Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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MW M Rr 18 ltes FmiMrier UmMslkm dFaiiiitieafiEattes. Ei« glücklicher Moment in der Praxis. Bon einer alten Armenpflegen«. In unserer Zeit, in der die Fraic ihre staatsbürgerliche nnd kommunale (Gleichberechtigung mit dem Manne vielfach noch dadurch erkämpfen muß, daß sie unaufhörlich „die traditionelle caritative Wohltätigkeit in disziplinierte rationelle Annen- und Wohlfahrtspflege uinwandclt", ist die Tätigkeit eitler Armenpflegerin — einerlei, ob sie beruflich oder freiwillig geübt lvird — eine doppelt verantwortungsvolle. Trotzdem es längst erwiesen ist, daß das warme Herz der Frau — man möge das Bild verzeihen — nicht tiefer tu die Vereins- und Stadtsäckel greift als der kühle Verstand des Mannes, so muß die Frau doch, weil sie eben noch am 'Anfang ihrer staatsbürgerlichen Laufbahn steht, doppelt vorsichtig und immer nur darauf bedacht sein, diese Umwandlung der caritativen Wohltätigkeit in traditionelle Armenpflege bei audrvheirdein Berllist der Anwartschaft auf die staatsbürgerliche und .kommunale Gleichberechtigung mit deni Mann, nicht allster Acht zu lassen, — auch dann nicht, wenn's ihr dabei menschlich lveh ums Herz wird. So war es denn eines Tages im Anfang des bösen Jahres 1913, daß sich folgendes ereignete : Eine junge Person hatte beschlossen, mit dem Vater ihrer .(linder die Stadt zu verlassen und nach Oesterreich zu reisen. Kein Mensch hätte gegen diesen Plan etwas einAulvonden gehabt, wenn nicht das jüngste der Kinder, ein drei Monate alter Säligling, hätte in fremder Pflege (die nur noch für drei Wochen bezahlt lvar). Zurückbleiben sollen. Das war natürlich vom Standpunkte der disziplinierten Armenpflege sehr bedenklich. Denn wenn auch der bestentwickelte Säligling nie selbständig seinen Aufenthalt bestimmen noch einen Unterstütznngswohnfitz erwerben kallll, so stehen der langgestreckten, komplizierten österreichischen Grenze so afiitc Bedürfnisse des Säuglings gegenüber, daß die gesetzlicheil Pflichten der Eltern in einem Fall, lvie der gegebene war, praktisch auf Null zusammenschrumpfen. Als alte Vertreterin der disziplinierten Armenpflege begalin ich mm im Augenblick, da ich von dem zri verlassenden Säugling hörte, zu rechnen: 20—25 Mark inonatlickj fürs nackte Leben bis zur Erwerbsfähigkcit des Kindes — reicht nicht; wer kann bei den heutigen Fleischpreisen — auch vegetarisch nicht —, selbst wenn die Stadt die Hälfte bezahlt und die jüdische Nnterstützungskasse deir Rest übernimmt, — cs können auch Spitalskosten dazil kommen, Schulgeld, Kleider und Stiefel werden immer größer — —, kurz, ich fand den von der Stadt angenommenen ökonomischen Standpunkt sehr begreiflich, daß sie nicht sehr erftcut sein würde, das hinterlassene Kind zu übernehmen und die jüdische Armenpflege auch nicht. Dazu kam, daß es ein Kind von jüdischen Ausländern war, sein Verbleib also als „eine Gefahr, die Stadt ihres deutschen Charakters zu entkleiden", angesehen wurde. Ich weiß, daß die jüd. Armenpflege den Behörden gegenüber sehr vorsichtig ist. Aus all diesen Erwägungen kam ich sehr rasch zu der Ueberzeugung, daß der Säugling rechtzeitig, das.heißt vor Abgang irgend eines unbekannten Nachtzuges, seinen Erzeugern zugeführt werden müsse, um die Reise nach Oesterreich mitzumachen. Die vorbereitenden Schritte zur Ausführung der Tat, die Erkundigung nach der Gesundheit des Kindes, das Einverständnis der zuständigen städtischen und privaten Instanzen, die Mitwirkung einer beamteten mit autoritativer Macht ausgerüsteten Helferin und einer jungen Adeptin in der disziplinierten Armenpflege, waren bald telephonisch besorgt, und wir gingen selbdritt, die Herzen von Pflichtgefühl geschwellt, zur Pflegemutter, um das Kind zu holen nnd den Eltern zu bringen. . Diese brave Frau war anfangs so gutmütig, daß sie nicht begreifen konnte, was wir wollten, aber unsere Auseinandersetzungen, daß mit der Abreise der Eltern des Kindes niemand mehr für das Wegegeld haftbar sei, umnachteten alsbald ihr natürliches Empsinddn, und sie führte uns zu dem Objekt' der disziplinierten Armenpflege. Ich als Netteste und Mutigste trat zuerst an den Kinderwagen heran und sah ein herziges Menschlein, das sich vergeblich bemühte, zwei blaurote Fäustchen in den Mund zu stecken. „Wir müssen das Kind frisch anzichen und gut warm nnziehen", sagte ich in überlegener Humanität. „Komm, Hortensia, armes Tier", sagte die Pflcgefrau, das rechte Wort am rechten Ort findend, nahm das Püppchen am Wickel, öffnete auf ihrem Schoß den seit made Prießnitz, wusch und puderte, zog ihm uuter ständigem Kopfschütteln ein frisches Hcmdchen verkehrt an und legte es aufs Bett. ' Ich beugte mich über das Objekt der disziplinierten Armenpflege, es reckte und streckte seine mageren Aermchen und Bcinchen voll Behagen und guckte mich mit großen nnbestimmtfarbigen Augen an und lachte. Es hat mich wirklich und wahrhaftig angclacht— ich habe drei lebende Zengen dafür! Dann kam eine frische Windel, ein neuer Einschlag, ein unmodernes Wickelband, ein weißes Barchcntkleidchen mit Stickerei, ein Häubchen mit rosa Bändern, das dem Püppchen gar zu lieb stand, dann ein großes wollenes Tuch über das Ganze, — und mit abgewendetem Gesicht reichte die Frau uns das leichte Packet zum Transport. Unterwegs schwankte meine, Angst für das Kind zwischen Ersticken und Erkälten, aber cs gab von Zeit zu Zeit ein gurgelndes Tünchen von sich, das wir als Ausdruck eines gewissen Behagens auffassen durften. Aber die ganze staatsbürgerliche und kommunale Gleichberechtigung künftiger Generationen von Frauen erschien mir bedeutungslos in dem jämmerlichen Gefühl, das ich hatte, als wir die Mutter des Kindchens suchten, um es dem unsicheren Schicksal eines Rückwandererkindes zuzuführen. Ich hatte auch besondere Ursache, mich unbehaglich zu fühlen, denn es hatte doch gerade mich so voll Vertrauen angelacht! — Wir sprachen unterwegs nicht viel von unseren ■ Gefühlen, aber ich bin sicher: wir wären alle drei lieber „rückfällig caritativ" geworden, wenn nicht die leidige Geldfrage gewesen wäre. Die Wohnungsangabe, die uns leitete, war richtig, die Schelle tönte, und bald darauf befanden wir uns auf einem schmalen Vorplatz. Unter einer Tür, dem Eingang gegenüber, erschienen eine Frau nnd ein Mann, die Namen stimmten, und die Beamtin legte der Mutter ihr Kind in die Arme. Die spontane Zärtlichkeit, mit der sie, nachdem die erste Ueberraschung überwunden war, es umfing und herzte, lvar rührend; sie hatte aber noch die praktische Bedeutung, daß unser Vorgehen keine „Kindcsaussetzung" war. Weniger rührend betrug sich dör Vater des Kindes, den ich aus diesem Grunde nur mit dem häßlichen Worte des „Kindesvators" bezeichnen möchte. Also der Kindesvater erklärte, daß er, daß sie bei der in wenigen Stunden bevorstehenden Abreise das Kind „absolut nicht gebrauchen" könnten, daß er schon (!)'20 Mark Pflegegeld bezahlt habe, daß er von Oesterreich (!) Geld schicken wolle (?), daß er bei einem Anwalt sein Recht suchen werde usw. Nachdem wir uns noch bemüht hatten, auch hier unsere kommunale Aufgabe so höflich und deutlich wie möglich zu erklären, gingen wir von dannen unter tiefsinnigen Gesprächen darüber, wie sich wohl die maßgebenden Männer in dieser schweren Stunde in praxi mit ihrem armenpflegerischen Gewissen abgefunden hätten. Auf dem Weg zur Stadtbahn begaben wir uns nochmals zur Pflegeftau, um ihr zu sagen, daß, trotzdem unsere Kommission sie als Pflegemutter empfohlen hatte, wir für das Pflegegeld nicht haftbar wären. Das Kindchen würde mm mit den Eltern abreisen, und sie solle auf Verlangen der Mutter des Kindes däs vorbezahlte Kostgeld zurückgeben. Dann gingen wir wieder. An der nächsten Straßenecke hatte uns schon der Kindesvater eingeholt. Seine Persönlichkeit und sein Benehmen waren in 8er kurzen Zeit, seitdem wir seine Bekanntschaft gemacht chatten, noch wemger einnehmend geworden, und der angedrohte Rechtsanwalt hatte sich in einen Staatsanwalt verwandelt. Unsere kühle Höflichkeit aber blieb sich gleich, nnd die Stadtbahn machte Redö und Gegenrede eirc Ende. * Ich mußte beständig an das Kindchen denken, das die Eltern „absolut nicht brauchen konnten", nnd was mal aus ihm werden würde und'welches Schicksal das bessere sei: amtlich überwachtes Haltekind oder llnbrauchbares Reisegepäck der Eltern. - Aus meiner Kenntnis der Verhältnisse mußte ich mich für das erste entscheiden. Ich. sah im Geiste alle qualvollen unhygienischen und traurigen Einheiten der Reise sowohl wie der Lebensfahrt Menschleins von heute bis zu seiner Selbständigkeit unter der Marke „unerwünscht". Diese Gedanken verdickten sich mir zu einem KGH im Halse, den meine junge Adeptin der disziplinierten Armenpflege vergeblich in einer Konditorei mit einer Tasse Kaffee wegzuspülen versuchte. Ich eilte nach Hause, um meiner Pflicht das Tüpferl aus das i zu setzen, indem ich Meinen Bericht schrieb. % Ich hatte nur wenige Zeilen geschrieben, da rasselte das Telephon aus meinem Tisch. „Hallo?" „Hier" — ein unverständlicher Name — „und ich soll sagen, daß der Pflegesrcru D. das Kind auf die Schwelle gelegt worden ist." „Gott, sei Tank, es bleibt hier", durchfuhr es mich mit einem Gefühl der Erleichterung. . . . „und ich soll fragen, was sie nrit dem Kind machen soll?" „Aufnehmen und weiter gut Pflegen soll sie's!" rief ich in den Zlpparat und legte den Hörer schleunigst auf die Gabel, damit nicht etwa eine Frage nach dem Pflegegeld mir diesen selten glücklichen Moment in meiner Praxis als Armenpflegerin störe. Der Wahrheit zur Ehre und zum Lobe des Arnrenrates sei noch hinzjugefügt, daß sich die Herren vom Amt geäußert haben sollen, die Frauen seien in diesem Falle zu streng gewesen. Allerdings wußten sie, als sie dies sagten, noch nicht, daß Hortensia doch hier geblieben war. Frankfurter Berichte. Agudas Jisroel-Jugeudgruppe. Eine» vollen Erfolg bedeutete der erste jüdische Jugend abend der A. I. - Jugendgruppe. Eine überaus zahlreiche Jugend hatte sich cingefunden, so daß der Saat schon zu Beginn der Veranstaltung überfüllt war. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen, indem er in sinnreicher Weise einige Pesnlim erklärte, die Tätigkeit der Jugendarbeit, besonders auf dem Gebiete des * Thorastudiums skizzierte und in humorvollen Worten den \ Zweck der zwanglosen Jugendabende erörterte. Dann erteilte er das Wort Herrn L. Perlmutter, der über „Agudas Jisroel uitö~ jüdische Jugend" referierte. In Form einer Plauderei zeigte der Redner die hohe Wertung, die die Jugend im Judentum zu allen Zeiten gefunden, um .dann in großen Strichen das Programm der Agudas Jisroel zu schildern. Sie bezwecke in erster Linie, das jüdische Volk wieder seinem Elemente, jper Thora, zuzuführen und damit die Wurzeln seiner Kraft wiedersinden zu lassen. An Hand der gegenwärtigen Lag« der jüdischen Gesamtheit demonstrierte Redner die Notwendigkeit der einzelnen Programmpunkte, des Zusammengehens von Ost und West, der Unterstützung der Jeschiboth, der wirtschaftlichen Maßnahmen, der Palästinaarbeit, Hilfsaktionen, Apologetik usw. Dann zeigte der Redner, wie gerade die Jugend befähigt sei, die großen Gedanken der A. I. zu erfassen und zu verwirklichen und schloß mit zündendem Appell znr Mitarbeit seine eindrucksvollen Ailsführungen. Dem lebhaften Beifalle der Versammlung gab der Vorsitzende nochmals Ausdruck, worauf die Diskussion einsetzte, die sich zunächst um den einen Punkt des Referats drehte, auf welche Weise die innere Annäherung zwischen 2 st nnd West erfolge. Herr Lehmann hält diese Frage . jür eine der wichtigsten der Agudas Jisroel-Organisation und hält cs für notwendig, sich über die Abhilfe der bisherigen Entfremdung klar zu werden. Herr Ziverh a n d geht den Ursachen nach nnd zeigt, daß von beiden Seiten danach getrachtet werden müsse, die Fehler gegenseitig zu entschuldigen und nur das Bessere zu betrachten. Herr Braun führt aus, daß die Frage zu stark ausäebauscht würde. In Wirklichkeit seien keine tiefgehenden Differenzen. In Kättowitz habe man sich sehr.gut verstanden und nicht einmal miteinander gestillten. Herr Herzfeld wendet sich dagegen, als ob die deutschen Juden die 'Ausländer, schlechter behandelten. Es könne sich nur um Einzelne handeln. Herr Edwin Feist sieht die Differenz darin, daß man noch zu sehr auf das Aeußere achte und vergäße, daß das Innere in beiden jüdischen Gruppen dem gleichen 'hohen Ziele zustrebe. Ein längeres Zusammengehen bringe Ost >uid West näher. Herr Rachel-