Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ter „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" stellte sich bei seiner Gründung eine einzige Ausgabe!: die Erlangung voller Gleichberechtigung. Dieses Ziel ivar in den geschmälerten Rechten der Juden Deutschlands begründet. Doch wenn auch der Zlvcck dieses Vereins als gut und richtig von jedem Juden jeglicher Schattierung anerkannt werden muß, so war sein Ausgangspunkt, der in seinem Namen enthalten ist, falsch und gefährlich. Das Judentum, so besagt der Ausdruck „jüdischen Glaubens", stellt nur einen Glaubein dar. Also ein jüdisches Volk, eine nationale Gemeinschaft existiert nicht, sondern nur eine Glaubens gemeinschaft! Dies besagt, daß die Juden einzig und allein ans Grund der Tatsache, daß sie eine Glaubensgemeinschaft bilden, der Gleichberechtigung würdig sind. Wie aber, wenn es sich herausstellt, daß das Judentum mehr als einen Glauben involviert? Was dann? Dann sind die Juden der Gleichberechtigung unwürdig. Nun ist das Judentum tatsächlich mehr als ein Glauben im landläufigen Sinne. Nach Cohön, dem geistigen Führer des Assimilationsjudentums, ist cs mehr Erkenntnis, mehr Rationalismus als Glaube; die Ethik des Judentums ist nach ihm durch und durch r a t i o n a l i st i s ch und paßt für den A t h e i st c n mehr als für den Gläubigen, paßt mehr für eine atheistische, als für eine eigentlich religiöse Moral. Nach anderen wieder ist das Judentum mehr Rasse, mehr Nationalismus und Sozialismus als Religion. Und gerade die Christen, diejenigen, von beiten man die Rechte verlangt,. sind es, die die letztere Auffassung vom Judentum sich zu eigen gemacht haben. Sonach hätten sich die „Zentralvereinler", die Kämpfer für die Gleichberechtigung, selbst dieser Gleichberechtigung begeben, sich s e l b st entrechtet!.. Die Zentralvereinler glaubten, einen politischen Akt vollzogen zu haben, als sie das Judentum mit einem Federstrich zum reinen Glaubensbekenntnis stempelten. Sie dachten nicht daran, was die „Geber" von diesen! Standpunkte halten werden; sw' vergaßen, daß vielleicht der überwiegende Teil der deutschen Judenheit ungläubig ist und in seiner Zugehörigkeit zum Judentum lediglich auf Grund des Z u s a mmengeHörigkeitsgefühls basiert. Und indem sie' für die Rechte der Religiösen, der Gläubigen plädieren, erklären sie so ipso die Ungläubigen als vogelfrei. Denn die „Geber" können doch mit Recht darauf verweisen, daß selbst die Juden nur auf Grund des D e u t s ch t u m s Rechte beanspruchen, nicht aber auf Grund des I u d'e u-- tnms. Und noch mehr die „Geber", die lieber alles für sich behalten wollen und das Judentum als Rasse, als Nationalismus auffassen, sie setzen Zweifel selbst in das Deutschtum der Gläubigen. Mit der Ausrede von. der Minderwertigkeit des Judentums, mit dem Beweis der Leugnung und Verbergung des Judentums seitens der Juden wollen sie diesen und jenen keine Rechte geben. Anders aber, wenn die Juden auf Grund ihres Judentums Rechte beanspruchen, — da gibt es keine Ausreden mehr! Der gegenwärtige moderne Staat ist in seinem H a u p t w e s e n national und nur nebenbei konfessionell,' und während er den st e i f - nackigen Nationalitäten alles oder viel gibt, Hat er für die sich verkleinernden und sich duckenden Konfessionen nur Kopfschütteln übrig. Jedoch noch ein weiteres Uebel birgt die Konfessionalisierung der Judenheit in sich. Wenn es moralisch ist, daß Tausende und aber Tausende von Juden sich zur „m o s a i s ch c n K o n f c s s i o n" zählen, ohne einen Funken von Glauben in intern Busen zu tragen, — warum soll es unmoralisch sein, dem Katholizismus oder Protestantismus anzugehören? . . Und wer weiß, ob nicht die unglückselige künstliche Konfessioualisierung bei vielen den Uebertritt zum Christentum verursacht hat! . . . * Nun hat der Zentralverein oben seine Generalversammlung gehalten.*) Was hat er da Neues gebracht? Hat er seine Konsessionalisierungsmethode aufgegeben, seinen sonderbaren Namen forrigiert! Nichts von alledem! Und doch ist .ein neues Moment in ihn hineingetragen worden: Die Erziehung der deutschen Juden zu Deutschen. „Deutsche Gesinnung und die Betätigung dieser Gesinnung im bürgerlichen Leben" .sollen fortan die Weite und neue Ausgabe des Züntralvereins werden. Die Juden zur deutschen Gesinnung zu erziehen! Und was tvaren die Juden Deutschlands bisher? Entweder ging ihnen das Deutschtum bis dato ab — dann waren alle patriotischen Beteuerungen nur Humbug, nur Bluff. Oder sie waren von jeher gute Patrioten — wie es in Wirklich k e i t der Fall auch bezüglich der d e u t s ch e n Zioni st e n und sogar bezüglich der jüdischen Ausländer Deutschlands ist, — dann aber ist die Erziehung zum Deutschtum seitens des Zentralverein s überflüssig und nur dazu angetan, den Antisemiten Wasser auf ihre Mühlen zu schütten. Was für jeden einzelnen Juden selbstverständlich ist, braucht nicht erst zur Aufgabe eines Bür eins gemacht zu tverden. . . Es erscheint geradezu unbegreiflich, wie politisch geschulte Männer, die Anspruch auf Führerschaft erheben, solche Narreteien begehen können. Dies ist eben der Fluch der Feigheit. ... Und doch würden wir uns über eine Unüberlegtheit mehr unserer „Führer" nicht länger anfgehalten haben — sind wir doch Fehlschritte von ihrer Seite gewöhnt. . . Allein diese Unüberlegtheit hat noch nebenbei einen politischen Hintergrund, und dieser eben ist gar zn arg, er sieht nach einer Denunziation, einer Denunziation von Taus e n d e n und a b e r T a u s e n d ö n unserer Brüder, und zwar der edelsten und besten unter uns, -aus! Der Sachverhalt ist folgender: Gleichzeitig mit den überschwenglichen patriotischen Beteuerungen und Verpflichtungen der Zentralvereinler zur deutschen Gesinnung wurden die Zionisten wegen Mangel an deutschen! Gefühl angegriffen, ja ihnen sogar ob ihrer Vaterlandslosigkeit der Eintritt im Zentralverein verschlossen! Dies ist eine Ungeheuerlichkeit und kann nicht genug gebrnndmarkt werden! *) Siehe Bericht Seite 3. Freilich tverden alle diese Machinationen dem Zionismus nicht schaden. Tie Zionisten sind nicht von heute und gestern. Ihre Bestrebungen sind zur Genüge bekannt und selbst von deutschen Fürsten gerühmt tvorden. Ter jüdische Nationalismus kann in keiner Weise dem deutschen Abbruch tun! Und nicht nur verträgt sich ein jüdisches Nationalgefühl mit dem deutschen Patriotismus, sondern es fördert ihn sogar, da gerade der Nationalist Sinn für nationales Fühlen, Denken und Schaffen besitzt. Das Deutschtum braucht in keiner Weise Furcht vor dem jüdischen Nationalist mns zu hegen und bedarf des Schutzes seitens der Zentralvereinler nicht. Wer Grund zur Furcht vor dem Zionismus haben muß, ist einzig und allein die jüdische A s s i n! i l a t i o n, und es ist Heuchelei, wenn die Herren diese ihre Furcht auf das Konto des Deut s ch t u m s setze n. In ihrer großen Not reden sie so, damit ihnen ein Helfer in dem Deutschtum und seinen Machthabern entstünde. Aber vergebens! An der lauteren Gesinnung und Treue der nationalgüsinnten positiven Judenheit zweifelt kein ernst zu nehmender Deutsche. Daß der Vorwurf, der Zionismus stärke den Antisemitismus, nicht ernst zu nehmen i st, braucht nicht erst gesagt zu werden. Der Zionismus hat den Antisemitismus vorgefunden, und mir der Zionismus war es, der ihn gemildert hat. — Das Gebühren der Zentralvereinler kann daher . nur der Assimilation und der sonst guten Sache des Zentralvereins, der Erlangung der Gleichberechtigung, die auch die Nationaljuden anstreben, Abbruch tun! Ter Zentralverein tritt nunmehr in eine neue Phase ein: er beginnt, sich in dm innere, rein jüdische Ideenwelt hineinzumischen. Ties muß beachtet werden! Tenn heute ist es der jüdische Nationalismus, morgen aber kann die jüd.. Tradition an die Reihe kommen,— und dies darf nicht geduldet werden! Ein Verein zur Erlangung der Gleichberechtigung der Juden muß im Namen der gesamt e n deutschen Judenheit o h n e A u s n a h me auftreten können. Das kann nur dann geschehen, wenn dieser Verein keine andere Tendenz verfolgt als diese, — und so muß seitens dür traditionellen ijjtb sonstigen echt fühlenden und sich von den zionsfeindlichen fanatischen Hetzern fern haltenden Mitglieder, deren Zahl überwiegend ist, scharfer Protest gegen die würdelose und tendenziöse Haltung der Generalversammlung eingelegt werden! Die Resolution des Zeutralvereins bezüglich des Zionismus. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezweckt nach § 1 seiner Satzungen, die deutschen Juden ohne- Unterschied der religiösen und politischen Richtung zn sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung, sowie in der uybcirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken. Hieraus ergibt sich die Stellung des Central- Vereins zu den Zionisten. Wir verlangen von unseren Mitgliedern nicht bloß die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten, sondern deutsche Gs-