Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17.; ■ . _ , - /, Das Wort war kaum an sein Ohr geschlagen, so machte Perez einen Satz, wie ihn seinen schlotternden, schwachen Beinen niemand je zugetraut — rannte den nächststehenden Tilmann und drei alte Weiber über den Haufen und' lief, nein flog, mit 8er übermenschlichen Geschwindigkeit, wie sie die Todesangst ihm cingab (denn hinter .ihm jagten mit: „Halt auf! fangt ihn! fangt ihn!" seine Häscher ihm nach) deni nahen Wäldchen zu ... . Im Laufe dieses denkwürdigen Tages galt es in Zladno für ausgemacht, daß es mit dem Wasserträger entschieden mit . Unrechten Dingen zugehe. Obwohl die halbe Stadt zu seiner Verfolgung aufgebrochen war, und man fünf Stunden lang den ganzen Wald gründlich äbgesucht, hatte man nirgends, aber auch' nirgends, eine Spur von dem Verfolgten gefunden. Begreiflich, ganz Zladno flammte in ungeheurer Erregung. Vor jeder Haustür standen Gruppen und besprachen die ungewöhnliche Fülle der Ereignisse, Pelagias Verschwinden, Juleks Tod und des' Wasserträgers geheimnisvolle Flucht. Es sah böse aus um des armen Perez Sache, sehr böse. Daß er Julek ermordet hatte, bezweifelten nur wenige mehr. Der Bürgermeister hatte am Stammtisch im „Bläuen Hirsch" gesagt, ihm sei die Geschichte ganz klar: Das verlorene Rezept, Franjas Aussage und das plötzliche Davonlaufen des Perez gar — das vor allem, sei ein neuer Beweis für seine Schuld. „Ueberdies," setzte er mit geheimnisvoller Miene hinzu,' „wer daran noch nicht genug habe, brauche nur einmal den Leichnam des Opfers anzufehen, er wolle nichts gesagt haben, aber wer da wisse, was Ritus sei, dem wäre es sonnenklar, daß nur ein Jude den Schnitt an Juleks Halse gemacht haben könne. . . Und daß sich Thorner des Perez so lebhaft annahm, bestärke ihn erst recht, an ein Verbrechen des Pevez zu glauben, denn ein Jude stehe immer für den andern ein, das sei eine alte Erfahrung." Die Gäste im „Blauen Hirsch" sperrten die Ohren auf, Weit, weit — eine so unheimlich schöne Gruselgeschichte hörten sie nicht alle Tage. In kaum so viel Zeit, als Dürrstroh Feuer fängt, flog das Kneipen-Gespräch auf die Straße, die guten Zladnoer fluchten und ballten die Fäuste, die meisten hätten Perez in Stücke zerrissen, . wenn er nur dagüoesen wäre. Gegen Abend brachte die Frau des Schusters Schmula, bei dsm Perez zur Miete wohnte, hie schier unglaublich klingcnde Nachricht: Perez sitze gemächlich bei seiner Mutter in der Stube. Sie habe ihn drinnen sprechen hören, er sei ganz vergnügt, habe sein Mittagmahl verlangt, singe und lache in einenl zu. Und sie erzählte jedem, 8er es hören wollte, der Wasserträger sei offenbar wieder betrunken, sie habe ihn ja auch erst gestern sternhagelvoll gesehen, oder war es vorgestern, einerlei, die ganze Stube des Perez sei voll. Wein, Backwcrk, Flcisch und lauter guten Dingen, — sie zeigte eine Orangenschale und die Staniolhülse eines Flasche,ikopfts, die vor Perez Tür gelegen: cs sei himmelschreiend, so schlampampe der Jude und schlage dabei den Christenmenschen tot. Als die Schustersfrau mit ihrer sensationellen^Meldung bei allen Gevattern und Freunden glücklich herum war, geriet sie über die windschnelle Wirkung ihres boshaften Geschtvätzes selbst in den höchsten Schrecken. Die kleinen Häuflein Neugieriger, die sich vor allen Häusern herumtrieben, hatten sich zu einer nach Hunderten zählenden Rotte zusammengeballt; Kinder, halbwüchsige Burschen, Männer, Weiber, Franja allen voran, bewaffnet mit Steinen, Stöcken, Gabeln, Feuerzangen, Bellen, Totschlägern, Keulen, marschierten in der Richtung auf SchMulas Haus' zu mit Heulen und Johlen die Chaussee entlang. Der Bürgermeister stand am Fenster des Rathaüssaales und sah den Trupp vorüberziehen. Er hatte eine heimliche Freude daran und schielte hinüber nach deni Gerichtsgebäude; der Amtsrichter war nicht zu sehen, freilich, der saß wohl jetzt zum Feierabend in idyllischer Ruhe in seinem Garten bei Frau Christine und seinem Jungen. Nur der Gerichtsbote Stypale stand vor der Tür und blickte der Horde verwundert nach. Ta kam der Herr Bürgermeister höchstselbst heraus, stellte sich leutselig neben den Boten und rief Pathetisch: „Da sehen Sie, Stypale, wie das Volk mit feinem gesunden Instinkt den wahren Schuldigen herauszufinden weiß." Stypale schüttelte den Kopf. „Na, was soll &feiut da lverden?" - Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ' .^Quitte," schrie 8er Bürgermeister und öffnete die Tür einer gewissen fleinen Kelleckneipe, ,/Quitte, laufen Sie einmal da hinauf und treiben Sie die ganze Gesellschaft auseinander!" Der Gendarm hatte die Leute bald cingeholt und herrschte ihnen zu, nach Hause zu gehen. Man sah ihn scheel an und tat, als habe man nichts gehört; ein paar junge Galgenschwengel' verhöhnten den Bevollmächtigten der hohen Obrigkeit ungeniert und kommandierten: „Ganzes Bataillon, vorwärts marsch!" Quitte wiederholte seine Aufforderung und befahl, Stöcke, Beile und so weiter auf der Stelle niederzulegen. Jetzt regnete es patzige Antworten im Chor; Papa Luschek,' der ärgste Trunkenbold 8er Stadt, den ein Riesenrausch zum Anführer der Rotte gemacht hatte, gröhlte, Quitte vertraulich beim Arm faffend: „Komnr mit, jetzt schlagen wir einen Juden tot!" Wer Quitte verstand keinen Spaß, er schrie: „Sofort legt Ihr die Steine wieder hin, wo Ihr sie hergenommen habt, sonst setzt es was!" Die Jungen kümmerten sich kaum um ihn, der Gendarni riß einem die ganze Ladung aus dm Händen und warf sie wieder auf die Chaussee, der Rebell sang ganz vergnügt: „Wir wollen ihn nicht mit Steinm schmeißen, wir wollen ihm nur das Fell über die Ohren ziehen," aber die Nebenmänner waren bösartiger und zeigten große Lust, mit Schimpfen und Püffm Quitte eine Probe ihres 'Kampfesmutes zu geben. (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Double Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauen Strasse II, Eike Neue Mainzeiatrasse. Eingesandt. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Jonathan den Usiel contra „AgndaS Jisroel - Jugendgruppe". Der „Laubhütte" in Regensburg ist Heil widerfahren, Jonathan ben Usiel hat sie zum Tummelplätze seiner Leidenschaften erkorm. — Eigentlich ist es nur eine Leidenschaft, die refrainartig immerzu wiederkehrt: Die „ungarische Forderung". — Mögen drüben in Rußland Millionen Brüder unter dem Drucke schlimmsten Elends leiden, er erblickt die Lösung der Judenfrage in der „ungarischen Forderung". Mag seit Jahrzehnten eine Völkerwanderung jüdischer Emigranten sich in alle Lande ergießen und das noch von altersher mit in die Heimat gebrachte gcsetzestreue . Judentum auf das Schlimmste gefährden, Jonathan ben Usiel kämpft unentwegt für die „ungarische Forderung". Ja, mögen die Jeschiwaus in Rußland, Galizien und selbst Ungarn sich in den schwersten Daseinsbedingungen befinden, die Reihen des gesetzestreuen Judentunis in allen Ländern der Diaspora dezimieren, in unserem heiligen Lande sich fremde - Kulturen durch jüdische Brüder einnisten, Jonathan ben Usiel hört nichts, sieht nichts, merkt nichts von alledem: er stellt sich vor sein Schildhaus und sicht für die „ungarische Forderung". Es llingt wie reinste Ironie. Die gesamte Orthodoxie rafft sich auf, um in der „Agudas Jisroel" ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und mit Gottes Hilfe die brennenden Gegenwartsfragen des Judentums zu lösen und für die jüdische Gesamtheit zu wirken: flugs fährt Jonathan ben Usiel dazwischen mit seiner „ungarischen Forderung". * Nun hat sich, wie Jonathan ben Usiel richtig bemerkt, in Frankfurt eine Jugendgruppe der „Agudas Jisroel" gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, „den großen Gc- . danken der „Agudas Jisroel" in die Herzen der jüdischen Jugend hincinzntragcn und diese mit dem Rüstzeug jüdischer Lebensanschauung zu versehen, damit sie im stnrmbewcgten Wellenschläge des Lebens als kraftvolle jüdische Persönlichkeiten ihren Mann stehen." „Ein erhabenes, edles Ziel", sagt Jonathan ben Usiel selber. Er hat auch gelesen, daß die „Agudas Jisroel- Jngendgruppe" dieses Ziel durch gründliches Talmud- und Taurostudium, Vertiefung in die jüdische Geschichte, hebräischen Sprachunterricht usw. erreichen will, 'spricht aber dennoch von der „unsäglichen Verwirrung in den Köpfen" der Agudas Jisroel-Jugend, die-doch das immerhin nicht ganz unjüdische Bestreben beseelt, ernst zu lernen und sich zu echt-jüdischen Menschen heranzubildeu. — Und warum dies alles? Weil in einem Merkblatt der „A. J.-Jugendgruppe" eine grundlegende Bestimmung ausgenommen ist, welche Radauszenen, wie sie sich in der Gründungsversammlung der hiesigen „Agudas Jisroel- Ortsgruppe" abspielten, ein für a l l e m a C ausschaltcn will. Im übrigen hätte doch Jonathan als wahre nr Journalisten ausfallen müssen, daß laut Zeitungsnotiz im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" gerade von gemeindeorthodoxcn Kreisen der „Agudas Jisroel-Jugendgruppe" gegenüber eine gegnerische Haltung beobachtet Schneiderei Crössmann Katsonrntraamo fOa> Entroste/* Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jackett-Kleider. Garantie för gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Seite 5. wird, die doch nur darauf zurückzusühren ist, daß die W „A. J.-J." eine statutarische Festlegung in Jj|sgemeindepolitischen Fragen ab gelehnt h a ch HM Denn es versteht sich von selbst, daß eine „Agudas |f4 Jisroel - Jugendgrnppe", welche die jüdische Jugend mit | den Gegenwartsfragen des Judentums vertraut machen ' will, unmöglich an einer jüdischen Frage, welcher auch immer, Vorbeigehen kann. Sic muß es aber im Interesse einer gedeihlichen Arbeit vermeiden, sich für irgendwelche gemeindepolitische Strömlinge» benutzen und in ihrem Kreise „die durch verhängnisvolle Umstände eingetreteneu Zerwürfnisse innerhalb der deutschen Orthodoxie zuin Aus? .jfgg druck gelangen zu lassen." Klingt dies nicht I. B. (Usiel) bekannt? M Bor uns liegt Heft Rr. 2 der „Mitteilung des B. I. W A. ", Juni 1811, S. 7. Da schreibt Herr Dr. I. B.:-M „Wer noch ein zweites ist für die .Entwicklung des B. I. A. bedeutsam. Es ist die Frage, wie weit es ihm gg gelingen wird, nicht nur als offizielle Vertretung des " gesetzestreuen Studententums zu gelten» sondern auch wirklich alle gesetzestreuen Studenten zu umfassen. Es braucht auf die durch verhängnisvolle Umstände eingetreteneu W Zerwürsnisse innerhalb der deutschen Orthodoxie hier nichtnäher eingegangen zu werden. Wer keinesfalls dürfen diese U Zerwürfnisse im Schoße des B. I. A. selbst zum Ausdruck |s gelangen, geschweige denn zum Fernbleiben eines Teiles || der gesetzestreuen Studenten führen. Auch hier wieder^ muß aus den 8 2 der Vereinsstatuten Bezug genommen^ werden. Der § 2 spricht die Tendenz des B. I. A mit aller Deutlichkeit aus. Irgend welche weitere, im wohlverstandenen Sinne dieses Paragraphen nicht lic- E gende Tendenz und daraus resultierende weitere Exklusivi- P' tat liegt nicht im Wesen des B. I. A., ja steht mit seinem -j Wesen im vollendeten Widerspruch. Es darf der B. I. W M nicht mit dem Schwergewicht irgend einer, wenn auch noch |g so autoritativen Richtung innerhalb des gesetzestreuen In» gL dentums belastet werden. Denn die Verschiedenheit dieser A Richtungen hat es nicht, wenigstens nicht unmittelbar, mitW der Gesetzestreue als solcher, sondern mit den Beziehungen p§ chen Bestrebungen für eine Zugehörigkeit zu einer Bundes- M Judenheit zu tun. Schon bei der Gründung des Bundes b L im Jahre 1906 aber haben die Delegierten der V. W I. A einstimmig ihre Ansicht dahin ausgesprochen' d'aßW die Stellungnahme eines gesetzestreuen L-tudenten zu foI»|jJ chen Bestrebungen sürseine Zugehörigkeit zu einer Bundes» kW Vereinigung bedeutungslos sei. Es mag sehr wohl jemand der Ansicht sein» daß beispielsweise der Zionismus mit dee«H Gesctzestreue sich nicht vereinbaren lasse, es mag auf der.M anderen Seite die Forderung aufgestellt werden, der gesstzes- W treue Jude sei zum Anschluß an den Zionismus verpflichtet: keineswegs jedoch sollen derartige Anschauungen durch den B. I. A. vertreten werden. Der B. I. A. erwartet von seinen eintretenden studentischen Mitgliedern, daß sie als echte Studenten mit allem Ernst und höchster Gewissenhaftigkeit über diese Fragen sich belehren, die das gesetzestreue Judentum aufs innigste tangieren, und daß: sie zu eigener Klärung gelangen; aber er erwartet nicht, daß sie diese Klärung bereits mitbringen. Er will ihnen M zur Klärung verhelfen^ indem er ihnen die Mittel dazu an m «V die Hand gibt: in erster Linie das Studium des Gottesgesetzes. Nur böswillige Verleumdung daher oder unbe- K lehrbare Beschränktheit kann im B. I. A. eine. s. v: >v., §g jüdisch-politische Organisation bestimmter Richtung -er»J| blicken; nur völlige Verkennung des studentischen Wesens M kann ihm seine politische „Farblosigkeit" verargen.". jö Und warum in der „Agudas Jisroel-Jugendgruppe" ßanders als im „B. I. A."? Warum soll man dort „nicht D näher eingeheu dürfe n", aus „die Zerwürsnisse inner- M halb der deutschen Orthodoxie" und hier bei der „A. J-.-J." 8 dies müssen. Und muß sich denn die Jugend mitM „Gcmeindepolitik" beschäftigen? Hat nicht Herr Rabbiner m Dr. S. Breuer in einer seiner letzten Predigten die Jugend -°- davor gewarnt, sich mit derselben zu beschästigen, und » dies als die Aufgabe lediglich der Alten.bezeichnet? V Scheint es nicht, als ob Jonathan ben Usiel mit der ganzen f, Anstrengung seines nicht geringen Scharfblicks und Aufswand aller seiner juristischen Fähigkeiten sucht, der „Agudas Jisroel-Jugendgruppe", welche immerhin zu der von iij ihm nicht sehr warm begrüßten „Agudas Jisroel-Organi- W sation" gehört, etwas anr Zeuge zu flicken? ft ■* 1!; Wir gehen unseren geraden Weg, unbeirrt um rechts j und links. — k Ob von Jonathans Kreisen oder aus gemeindeorthoi; doxcn Reihen die Angriffe erfolgen, unsere gerechte Sache j) bleibt davon unberührt. Es gilt, der Jugend den Blick s zu wellen, sie mit den gemeinsamen Gegenwarts- |j fragen der Gesamtorthodoxie vertraut zu machen und sie k enger aneinander zu schließen. ' - Möge Jonathan ben Usiel weiterhin in der „Regens» burger Zeitung" die ungarische Forderung unter Angriffen gegen die „A. I. Jugendgruppe" vertreten,. Möge er weiter mit der Laterne in der Hand und der Lupe vor dem Auge die Arbeit der „Ll. J.-J." seiner Kritik unter» j ziehen, sie kümmert uns wenig, >o lange sie sich ewig ' auf diesem Geleise bewegt. Die „Agudas Jisroel-Jugendgruppc" wird mit Gottes Hilfe ihre.Ausgabe lösen und durch die von I. B. (Usiel) so verspottete „praktische Arbeit" den Geist einer etwas großzügigeren Auffassung der Gegenwartspslichten des gesetzestreuen Judentums die Wege ebnen. — Daun vollzieht sich voir selbst „Das Ende-, der Politik!" Einige Freunde der „Agudas I is r o e l- I u g e n d gr u pp e". o,5SmE17. °D> Haar filzhüte mnHt&SOas Jn feineren Qualitäten alle bekannteren Marken-fabrikati^ ,