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Neue jüdische Presse · 1913-06-06 · Heft 22 (6.6.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 22 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M Ht. 22 SC Infolge der Feiertage werden Inserate für die nieftfte Nummer nur bis Dienstag mittag angenommen. — Die näd»fte Nummer erfebeint Freitag trüb. An meiner Tür, da pocht ein wilder Schmerz... I. An meiner Tür, da pocht ein wilder Schmerz: „Tu' auf, tu' auf, ich konkm' in jäher Hast!" „Was willst Du hier, Du ungestümer Gast? Was preßt und marterst Du mein armes Herz?" „Leg' Trauer an, ertöte Lust und Scherz! Der freudig trug der Menschheit schwerste Last, Der Leidbedrückten schuf glücksel'ge Rast — Er ist nicht Mehr, sein Leib sank erdenwärts!" „Hinweg, Geselle, sei verjagt, Verbannt! Ich kann Dein wucht'ges Weh'wort nicht ertragen!" Da schaut er groß mich an und unverwandt: „Und willst Du hadern mit dem Herrn der Welten, Der hier ein Licht des Lebens hat verbrannt, Um's anzustecken in den Himmelszelten?" II. Nun sind die kühlen Schollen Gefallen in das Grab, Und Tränen, herzentquollen, Sie sanken mit hinab. Nun sprießen aus der Trailer, Aus dunklem Nebelflor, Wie nach Gewitterschauer Die Blümlein frisch empor. Es zieht ein still Geloben Durch den befreiten Sinn: Nicht zagen und nicht toben. Nein, kraftvoll wandeln hin! Mit Demut ganz erfüllen Den prunkvoll stolzen Geist, Und beugen eignen Willen Dem, Der den Weg uns weist, Den Weg, der auch aus Schatten Und alls des Weinens Tal, Uns fuhrt zu lichten Matten, Uns führt in Edens Saal. vr. Israel Roos s. A. zum Gedächtnis. I Dr. Israel Roos s. A. | Sich treu bis in den Tod sein, eine einheitliche, harmonische Persönlichkeit bis zum letzten Augenblicke seines Lebens bleiben, — wie selten kann man dies von einem Menschen sagen. Dr. Israel Roos, der uns dieser Tage genommen worden ist, war einer dieser Menschen. Selbst in der Stunde des Sterbens bewahrte er die Ruhe, die ein typischer Zug seines Wesens war, blieb er sich gleich. Für die seiner würdige Gattin, die Mutter seiner elf unmündigen Kinder, hatte er nur Worte tiefften Gottvertrauens, und dem Verwandten, Freund und Lehrer Rabbiner Dr. Breuer trug er auf, daß ihm kein Wort des Nachrufes gewidmet werde. Auch wir wollen seinen Wunsch achten, wollen die Töne der berechtigten Klage unterdrücken und eine richtige Bewertung des seltenen, in seiner Art einzig dastehenden Mannes unterlassen. Nur einiges aus seinem Leben sei hier schlicht erzählt, damit — in seinem Sinne — er jetzt noch in weiteren Kreisen durch das Beispiel wirke. Jeder Mensch hat sein Streben. Das Ziel der meisten ist aus ein Leben behaglicher irdischer Genüsse gerichtet, und diesem Ziele opfern die meisten das in ihnen lebende Göttlichct. Auch Dr. Roos hat einem Ziele nachgejagt, nachgejagt unter der ganzen Anstrengung seiner Kräfte, — dieses Ziel hieß aber: Mizwaus. Wenn dör Abend hcrrmtersank und ihn, den Leiter eines Zeit und Kraft beanspruchenden geschäftlichen Unternehmens, die Summe der am Tage geübten Mizwaus befriedigte, nur dann war er froh mit seinem Tagetverk. Die „fiebeu guten Jahren".*) Das ist eine Geschichte, die sich in Türkin ereignete. Dort gab es einmal einen Träger, der Tojwje hieß und sehr arm war. Es war an einem Donnerstag, auf dem Marktplatze. Tojwje stand da, — die .Schöße seines langen Rockes hinter den Strick geklemmt, der ihm als Gürte! diente, — und lugte nach etwas Verdienst aus. Er hatte noch nichts für den Sabbat. Aber wie zum Trotze blieben die Läden ringsherum leer. Kein Käufer zu sehen, kein Packen nach Hause zu tragen! Betend hob er die Blicke zum Himmel: Daß ihm der Sabbat nur nicht verdorben würde, baß Weib und Kinder nur. nicht am heiligen Tage hungern müßten! Da fühlte er plötzlich, wie ihn jemand am Rockschoße zupfte. Er wandte sich um uttd sah einen fremden Mann in Jägertracht vor sich stehen, eine Feder aus dem Hut und grüne Ausschläge auf der Jacke. Und der Mann sprach zu ihm: „Höre, Tojwje! Es sind Dir sieben gute Jahre beschieden, sieben Jahre in Glück und Reichtum. Aber Du mußt Dich entscheiden, wann Du sie haben willst. Willst Du, so kann Dir Dein Glück noch heute werden und, che die Sonne untergeht, die jetzt über Deinem Haupte steht, wirst Du genug haben, um ganz Turbin samt seiner Umgebung zu kaufen. Doch dann wirst Du nach sieben Jahren wieder so arm werden, wie Du bisher gewesen bist. Du darfst Dir aber die sieben guten, gesegneten Jahre auch für das Ende Deines Lebens wünschen, und dann wirst Du als der Reichsten einer von hinnen gehen." Wie sich später herausstellte, war der Fremde, der diese Worte sprach, kein Geringerer als der Prophet Elias. Tojwje aber hielt ihn fiir einen einfachen Zauberer und gab ihm eine abweisende Antwort: „Lieber Mann, laß mich in Ruhe! Ich bin ein armer Hungerleider und habe nichts, um Dir Deine Ratschläge und Deine Mühe zu bezahlen." Doch der Fremde ließ sich nicht abschrecken, wiederholte vielmehr seine Rede, einmal, zweimal, ja auch noch eindrittes Mal, — bis die Sache dem Tojwje doch in den Kopf ging. „Weißt Du, lieber Mann," sagte er schließlich, „wenn Du es wirklich ernst mit mir meinst und Dich nicht etwa nur über einen armen Teufel lustig machst, — so muß ich Dir sagen, daß ich gewohnt bin, mich in allen Dingen mit meinem Weibe Sserel zu be- *) Aus I. L. Perez, „Volkstümliche Geschichten". 140 Seiten. 2 Mk., geb. 3 Mk. Berlin, Jüdischer Verlag. (Siehe die "Besprechung unter „Kunst und Literatur" in der heutigen Nummer.) raten. Auch jetzt kann ich Dir keine Antwort geben, ehe ich nicht mit ihr gesprochen habe." Der Fremde fand das ganz recht so. Tojwje solle nur gehen, um den Rat seiner Frau einzuholen. Er wolle hier auf die Antwort warten. Tojwje sah noch einmal rund herum: Nirgends eine Spur von Verdienst! Zu verlieren ist ja übrigens nichts dabei, dachte er, ließ die Rockschöße hinab und ging zur Stadt hinaus, nach seiner Lehmhütte, die weit draußen, schon fast auf fteiem Felde, stand, um die Sache mit seiner Frau zu besprechen. Als diese ihn des Weges kommen sah, — es war Sommerszeit und die Tür stand ofscn —, lief sie ihm mit großer Freude entgegen, da sie meinte, er bringe ihr schon das erste Geld für den Sabbat. „Nein, Sserel," sagte er, „der liebe Gott hat mir noch nichts zugeschickt. Aber es kam ein ftemder Mann zu mir . . ." Und nun erzählte er ihr die ganze Geschichte von den sieben guten Jahren, die ihm beschieden seien. Nur müsse er wählen, ob er sie gleich haben wolle oder erst vor dem Tode. Und darum komme er, sie um Rat fragen, für wann er sich entscheiden solle. Sserel überlegte nicht lange und sagte: „Geh, mein Lieber, und sage dem fremden Mann, daß Du die sieben guten Jahre jetzt gleich haben willst." Tojwje war erstaunt: „Warum, meine Liebe? Nach den sieben Jahren werden wir doch wieder arm werden. Und Du weißt ja, der Herabgekommene ist schlimmer daran, als wer vom Hause arm ist." „O, wer wird auf so lange hinaus denken, mein Guter. Borläusig nimm, was man Dir gibt und sprich: Gelobt sei der Herr für jeden Tag! Zumal wir Chedergeld (Schulgeld) für die Kinder brauchen. Sieh, man hat sie mir nach Hause geschickt. Da spielen sic im Sand." Damit war Tojwje überzeugt, und eilte mit der bündigen Antwort, daß er die sieben guten Jahre unverzüglich haben wolle, zu dem fremden Manne zurück. „Ueberleg Dirs noch," meinte dieser. „Heute bist Du noch ein kräftiger Mensch und kannst verdienen, bald etwas mehr, bald etwas weniger. Was wird aber später sein? Wenn Du in den älteren Jahren plötzlich arm wirst und keine Kraft mehr hast, um zu arbeiten?" Doch Tojwje blieb fest. „Mein Weib hat mir so geraten," antwortete er. „Erstens, sagte sie: Gelobt sei der Herr für jeden Tag, und zweitens hat man uns die Kinder aus dem Cheder nach Hause geschickt . . ." „Na, wenn's so ist," sagte der Fremde, „dann gehe heim, und ehe Du noch in Deine Hütte trittst, wirst Du ein reicher Mann sein!" Sprach's und verschwand, ehe Tojwje Zeit, fand, ihn noch zu fragen, wie es nach den sieben Jahren sein werde. Tojwje ging nun wieder zur Stadt hinaus. Wir wisse» ja, daß er ganz weit draußen, schon fast auf freiem Felde, wohnte. Als er vor seiner Hütte ankam, sah er die Kinder im Sande spielen und genauer hinsehend, bemerkte er, daß sie aus einem Grübchen nicht Sand, sondern Gold herausscharrten .... Wirkliches Gold, lauteres Gold! Und damit begannen natürlich die sieben Jahre, die sieben glücklichen Jahre . . . * Aber die sieben Jahre waren auch bald wieder um. Und pünktlich am letzten Tage des siebenten Jahres stellte sich der Fremde bei Tojwje ein, um ihm zu melden, daß abends das ganze Gold verschwinden werde, — sowohl das in der Erde, als das im Hause, und selbst jenes, das ihnen etwa bei Leuten zu verstecken gelungen war . . . Er fand Tojwje, ganz so wie vor sieben Jahren, auf dem Marktplätze, die Rockschöße wieder hinter den Strick geklemmt, der ihm als Gürtel diente, wieder nach Verdienst auslugend. „Tojwje, die sieben Jahre sind um," sprach er ihn an. „Das mußt Du meinem Weib sagen," antwortete dieser. „Denn der Reichtum war die ganzen sieben Jahre lang ihren Händen anvertraut. Und sic gingen jelband zur Stadt hinaus, kamen zur selben Lehmhütte, weit draußen, fast schon auf sreicm Felde, und trafen Sserel vor der Tür, ebenso ärmlich gekleidet wie vor sieben Jahren. Nur daß über chr Gesicht ein Lächeln gebreitet war. Der Fremde richtete nun auch ihr seine Botschaft aus. Da antwortete sie, die sieben guten Jahre hätten fiir sie und ihren Mann noch nicht begonnen, da sie das Gold nicht als ihr eigenes betrachtet hätten. Nur was der Mensch mit seinen Händen sich verdiene, sei sein. Ein Reichtum aber, der einem ohne Schweiß und nicht gesucht zufalle, sei bloß ein Gut, das der liebe Gott den Menschen anvertraue, damit sie den armen Leuten davon geben . . . Darum habe sie auch von dem Golde nur für das Chedergeld genommen. Für Gottes Thora durfte sie schon von Gottes Golde nehmen. Sonst habe sie aber fiir sich und ihr Haus nichts, gar nichts verwendet. Und wenn jetzt der liebe Gott einen besseren Verwahrer für sein Gold habe, — na, dann solle er es eben nehmen und dem andern übergeben. Schweigend hörte der Prophet Elias die Rede des Weibes an Dann verschwand er, um sie dem hohen Rate des Himmels mitzuteilen Dieser aber fand, daß es keine bessern Verwahrer gebe als Tojwje und fein Weib. Und so hörten die sieben Jahre nicht auf, . solange die beiden lebten. 4785

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