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Neue jüdische Presse · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. ' M«»a»Prri» pr» Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mt. 1 frei in» Hau». Lei der Post abonniert SO Pfg-, frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich > Ungarn Ml. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummer» kosten 10 Pfg. Redaktion und Expedition: Frankfurt a. m. n Eangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. ♦ y H4U vfF» Jnsrrtionsgreis für die fünfgefvaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die RellamezeUe Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Lngebote und -Besuche, WohnungSinserate, Heirats-Äunoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Matz- und Datum^Sorschrist ohne Aerbindlichreit. «nnoncrn-Annahme bei der Lxped. und in a.Annoncen»Bureaür. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 11. Jahrgang. Freitag, den 4. Nissan 5673 (11. April 1913) Nr. 15 Eine grotze jüdische Kulturaufgabe in Palästina. .Die palästinensische jüdische Presse hat endlich deir Kampf gegen den Besuch der von Missionsgescllschasten unterhaltenen jüdischen Schulen begonnen. Doch was kann die Agitation nützen, wenn nicht die Ursachen beseitigt werden, ans denen heraus die jüdischen Eltern veranlaßt worden sind, ihre Kinder diesen Schulen anzuvertrauen? Die annen Inden schicken ihre Kinder aus Not in diese Schulen. Dort erhalten die Kinder kostenlos Unterricht und Bücher und häufig auch Kleider. Die reichen Juden dagegen schicken ihre Kinder in die christlichen höheren Schulen, damit sie sich Bildung und vornehmes Auftreten aneignen. Wohl gibt es eine Anzahl Schulen jüdischer philantropischcr Gesellschaften. Doch ihre Zahl ist einerseits viel zu gering, und andererseits genießen sie zum großen Teil nicht das religiöse Vertrauen der Blasse. Auch müßten die Schulen so gestellt sein, daß, sie die armen Kinder auch noch beköstigen. Die schnelle Errichtung guter jüdischer Volks- und Mittelschulen erscheint als die dringendste jüdische Knltnranfg ä b iv die in Palästina zu leisten wäre. Und an diesen Schulen sind wesentlich Lehrer aus Westeuropa nötig, da der russische jüdische Lehrer meist als „Poschc" gilt und viele ihre Kinder lieber von einem Missionar als von einem „Posche" unterrichten lassen. Eine glänzende Aufgabe harrt also ihrer Vollführung, eine Ausgabe, mit der die Frage der jüdischen Zukunft Palästinas aufs engste verknüpft ist! Hier ist der Prüfstein gegeben, wieviel wahrhaft jüdisches Interesse, wieviel ehrliche Jüdischkeit 'in der traditionell gesinnten Judenheit unserer Zeit vorhanden ist! „Agudas Jisroel" und „Misrachi" haben das Schulwerk in Palästina in die erste Reihe ihres Programms gestellt; — doch daß es nun auch wirklich der Ruhm ihrer Organisationen werde, das liegt in dem Willen der traditionell gesinnten Judenheit. Freilich, die „Agudas Jisroel" ist eine junge -Organisation, die noch für längere Zeit hinaus mit ihrem Ausbau zu tun haben dürfte. Und was noch bedeutungsvoller ist: mit dem Tods ihres Präsidenten, Kommerzienrats Feist s. A., hat sie Den Mann verloren, dessen Liebe zur Sache, Aufopferungsfähigkeit und Großzügigkeit ihr auch die Erfüllung dieser Kulturmission in Palästina ermöglicht hätten. Und der „Misrachi" . hat aus Mangel an Mitteln seine Fürsorge bisher nur einer Schule, der Tachkentoni-Schule in Jaffa, widmen können. . So darf man denn wohl an das Gewissen der traditionell gesinnten Judenheit appellieren, muß sich aber doch auch nach anderen Wegen Umsehen, denn jeder Tag, der vorübergeht, ist uneinbringlicher Verlust. Uns scheinen zwei Möglichkeiten als gegeben: Das Geld der Chalukahverwaltungen muß in ständig stärkerem Maße für Schulzweckei frcigemacht werden, und es muß versucht worden, von der „Jca" ein Darlehen von mehreren Millionen zn erhalten. Wenn die maßgebenden Herren der „Jca" auch meist dem linken Flügel der religiösen Judenheit ängehören, so werden sie dennoch darin übereinstimmcn, daß es im Lande der Bibel ein schweres Unrecht wäre, die Jugend nicht auf dom Boden der Tradition zu erziehen, und Sicherheit für das Darlehen können die Agudas Jisroel und die Chalukaverwaltungen mit ihren Einnahmen genügend bieten. Möge die Leitung der „Agudas Jisroel" die Situation in ihrer ganzen Schwere erfassen, damit sie unter diesem Eindruck das Menscheninögliche nach jeder Richtung tue. Die „Agudas Jisroel" wird dann in glänzendster Weise einen weiteren Beweis für ihre Existenzberechtigung erbracht haben und die Sympathien noch weiterer Kreise sich erwerben. Aus de« Ereignissen des Tages. Nochmals der verhängnisvolle Beschluß der Centralvereinler! In unserem vorwöcheutlicheu Artikel behandelten wir die neue Phase im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Doch der neue Lauf der Dinge im Ceutralverein ist zn ernst, als daß man ihn mit einem Artikel erledigt haben dürste. Wir sagten bereits, daß, die Wendung im Centralverein weder im Interesse des Deutschtums noch in dem der Erlangung der Gleichberechtigung der Juden gntgehcißen werden kann. Das Deutschtum hat vom Zionismus eher Vorteile als Nachteile zn erwarten, und die Erlangung der Gleichberechtigung bekommt einen stärken Stoß durch das Gcbnhreu des Centralvereins. Tenn wenn Juden ihren eigenen Briidern die Rechte streitig machen, — warum sollen die Geber der Rechte, die deutsche C h r i st e n sind und sich von den empfangenbeu Juden sowohl ihrer Rasse als auch ihrer Religion nach unterscheiden, nicht das Gleiche tun dürfen? Warum sollen die deutschen Christen Leuten Rechte Anerkennen, die selbst zugebcn, daß sie keinen Rechtsanspruch darauf besitzen? Verkünden doch die Centralvereinler, daß die deutschen Juden nicht als I uden, sondern nur als Deutsche den Anspruch aus Gleichberechtigung Haben! All' dieses ist sonnenklar und kann nnmöglich den Centralvercinlern entgangen sein. Doch die Angst ob der durch den um sich greifenden Zionismus gefährdeten A ssimilatio n machte alle Bedenken zunichte. Es gab eine Zeit, da glaubte man, den Zionismus totschweigen zn können; mau vertraute darauf, daß die Assimilation festen Fuß gefaßt habe und daß das Ende des Judentums nur noch eine Frage der Zeit sei. Als der Zionismus ins Leben trat, da dachte man, in ihm das letzte Ausflackern des im Erlöschen begriffenen Lichtleins des Judentums zn sehen. Die flammenden Reden der Zionisten bewirkten nur ein spöttisches Lächeln, man lächelte über die Phantasten, denn man sagte sich: Geiger hat nicht umsonst gewirkt, die Reform hat ganze Arbeit gemacht und das in Agonie begriffene Judentum gesundet von glühenden Redensarten nicht mehr! So ungefähr dachten die Feinde des Judentums von innen und außen bei seinen! ersten Fall durch die grausame Hand Babylons, so ungefähr bei seinem zweiten Fall durch die grausame Hand Roms, so auch bei seinem dritten Falt durch die zarte Hand der Emanzipation! Doch das Fallen des Judentums ist nur ein Ausgleiten; cs fällt und steht, fällt und steht! Zu ihrem unsäglichen. Schmerz erleben unsere Assimilanten eine Wiederholung desselben Schauspiels. Der Totgesagte srtbacht zum neuen Leben, — und deshalb die Verwirrung und Kopflosigkeit der Assimilation. Aus Kopflosigkeit sucht man die Reformarbeit wieder aufzufrischen, aus Kopflosigkeit sucht man die Einheit Israels 'und sogar .die der deutschen Inden zu sprengen. Man ist bemüht, nicht nur die Gegensätze zwischen Liberalen und Konservativen zu verschärfen, solidem man sucht sogar einen Keil in die Einheit der Liberalen zu treiben, und selbst zwischen den Freiheitlichen will man künstlich durch „Richtlinien" Gegensätze schaffen. Und auch der unnötige, vorn Zaun gebrochene Kampf gegen die Zionisten seitens eines neutralen Vereins, wie es der Centralverein Jahrzehnte hindurch war und leider nicht mehr ist, ist nur ein w-eiteres Gtied in frei Kette der systematischen Sucht der Verhetzung, des Haders, der Z e r r e i f s u n g und Zerbröckelung des einheittichcn Iudentums in unzählige losgelöste, sich einander widerstrebende, totfcindlich bekämpfende Indentümer, damit ein babylonisches „Tauhu wobauhn" entstehe und alles, was nur Judentum ist und jüdisch benannt werden sann, für immerdar im Wirrwarr zugrunde gehen soll. . Ein köstliches Bild, eine grandiose Aufgabe! Dazu haben die Centralvereinler, wenn auch unbewußt, ihre Hand gereicht!' Sic-».»lögen noch so schön von „jüdischem Selbstbewußtsein" und „glorreicher Vergangenheit" reden. Schöne Redensarten sind nur Seifenblasen, wenn die Taten das Gegenteil beweisen. Die neue Phase des Cen-- tralvereins kann nur als Produkt des eben gezeichneten Systems der bewußten Assimilation von heute bezeichnet werden! Kann unter solchen llinständeri der Ccntralverein, der heute nur eine Filiale"der k r a s s c n A s s i m i l a t i o n ist, und in. dem die „Staatsbürgcrzeitung", das Organ des christlichen Antisemitismus, einen B nndesgenos-> - s e n, allerdings für j ü d i s ch c n Antisemitismus, erblickt, aus das allseilige Wohlwollen, aus Wohlwollen überhaupt Anspruch erheben? Muß nicht, dieser Verein nunmehr bis aus Messer bekämpft werden? Können positiv gesinnte Juden ihm angehören? Kann die Orthodoxie einem Verein, der sich zn „M a l s ch i n i t", zur Denunziation von Tausenden von treuen, opsörsreudi- Juden hergibt, ihre Unterstützung leihen? Nimmermehr! Der Centralverein hat sich selbst sein Todesurteil gesprochen, sobald er sich seiner Neutralität begeben hat. Jetzt kann nur noch der „B e r b a n d - der d e u t s ch e n I u d e n" die Rechte der Juden wahrnehmen; der Centralverein siir die Erkäntpsung der Gleichberechtigung der Juden existiert nicht, darf unmöglich weiter existieren! Brief aus Oesterreich. In einem Interview, das der Redakteur des Lemberger Tagblattes mit Minister a. D. Exzellenz Dr. S t a n i s l a u s G l o m b i n s k i, dew -Führer der Allpoleu, hatte, äußerte sich letzterer über das Thema Politische Landtagswahlreform und I u d e n wie folgt: „Ich verlangte, daß in de» fünf Städten mir Doppelmandateu das Proportional wa h lrecht eingesiihrt werde, und sämtliche polnische. Parteien einigten sich dahin, daß sechs Städte je F; n \ { l

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