Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. (innmtg. und' die Betätigung dieser Gesinnung im bürgerlichen Leben. Wir wollen die deutsche Judenfrage nicht intcrnational lösen. Auf dem Boden dös deutschen Vaterlandes wollen wir als Dcutschü an deutscher Kultur Mitarbeiten und dabei unserer durch unsere Religion und unsere Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den crttrechteten Juden des Ostens, eure gesicherte Heimstätte zu schaffen oder den Stolz des Juden auf seine Geschichte und seine Religion zu heben, ist er uns als Mitglied willkommen. Von deni Zionisten aber, der ein. deutsches Nqtionalgefühl leugnet, sich als Gast im fremden Wirtsvolk und ' national nur als Jude fühlt, müssen wir uns trennen." Zionismus und Deutschtum. Der „Zentralvcrcir: deutscher Staatsbürger jüdischer: Glaubens" hat in seiner Gcueralversaiuiu- . lnng vom 30. März 1913 eine Resolution gefaßt, die den Versuch macht, die „deutsche Gesinnung" der Zionisten zu verdächtigen, um so der: Ausschluß der deutschen Zionisten aus dönt Zentralvcrein zu begrmrden. Die zionistische Organisation ist seit dem Jahre 1897 in Deutschland tätig. Von diesem Zeitpunkt an hat sie jederzeit das gleiche Programm "Vertreter. Trotzdem hat der Zcntralverein stets öffentlich erklärt, daß ihm zionistische Mitglieder ebenso willkommen seien wie andere mrd . hat die Mitarbeit der Zionisten ausdrücklich erbeten. Wenn also der Zcntralverein es jetzt für erforderlich hält, sein Verhalten $u ändern, so können dieser Taktik nur .agitatorische Erwägungen zu Grunde liegen. Der Zentralvörcin sieht, daß die zionistische - Ideenwelt die wertvollsten Kreise des deutschen Judentums, insbesondere diö Jugend, ergreift, daß die zionistische Organisation dauernd an Mitgliedern wächst, und daß das neue jüdische Leböir in Palästina den Beweis für die Lebenskraft des nationalen Judentums erbracht hat. Inhaltlich haben wir zu der Resolution folgendes zu erklären: 1. Der jüdische Nationalismus beruht auf der rurbestrittenen Tatsache der gemeinsamen Abstamnümg aller Juden urrd ihrer gemeinsamen Ueberlieferungen. Die Ableugnung des nationalen Charakters dieser Ueberlieferungen und die Unterdrückung des jüdischnationalen Bewußtseins bedeutet einen Bruch mit der historischön Kontinuität des Judentums und muß daher — allen gekünstelten Konstruktionen zum Trotz — zu seiner allrnählicheir Auflösung führen. 2. In dieser Erkenntnis halten wir es für nnserc Pflicht als Inder:, für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes zu arbeiten. Dieses Bestreden, das in einem großzügigen Kolonisationswerk in Palästina, der historischen Heirttat und deni Lande der Zukunft unseres Volles, seinen Ausdruck findet, dient zugleich der wirtschaftlichen und sozialen Hebung des Mischen Volles, dessen über- , wiegende Mehrheit in Osteuropa unter entwürdigeirden und unerträglichen Verhältnissen zu leben gezwungen ist. 3. Diese Mischnationale Gesimrung und Betätigung berührt in keiner Weise die Interessen des deutschen Reiches, itodj steht sie mit unserer aufrichtigen staatsbürgerlichen Gesinnung und Betätigung im öffenllichen Leben Deutschlands in Widerspruch. Wenn der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen solchen Widerspruch zu konstruieren sucht, so liegt darin eine Verkennung des nationalen Charakters des Judentums und der historisch gegebenen Beziehung des Judentunrs zum Deutschtum. Unsere staatsbürgerliche Auffassung schließt nicht nur die formale Erfüllung unserer Pflichten, sondern eine auf der Erkenntnis von der sittlichen Bedeutung des Staates Muhende Treue und Hingabe ein, die aber niemals zur Aushebung des aus viertausendjähriger Geschichte beruhenden nationalen Zusammenhanges führen kann, der uns rnit allen Juden verbindet. Wir weisen daher den vom Zentralverein unternommenen Versuch, unsere staatsbürgerliche Zuverlässigkeit vor der Oeffentlichkcit zu verdächtigen Und unsere tätige Anteilnahme an dem öffentlichen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leben Deutschlands nrit den Konsequenzen für unvereinbar zU erklären, die wir aus unserer Zugehörigkeit zur jüdischen Nation zu ziehen haben, auf das entschiedenste zurück. 4. Unsere Ideen haben infolge der Offenheft rind Entschiedenheit, nrit der wir die Judenfrage zu behandeln gewöhnt sind, seit langem die Sympathie hervorragender Männer, auch äußere Halb des Judentunrs, gefunden. Die Größe der Aufgabe, die wir uns gesetzt haben, hat uns die Achtling und Zustimmung weiter Kreise verschafft. Wenn nun gerade von jüdischer Sefte Widerspruch gegen 'den Zionismus erfolgt, so wird durch solchen Widcrsprrich weder ein deutsches noch ein jüdisches Interesse, sondern nur die in Westeuropa immer weiter fortschreitende innere und äußere Auflösung des Judentums gefördert. Das Zentralkomitee der Zionistischen Bereinigung für Deutschland, vr. H a n t k e, Vorsitzender. Die Massenausweisungen von Jude«. Ein Epilog ziirn NoManowjubiläum. Das RomanowjnbiläuM sollte angeblich a u ch den Juden in Rußland zugute kommen. Es Wurde behauptet und allgemein erwartet, daß die Regiernngszentrale sämtliche Ausweisungen von Juden aus den Dörfern rückgängig machen würde. Damit wäre wenigstens ein Teil des Unheils, von dem die russischen Juden dauernd betroffen werden, geschwunden. Denn den ruinierten Zehntausenden, die bereits ihre Wohnsitze verlassen haben, wäre ja doch nicht Mehr zu Helfer: gewesen. Um nur ein Beispiel anzuführen, sei mitgeteilt, daß allein im Gouvernement Wolhynien im Laufe des vergangenen Jahres laut den Nachrichten der Gonvernementsverwaltnng gegen viertausend Juden ausgewiescn worden sind. Die meisten dieser Geplagten, zu denen sich Tausende anderer Leidensgerwssen in den weiteren Teilen des Reiches gesellen, füllen bereits die Städte als ein neues Proletariat, das dazu keine Beschäftigung zu finden vermag. Indes, es sind noch viele Tausende vorhanden, deren Schicksal im April entschieden werden sollte. Insbesondere im Gouvernement Kiew hatten int verflossenen Winter die Massenausweisungen einen Katastrophencharakter angenommen, und Tausenden sowohl hier als in den Gouvernements Jekaterinoslaw, MinLk u. a. war bloß ein Aufschub bis zum Frühling gewährt worden. Da hatte es nun anfangs geheißen, daß anläßlich des Romanowjubilämüs an Stelle des Aufschubs die völlige Aufhebung der grausamen Maßnahme erfolgen würde. Nachher wurde dieses Gerücht durch die Mitteilung eingeschränkt, daß die eigenartige „Amnestie" sich nur auf diejenigen erstrecken würde, die unter das bekannte S t o l y - pinschc Zirkular fallen, das heißt auf diejenigen, die sich vor 1906 im betreffenden Dorfe angesiedclt hatten. Diese Nachricht scheint in der Tat auf Wahrheit zu beruhen. Denn die Gouverneure registrieren jetzt die Juden in den Dörfern entsprechend dem Zirkular. Mlein die Registrierungen dieser Art werden so willkürlich ausgeführt, daß man schon jetzt Voraussagen kann, daß die Milderungen auf dem Papier bleiben werden. Denn dä wird bei jedem untersucht, ob er ein Haus besitzt, ob er Farnilienvater ist, ob er der „bäuerlichen Bevölkerung nicht zum Schaden gereiche" usw. Namentlich die letztere Feststellung ist es aber, bei der die Gouverneure ganz eigenmächtig Vorgehen, um den oben vorherrschenden antisemitischen Intentionen. Rechnung M tragen. Zudem komlnen schon Nachrichten von neuen Ausweisungen aus Dörfern; so sind soeben aus dem Dorfe Sagaidäg, Gouvernement Poltawa, unter Gewährung einer zweimonatigen Frist 16 Familien ansgcwiesen worden, so aus einer ländlichen Ansiedelung im Gouvernement Minsk, die von Juden gegründet worden iM die nun ganz und gar der Ausweisung verfällt. Mehrfach ist festgestellt, daß erst in den jüngsten Tagen Vertreibungen solcher Juden aus Dörfern erfolgt sind; die seit Jahrzehnten daselbst ihre Wohnsitze haben. Man weiß cs also schon aus naheliegender Erfahrung, daß die Z u r ü ck n a h m' öder __ Ar. 14 Au sw eisu n g s Verordnung, in den Meisten Fällen eine iteJitiQu elle von Och ikanierungen bilden lv-ird. Nicht nur in den Dörfern, auch in den Städten und selbst in ganzen Landcsteilen dauert die Ausweisungspraxis an. In Türkest an ist-eine unheimliche Katastrophe über die antochthonei: Juden hereingebrochen. Als Rußland dieses Territorium in Besitz nahm, garantierte es naturgemäß den dortigen Juden für alle Zukunft uneingeschränktes Wohnrecht in Turkestan. Bis zu den letzten Jahren hielt auch die russische Negierung ihr Wort inne, und die Juden Tnrkcstans blieben in ihrer engeren Heimat von den Plagen, denen die anderen Juden in Rußland ausgesotzt sind, verschont, und .selbst für den Nachweis der antochthonen AbstänrMung wurden keine schikanösen Forderungen gestellt. Nach Jahrzehnten hat sich die russische Regierung eines anderen besonnen und fordert jetzt von sämtlichen bucharischen Juden die Beibringung von Zeugnissen, daß sie oder ihre Vorfahren vor der Okkupation des Landes am Orte ansässig gewesen sind. Sie begnügt sich nicht mit eidlichen Aussagen, sie verlangt schriftliche Beweise. Da die Bucharer Juden solche nicht herbeischaffen können, so sind sie vorläufig in ihrer Gesamtheit von Ausweisungen betroffen. Sie haben mm nach Petersburg eine Deputation delegiert, aber der Erfolg der Deputationsbestrebungen ist sehr zweifelhaft. Nicht viel besser steht es um die Stadt Nikolajew, wo gleichfalls Tausende von Juden der Ausweisung verfallen. Kurzuni, die russischen Juden erleben auf Schritt Und Tritt wiederum besonders schwöre Zeiten. Die Dnmadeputierten werden mit Bittgesuchen ausgewiesener Inden bedrängt, aber hilflos antworten sie nach allen Richtungen, daß sie das Los der Petenten nicht zu verbessern verntögen. Denn in Petersburg herrscht in den entscheideirden bureaukratischcn Kreisen gegenüber den Inden eine einzigartige Herzlosigkeit. Brief ans -er Türkei. Wir Jirden sind stets der Sündenbock. So hatte die hiesige griechische Zeitung „Neilopos" die Unverschämtheit, bezüglich der Ermordung des Köirigs voll. Griechenland folgendes zu schreiben: „Der Mord wird entweder einem bulgarischen Komitadji oder einer kombinierten Bewegung von chauvinistischen Saloniker Juden znzuschreiben sein." Die griechische Presse, hetzt ständig, und nach der Ermordnung des Königs von Griechenland sind ja in Saloniki Ausschreitungeir gegen Mohamödaner und Juden vorgekoMMen. Die griechischeir Behörden bemühen sich wohl, die Juden zu befriedigen; aber der Pöbel und mit ihm die Aristokratie zeigen ihreir Haß. Man tvill Europa cinreden, daß die.Jirden die Griechen als Erlöser begrüße»:. Die Saloniker „Liberte" (griechische offiziöse Zeitung) erhält von Janina folgende Depesche: „Man telegraphiert aus Janina, daß die Vorsteher der jüdische,: Gemeinde dem Kronprinzen ihre Freude über die Befteiung Janinas aussprachen. Sie versicherten den Kronprinzen ihrer hellenischer: Gefühle, da ihre Glaubensgenossen nur griechisch sprechen und, ersuchter: ihn, einer religiösen Zeremonie,, gelegentlich des Einzugs der griechischeir Armee in Janina, irr der Synagoge beizUwohnen. Der Kronprinz hat, un: seine lebhafte Synrpathie zu beweisen, die Einladung akzeptiert und bestimmte die Stunde der Zerenronie." Der Saloniker Großrabbiner erhielt vom! Stadtpräfekten folgender: Brief: ,,Eminenz! Es freut rnich, Ihnen bekanntzumachen, daß neuö Befehle vom Präsidenten des Ministerrates weger: der Erhebung der Steuer, Gabella genannt, erteilt worden sind. Die verschiedener: GendärmLnbrigaden sir:d immer zU Ihren Diensten. . ." Gabella ist die Fleisch- und Käse-Steuer, die fast die Haupteinnahnter: der Genteindö bilden. In nornmlen Zeiten bringt diese Gabella der Gemeinde ungefähr 80,000 Mark jährlich ein. Laut .der Mitteilung des griechischer: Metropoliten in Strurndza (bei Saloniki) ist die Lage der dortiger: jüdischer: Gemeinde sehr traurig. Der Großrabbincr Rabbi Jakob Meier wandte sich an den Hilfsvereir: um Hilfe. Rabbi Meir bemühte