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Neue jüdische Presse · 1913-03-20 · Heft 12 (20.3.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 12 (20.3.1913)
Date
1913-03-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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G«te 4. über feine erhitzte Stirne strich. Hui, hm! saust ecs durch die Blätter; das Wasser rauschte; es klang wie klagende Geisterstimmen. Er sah sich um: vor sich — hinter sich — keine Menschenseele. Die Mondstrahlen tanzten int Bach und schenkten den Wellen silberne Kronen. Jicht huschte ein Schatten über das Wasser, noch einer, da mußten Menschen sein. '"-.x ■_ (Fortsetzung folgt.)_ J. W. Albert, Optik Fitsu. Pincenez Donblö Mk. 7.5V, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Nene Mainzerstrasse. Machdruck verboten.) Das Purimauto. Eine tragikomische Geschichtc von Siegfried Fürst. Eine gute Stunde vor dem Ackcrstädtchen Langenhagen liegt das Gut Theresienhof, das schon seit zwei Geschlechtern in der Familie Philipp ist. Das einstöckige Wohnhaus wird von uralten Linden beschattet, und sein Anblick, wie der der umliegenden Gebäude, läßt mit Recht auf den Wohlstand seines Besitzers schließen. Dieser ist ein stattlicher Mann in den besten Jahren, groß und wohlbeleibt, und seine Frau, kleiner als er, bemüht sich mit sichtlichem Erfolg, ihm an rundlicher Fülle gleichzukommen. Zwei Töchter, ganz die EbenbWer der Mutter, sind auch da und helfen in der Bewirtschaftung des Gutes. In Langenhagen ist eine kleine Wische Gemeinde, der auch Herr Philipp angehört, und trotz der ziemlichen Entfernung läßt er es sich doch nicht verdrießen, Sommer und Winter an allen Sabbat- und Feiertagen in die Synagoge zu kommen. Dies aber ist auch der sichtbarste Ausdruck seiner Frömmigkeit; von anderen Dingen, vor altem von solchen, die Geld kosten, ist er kein Freund. Für seine Familie jedoch ist ihm so leicht keine Ausgabe zu groß, sofern sich nur das angewandte Siefii1 nach außen hin bemerkbar macht. Sogar zur Anschaffung eines Autonwbils hat er sich kürzlich bereit finden lassem Das steht nun ziemlich unbenutzt draußen in der Stallung und bildet den heimlichen Stolz seiner Besitzer. Die Damen des Hauses nehmen es mit den religiösen Pflichten beinahe ebenso ernst wie Herr Philipp, der zu ihrer Erleichterung allerlei getan hat. So hat er es beispielÄveise seit langem eingeführt, Laß der alte Lehrer der Gemeinde alljährlich zu Purini, wenn die Wege nach der Stadt infolge der Frühjahrsregen unpassierbar sind, zu ihm aufs Gut kommt, um die Megilloh zu lesen. Dafür erhielt der Lehrer dann ein. Klas Wein und fiinf Mark in barem Gelde. Nun aber ist der alte Lehrer pensioniert, und Herr Philipp hat noch nicht Gelegenheit gefunden, seinen Nachfolger mit dieser seiner Gewohnheitspflicht bekanntzumachen. Es ist ein Tag vor Purim. Im Hause ist es nicht recht gemütlich heute. Alle Räume stchen im Zeichen des Scheuerns und Großreinemachens, denn man erwartet am Abend zahlreichen Besuch. Herr Philipp, in Schlafrock und Hausschuhen, hat sich endlich in das gute Zimmer geflüchtet, wo seine Gattin mit einem der Mädchen dabei ist, das Silberzeug für den Abend instandzusetzen. Hier entspinnt sich nun folgende Unterhaltung: „Hast Du Herrn Lewin (so heißt der neue Lehrer) schon Bescheid gesagt?" , Von Seiten des ob seiner Morgenflucht schon ein wenig gereizten Hausherrn erfolgt nur ein wenig ausdrucksvolles Brummen, das man ebensogut als „Ja" wie als „Nein" auffassen kann. Frau Philipp entschlicht sich für das erstere, und, eine große Fischschüssel mit Kennerblick auf etwaige Schäden. untersuchend, fährt sie fort: „Was sagt er denn dazu? Du wirst es mit ihm wohl anders machen müssen als mit seinen: Vorgänger." „Anders? Wieso anders? Was soll ich denn mit ihm für Geschichten machen?" „Nun, ich meine, er "wird nicht den Weg hin und zurücklaufen wollen. Und fünf Mark wirst Du ihm auch nicht in die Hand' drücken können." „Ach, dumntes Zeug. Er hat doch 'n Rad. Soll f. ich ihm vielleicht eine Eisenbahn bauen lasten?" ß „Ich meine ja nur. Der junge Mann ist eben f aus der großen Stadt hierher gekommen. Es wäre doch ' zu unangenehm, wenn er uns eine Wsage erteilen würde. Weißt Du was? Du schickst das Auto hin! und läßt ihn abholen :üid gibst ihm nachher zwanzig! Mark. Das ist anständig und 'wird einen guten Eindruck machen." frankfurter Mraetztisches Zamike«5l<üt. Herr Philipp ist einen Augenblick sprachlos. Mit .de» Schritten eines gereizten Königstigers umkreist er den'großen Speisetisch. „Zwanzig Mark? Das Auto? Wie komm' ich denn dazu? Ich habe doch meiit Geld nicht auf der Straße gefuitden. Da verzichte ich einfach. Ich werde schon zu meiner Megilloh kommen." Draußen ist er, und die Tür fliegt ins Schloß, daß das ganze Geschirr auf dem Tische klirrt. Kopfschüttelnd sieht ihm die Gattin durchs Fenster nach. Herr Philipp aber geht geraden Wegs nach den Stallgebäuden, wo das Auto untergebracht ist und ruft nach dem Chauffeur. Dieser ist aber nicht aufzufinden, was die Stimmung seines Herrn auch nicht gerade verbessert. Nach längerem Suchen findet er sich endlich auf einem Nachbargrundstück, wo er, mangels jeder anderen Beschäftigung, einem struppigen Dorfköter das Apportieren beibringt. In dieser ihm indessen liebgelvordenen Tätigkeit läßt er sich auch nicht gern stören und beantwortet Herrn Philipps ziemlich heftig vorgebrachte Vorhaltungen sehr einsilbig und auf dem Wege drahtloser Telephonie. Die etwas umständliche Unterredung endet schließlich damit, daß Friedrich verpflichtet wird, Punkt sieben Uhr mit seinem Fahrzeug bereit zu sein, um seinen Herrn nach der Stadt und in die Synagoge zu bringen. Nach dem Sprichwort von den: Propheten und dem Berg hat Herr Philipp beschlossen, sich dorthin zu begeben, um die Megilloh zu hören. Der Tag verläuft ohne weitere Zwischenfälle. Frau Philipp und die Töchter, die von ihr ins Vertrauen gezogen sind, vermeiden ängstlich, an die offene Frage zu rühren. Dies hat eine sichtliche Besserung in der Stimmung des Hausherrn zur Folge. Seine Einladung zur Teilnahme an der abendlichen Fahrt in die Synagoge muß von den Damen jedoch mit Rücksicht auf den erwarteten Besuch abgelehnt werden. Pünktlich um sieben Uhr öffnet der Hausknecht die Gartenpforte, und wenige Minuten später gleitet der Kraftwagen unter den bewundernden Blicken der Hausbewohner auf die Straße hinaus und' der Stadt zu. In .königlicher Ruhe thront Herr Philipp .auf dem Rücksitz des Autos, nicht das leiseste Wölkchen ist auf seiner Mini zurückgeblieben von dem Gewitter des Tages. Aber leider ist es nur die Ruhe vor dem Sturm. Als der Wagen etwa ein Viertel des Weges zurückgelegt hat, verlangsamt Friedrich plötzlich seine Fahrt auf der bodenlosen Straße, und, sich mit denr Oberkörper zurücklehnend, sagt er: „Entschuldigen Se man, ick wollte bloß fragen, ob ick »ich mehr Lohn kriegen könnte?" Herr Philipp ist baff. Eine solche Unverschämtheit ist ihm doch noch nicht vorgekommen. „Mehr Geld wollen Sic Haben? Dafür, daß Sie anderer Leute Hunde dressieren? Den ganzen Tag haben Sie für mich nichts zu tun! Und wieso sagen Sic mir das gerade jcht unterwegs?" Friedrich scheint auf diese Frage keine Antwort zu wissen, oder er ist nicht höflich genug, die Notwendigkeit einer solchen einzusehen. Er läßt das Steuer los, — und mit den Worten: „Brüllen Se, mit wem Se wollen, ick laß mir das nich mehr gefallen!" springt er plötzlich vom Führersitz auf die Straße hinunter und eilt, ohne sich umzusehen, davon. Herr Philipp erschrickt nicht wenig. Aber mit großer Geistesgegenwart springt er auf und ergreift mit beiden Händen das Steuer, wobei er unaufhörlich, aber vergeblich, nach feinem ungetreuen Diener ruft. Seine Lage ist wenig beneidenswert. Zwar versteht er einigermaßen mit dem Mechanismus des Wagens umzugehen; aber er muß sich aus dem Innern über den Vordersitz beugen und in dieser, in Anbetracht seines Umfanges nicht wenig anstrengenden Stellung verharren, um wenigstens das Steuer festzuhalten und zu verhüten, daß das Auto vom Weg abkommt und gegen die Bäume oder in den Graben fährt. Doch seine Arnte erweisen sich als zu kurz, unt die seitlich von dem Steuer angebrachte Bremse zu erfassen und das Fahrzeug so zum Stehen zu bringen. So geht also die Fahrt in mäßiger Geschwindigkeit dem Städtchen zu. Es dunkelt bereits, als dessen erste Häuser erreicht sind, und das ängstliche Gackern und' Flügelschlagen von ein paar Hühnern, die nur mit genauer Not dem Rädertode entgangen sind, zeigt ihre Nähe an. Nun beginnt die Sache kritisch zu werden. Die Latenten brennen noch nicht, und die Straßen wimmeln von zahlreichen Spaziergängern, unter denen sich auch die Synagogengänger befinden. Herr Philipp muß ein tmaufhörliches Konzert mit der Huppe vollführen, und' Rr. 12. die Zurufe der ihn: aus Leut Wege Springenden zeugen nicht gerade von Verehrung. Aber niemand von allen, die die Sachlage auch erkennen mögen, hat den Mut, hinaufzuspringen und Herrn Philipp aus seiner Peinlichei: Lage zu befreien. Den bringt seine Fahrt bald an der Synagoge vorbei, die ihn mit festlich erleuchteten Fenstern zu erwartcn scheint, und dann zum Städtchen hinaus. Der Atem versagt ihm, seine Arme werden lahm; aber es bleibt ihm unmöglich, den Wagen zum Stehen zu bringen. Er wendet um, in der Hoffnung, in der Stadt endlich einen beherzten Menschen zu finden, der ihn befreit. Umsonst. Wohl schließt sich ihm auf seinen noch mehrmals wiederholten Fahrten durch die Hauptstraße die gesamte Gassenjugend des Ortes an, aber kein Helfer findet sich. Nicht einmal' der Gendarm, Herrn Philipps letzte Hoffnung, läßt sich blicken. Endlich, als die Not aufs höchste gestiegen ist, und der unglückliche Automobilist sich schon mit zerbrochenen Gliedern im Straßengraben zu sehen meint, läuft ein Mann, dessen Aeußercs im Dunkel nicht zu erkennen ist, dem Wagen nach, erreicht den Führersitz und bringt die Maschine ein paar hundert Meter vor der Stadt mit sicheren: Griff zum Stehen. Ganz erschöpft fällt Herr Philipp' auf den Boden des Fahrzeugs zurück, kommt aber schnell wieder zu sich, als sein Retter ihm aus einer Flasche mit übelriechenden! Inhalt Kraft einzuflößen versucht. Mit zitternden Beinen steigt er dann aus, um durch etwas Bewegung seine steifen Gelenke wieder in seine Gewalt zu bekommen. Kaum hat er sich jedoch auf fünf Schritte entfern, als sich das Auto plötzlich in Bewegung setzt und in imnier schneller werdender Fahrt entfernt. Vergeblich ist alles Rufen und Schreien des Beraubten, der sein Eigentum bald im Dunkel der Nacht verschwinden sieht. In welchein Zustande er wieder seinen Einzug in die Stadt hält, kann man sich leicht vorstellen. Die Synagoge ist natürlich schon aus, und die Andächtigen stchen nun m Gruppen in lebhafter Unterhaltung umher, deren Stoff unschwer zu erraten ist, Herrn Philipp liegt nicht besonders daran gesehen zu werden. Er zieht es vor, die Stadt zu umgehen und sich auf Feldwegen möglichst ungesehen nach Hause zu begeben. Auf theresienhof ist nian indessen schon recht besorgt geworden. Der Tisch ist schon stundenlang gedeckt, die Gäste warten, und schließlich vermag Frau Philipp ihre Unruhe nicht mehr zu verbergen. Man liest so viel von Autonnfällcn; wer weiß, was dem Hausherrn alles zugestoßen sein kann. Schon kommt der Hausknecht mit der Stall-Laterne, und alles bricht auf, um unter seiner Führung nach der Stadt auf die Suche nach dem Hausherrn zu gehen, als ein Wagen in den Hof rollt. Gleich darauf werden Schritte auf. der Treppe laut, und in den Lichtkreis der geöffneten Tür trUt Herr Philipp, begleitet von einem benachbarten Bauern, der ihn unterwegs angetroffen und auf seinem Fuhrwerk mitgenommen hat. Ausrufe des Staunens und des Schreckens empfangen ihn: „Um Gotteswillen! Wo kommst Du her? Wo ist das Auto?" Mit müder Handbewegung schafft sich Herr Philipp Ruhe, und, in einen Stuhl sinkend, beginnt er eine gedrängte Darstellung seiner Erlebnisse, indes sich der Bauer atl dem noch unangerührten Ilbendessen .labt. Seine durch mancherlei Aeußerungen des Aergers unterbrochenen Ausführungen erreichen ihren Höhepunkt und enden in dem schmerzlichen Ausruf: „Und dabei nicht einmal die Megilloh gehört!" Gleich darauf trennt man sich, um zu Bett zu gehen. An eine Purimfeier ist unter diesen Umständen natürlich nicht mehr zu denken. Herr Philipp kann nicht so bald in Schlaf kommen, noch in seine Träume verfolgt jhn der Gedanke: „Und dabei nicht einmal die Megilloh gehört!" Am andern Morgen bedarf cs mehrmaligen Pochens, um Herrn Philipp, der sonst ein Frühaufsteher ist,. zu wecken. Sein erster Gedanke ist der an die gestrigen Ereignisse und verdirbt ihm auch den heutigen Tag. Er bleibt also auf seinem Zimmer und läßt sich auch den Kaffee hinaufbringen. Um zehn Uhr kommt seine Gattin wieder an die Tür und teilt ihm mit, daß Herr Lewin, der neue Lehrer, ihn zu sprechen wünsche. Was er denn wolle? Das möchte er nur Herrn Philipp selbst sagen. Dieser kommt nach einigem Zögern hinunter. Der Lehrer verbeugt sich und streckt ihm-die Hand hin. „Bon meinen: Vorgänger weiß ich. Laß Sie gewohnt sind,

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