschieden, und zwar nur deshalb, weil kein Bedürfnis vorläge. Hierauf ging das Gesuch an den Bezirksrat tveiter, und dieser schloß sich einstimmig dem Gcmeinderatsbeschluß au, indem er ebenfalls die Bcdürfuisfrage verneinte. Dagegen wollte mir derselbe unter folgenden Bedingungen den Betrieb einer Pension genehmigen: Alle denen, die bei mir wohnen, und für die ich außerdem noch Zimiuer miete, dürfte Trank und Speise verabfolgt werden. Allen übrigen jedoch diesen Platz besuchenden Glaubensgenossen, dürfte nichts verabreicht werden. Ich gab dann das Gesuch der Kgl. Krcisregierung in Reutlingen weiter, mußte es jedoch, da die Saison immer weiter herannahte, auf Veranlassung der Eigentümerinnen, bei denen ich gemietet hatte, zurück-» ziehen, da es sür sie und sür mich zu eröffnen zu spät geworden wäre. Rach allem, was ich hiermit schildere, können Sie deutlich genug herauslesen, wie gerne man am dortigen Platze unsere Glaubensgenossen sieht, denn sonst hätte sich eine Behörde zu einem solchen Bescheid nicht herbeilassen können. Es wäre daher am Platze, bei der Wahl seines Sommeraufeuthaltcs in Erwägung zu ziehen, nur dahin zu gehe», wo ihm Gelegenheit'geboten ist, seinen rituellen Bedürfnisse» entsprechend leben zn können. M. O. in K- Baute Chronik. Zählen und Rechnen in der Thora. Rach einem Vortrag von Dr. F. E t t l i» g c r im „Montefivre"-Vercin, Frankfurt a. M. Die Zahlenreihe entwickelt sich mit steigender Kultur. Wie die Kinder aufangs nur bis etwa 10 zählen köuueu und ihnen alles andere als „viel" erscheint, später aber dieser Begriff „viel" immer', weiter hinausrückt, so geht es auch in der Geschichte der Völker. Auf Grund vergleichender Sprachstudien kann man z. B. Nachweisen, daß die Jndogermaneu vor ihrer Zersplitterung nur bis 100, nicht aber bis 1000 zählen konnten. Das Wort „clcph" ist vermutlich ursprünglich kein Zahlwort, sondern ein Massenbegrisf gewesen. Sicher gilt dies — nach seiner Etymologie und seinem Gebrauch in der Thora — von dem Wort „revovo". Dies läßt mithin eine Zeit erkennen, in der man noch nicht bis 10 000 zählte, in der derartige Mengen noch als „viel" erschienen. Im Augenblick der Niederschrift der Thora muß man bereits weiter gewesen sein, da in ihr bereits 3 Zahlen über 600 000 Vorkommen. Andrerseits muß der Begriff 1000 000 mindestens noch ungebräuchlich gewesen sein, da eile besonderes Wort hierfür inr Hebräischen fehlt. Die Begriffe „Million, Trillion, Milliarde" usw. sind erst in der Neuzeit entstaudeu. Die Möglichkeit hohe Zahlen formal darznstellen, ist heute unbegrenzt, nicht dagegen die Möglichkeit, hohe Zahlen innerlich zu begreifen. Aus diesem Widerspruch sind Hilfsbegriffe'wie das „Lichtjahr" zu verstehen. Neben deu ganzen Zahlen kennt die Thora noch Brüche, jedoch nur: i/a, V;i, Vi» Vs und Zehntelbrüche. Brüche mit hohen Nennern konnten — wie aus verschiedenen Stellen der Thora hervorgeht — noch nicht gebildet werden. Man hals sich dann mit Umschreibungen. Die Zahlen ordn ung ist — wie bei allen Semiten — das reine Dezimal (10er-)system. Die säst bei allen Völkern auftretende Neigung, die Zahlenreihe in 10er Stufen cinzuteilen, ist darauf zurückznsühren, daß man auf . primitiver Kulturstufe an den Fingern rechnet. Die Zahlbezeichnungen des Hebräischen sind reiner aus dem Dezimalsystem aufgcbant als etwa die des Deutschen oder Französischen. , Was die 4 Grundrechnungsarten anbetrifft, ]o befand sich die Addition, "wie die Zusammenzählung der Stämme Israels zeigt, auf einer erstaunlichen Höhe, wenn man bedenkt, daß damals nicht nur unser heutiges arabischindisches Zissernsystem, sondern auch der Gebrauch der hebräischen Buchstaben als Ziffern unbekannt war. Die Multiplikation war mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein schrittweises Addieren. Die Division wurde durch Auszählen vorgenommen: (wajikach echod min. . .)- Neben dem religiösen Werte der Thora, der natürlich stets in erster Linie zu betonen ist, darf ihr kulturhistorischer Wert nicht vergessen werden. Die Zähl-, Zahlordnungs- und Rechenarten, die wir heute gedankenlos und wie selbstverständlich benutzen, stellen die Kulturarbeit von Jahrtausenden dar. Spenden. Aus Büchsenleeruugeu (vorgenommen von Fräulein N. Joseph) gingen sür den Jüdischen Nationalfonds ein: S. I. 3,88 Jk Leopold Oppenheimer 3,10 „ Gustav Rapp o, M Sänger n. Friedberg Max Wolpe (*50# 1,40. „ Michael Fräulein Hedwig Wohlsarth 3,— „ 6,— „ S. Levita 13,11 „ Nathan Liebes - 4,36 „ N. Sondheimcr 22,10/„ N. N. 1,55 „ : Karl Rosenheimer 5,05 „ Posen 1—„ L. P. P. 2,40 „ Jsaac Goldschmidt 1,44 „ A. Paradies 5,—' , Freudenstein 5,05 „ Fritz Svndheimer 21,90 , A. Sckafser •>,62 „ Ehrlich 0,31 „ Wolf o, 1 „ I. Weil . ' 1 - „ Sulzbacher IM „ N. stk. 0.32 „ R. R.. 0,79 „ Hamburger 13,01 „ Meyer 2,17 „ Stiesel 0,37 „ Ans den von Herrn Wolpert vorgenommenen Büchsenleerungen : Dorfzaun X 2071 3,84 Jk Ginsburg X 1176 0,28 „ Grünblatt 0 718 3,60 „ Kulp X 760 2 43 Wolpert X 1174 i&O Kohn X 1175 1,40 „ Grünebaum D 806 - 2,60 „ Dr. Horovitz X 781 1,24 „ Goitein D 593 1,31 ,. Lipinsky X 754 6,65 „ Bär X 729 5,54 „ Ettlingei: X 691 - 3,1t „ Dr. Fiebermann X 759 0,50 „ Israelitisches Familienblatt 642 Brnmlik X 727 1,70 „ 0,50 ,, Aus dem Spendenbuch des Jüdischen Nation also uds der Frankfurter Zionistischen -Ortsgruppe: ' , Jsaac L. Goldschmidt u. Frau bei Geburt ihres Enkels 10,— Jk Frau Leopold Hamburger bei der Geburt des ersten Urenkels 10,— >, Knust und Literatur. Volkstünrliche Erzählungen von I. L. Perez (Aus der Sammlung „Vom alten Stamm.") Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Acher. 2 Jk, geh. 3 Jk Berlin, Jüdischer Verlag. Perez ist ein Künstler von hervorragenden Qualitäten. Er ist einer der unseren, deren Schaffen einen Platz'in der Weltliteratur beanspruchen darf. Doch noch ein zweites gibt ihm hierzu ein Anrecht: cs ist die Welt, die seine Feder malt und vor dem Bergessenwerden bewahrt. Bor mir liegen seine „Volkstümlichen Erzählungen." Legenden und Sagen, wie sie in chassidischen Kreisen leben: Es sind einige darunter, von denen ich nicht weiß, was ich mehr rühmen soll: die Feinheit der Lyrik oder die Reinheit und Größe der Gedanken, die aus ihnen, spricht. Einen Wunsch hätte ich, den Wunsch» daß ein jeder von uns westeuropäischen Juden dieses Büchlein lese. Er würde dann eine Ahnung bekommen von der uns entschwundenen jüdischen Welt, die unseren Vätern ein Paradies schuf inmitten der Hölle des Mittelalters. Er würde aber auch seinen Brüdern in Osteuropa, die an sich noch ein Stück dieser Welt bewahrt haben, anders gegenübertreten; würden ihm doch Zweifel erwecken, ob in dem zerschlissenen Kaftan nicht mehr menschliche Reinheit und Größe lebt, als unter dem tadellosen kurzen Rocke des Westeuropäers. Wenn wir nur die Gemütstiefe des altjüdischen Lebens wieder zur Wirklichkeit bei uns machen könnten, — uns wäre aus allen Röten der Zeit der Weg gewiesen. Offenbaeher Druckluft«Anlage Offanbach a» H. Telefon 123. 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