Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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‘V'f „ M Nr 8 ckes FrankWer IsmeMslkm FamilimblaMs. Moderne Lebensauschaunng und Aionismns. Wir stehen in einen: Zeitalter -großartiger wirtschaftlicher und geistiger Aufwärtsentwicklung. In gewaltigem Tempo führt unsere Wirtschaft zu immer imposanteren Mitteln der Arbeitsproduktiou,_ immer grandioseren Formen der Arbeitsorganisation. Gleichen Schrittes führt unsere Wissenschaft p immer tieferer Einsicht in das Wesen dev Dinge, in die Gesetze der Natur- und Kulturentwicklung. Die Erkenntnisse, niit denen die Könige des Denkens unseren geistigen Horizont erweitert haben, die Forschungsergebnisse eines Helmholtz und Darivin, eines Herbert Spencer und Karl Marx eröffnen immer weiteren Kreisen das Verständnis für die Erscheinungen unserer Umwelt. Und mit der Erweiterung und Wandlung unseres wissenschaftlichen Horizonts mußte auch unsere Lebensanschauung, unsere Vorstellung von dem Sinn unseres Lebens, unsere Wertung und Zielsetzung eine grundsätzliche Umbildung erleiden. Die theologischen Uebcrliefcrungen, die bisher das Denken der Menschen beherrscht hatten, verloren für weite Kreise an Wirkringskrast und milßterr neuen Neberzeugungen Platz machen, die nicht mehr in den Lehren der heiligen Schrift, sondern in denen moderner Wissenschaft ihr. Fundanient hatten. Eine „Uinwertung aller Werte" trat eilt und schuf das, was wir „moderne Lebensauschaunng" nennen. In siegreichem Eroberungszng riß sie die Gebildeiten aller Kulturländer mit Ich fort und drang innner tiefer in die aufstrebenden Schichten des Proletariats. Auch aris den Reihen des jüd. Volkes rekrutieren sich beträchtliche Teile ihrer Anhängerschaft, ja manche ihrer gewaltigsten Förderer und Wortführer. Die „moderne Lebensauschaunng" ist der Gesichtspunkt geworden, von dem aus viele Juden — und nicht die schlechtesten — an die praktische Stellungnahme zu den sic berührenden Problemen Herangehen. Dementsprechend wird auch der Gesichtspunkt, von dem aus der Modernistis ch c Jude eine Stellung. zu dem Fragenkomplex, den wir „Judenfrage" nennen, ttimmt, durchaus verschieden sein von dem seines auf religiöser Basis stehenden Stanrmesgenossen, der nicht in der ivissenschaftlichen Erkenntnis, sondern in den Lehren des Talmuds und der Thora die Richtungslinien für sein Handeln erblickt. *) Wie sehr das nroderne Denken auch in erkenntnisthevretischen und metaphysischen Fragen, also in Fragen der Weltanschauung, divergiert, so konvergiert es in der Frage nach dem Sinn unseres Lebens, d. h. also in der für unser Hairdeln einzig wichtigen L e b e n s anschauung. Die Ansichten fast aller modernen Denker gravieren um den Individualismus, d. h. diejenige Lebensanschauung, die das Individuum als Selbstzweck betrachtet, und in dem Glück und der freien Entfaltllng der Einzelpersönlichkeit das Ziel allen Strebens sieht. Mit diesen: Ideal steht die innner weiter um sich greifende Tendenz des Sozialismus nur in scheinbarem Widerspruch. Denn der Sozialismus will ja die vollkommene Gesellschaftsordnung nicht nur ihrer selbst ivillen, sondern der freieren Entfaltung der Individuen *) Der hier zum Abdruck gelangte Aufsatz zeigt, wie jugendliche Idealisten von Charakter, die noch Liebe und daher auch den Willen zum Judentum besitzen, zum Zionismus kommen. Gar viele sind der Wege, die zu ihm führen: Religion, Wissenschaft. Nationalstolz, Humanität u. dergl. mehr. Fischer, der .jugendliche Verfasser dieses Artikels, gelangte durch! den Sozialismus zum Zionismus, lind doch kommt es weniger auf das Wie als auf . die unbestrittene Tatsache an, daß von allen noch so divergierenden Lagern eine Rückkehr zum Judentum nnanshaltsam vor sich geht! Wir sageil „eine Rückkehr zum Judentum", >veil die Bekenuung der nationalen Idee eine Rückkehr zmn Judentum — gewollt oder ungewollt — bedeutet. Dies mag vielleicht den ganz linksstehenden Herrn Fischer — der sich aus mangelnden Kenntnissen über das Judentum, das der Welt nicht nur die Moral und Ethik, sondern auch die soziale Gerechtigkeit gegeben hat, als „theologische Ucberlicscrnng". die nicht mit der wissenschaftlichen Erkenntnis in Einklang sein soll, init einer leichten Geste hinwegsetzt —, unangenehm berühren. Doch ^°..^"tsuche wird darum nicht geringer, und wenn der jüdische Stolz des Herrn Fischer einstweilen sich bloß aus Marx, Lassalle, Heine und Franz Oppenheimer erstreckt, so hoffen wir doch zuversichtlich, daß mit der Erweiterung seiner jüdischen Kenntnisse sich sein Stolz auf die unzähligen anderen jüdischen Großen — von den Propheten an — erweitern wird. D. Redakt. wegen. Es zeugt, von unglaublich oberflächlichem Denken, Sozialismus und' Individualismus für unvereinbare Gegensätze zu halten; diese beiden Tendenzen ergänzen, ja bedingen sich geradezu, sind Revers und Avers derselben Medaille!. Denn da der Mensch seiner ganzen. Natur nach ein soziales Wesen ist, kann sich das Individuum nur sozial ausleben und andererseits, da jedes Glied der Gesellschaft mit Bewußtsein begabt ist, kann ihr Wohlergehen nur in 'dem Wohlergehen der einzelnen Glieder sich spiegeln. So kann man in der Tat behaupten,. daß die bedeutendsten Denker des letzten Jahrhunderts in der möglichst reichen und harnwnischen Entwicklung des Individuums das Ziel unseres Strebens erblicken. Und als Zwischenziel zu diesen: Endziel erscheint es ihnen vonnöten, den Nährboden der Individualität zu festigen, damit diese um so freier sich entfalten kann: das Volkstum, aus deni heraus jede Individualität wächst, das Gesellschaftsleben, das immer gerechter, immer freier die Persönlichkeit sich elttfalten lassen must Auf diese Weise werden die höchsten Güter, die in der Muschheit liegen, zur Entfaltung gelangen — aber was wird unser Mittel sein, um dies hohe Ziel zu erreichen? Die moderne Wissenschaft tendiert, wie ich an anderem Orte näher nachzuweisen gedenke, dahin, das Mittel zum Erreichen von Kulturidealen zu erwarten von einem bewußten Eingreifen in die Kulturentwicklung, in der bewußten Ausmerzung aller jener Tendenzen, die ihnen im Wege stehen, und in der Beschleunigung derjenigen Entwicklungsvorgänge, die zur Verwirklichung unserer Wünsche führen. Ebenso wie uns die siegreiche Naturwissenschaft ein Mittel an die Hand gab, in die Naturkräfte einzugreifen und daran ist, uns zu immer wachsender Naturbeherrschung zu führen,, so weist uns das immer tiefere Begreifen der Kulturentwicklung auch hier den Weg zu immer bewußteren: Eingreifen, zur Kulturbcherrschu:: g. „Bisher ha?', so schreibt L e st e r W a r d, der große amerikanische Soziologe, „der Mensch die Natnrkräste gebändigt; nun wird er daran gehen, auch die an sich blinden sozialen Kräfte zu bändigen und zu beherrschen." Und Müllcr-Lyer meint, „daß eine Epoche der Naturbeherrschung nicht» bloß eine Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ist, sondern, daß wir bereits tatsächlich in die Anfänge dieser Epoche eingetreten sind". Individualismus also, erreicht durch Knltnrbeherrschung, das ist die Quintessenz moderner Lebensanschauung. Wie muß von diesem Gesichtspunkt aus die Stellung pt Jndenfrage erfolgen? Am Eingang fast aller Diskussionen über das Judenproblem steht die Frage, ob die Juden ein Volk sind oder nicht. Ueber diese Frage ist ebenso viel als nutzlos debattiert worden. Alle diese Verwirrungen beruhen ans einer quaternio terminorum mit dem doppelbedeutigen Begriff „Volk". Es gibt einen Volksbegriff im anthropologischen Sinn: er bezeichnet die Angehörigen eines genleinsamen körperlich-geistigen Habitus, also Menschen mit analogem physopsychischeu Dispositionen, und einen Volksbegriff im ethnographis ch e n Sinne: er bezeichnet die Angehörigen eines gemeinsamen Kulturkreises. Im anthropologische,: Sinne sind — die moderne Wissenschaft setzt es außer Zweifel — die Juden ein Volk, mag man sich mm die Gemeinschaftlichkeit ihrer Dispositionen durch gleiche Abstammung (Rassentheorie) oder durch gleiches historisches Geschick (Milieutheorie) erklären. Im ethnographischen Sinne haben die Juden Westeuropas ihre Volkseigenheit längst .aufgegeben, sie gehören fast durchaus dem Kulturkreis ihrer Wirts- ..völker an, während die Juden Osteuropas in der Geschlossenheit ihres Gesichtskreises und ihrer geistigen Isoliertheit unzweifelhaft ein Volk im ethnographischen Sinne darstellen. Daher gabelt sich die Judenfrage in eine Ostjuden- und WMudenfrage. Die Inden Osteuropas bilden also in jeden: Sinne eine völkisch Gemeinschaft, eine Gemeinschaft freilich, die unter unsagbaren imgünstigen Verhältnissen lebt. Es genügt an dieser Stelle, auf die Tatsache hinzuweisen, daß die wirtschaftliche Notlage dieser Judenmasse so entsetzlich ist, daß .dringende Hilfe not tut, um sic vor völliger Zermürbung und physischer Degeneration zu schützen. Diesen Unglücklichen muß Hilfe werden durch ihre Ansiedelung in einem Neularck«, wo sie die in ihnen schlummernden Anlagen frei entfalten können, — und der .Zionismus ist bisher die einzige Bewegung, die in bewußten: Eingreifen in die Kulturentwicklung diesem Ziele zustrebt. Man hat nun gegen den Zionismus mehrfach das Bedenken ausgesprochen, sein partikularistisches Interesse stehe mit der geMaltigen Menschheitsbewegung des Sozialis- ' mus in Widerspruch. Dieser Einwand ist aber durchaus unzutreffend. Denn kann es etwa im Sinne des Sozialismus sein, daß Millionen eines tatkräftigen Volkes unterdrückt und ausgebeutet, sittlich und Physisch degeneriert werden? Oder kam: es im Interesse der sozialistischen Bewegung liege::, daß sich die Jndenmassen nach England und Amerika wälzen, sich dort durch ihr Hungerangebvt wie ein Bleigewicht an die Füße des heimischen Proletariats hängen :md alle die in harten Lohnkämpfen errungenen Vorteile der aufstrebenden Arbeiterschaft illusorisch machen? Wahrlich, nur die Ansiedluug der jüdischen Massen in einem Neuland auf agrarischer Grundlage kann in: Sinne der Tendenzen des Sozialismus sein, zumal wenn dies auf eine Art und Weise geschieht, die die Verschleppung des Klasseninonopols ::nd der wirtschaftlichen Ausbeutung nach Palästina unnröglich macht, was bei einer großzügigen Durchführung der von Franz Oppenheimer propagierten genossenschaftliche:: Besiedlung garantiert wäre. So wird dem: für jeden von moderner Lebensanschauung beseelten Juden der Zionismus für die Ostjuden geradezu eine Selbstverständlichkeit. Aber wie steht es mit den Westjuden? Sollen wir sie, die von keiner materiellen Not bedrängt sind, die nicht der sozialen Unterschicht, sonder:: zun:eift der Mittel- und Oberschicht angehören, der Assimilation anheim fallen lasse::? Denn, daß diese — falls keine Gegentendenz henrmcnd dazwischentritt -- das Geschick der westeuropäischen Inden sein wird,- darüber lassen neuere volkswirtschaftliche Untersuchungen keinen Zweifel. Wäre nun das Anfgehen der Juden unter ihren Wirtsvölkern für die Menschheit der Verlust einer wertvollen Eigenart? Tie Beantwortung dieser Frage hängt ab von den: Rassenwert der Juden, dienere Arbeiten über dieses Problem, vor allem die Studien von Zollschau, lassen, gestützt auf die S e m o n s ch e Mnemetheorie, den Rassenwert unseres Volkes überaus bedeutsam erscheinen. Diese deduktiven Erwägungen werden durch die Tatsachen durchaus bestätigt. Man nrache sich nur klar, daß die Juden, die kaum lo/o der deutschen Bevölkerung ausmache::, wohl den gewaltigsten Denker gestellt haben, den das Deutschland des 19. Jahrhunderts aufzuweiseu hat. Und in ehrfürchtigem Abstand von Kar! Marx reiht sich ihn: eine ansehnliche Schar genialer Juden an, die während desselben Jahrhunderts das deutsche Geistesleben bereichert haben, Denker wie Ferdinand Lassalle, Franz Oppenheimer und Heinrich Hertz, hervorragende Künstler :vie Felix Mendelssohn und Heinrich Heine. Bor allen: aber ist es unzweifelhaft, daß die durchschnittliche Jntelligenzquote der Juden die der Nichtjuden wesentlich übersteigt. Ein Blick auf alle Gebiete geistiger Betätigung lehrt cs. Selbst die „Preuß. Statistik" n:uß ausdrücklich zugestehen (Bd. 102, S. 67), „daß die jüdischen Studierenden durchschnittlich mehr Befähigung zu besitzen und mehr Fleiß zu entwickeln scheinen, als die Christen." So darf denn in der Tat auf Grund der Tatsachen ausgesprochen werden, daß in Bezug auf intellektuelle Begabung die Juden schwerlich von irgend einem Volke übertrofsen werden. Diese Erkenntnis würde freilich vom Standpunkte des Jndividiialisn:us aus die Aufsaugung der jüdischen Veranlagung durch ihre Wirtsvölker als die bedauerliche Vernichtung einer wertvollen Eigenart erscheine:: lassen und den modernen Juden veranlassen müssen, durch bewußtes Eingreifen in die Kulturentwicklung zu verhindern, daß fein Volk nach dreitausendjährigem Bestehen aus dem Buche der Menschheitsgeschichte ausgelöscht werde. Dieser Wunsch steht durchaus in keinem Gegensatz zum Sozialismus. Vielmehr sollte „gerade der Sozialist" — wie Franz Oppenheimer hervorhebt —wüu- 48