Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Freylag über das Ghetto in Prag.*) Mancher tüchtige Geselle ist aus der Fudenschaft Prags in die weite Welt hinausgezogen, und manche rührende und heitere Geschichte ans den: Ivunderlichen, unheimlichen Viertel hat die deutschen Leser unterhalten. Seit Leopold Kompert seine Novellen „Aus dem Ghetto" und „Böhmische Juden" schrieb, hat die Prager Judenstadt eine gewisse poetische Berühmtheit bekommen; und wenn schon srüher der Reisende mit einem leisen Schauer den uralten Judensriedhos zu besichtigen eilte, so geht er jetzt durch die engen, geschwärzten Gassen nicht ohne jene Befriedigung, welche der 'Anblick poetisch verarbeiteter Oertlichkeiten zu gewähren pflegt. Deshalb mögen auch meine Leser nicht verschmähen, nrich aus einem Gange nach der Judenstadt von .Prag zu begleiten. 7 Am Eingang des Ghetto sitzt eine Gruppe jüdischer Lastträger, die ihr Mittagmahl verzehren. Man sieh! den oft verzivergtcn, zu Boden gekrümmten und steinallen Männern die ungeheuere Körpcrkraft nicht an, die sie bei ihrem Gewerbe an den Tag legen; freilich ist diese Kraft eine leidende, und Lastentragea scheint eine passende Arbeit für ein jochgewohntes Volk. Fabel- Haft hohe Kisten und Kasten, den ganzen Hausrat einer Familie, pflegt ein solches grauhaariges, verschrumpftes und verrunzeltes Kerlchen, fast am Boden kriechend, halbe Stunden weit allein zu schleppen, und ich glaube, dast es, mit Ausnahme von Amsterdam, nur in wenigen Städten Europas eine Judenklasse gibt, die an so anstrengende körperliche Arbeit gewöhnt ist. Die „Breitegaß" ist der Korso oder Markusplatz des Ghetto. Seine finstere Herrlichkeit lernt man erst in den Seitengäßchen vollständig schätzen,- die bei jedem Wetter den engen Seitenkanälen in den verfallensten Regionen Venedigs gleichen. Alles schwarz, alles - unheimlich: Torwege und Treppen, >vo man am helle» Mittag gern eine Laterne trüge; Dächer, die, hundertfach geflickt, von den hohen Häuserreihen auf beiden Seiten sich stellemveise die Hände reichen und lustige und' schmale Brücken für müde Tauben und Sperlinge bilden. Jedes Stockwerk Pflegt seine» besonderen zu haben, denn über 7000 Seelen sind im Ghetto zusammengepfercht, und die wenigen Bevorrechtigten und Begünstigten, die außerhalb desselben wohnen, mustcn dafür harte Erpressungen und Anfeindungen ertragen. Und doch ist das Gebiet dieses „fünften Stadtviertels von Prag", wie cs von Amis wegen hieß, unglaublich klein. Um so märchenhafter ist das Gewühl, Getvirr und Gesumm in diesem Ameisenhaufen, und ich wandelte in früheren Zeiten hier oft mit de.selben Neugierde, die ein Kind empsindet, wenn es in einem phantastischen Bildcrbuche blättert. In ' einer jüdischen Fastnacht (Purim), tvo Israel seine Errettung aus den Klauen Hamans feiert, ist das Ghetto halb eine Feenstadt, halb ein Zigeunerlager. Holde Judiths und Esthers, die Schillersche Liebesgedichte mit dem ireincrlichen Akzent des Jargons deklamieren, rauschelt maskiert von Hans zu Haus, während die unverlarvten Gesichter alter Weiber in Goldhauben, lustiger Bettler, der zahlreichest Krüppel, der Winkel- und sogenannten Käserabbiner selbst Masken scheinen. Aus den hellerleilchteten Synagogen („Schulen" genannt) stürmt in ungeordneten Dissonanzen ein Geschrei zu den Wolken auf, welches man ebensogut für Jauchzen wie für Jammern halten kann. Kreischende Mägde rennen gegeneinander mit der süßen Last der Schalettöpfe, jenem jüdischen Nationalgericht, das älter ist als die ägyptische» Pyramiden, welches die Bibel schon als die „Fleischtöpfe von Mizraim" erwähnt und das so heidnisch wohlschmeckt, daß Heinrich Heine sich dadurch mit dem Glauben Abrahams aussöhnen ließ. In den Dachkammern tun sich die Kinder des Bettlers bei starkgewürzten Schüsseln gütlich, welche die Wohltätigkeit der Frommen überreichlich geliefert hat; im dritten Stock erzählt der Trödler seiner Familie nach Tische von Len lustigen alten Zeiten, wo es lebensgefährlich war, am Frohnleichnamsfeste oder am Karfreitag das Weichbild des Ghetto zu verlassen, wo aber auch noch ,Mbele Narr" aus den Hochzeiten Gesichter schnitt, auf Judendeutsch Leberreime machte und dazu Synagogenweisen auf der "Geige spielte. Im ersten Stock endlich strahlen die Gemächer von modischem Glanz und duften *) Aus „Erzählungen und Geschichten-/ans schwerer Zeit", Prosastücke aus dem Nachlasse Gustav Freytags, zum erstenmal in Buchform veröjfentlicht (Verlag: Walther Fiedler-Leipzig). Sie entstammen der Zeit 1849—1851. von Pariser Parfüms, gebildete Herren und Fräuleins fiihren in allermodernsten Tableaus, die ein geistreicher „Schmock" zur Verspottung der eigenen Sekte ersonnen hat, die Geschichte von Ritter „Schmock und Dame Schöckeline" auf. Viel von diesen! malerischen Wirrwarr, viel von diesem phantastischen Farbenspiel des Ghettolebens hat die Zeit schon weggefegt und wcggewischt, aber noch unterscheidet das Prager Judenvicrtel sich von denen ganz Europas, und die Prager Judenschaft zeigt sogar einen wesentlich anderen Charakter als die Inden in böhmischen Landstädten, während diese wieder mit den Dorsjuden tvenig gemein haben. Neues «verJosefRaMHerzygvonRäxos. Konstantinopel, Anfang März. Herr Abraham Galauta hielt in der hiesigen Bnei-Brit-Loge einen sehr interessant«»! Vortrag über das Leben und Wirken von Don Josef Nassi, Herzog von Naxos. Er lenkte bei dieser Gelegenheit die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf -einige neue Nassi betreffende Dokumente, die sich bis jetzt unbekannt i» den Archiven der Hohen Pforte befanden. Besonders interessant sind folgende drei Briefe, die wir für unsere Leser übersetzen: 1. Brief von S u l t a n S e l i m an Karl IX., König von Frankreich: Wir hatten vor einiger Zeit zwei kaiserliche Briefe betreffs der dem „Freut bey Oglu">) Josef Nassi, das Muster der Notabeln der mosaischen Nation und einer der „Müteferriks"-) meines Sohnes Selim — möge der Allmächtige seine Jahren vermehren — geschuldeten 150,000 goldenen Dukaten an Sie gerichtet. Jetzt erfahren wir, daß die obige Summe noch nicht bezahlt wurde und zwar unter dein Vorwand gewisser Uebelstände. Wenn jetzt unser kaiserlicher Brief an Sie gelangen wird, bitten Ivir Sie, als Zeichen von Gerechtigkeit und Ehrlichkeit, wie auch als Ausdruck Ihrer Freundschaft zu uns, Ihre werte Mitwirkung für die prompte Regelung dieser Schuld anzutvenden und dem Ueberbringer unseres kaiserlichen Brieses die Summen, zu übergeben. Den 26. Schaban 972 (28. März 1565). 2. Befehl des Sultans an den Beylerbey von Aegypten. Der Bey von Alexandrien Mohmed, dessen Ruhm ewig sei, hat zu den Füßen meines kaiserlichen Thrones einen Brief geschickt, durch de» er mir bekan-ntgibt, daß, meinen! kaiserlichen Befehl gemäß, die Maßregel bezüglich der Steuererhebung für die Rechnung der Schuld, -die Frankreich dem Herzog von Naxos schuldet, auch gegen die übrigen Käufleuten eriveitert wurde, was den Zolleinnahmen Schaden verursacht. Nun aber sind die, die das Zollamt in Pacht genommen, dieselben, die es voriges Mal gepachtet und meinem kaiserlichen Befehl zufolge die Bedingungen bezüglich der Steuererhebung in den französische» Schiffen fürdas dem Herzoge von Naxos geschuldete Geld angenommen haben. Ich wiederhole daher meinen Befehl an den Bey von Alexandrien und mache ihm bekannt, für die Rechnung der Schuld stufenweise das Drittel der Waren der mit französischer Fahne beflaggten Schiffe zurückzuhalten, falls dieselben den Wert von 1000 Gulden haben und ohne von diesem Punkte den Einnahmen des Zollamtes Schaden;u verursachen. Ich habe außerdem befohlen, daß, >venn dieser Beseht Dich erreicht. Du anfpaßt, das das Drittel der Waren der mit französischer Fahne beflaggten Schiffe, Waren im Werte von 1000 Gulden, stufenweise für die Rechnung der Schuld znrückgehalten werde, daß man sich -aber hüte, die ganze Wäre zu konfiszieren. Was aber diejenigen anbetrisst, welche behaupten, daß diese Maßregel den Zvlleinnahmen Schaden bringe, sie sprechen gegen die in dieser Angelegenheit stivulierten Bedingungen. Mein Besteht betrifft nur die französischen, aber nicht die Ragusaner, Venezianer und andere Schisse. „Führe das Gesetz mit Gerechttgkeit aus." Den 6. Redjab 976 (25. Dezember 1568). 3. Brief an den König v 0 n P 0 l e n. Der Jude Gianomorc, Besitzer eines Firmans und .von dem Gefolge Josess, Herzog von Naxos und Muster der - Prinzen der jüdischen. Nation, hat zu unserer Kenntnis gebracht, daß Sie die Ausbeutung des in Ihrem Wilajett (Provinz) produzierten Wachs an andere Leute als an ihn und seine Genossen verpachtet haben, während. sie (Gianomore und seine Genossen) die Erlaubnis der Ausbeutung, die Sie ihnen ausgeliefert. haben, besitzen und — auf dieser Erlaubnis basierend — in An- und Verkäufe engagiert sind und bedeutende Ausgaben gemacht haben. Sie haben sich daher an uns mit einem Gesuch gewendet und gebeten, das Nötige zu tun, mir ihnen die Ausführung; des Inhaltes der Erlaubnis zu sichern und jedes Einmischen in ihre Geschäfte zu ersparen. - Da wir immer diejenigen, die sich durch ihre Treue und Aufopferung für unser» Thron ausgezeichnet haben, mit unseren Wohltaten.beschützen, erwarten wir Ihrerseits, da Sie die-'Aiften-Verhältnisse von Aufrichtigkeit und Freundschaftan Konshantinopel, den Sitz der Ge- 3) Haupt der Bey's (Gouverneure). -) Edelmann oder Ritter. H Europäischer Prinz. rechtigkeit binden, daß der in ihrer Besitzung sich befindenden Erlaubnis gemäß Lehandelt, und daß ihnen ihr „Mukata" (Verpachtete Teil) zurückerstattet und ihr Eigentum toerde. Wir wünschen außerdem, daß die Erlaubnis die Zollerhebung und andere bettessend ihnen nicht verweigert werde und daß ihre Ausführung keinen Störungen begegne." Den 17. Ramazan 975 (17. März 1368). Der Niedergang Nikolajews infolge der Jndenverfolgnnge«. Die südrussische Stadt Nikolajew hatte bis zu den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen. Namentlich der Getrerdehandel hatte in dieser Export st adt ungeheure Dimensionen erreicht, so daß sie mit Odessa stark zn konkurrieren begann. Da setzten in den letzten drei Jahren die Judenverfolgungen ein inid verursachten .einen ungewöhnlichen Rückgangs Offizielle Zahlen veranschaulichen diese Tatsache aufs krasseste. Daraus erfahren wir, daß der Export Mkolajews in den Jahren vor der Ausweisnngspraxis von 55 Million Pud im Jahre 1908 auf 101 'Million Pud im Jahre 1909 und 114 Million Pud im Jahre 1910 gestiegen war. Dagegen sank der Export im Jahre 1911 llin 2to/o und betrug in den ersten neun Monaten des Jahres 1912, die vonc Batkankrieg noch nickst beeinflußt warcir, im ganzen 40 Million Pud. Auch sonst ist der wirtschaftliche Niedergang Nikolajews auf Schritt und Tritt in auffälliger Weise bemerkbar. Während in den benachbarten Odessa und Cherson der Ban von neuen Häusern fieberhaft zunimmt, herrscht in Nikolajew Totenstille. Wie sollte es auch anders sein, da Tausende von jüdischen Einwohnern aus derselben Stadt, der sie zu ihrem Aufblühen verholsen haben, ausgewiesen werden und andere Tausende in eine Panik versetzt sind? Die Judeuvertreibung ist hier ein ganz willkürlicher Akt. Die Hafenstadt sttikolajew war nämlich vor Jahrzehnten den 'Orten außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons gleichgestellt, aber in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts und im ersten Dezennium dieses Säculums war eine solch milde Praxis eingetreteu, daß niemand mehr an die Jndenbeschränkungen dachte. Selbst im offiziellen Gesetzbuch begann das Ausnahmegesetz, inbezug auf Nikolajew einen sehr bescheidenen Raum einzunehmen. Da kam die Periode der unerbittlichen Judenverfolgungen, und die Nikolajewer Burecwkratte erinnerte sich aller veralteter und verrosteten Gesetze gegen die Inden. Seitdem schwebt die Majorüät der Nikoiajewer jüdischen Bevölkerung in ständiger Gefahr» daß sie bald ihre Stadt Iverhen verlassen müssen. Noch kämpft die Gemeinde vorläufig um ihr Recht, aber dieser Kampf ist fast aussichtslos. Warum sollte just Nikolajew eine bessere Behandlung zuteil werden als allen anderen Orten, in denen die Ausweisungen bereits aufs grausamste durchgeführt worden sind? Auch die H 0fsnnngen, welche die Juden vor dem Amnestieerlaß gehegt hatten, sind unterdes illusorisch geworden. So stehen die Mkolajewer Juden und »rit ihnen die Stadt selber vor dem völligen Ruin. Rufs. Korresp. Aus aller Wett. Oesterreich-Ungar». Krakau. Die von Russisch-Polen übernommene Boykottaktion gegen die Juden hat auch bereits in das Vereinsleben übergegrissen. Hier fanden dieser Tage im Hansbesitzerverein die Vorstandswahlen statt. Die Juden'waren bisher im Vorstand entsprechend vertreten, und auch die Sekretariatsarbeiten waren einem Juden anvertraut. Diesmal haben die christlichen Mitglieder dafür gesorgt, daß nur ein Jude wiedergewählt wurde. Um dieses Ergebnis unauffällig zn erreichen, hatte der Ausschuß beschlossen, mit ihren Beiträgen rückständige Mitglieder ihres Wahlrechts verlustig zic erklären. Ans Grund dieses Beschlusses wurden sämtliche jüdischen Mitglieder, die im Rückstände waren, einfach, aus der Mitgliederliste gestrichien und zur Generalversammlung überhaupt nicht geladen. Dr. Rafael Landau, der Vizepräsident der Krakauer Kultusgemeinde, deckte wohl bei der Generalversammlung den ganzen Schwindel auf und erhob Protest, — doch ohne Erfolg, worauf er, gefolgt von einigen liberalen Christen, die Versammlung verließ. Die antisemitischen Hausbesitzer machen gar kein Hehl daraus, daß sie diese Aktton als in den Rahmen der großen Boykottbewegung gehörig unternommen haben. Kiew. In dieser Woche find gerade zwei Jahre feit der Ermordung -des Knaben Jnstschinski verfassen. Anläßlich dieses Tages haben die Berbändler hetzerische Flugblätter verbreitet und im Michäilowkloster eine Totenmesse veranstaltet. So benutzen die Pogromgeister unausgesetzt jede Gelegenheit, um von neuem die Wut des Pöbels gegeu die Juden anzufachen. Gerade in diesem Moment aber, kurz vor den russischen imd jüdischen Ostern, ist ein solches Treiben durchaus nicht ungefährlich, namentlich ': da die Regierung selbst den Hetzern cinsgiebigen Stoff gewährt Heißt es doch mit Bestimmtheit, daß die neue Anklageschrift, die nunmehr gegen Beilis angefertigt wird oder