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Neue jüdische Presse · 1913-05-02 · Heft 17 (2.5.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 17 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das italienische Judentum, das lange Zeit keine Lebenszeichen gegeben hatte, hat in der letzten Zeit, 6c=t sonders seit dem Zusammenschluß aller Gemeinden zu eitler Gesamtorganisation, wieder die Bahn der jnd. Arbeit betreten. Der „Comitato delle C vntunita israelitiche italianc", der vor einigen Jahren, nach Ueberwindüng großer Schlvierigkeiten, gegründet wurde, hat in der kurzen Zeit seines Bestehens sehr segensreich für die Belebung und Erhaltung des Judentums in unserem Lande gewirkt. Er hat viele Gemeinden neu organisiert und sie wieder auf gesunde Basis gestellt und den kleineren Gemeinden Materiell und geistig geholfen. Jedes Jahr hält der Bund in einer anderen größer ren Gemeinde eine Tagung, in der die aktuellen Fragen des Gemeindelebens besprochen werden. Jede der wenigen'bis setzt abgehaltenen Tagungen bedeutete einen Schritt vorwärts in der Verwirklichung des Programms, das sich der „Bund der italienischen Gemeinden" bei seiner Gründung setzte. Aber was besonders den Bund auszoichnet, ist, däß er seine Tätigkeitllicht auf Italien allein beschränkt, sondern sich für alle Fragen, dm das allgemeine Judentum betreffen, interessiert, besonders aber nach Kräften dazu beitragen will, unseren orientalischen Glaubensgenossen materiell und geistig zu helfen. So hat in der letzten Tagung, die vorige Woche in F e r r a r a stattfand, die r u m ä n i s ch e Inden frage den größten Teil der Debatte gebildet. Der Präsident des Bundes, Commenda- . t o r c A n g c l o S e r e n i, Vorsteher der römischen Gemeinde, gab einen ausführlichen Bericht über die Aktion der Leitung des Bundes zugunsten der rumänischen Juden. Es ist dem Bunde gelungen, die öffentliche Meinung in Italien für diese Frage zu gewinnen. Verschiedene Zeitungen, an der Spitze das Verbreiteste Blatt Italiens „J l Corricre della Sera", und der populäre „S e c o l o", brachten scharfe Artikel gegen die MißbandluiP, der Juden in Rumänien. Der Bund hat sich mit S. E. Luigi Luzzatti nnd mit anderen italienischen Staatsmännern in Verbindung gesetzt, um die italienische Regierung zur Verteidigung der Rechte der rumänischen Juden zu bewegen. Gerade diese Woche hat der Präsident des Bundes und dessen Schriftleiter, Cavaliere Anse l m o C o l o in b o, lange Verhandlungen mit dem Minister des Aeußern, Marchese 'di San Giuliano und mit Luigi Luzzatti geführt. Das Komitee gibt einen ausführlichem Bericht über diese seine Aktion für die rumänischen Juden und veröffentlicht gleichzeitig das Memorandum', das es an das italienische Ministerium gerichtet hat. „Die Frage der rumänischen Juden" — heißt es int Kommunique — „war eine der schwierigsten und verwickelsten, denn es handelte sich darum, in der öffentlichen Meinung und in den Kabinetten Europas, eine Bewegung hürvorzurufen, um die Intervention aller an der Londoner Botschasterkonfcrenz beteiligten Mächte zu gewinnen. . . Zu diesem Zwecke trat der Bund in Verbindung mit den großen jüdischen Organisationen des Auslandes, besonders mit der Alliance von Paris, ° nnd mit den italienischen Staatsmännern, die sich sehr günstig aussprachen." Der tätigste der italienischem Staatsmänner war S. E. Luigi Luzzatti, ein enthusiastischer und generöser Geist, immer bereit, sich der großen Fragen zur Verteidigung der Schwachen und Unterdrückten anzunehmen. In seiner Seele lebt noch der Geist unserer Vorfahren, jener Geist, der die Quelle und der Grund .unserer Solidarität bildet. Luzzatti hat mit einer leidenschaftlichen Energie seine autoritätvolle Aktion bei der italienischen Regierung entwickelt nnd sich besondere Verdienste für die Sache erworben, die heute das ganze Judentum interessiert. Außerdem hat er diese Frage mit den bedeutendsten Diplomaten, und besonders mit den rumänischen, besprochen und in der öffentlichen Meinung Italiens mit dem Artikel im C o r r i e r e della Sera agitiert. Das Eintreten des Bundes sowie die unermüdliche Intervention von Luigi Luzzatti haben zur Folge gehabt, daß sich die italienische Regierung mit Sympathie der Sache angenommen hat. Ob das Eintreten Italiens den Juden Rumäniens viel nützen wird, ist schwer vorauszusehen. Eines scheint vorläufig sicher zu sein: die bulgarischen Juden, die unter Rumäniens Herrschaft kommen, werden dank dem Eintreten der europäischen Diplomatie iind besonders Italiens, ihrer Rechte als Bürger nicht verlustig gehen. Nun bleibt noch die Frage der. inländischen Inden Rumäniens — und Rumänien erklärt, daß es sich hier um interne Angelegenheiten handelt nnd keine fremde Macht das Recht habe, sich einznmischen. Diese Ausflucht bekämpft Luigi Luzzatti, da die Religionsfreiheit eine internationale, allgemein-menschliche Sache! sei. Ben-D avid. Brief ans Rußland. Die D u m a verabschiedete am 16. April in einer geheimen Sitzung das Rekrntenkontingent für das Jahr 1913. Von den Parteien der Rechten wurde bei dieser Gelegenheit wieder einmal die Frage der Ausschließung der Juden aus dem Heere aufs Tapet gebracht. Da die Berichterstattung über die Sitzung untersagt wurde, ist es vorläufig noch unbekannt, in welchem Sinne die Duma zu dieser Frage Stellung nahm. Nur so viel ist durchgesickert, daß die Verhandlungen äußerst stürmisch und erregt verliefen. — Unmittelbar vor Pesach ist in verschiedenen Gegenden des Reiches wieder das Ritnalmordmärchen aufgetaucht. Nachrichten über schlimme! Folgen dieser antisemitischen Waffen liegen bisher noch nicht vor. — In Polen tobt nach wie vor die Boykotthetze gegen d i o I u d e n. In den letzten Tagen treiben die polnischen Fanatiker in Schirardowo, wo 12,000 Juden wohnen, ein gemeingefährliches Treiben. Sie hetzen mit allen Mitteln die Volksmassen aus, daß sie um Ausweisung sämtlicher Juden aus ihrem Ort petitionierensollen. Sollte die Petition wirklich zustande kommen, so wäre sie nicht ungefährlich. Nimmt doch die russische Regierung jeden Anlaß wahr, um Massenhafte Judcnvertreibungen anzuordnen! — Wie man sich erinnert, waren vor ein paar Monaten in den Gouvernements Kiew und Wolhynien viele Tausende jüdischer Dorfbewohner von plötzlichen Ausweisungsbefehlen betroffen worden, darunter zahlreiche Personen, die bereits seit Jahrzehnten an den ihnen jetzt verwehrten Orten ihr Domizil haben. Die Grausamkeit dieser widerrechtlichen .Anordnung erweckte 'lebhafte Proteste in der Presse, die namentlich die barbarischen Begleiterscheinungen in lebhaften Farben schilderte. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung sah sich die lokale Administration gezwungen, die Ausführung der brutalen Maßnahme für diejenigen, die noch nicht weggezogen waren, bi s zum 28. April zu verschiebeil, und allgemein glaubte man schon, daß die Regierung die Ausweisungen rückgängig machen werde. Auch die Betroffenen gaben sich mit Rücksicht auf das Romanowjnbiläum Hoffnungen hin. Da hat nun die Polizei in den letzten Tagen die auf die Ausweisungsliste gesetzten jüdischen Dorfbewohner wissen lassen, daß ihre Stunde bald kommen werde. So sollen also nach zwölf Tagen Taufen!» unbemittelter Jnöen, die auch unter normalen Verhältnissen nur schwer ihr Dasein fristen, zum Wanderstab greifen. Da aber die Städte des Ansiedlungsrayons überfüllt sind, und die meisten Ausgöwiesenen nicht über die zur überseeischen Auswanderung erforderlichen Mittel verftigen, so wird das Vorgehen im Wolhynischen und Kiewschen zu einer doppelten Katastrophe fiir die Gejagten. Denn niemand weiß eine Antwort auf die Frage des Wohin. «ns den Ereignissen des Tages. Die Mio« der deutsche« llniversitäte« gegen die jüdische« Studente« Rußlands. Leipzig machte den Anfang, München und Gießen*) folgten nach. Daß Sachsen eine solch' günstige Sache, wie die Verdrängung der jüdischen Studierenden Rußlands ist, seinen traditionellen Antisemitismus zu zeigen, nicht verabsäumen wird, war von Vorneherein klar, was aber als unglaublich galt, ist die „löbliche" Nachahmung der antisemitischen Praxis Sachsens seitens dür sonst als human geltenden Bayern. Wie ist das' aufznfassen? Soll dies "als Zeichen der Zeit, überhaupt als Symptom für die Strömungen des 20. Jahrhunderts angesehen werden? Oder ist es vielmehr auf Konto der „glorreichen" Aera Härtling zu setzen?^ „Russische Barbarei an deutschen Hochschulen", so bezeichnet die Frankfurter Zeitung in ihrem ersten Morgenblatt vom 25. Llpril die Verfügung der Leipziger und Münchener Universität. Wahrlich, eine treffliche Bezeichnung, denn als was sonst könnte diese Handlimgsweise gekennzeichnet werden? Und doch ist dies noch mehr als eine Barbarei? Der russische Staat, der auf Bedrückung und Korruption aufgebaut ist, benutzt seine schikanös« Judenpolitik als Ablenkungsmittel für den durch die allgemeinen Bedrängungsnrethoden der zarischen Regierung entstandenen Groll der Bevölkerung, und da die Verfolgungen der Juden geradezu eine Existenzfrage für die r u s s i f che Verwaltungspraxis bedeuten, so müsse!« diesem Staate mildernde Umstände zugebilligt werden. - Anders aber unser deutsche Staat. Dieser hat es Gottlob nicht nötig, die verzweifelte Lage der jungen jüdischen Märtyrer Rußlands mit drakoni- '' scheu Maßregeln noch schlimmer zu gestalten. Die ' Interessen der einheimischen Studenten könnten gewahrt werden, ohne zur *) Bor uns liegt ein Schreiben der Universität Gießen, ü das fast gleich der Universität München die Aufnahme .jj der Russen..— sprich Inden — verweigert. D, R>

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