Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Statistik -er jiid. Bevölkerung i« Frarttfurt a. M. Bon Dr. W. H a n a u e r, Frankfurt a. M.! Durch die Arbeiten namhafter Historikür und Statistiker ist es ermöglicht, für Frankfurt ein zickw Ilich lückenloses Bild über die Entwicklung dÄr jüdischen Bevölkerung von den ältesten Zeiten ihrer Ansiedlung bis zur Gegenwart zu erhaltM. Derjenige, welcher dio ersten zahlenmäßigen Feststellungen über die ältesten Ansiedelungen der Juden in Frankfurt machte, ist der bekannte Leipziger Nationalökonom W. Bücher. In seinem bekannten Buch über die Bevölkerung in Frankfurt a. M. int 14. und 15. Jahrhundert widmet er den Juden ein besonderes Kapitel. Er stellt dort ihre Zahl!fest, beschreibt die innere Gliederung der Haushaltungen, schildert ihre Erwerbstätigkeit sowie Herkunft. Die erste Ziffer, die uns über die 'Zahl der Juden orientiert, betrifft das Jahr 1241. Es bringt die erste Tatsache, die aus der Geschichte der Frankfurter Jndengemcindel überliefert ist, nämlich die vollständige Ausrottung der Juden in Frankfurt. Bei einem wegen des Uebertrittes eines jungen Juden zum Christentum entstandenen Streite kamen gegen 180 Juden durch das Schwert oder das Feuer um, während der Rest, 24 Personen, diesem Schicksal nur durch Einnahme der Taufe entging. Nach dieser ersten „Jndenschlacht" siedelten sich die Juden wieder in Frankfurt an. und werden urkunÄich erwähnt zuerst wieder 1282. Für 1346 berechnet Bücher die Zahl der vorhandenen jüdischen Haushaltungen auf Grund der Steuerleistungen auf etwa 30. Horovitz hält diese Zahl für zu niedrig gegriffen und hält es für nnsichür und schwer, aus der Steuer auf die'Bevölkerung zu schließen. 1349 findet die von den Geißlern verursachte zweite „Judenschlacht" statt, die mit der Tötung oder Vertreibung sämtlicher Juden aus Frankfurt endete. Wenn nun Bücher angibt, daß von 1349 bis 1360 in Frankfurt keine Juden nachzuweisen seien, so wird diese Behauptung von Horovitz widerlegt und zwar durch Eruierung von Grabsteinen auf dem alten jüdischen Friedhof, die ans den Jahren 1355 und 1359 stammen. Für 1360—1400 berechnet Bücher die Zahl dev jüdischen Haushaltungen in Frankfurt auf Grund der Steuerlisten'auf durchschnittlich 20, 1431 auf 14, 1447 auf 13, 1473 auf 17. Die durchschnittliche Kopfzahl, die auf einen Haushalt entfällt, war eine ungewöhnlich große, sie beträgt 1431: 7,3, 1447: 6,4, 1473: 7,7. In den Ausgang des Mittelalters, nämlich in das Jahr.1462, fällt übrigens noch ein Ereignis, das für den Stand und die Bewegung detr jüdischen Bevölkerung von erheblichem Einfluß wurde, das ist die zwangsweise Verpflanzung bete Juden in das Ghetto, während sie bisher gemischt mit der christlichen Bevölkerung in der Gehend am Dorrt gewohnt hatten. Um jene Zeit, in der das Ghetto iM Entstehen war, zählte man nicht sehr viejle Juden in Frankfurt. Bon 1450 bis 1460 betrug die Zahl der Steuerhaushaltungen im Durchschnitt 11, 1460 bis 1470 14, ebenso 1470—1480. Kr acauer glaubt daher, daß die Kopfstärke der jüdischen Gemeinde von 1450 bis 1480 die Zahl 100 kaum überschritten hat. Hatte sich die Gemeinde von 1360—1500 immer auf einem niedrigein Stand gehalten, so muß, im 16. Jahrhundert wieder eine! bedeutende Vermehrung derselben eingetreten sein. Dies schließt Bücher daraus, daß Man iM Stättigkeitsverzeichnis von 1553 43 Haushaltungen verzeichnet findet. Die Angaben .über die Bevölkerung für das 16. und.17. Jahrhundert entnehmen wir Lew Werken von D i e tz. 1613 findet sich die Zahl' der jüdischen- Haushaltungen mit 453 angegeben. 1614 werden die Juden infolge des Fettmilchschen Aufstandes aus Frankfurt vertrieben, bald aber wieder ' zurückgeführt. Die bedeutende Abnahme der Bevölkerungsziffer von 1620—1640 dürfte auf die hohe Sterblichkeit während'' des 30jährigen Krieges zurückzuführen sein. Erst vom Jahre 1640 ab nimmt die jüdische Bewegung wieder zu, um im Ausgang des 17. Jahrhunderts die Höhe zu erreichen, die sie aM Anfang desselben gehabt hat. Die Berechnungen der Ziffern der Frankfurter Juden im 18. Jahrhundert beruhen für das Jahr 1703 auf einer Zählung der Hausgesäße der Frankfurter Judengasse seitens des Rates. Es wurden 436 Haushaltungen festgestellt mit 2300 Personen. Im Jahre 1709 wurde eine offizielle Volkszählung vorgenommen, die der kaiserlichen Kommission eingereicht worden ist. Es fanden sich 505 Hausgesäße, und auf diese entfallen 3019 Köpfe. In der Mitte des Jahrhunderts zählte Man 471 Hansgesäße, daraus berechnet K r a c a u e r die Zahl 3000, indem er jedes Hausgesäß zu 6 Personen veranschlagt und noch die fremden Juden hinzurechnet. Für 1796, in welchem Jahre durch das Bombardement der Franzosen 119 Häuser niederbrannten und 1896 Personen obdachlos wurden, berechnet derselbe Autor die Zahl auf 3091, indem er annimmt, daß alle Häuser der Jüdongasse dwmals bewohnt gewesen seien und alle die gleiche Zahl von Insassen gehabt hätten. Jedenfalls dürfte es stimmen, wenn Dietz die Meinung vertritt, daß die Bevölkerungszahl in der Judengasse seit 1709 nicht mehr unter 3000 heruntergegangen ist, sich also während des ganzen 18. Jahrhunderts auf der erwähnten gleichen Höhe gehalten hat, was kein Wunder war, da die feindseligen Frankfurter Judengesetze in unveränderter Kraft .fortbestanden. Waren die Juden doch noch immer in den Mauern des Ghettos eingezwängt, und galt für sie doch noch immer die Stättigkeitsordnung. Die Folge war, daß einerseits die Einwanderung auswärtiger Juden gehemmt wurde; andererseits war aber auch eine innere Vermehrung ausgeschlossen durch die Fixierung der Eheschließungen auf eine bestimmte Zahl, die nicht überschritten werden durfte. Der Vermehrung standen dann ferner die ungünstigsten hygienischen Verhältnisse entgegen, die ein in die Wägschale fallendes Absinken der Sterblichkeit nicht zuließen. Mit dem 19. Jahrhundert betreten wir zum ersten Mal festen statistischen Boden. Die erste Volkszählung fand in Frankfurt 1817 statt. Im ganzen Jahrhundert fanden 12 statt, von denen die ersten vier von der freien Reichsstadt Frankfurt vorgenommen wurden. 1817 wurden 4309 Juden gezählt, unter ihnen 1136 fremde, 1823 4530, davon 1288 fremde, 1858 5730, davon 2499 fremde, 1864 waren es 7620, davon 3460 fremde, 1867 8238, davon 2342 sicemde. Erst bei der Volkszählung 1871 hört die Scheidung der Gezählten in Staatsangehörige n nd Fremde auf, die Zahl der Juden betrug in diesem Jahr 10,009, 1875 11,887, 1880 13,856, 1885 15,537, 1890 17,426, 1895 19,488, 1900 21,874, 1905 23,476. ZuM Verständnis der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Frankfurts a. M. int-19. Jahrhundert ist es notwendig. Mit einigem Worten auf die Geschichte derselben in diesem Jahrhundert einzugehen. , Die Befreiung der Frankfurter Juden aus der Jahrhunderte langen Bedrückung düs Ghettos beginnt Mit dem Jahre 1796. In diesem Jahrü wurde, wie schon hervorgehoben, ein großer Teil der Judengasse von den Franzosen in den Grund geschossen und den obdachlosen Juden gestattet, sich bis zum Wiederaufbau der Gasse außerhalb derselben anzusiedeln. 1811 wurde - ihnen das volle Bürgerrecht verliehen nach Festsetzung einer Ablösungssumme von 440,000 Gulden. Nach Wiederherstellung des Freistaates wurde ihnen dieses Bürgerrecht wieder entzogen und erst 1824 mit gewissen Einschränkungen wiedergegeben; zu diesen Einschränkungen gehörte die Limitierung der Heiraten. Erst das Jahr 1848 Machte diesen Einschränkungen ein Ende. Die volle staatsbürgerliche Gleichstellung mit den christlichen Mitbürgern erhalten die Frankfurter Juden jeÄoch erst, nachdem Frankfurt seine Selbständigkeit verloren und der norddeutsche Bund den Grundsatz proklamiert hatte, daß alle Deutsche vor dem Gesetze gleich seien. In diesen politischen Verhältnissen spiegeln sich die Bevölkerungsverhältnisfe der Frankfurter Juden iM 19. Jahrhundert. Charakteristisch ist, daß bei den ersten Volkszählungen im 19. Jahrhundert die Juden noch immer in Stättigkeitsjuden, Schutzs juden und Permissiomsten geschieden wurden und daß die Scheidung in einhermische und fremde Juden erst mit der Einverleibung Frankfurts in den preußischen Staat aufhörte. Wir sehen, wie sich die Bevölkerung, nachdem ihr 1811 zuM ersten Male die Freiheit gegeben wurde, bis zum Jahr 1817 fast verdoppelte, wie sie aber in der nachfolgenden Reaktionszeit bis zum Jahre 1823 beinahe stationär bleibt, wie sie auch m den folgenden 35 Jahren sich um nur 1200 Seelen vergrößert, wie sie aber bereits in den nächsten sechs Jahren bis 1864 um 1900 Seelen anwächst und im Jahre 1871 in vier Jahren wieder um 1800 Seelen anwächst, um zum ersten Mal die Ziffer 10,000 zu überschreiten. In den sechs Bolkszählungsperioden von 1875—1905 stieg alsdann die Bevölkerung um 2000, 1700, 2000, 2000, 1700 und 1500 Seelen. Die relative Zunahme scheint demnach seit 1895 nicht mehr in dem gleichen Maßü wie in den vorhergehenden Jahrzehnten zu erfolgen, sondern, etwas nachzulassen. Was das Prozentverhältnis zwischen Mischer und christlicher Bevölkerung anlangt, so war dies in früheren Jahrhunderten ziemlich stationär, da auch die christliche Bevölkerung nur führ langsam zunahm. Im 18. Jahrhundert machte dann die jüdische Bevölkerung ungefähr 10 Prozj. dür christlichen aus und hielt sich auch im 19. Jahrhundert un- . gefähr auf derselben Höhe. Die Ludmtter Maw. Von S. M. Horodezky. Aus dem Russischen übertragen von P. GolÄring. Zur Kategorie der heiligen Frauen, die je im Chassidismus eine Rolle gespielt haben, gehört die rätselhafte Persönlichkeit, die im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts aufgetreten und in den Bollssagen unter dem Namen „Die Ludmirer Maid" verewigt ist. Sie ist geboren im Städtchen Ludmir oder Ladomir (Wladimir-Wolhynien) um Jahr 1815. Ihr eigentlicher Name war Chana Rochel. Sie war die einzige Tochter ihres Vaters Monesch Werbermacher, eines vermögenden und zum Teil gelehrten Mannes. Auch ihre Mutter war mit der seelenerlösenden Frauenliteratur vertraut. Das Mädchen hatte schon seit früher Jugend durch ihre Schönheit und außergewöhnlich intellektuellen Gaben die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Schon als Kind erlernte sie die Bibel im Original und war der hebräischen Sprache kundig, dann eignete sie sich vieles von den talmudischen Legenden, vom Midrasch und den Gesetzbüchern an. Das Mädchen betete dreimal mn Tage und betete mit solcher Inbrunst, daß sie alle Umgebenden in Erstaune,! setzte. Die Bewohner des Ortes meinten, die Tochter des R. Monesch sei würdig, ein Zaddik zu werden. Die ungewöhnliche Intelligenz des Mädchens einerseits und die Wohlhabenheit des Vaters andererseils haben Chana Rochel, sobald sie nur dem Kindesalter entwachsen war, zum Gegenstände der besonderen Aufmerksamkeit der Heiratsvermittler gemacht. Glänzende Partien sind ihr aus verschiedenen Städten angelrage» worden, doch der alte Monesch hat sie alle znrückgewiesen. Kurz daraus verlobte sich Chana Rochel mit einem jungen Mann aus ihrem Städtchen. Dieses Ereignis hat in ihrem geistigen Leben eine Umwälzung hervorgerufen- Da sie ihren Bräutigam schon von der Kindheit kannte, verliebte sie sich bald in ihn mit Äcr ganzen Glut ihrer feurigen Seele, es lockte sie, ihn zu sehen, allein zu sprechen und ihr Inneres ihm zu offenbaren, jedoch nach der Sitte der damaligen Zeit war es den Brautleuten strengstens untersagt, bis zur Hochzeit sich zu sehen. Vor Gram und Sehnsucht nach dem Geliebten erkrankte das Mädchen. Doch niemand! bekümmerte sich um sie. Der Vater war von seinen Geschäften in Anspruch genommen, und die Mutter starb gerade um jene Zeit- Darm fing das Mädchen an, von aller Welt sich zurückzuziehen. Ganze Tage hindurch schloß es sich in seinem Zimmerchen ein und verließ nur das Haus, um das Grab der Mutter aufzusuchen und seinen Kummer auszuweinen. Eines Tages — e^ählt die Sage — als Chana- Rochel auf dem Grabe ihrer Mutter saß, geriet sie in einen Traumzustand. Als sie dann erwachte, war es bc- 0780