Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ieilttfle M Ht. 16 rfes Frankfurter IsmekMm FamKmklatkes. Aus aller Mett Oesterreich-Ungar«. Czernowitz. ReichstagSavgeordneter Dr. Benno Strauch er erläßt einen Aufruf, der die Einberufung eines silbischen Kongresses fordert, dessen einziger Gegenstand die Erlangung der Gleichberechtigung der Inden Rumäniens bilden soll. Es seien die geeigneten Wege zu beraten, wie die maßgebenden Kreise Oesterreich-Ungarns und der Signaturmächte des Berliner Vertrags von 1878 auf Grund dessen verpflichtenden Bestimmungen für eine derartige Jnterventivn bei der rumänischen Regierung zu gewinnen seien. Lemberg. Die hiesigen kaufmännischen Gewerkschaften haben beschlossen, eine jüdische Kreditbank zu gründen. Die Dcwish Colonisation Association („Jca") hatte bereits vor zwei Jahren ihre Beteiligung zngesagt, wenn in Galizien 300 000 Kr. aufgebracht werden. Ans der Not heraus sind die galizischen Juden endlich zur Selbsthilfe geschritten, — und mit Hilfe der „Jca" wird nun das erste große Werk der Selbsthilfe verwirklicht werden. Frankreich: Paris. Wie sehr böse Beispiele gute Sitten verderben, ist in der K o n f e r e n z der französischen Stube n d e n der Medizin, die .kürzlich hier stattfand, wieder einmal zutage getreten. Ganz nach deutschen Mustern wurde eine Resolution gefaßt, die sich dem Wortlaute nach zwar gegen alle ausländischen Studenten richtet, in Wirklichkeit aber lediglich die russischen jüdischen Studenten treffen soll. Die kiinstige geistige Elite Frankreichs fordert: 1., daß die Ausländer von dem Studium an den medizinischen Fakultäten Frankreichs vollständig ausgeschlossen werden; 2., daß es den ausländischen Studenten im allgemeinen verwehrt sein soll, sich in Paris zu konzentrieren; es sind vielmehr Maßnahmen. zu treffen, um ihre Verteilung über 'die Universitäten der Provinz herbeizuführen; 3., daß künftig Ausländer zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Frankreich nicht mehr zugelassen tverden, selbst wenn sie im Besitze eines französischen Diploms sind, und daß die bereits praktizierenden Ausländer zur Erwerbung des französischen Bürgerrechtes und zur Leistung von Militärdienst angehalten tverden sollen. Diese Forderungen übersteigen ja noch die extremsten Forderungen in Deutschland! Doch seitdem Frankreich, das Land der Kultur, sich init Rußland, dem Land der Barbarei, verbrüdert hat, braucht man sich auch darüber nicht mehr zu verwundern. Türkei. Konftautinopel. Eine kaiserliche Verfügung zum Preßgesctz schasst! i . de in religiösen Frieden gesetzlichen Schutz. Es wird nämlich mit Hast- und Geldstrafen jede publizistische Verleumdung einer der bestehenden Religionen oder Kulte oder deren geistlichen Oberhäupter belegt, ebenso jeder Versuch, unter den verschiedenen Elementen des Reiches Haß und Zwietracht zu säen. Palästina. Jerusalem. „Hamormh" bringt die Miltci'ung. daß die Kunstgewerbcschn le „Bezalcl" in einer kritischen finanziellen Lage sich befinde. Die Arbeitslöhne und Gehälter könnten nicht pünktlich bezahlt tverden. Das habe eine weitere.unangenehme Krise zur Folge, da die meisten Arbeiter und Angestellten des Bczalel ihre Lebensmittel bei kleinen Kaufleuten besorgen und dieselben einnial im Monat bezahlen. Diese kritische Situation wird mit der allgemeinen Krise begründet, da die Bezalelschnle wdf immer keine feste finanzielle Grundlage hat und eigentlich nur von unverbindlichen Beiträgen und Spenden erhalten wird. Die in letzterer Zeit vorgenommenen Versuche, eine solche feste finanzielle Grundlage zu schassen, blieben bisher ohne Erfolg. Amerika. Rew-Nork. Die Zahl der Juden in den Bereinigten Staaten läßt sich naturgemäß nicht exakt angeben, da die Behörden bei den Volkszählungen keine Religionsbekenntnisse kennen. Die neueste Schätzung nimmt ihre Zahl mit. drei Millionen an, während man bisher ztvei Millionen annahm. Diese von Max Köhler aufgestellte Berechnung stützt sich darauf, daß 1910 rund 1173 000 Personen „jüdisch" als Muttersprache angaben. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Bon den Austritten aus dem Judentum der letzten Zeit seien hier folgende verzeichnet: Rechtsanwalt Dr. Oskar Wachsmänn, Journalist Max Brie, Dr. med. Ernst Steinitz, Ingenieur Ernst Schlesinger, Dr. jur. et rev. pol. Carl Arthur Lion, Kunstmaler Emil Beer. Breme«: Der Norddeutsche Lloyd hat, wie in früheren Jahren, auch dieses Jahr Vorsorge getroffen, daß allen jüdischen Passagieren, die während der bevorstehenden Pesachtage in Bremen oder auf den Lloyddainpfern .sich befinden, eine den jüdischen Vorschriften entsprechende rituelle Verpflegung zuteil wird. Leipzig. Der Dozent an der Handelshochschule, Dr. S. Berliner, der zugleich als Lehrer an der öffentlichen Lehranstalt wirkt, ist als Professor der Handelstechnik an die Kaiserlich Japanische Universität Tokoi berufen worden und wird dem Rufe- Folge leisten. Frielendorf. Frau Witwe R. B a ch r a ch, die älteste Einwohnerin unseres Ortes und der, Umgegend, begeht nächsten Freitag in seltener Geistes- und Körperfrische ihren 94. Geburtstag. Bechhofen (Bayern). Die Regierung hat für die Renovierung der hiesigen, künstlerisch einzigartigen Synagoge 4000 JL bewilligt. Bierstadt. Hier starb am 2. Nissan Frau Jett ch en L e v y geb. Oppenheimer, die Gattin unseres Vorstehers, im Alter von 74 Jahren., Die Verstorbene war eine wahre Escheth chajil, eine von jenen wahrhaft frommen Frauen, die in Mizwoth und Maasim towim leben und aufgehen. Kein Gebot, kein altjüdischer Brauch tvar ihr gering, sie liebte und lebte sie alle. Mit welcher Andacht hörte sie dem „Lernen" zu. Und wie sie Gott gerecht zu werden suchte, so auch den Menschen. Kein Armer verließ ihr Haus ungesättigt, und gar manche werden von ihrein guten, jüdischen Herz zu erzählen wissen. Gaben im Stillen waren bei ihr keine Seltenheit, wie überhaupt Güte und Vornehmheit das Wesen von Frau Jettchen Levh ausmachten. Krotoschin. Eine Selbstmord-Epidemie scheint hier zu herrschen. Erst nahmen sich drei Offiziere das Leben, dann die Frau eines Kaufmanns, dann ein jüdischer Destillateur und jetzt der angesehenste Mann unserer jüdischen Gemeinde. Am Abend hatte er noch die Sitzung des Vorstandes präsidiert, und am anderen Morgen erschoß er sich in seinem Büro. Ratibor. Frau Rittergutsbesitzer RosalieZender vermachte der jüdischen Gemeinde 10 000 Jt, München. Hier verschied der ordentl. Universitätsprofessor für Geschichte Dr. Harry Simonsfeld Wie«. Dr. Emil Pins erhielt den Titel Medizinalrat. — Regicrungsrat Professor Dr. Heinrich Kirch in Marienbad feiert sein 50 j ä h r i g e s Jubiläum als Brunnen- und Badearzt. Brün«. Hoftat Tr. Salomon Spitzer ist zum Ehrenbürger der Israelit. Stadtgemeinde Gewitsch ernannt worden. — In Bisenz verschied im Alter von 103 Jahren Herr Leopold David, ein Onkel des Dichters I. I. David. London. Claude Mofntefiore, der bekannte Reformer des Judentums und Präsident der Anglo Jewish Association, ist als Nachfolger des Herzogs von Wellington zum Präsidenten des H a r t l c y U n i v e r s i t y College gewählt worden. Rom. Zum Gesandten in Kopenhagen wurde vor kurzem Conte di Carubio, ein Jude ernannt. In den sechziger Jahren bekleidete bereits ein anderer Jude, I s a k A r t o m, das gleiche hohe Amt. In einer Unterredung mit einer führenden Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Roms sprach König Victor E M a n n c l seine Genugtuung darüber aus, daß er einen jüdischen Diplomaten auf einen so hohen Posten berufen konnte. Seit langem sei er überzeugt, daß die Juden gerade für den diplomatischenDicnsthervorragendbefähigt sind, und er habe wiederholt beabsichtigt, Juden zu Gesandten und Botschaftern an fremden Höfen zu ernennen, doch zeigten sich die betreffenden Regierungen, darunter auch die eines als entschieden liberal geltenden Staates, abgeneigt, einen jüdischen Gesandten zu akzeptieren. Bloß der König von Dänemark habe der Ernennung eines Juden als Gesandten an seinem Hof bereitwillig zugestimmt. Henriette Hertz. In Rom verschied die deutsche Jüdin Henriette Hertz, die Eigentümerin des historischen Palastes Zuccari in der Via Gregoriana. Sie war eine bedeutende Frau, und in ihrein Salon verkehrte die geistige Creme. Große Verdienste hat sie sich um Kunst und Wissenschaft erworben, zuletzt durch Schaffung einer Bibliothek für die Renaissanceforschung iin Palast Zuccari, die im Januar eingeweiht wurde und nun mit dem Palast und dem gesamten großen Vermögen an die Kaiser Wilhelm-Stiftung übergeht, zu deren Mitglied sie der deutsche Kaiser ernannt hatte. Ein Freund unserer Zeitung teilt uns über seine Jugendfreundin Henriette Herz, die er seit ihren: 10. Lebensjahre kannte, und von der er heute noch zahlreiche Briefe und kleine Malereien besitzt, folgendes mit: ■ Henriette Hertz ist in Cöln geboren — wenn ich nicht irre — im Jahre 1844. Ihr Vater, Abraham Hertz, hatte ein großes Pserdegeschäst und war ein streng gläubiger Jude. So wurde Henriette religiös erzogen. Ein treuer Freund des gastfreien Hauses war der damalige Rabbiner Dr. Schwarz. Er führte die 15 jährige Henriette in ein tieferes jüdisches Wissen ein und „lernte" mit ihr fleißig „Mischnajoth" und „Gemoroh". Ihre Fragen und Ansichten setzten ihn oft ins Erstaunen, und er pflegte zu sagen: „Schade, daß Harry (so wurde sie genannt) nicht ein Jung ist, der hätte einen großen Rabbiner gegeben." Früh schon entwickelte sich ihr feines Kunstverständnis. Ihr liebster Aufenthalt war das Museum. Sie - lernte malen und modellieren und leistete darin Vortreffliches. Nebenbei trieb sie das Stichium fremder Sprachen, von denen sie int 18. Jahre sechs sprach und schrieb. Ju ihrem elterlichen Hause verkehrte damals ein junger Student der Chemie Ludwig Mond aus Cassel. Mond gründete in England chemische Fabriken und wurde durch die Erfindung einer bestimmten Sorte „Soda" sehr berühmt. Er hatte eine Freundin Henriettes geheiratet» und so kam es, daß Henriette zur Familie Mond nach nach London übersiedelte. Bon da ab datiert Henriettes gesellschaftlicher und pekuniärer Ausstieg/ da MoudslFabriken zu großen Gesellschaften umgewandelt wurden, wovei Henriette beteiligt war. Henriette Hertz hat, viele jüdische Künstler und Künstlerinnen ideell und materiell gefördert, ebenso bei deren Familien helfend eingegriffen. Als sie vor etwa 20 Jahren nach Rom übersiedelte, entfremdete sie sich ihren früheren Bekannten; nur nnt Familie Mond blieb sie in innigem Verkehr (Herr Mond starb vor zwei Jahren und vermachte u. a. der jüdischen Gemen,de in Cassel 100000 Jk). 'Wie sich Henriette Hertz in ihren letzten Jahren zum Judentum gestellt hat, weiß ich nicht. Sicherlich war sie aber eine große Persönlichkeit, ans die unser Stamm stolz sein darf. —, Henriette Hertz Größe lag in ihren .unbewußten jüdischen Eigenschaften, die in ihrem Idealismus und in ihrem Lerneifer Lum schönsten Ausdruck gekommen sind. Und doch drängt sich ein Gefühl des Bedauerns auf, daß diese unbewußten keine bewußten jüdischen Eigenschaften bei ihr waren. Ein solch' prächtiger! Mensch, ausgewachsen in einem altjüdischen Milieu, —> und so schnell entfremdet! Weist das nicht den ganzen Jammer in unserem heutigen Judentum auf? Aus der Lehrerwett. Berlin. Im Aufträge des Jüd. Instituts für technische Erziehung in Palästina reist der Direktor dieses Instituts, Dr. A. Finkelstein, am 15. Slpril nach Haifa, um dort an Ort und Stelle die nötigen Vorbereitungen zu treten für die Fortführung der Bauten und für die etwa in einem Jahre zu erwartende Eröffnung des Instituts. Berlin. Die Religionsschule „Talmud Thora Keneseth Jisroel", die ca. 200 Schülern Thorakenntnis mit Zeitbildung vereint beibringt, wird Sonntag, den 4. Mai, nachmittags 4 Uhr durch eine Anzahl ihrer Schüler einen Sijum (Abschluß eines Talmudtraktats) vornehmen lassen. Mit dem Sijum sind Deklamationen und Vorträge verbunden. Der Frauenverein „Keneseth Jisroel" wird sodann für die Kinder der Talmud Thora eine Feier veranstalten. Die Feier findet in Haverlands Festsälen (früher Dräsel), Neue Friedrichstr. 35, statt. Gäste willkommen. LlSenbnrg. Auf Grund einer Eingabe des Landesrabbiners Dr. Mannheimer hat der Bundesrat beschlossen, sämtliche im Herzogtums Oldenburg angestellten Elementar- und Religionslehrer von der Beitragspflicht zur Beamtenversicherung zu befteien, da die dort seit Jahren bestehende Lehrerpensionskasse als genügend anerkannt worden ist. I. Diese Pensionskasse, zu welcher die Lehrer nichts beizutragen haben, wird von den Gemeinden durch 3»/» Beitrag ihrer Gemeindeumlagen erhalten. Gernsheim. Nach 43 jähriger Amtstätigkeit ist Lehrer Salomon Weil verschieden. An der Bahre schilderte Rabb. Dr. Marx-Darmstadt den Entschlafenen als einen Menschen, der ein Mann war und doch ein zartes, weiches :Herz in seiner Brust schlagen ließ, als einen Menschen, der Kopf und Herz, Mist und Gemüt, Denken, Wollen und Fühlen harmonisch vereinte. Als Lehrer habe er seine Aufgabe darin gesehen, durch sein eigenes Beispiel und sein Wort di« ihm anvertrauten Kinder zu sittlich starken Charakteren und zir religiös gefestigten Menschen zu «ziehen. Realschuldirektor Dr. Seidenberger sprach sodann für das Lehrerkollegiimr der Recuschule «. Lehrer R o h r he im er-Biblis für den „Unabhängigen Verein israel. Lehrer im Großherzogt. Hessen." Auch Lehrer Z i n k e s - Rödelheim und Herr Spies, Vorsteher der israel. Gemeinde, riefen den. Entschlafenen nach, was er als Mensch und Lehrer war. Aus der zionistische» Bewegung. Berlin. Der Bvwaltungsrat der Jmmobiliengesellschaft „Palästina" hat beschlossen, der demnächst stattfindendcn Gesellschafterversammlnng vorzuschlagen, für das abgelaufene Geschäftsjahr 1912 eine Dividende von 8<y<> (gegen 6®/o im Vorjahre) auszuschütten. Im Laufe des zweiten Halbjahres 1912 sind für weitere 23000 Ji. Stammanteile der Gesellschaft ä 500 Jf. verkauft worden. Berlin. Das Aktions-Komitee erläßt folgenden Aufruf: „Wir haben de» XI. Kongreß der zionistischen Organisation nach Wien einberufon. In dieser Stadt, aus der Theodor Herzls Weckruf ans - jüdische Volk ergangen ist, wird unsere Organisation ,ihre Musterung halten. Vor den Augen der Welt wird sie prüfen, welchen Weg der Zionismus seit dem ersten und Mt den, letzten Baseler Kongreß znrückgelegt hat, welche Aufgaben .ihm für die nächste Zukunft gestellt sind. Die Beratungen und Beschlüsse des Wiener Kongresses werden beweisen, daß die zionistische Idee die lebendigen, die zukunftsfrohen Kräfte unseres heimatlosen Volkes zim Arbeit für die nationale Erneuerimg zusammenschließt. ■