Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1913-05-09 · Heft 18 (9.5.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 18 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692819-2692837--07648-2702735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

,rp alt, 18 >» Gemeiudebeamte und Beiträge zur ' Angestelltenversicherung. Von Dr. Wilhelm Neumann, Generalsekretär des Deutsch-Israelitischen Genteindebundes. Bei den Verhandlungen des Gemeindetages im Jahre 1911 über das damals noch zu erwartende Angestellten-Bersicherungsgesetz und mehr noch bei den anschließenden Konnnissionsbvratungen ist der Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Gemeindebeamtcn, in das Gesetz einbezogen zu werden, so lebhaft hervorgetreten, daß sogar eine entsprechende Petition an den Reichstag gerichtet wurde. Ohne daß Inan die Unzulänglichkeit der Leistungen, den öffentlich angestellten christlichen Kollegen, mit gleicher Vorbildung hinsichtlich der Alters- und Reliktenversorgung gleichgestellt zu werden, verkannte, überwvg doch die Genugtuung über die Erfüllung des langgehegten Wunsches, endlich einen, wenn auch noch so bescheidenen, Rechtsanspruch erlangt zu haben. Eine gewisse Verbesserung der Leistungen wurde durch die Umwandlung der bestehenden Lehrerhilfskassen in „Ersatzkassen" int Sinne des Gesetzes und ihre Zusamntenfassung in eine Verbandskasse angestrebt. Der D.-J. G.-B. hat große Opfer an Geld und größere an Arbeit auf Erreichung dieses Zieles verwendet, das unter schwierigen Verhältnissen Mögliche ist geschehen, die Verbandskasse ist m Tätigkeit und die Frage ihrer endlichen Zulassung. durch die Aufsichtsbehörde wird in absehbarer Zeit entschieden werden. Gleichviel aber, ob das heiß erstrebte Ziel erreicht wird, daß die Beiträge an eine unter kollegialer Leitung stehende Kasse, oder ob sie schließlich doch an den Staat gezahlt werden müssen,^sie bleiben eine drückende Belastung für die in ihrer Mehrzahl kärglich besoldete Beamtenschaft, zumal für die Fürsorglichsten unter ihnen, die schon vorher freiwillig Beiträge für Alters- und Reliktenversorgung übernommen haben. Bei den jetzigen teuren Zeiten ist die Lage mancher Beamten geradezu kritisch geworden und läßt Schlimmes befürchten. Deshalb hat sich der Verband der jüdischen Lehrervereine an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund als den immer hilfsbereiten Anwalt wie der Gemeinden so der Beamten gewandt, er möge die ersterön veranlassen, die Beiträge für die Angestelltenvürsiche rnng im vollen Betrage zu ü b e r n üh m e n. Eine ernste Aufgabe, die sich der Bund im Vertrauen auf die Erkenntlichkeit der Gemeinden fiir die treue Pflichterfiillung ihrer Beamten unterzieht. Zn seinem Teile geht der D.-J. G.-B. mit dem Beispiele voran, indem er für sein Personal die vollen Beiträge übernommen hat. Gern ivürde er mehr tun und den bedürftigsten Gemeinden, deren Beamte eine Hilfe ja am nötigsten haben, finanziell beistehen, aber es ist genugsam bekannt, daß die knappen Mittel des D.-J, G.-B. mehr als gänzlich für die von ihm bereits übernonkmenen 'Aufgaben festgelegt sind; er ist zur Zeit für mehrere unaufschiebbare Aufgaben bei den Großgemeinden gleichzeitig vorstellig, er kann die eine Sache nicht durch die andere schädigen. Ein gutes Vorzeichen ist es, daß bereits verschiedene Gemeinden freiwillig inr Sinne unseres Ilppells vorgegangen sind. So 'dürfen wir hoffen, daß überall, wo es irgend ntöglich ist, die Gemeinden diesem würdigen Vorbilde nachstreben und den Trägern des Gottesdienstes und des Unterrichtes, den Erhaltern und .Förderern unserer Religion, die Möglichkeit schaffen werden, deren Forderung zu erfüllen, daß sie „Gott in Freuden" dienen. Das vermag nur der, der wenigstens von den allerdrückendsten Sorgen frei ist. Die Malaria in Jerusalem. Unter den vielen endemischen Nebeln, die unter der Bevölkerung Jerusalems verbreitet sind, spielt die ..Malaria" eine bedauerlich große Rolle. Trotz der vielen bestehenden Hospitäler ist es bisher nicht möglich gewesen, das Nebel eiiizndämmeu oder auch nur wesentlich zu verringern. Es hat sich sogar herausgestellt, daß mit der rapide wachsenden Bevölkerung Jerusalems der Prozentsatz der Fieberkranken eher zugenommen hat. Es ist darum erfreulichdaß weitere Kreise neuerdings dazu nbergcgangen sind, in umfassender Weise den Kampf gegen das Nebel aufznnehmen, soweit die lokalen Verhältnisse es gestatten. — Bon Interesse war eine Bersammlnng, die. auf Veranlassung des Frankfurter Ortskomitecs einer internationalen Bereinigung zum Kampf gegen die Malaria in Jerusalem, vor einigen Tagen im Frankfurter Hof stattsand und in der der vor etwa % Jahren von deutscher Seite nach Jerusalem gesandte Profesfoe<Or. Mahlens über seine Tätigkeit berichtete. Es ist bekannt, daß die Forschung festgestellt hat, daß das Malariasieber — und um dieses handelt es sich in deir meisten Fällen — durch eine Stechmücke, die Anophlesmücke, iibertragen wird. Die Untersuchungen habe» sich deshalb auch einerseits auf die Brutstätten dieser Mücke erstreckt, andererseits auf die Entnahme von Blutproben, in denen die Parasiten sestgcstellt wurden. Was für uns von besonderem Interesse ist, ist der Anteil, den die jüdische Bevölkerung an den Krankheitserscheinungen stellt. Bei einer Zusammensetzung der Bevölkerung von etwa -yh Jude» und Vs Andersgläubigen würde sich ohne weiteres eine größere Anzahl von Fällen der Erkrairkung. ergeben. Aber darüber hinaus ist der effektive Prozentsatz der Erkrankungen und der Infizierungen, nach den festgestellten Ermittlungen, bei der jüdischen Bevölkerung der größte. Bon ca. 7960 Untersuchungen, die in der Berichtsperiode vorgenommen wurden, waren ca. 2100 mit Parasiten behaftete Individuen — ca. 26»/«. Unter ca. 7900 @ Kr die lugend. 0 f^aftCutißPti aus Ü6pC umf Tallinn!. Von M.. P u l v e r m a n n. Daniel in der Löwcngrube. Tic Babylonier zogen empört znm Könige und riefen: „Du bist ein Gotteslästerer, denn Dn hast gestattet, daß der große Bel zertrümmert wurde! Du hast auch die Priester hinrichtcn lassen, alles nur, weil Daniel mit seinen glatten Reden Dich betört hat! Gib uns den Frevler heraus, oder wir werden Dich selbst vernichten!" Der König fürchtete fiir sein Leben, und er zeigte sich schwach und feig bei dieser Drohung, obwohl er sich selbst überzeugt hatte, daß die Priester ihn betrogen hatten. Er lieferte Daniel dem Volke aus, das ihn nach einer Löwengrube bringen ließ, wo er den wilden Tieren znni Fraß dienen sollte. * In einer tiefen Felfenkluft, die von der Natur zu einem Zwinger geformt und durch Menschen mit weiteren Vorrichtungen aus Eisenstäben iwch mehr befestigt war, befanden sich vier Löwen, denen seit drei Tagen keine Nahrung verabfolgt worden war und die daher vor Hunger rasten und loüteten. Durch die Eisenstäbe, die das Dach des Zwingers bildeten, blickten die wilden Bestien nach dem blutigroten Sonnenuntergang, als wollten sie gegen die grausamen Menschen eine Anklage zum Himmel emporsenden. Fauchend und schnaubend peitschten sie mit den Schweifen die Riesenleiber, daß die Steinwände fast bebten; in ihren Augen loderte ein unheimliches, blutgieriges Feuer, und in ihrem Geheul lag ein Schrecken, der jedes Menschenherz erzittern machte. Der eine Löwe war in der öden Wüste Sodoms gefangen worden. Als er noch in wilder Freiheit sich befand, war sein liebster Aufenthalt in der Wüste Zin, im entlegensten Winkel des durch Gottesfluch vereinsamten Landes. Wehe dem Geschöpf, das er mit seinen Klauen erfaßte! Der zweite kam von den Wäldern, die vom Euphrat befruchtet und bewässert werden. Wenn er früher zu diesem Strom hinnnterzog, um seinen Durst zu löschen, da erbebte alles, was sich in seiner Nähe befand, und alles floh entsetzt, sobald sein Gebrüll vernommen wurde. 'Der dritte hatte einst seinen Aufenthalt auf den schneebedeckten, zerklüfteten Felsen des Hermon, und Angst und Schrecken begleiteten ihn auf jedem seiner Schritte. Die Rehe, die Schafe, Hund und Schäfer, alles floh entsetzt bei seinem Anblick. Der vierte endlich, groß, stark, grauenhaft anzuschauen, ging früher am Meeresufer auf Raub aus, ehe er in die Gefangenschaft geraten war. Heimtückisch und mit schlauer List lauerte er auf ankerwerfende Schiffe, um mit wildem Sprung jeden anzufallen und zu zerfleffchen, der das Ufer betrat. Jetzt waren alle vier gefangen, durch Menschen in Gefangenschaft gehalten, ohne aber von ihrer ehemaligen Wildheit etwas verloren zu haben. Und gar heute, vom Hunger gepeinigt, hatten sie sich in Ungeheuer verwandelt, als wären sie zum Verderben der Menschen der tiefsten Hölle entsprungen. Doch, horch! Ein anderes Geräusch mischt sich jetzt in das Brüllen und Toben der Bestien: eine Anzahl Sklaven nahen sich johlend und lärmend dem Zwinger, in ihrer Mitte einen Jüngling stoßend und zerrend, der, ernst und gefaßt, ihr Höhnen und Fluchen schweigend über sich ergehen läßt. Am Zwinger angelangt, schwingen die Sklaven ein Seil um des Jünglings Leib und lassen ihn in 81e Höhle hinunter, wo die Bestien mit fletschenden Zähnen und feurigen Augen nach Blut lechzen. Schaurig und gräßlich ist der Gedanke, vaß Menschen, im Ebenbilde Gottes geschaffen, ihre Abstammung so weit vergessen, einen Menschenbruder den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen. Sicherlich werden die absichtlich ausgehungerten Tiere sich auf den Unglücklichen stürzen, um sich mit seinem Blute zu sättigen. Doch, nein! Das Unerwartete geschieht! Ob auch der Mensch den Nebenmenschen mit grausamem Haß verfolgt, es gibt eine höhere Macht, die selbst den wilden Tieren gebietet, und ihnen Erbarmen für das unglückliche Opfer einslößt. Der Wolf gräbt den Leichnam aus der Erde zum Fraß aus; der Schakal sucht die Schiffstrümmer nach Beute ab; nimmer läßt der Bär seine Beute fahren; erbaimrungslos ist die Hyäne und grausam der Tiger. Doch der Löwe ist zuweilen auch großmütig; ob er auch schon die Tatze zum Angriff ausgestreckt, ec zieht sie dennoch oft zurück und weih sich auch zu bezähmen. Als der Jüngling den unheimlichen Ort mit seinen Füßen berührte, da sah er die Tiere mit sanften Blicken an und sprach: „Friede sei mit Euch, Ihr Löwen!" Und die Tiere blieben wie angewurzelt stehen, sie ließen die Köpfe sinken, und ihre Rachen schlossen sich schnell. Sie krochen zu Liner Gruppe zusaimnen, blickteil einander mit Halbgeschlossenen Augen an» während ihre Stirnhaut sich in Falten zusammenzog, als wollten sie über irgend etwas beratschlagen. Der Löwe aus der sandigen Wüste sprach zuerst: „In unserer Mitte weilt jetzt ein menschliches Wesen, auf dessen Angesicht der Strahl des Allschöpfecs leuchtet. Als ich ihn sah, da war es mir, als ob ich die Sonne wieder schauen möchte, die den Sand uMer meinen Füßen erglühen machte. Mir ist es, als spürte ich tvieder den heißen Samum über die unendliche Fläche fegen. Darum ist mir dieser Mann heilig, und ihni soll kein Leid durch mich geschehen!" Darauf nahm der Löwe aus den Wäldern das Wort: „Als dieser Mann die wenigen Worte sprach, da vermeinte ich »oieder jene 'Musik zu hören, die mich immer entzückte, als ich mich noch froh und frei zwischen den Bäumen tummelte, dem lieblichen Gesang der Vögel, dem Rauschen der Bäume lauschen durste. Dieser Mann bringt mir den Frieden der Heimat wieder. Darum soll kein Haar seines Hauptes gekrümmt werden!" Jetzt sprach der dritte Löwe: „Der schlanke, geschmeidige Wuchs dieses Menschen bringt mir wieder die Zedern Libanons in Erinnerung, und bei seinem milchweißen Gesicht muß ich an den Schnee auf dein Berge Hermon denken. Wie soll er darum durch mich auch nur den geringsten Schmerz erleiden!" Endlich sprach auch der vierte, dessen Heimat die Meeresufer gewesen waren, dessen Brüllen das Meeresrauschcn übertönte: „Seit meiner Jugend habe ich das Allgewaltige, das Ueberwältigende gesehen, — und aus den Augen dieses Mannes leuchtet Macht und Kraft. Fern sei es also von mir, ihm auch nur die geringste Feindschaft zu zeigen!" So sprachen die Tiere, die nach Raub und Fraß gierten, — und Daniel weilte in ihrer Mitte, ohne den geringsten Schaden zn erleiden. 4785

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.