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Neue jüdische Presse · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m Rr. 1 dies Jcanüfuctet MmekWea lannlienfitaues. Die Richtliuien-Erllärnng des Vorstandes der Frankfurter Israel. Gemeinde. Eine Reihe angesehener konservativer Mitglieder der hiesigen Israelitischen Gemeinde hatte sich in einer an die Verwaltung der Israelitischen Gemeinde^ gerichteten Eingabe beschwerdeführend zu der auch von dem Vorstand der FrankftOcter Gemeinde mitunterzeichneten Erklärung vom 1. Dez. gewandt und in dieser Eingabe die schweren sachlichen und auch die formellen Bedenken gegdn die Erklärung des Vorstandes ausgesührt — unter besonderem Hinweis darauf, daß der Vorstand durch die Form seiner Erklärung zu Gunsten der „Richtlinien" Stellung genommen habe —, indem gleichzeitig der Vorstand um eine öffentliche Klarlegung im Sinne der Darlegungen der Eingabe gebeten wurde. Einem der Unterzeichner dieser Eingabe gegenüber hat schließlich der Vorstand der Israelitischen Gemeinde mit der Ermächtigung zu weitgehendster Veröffentlichung erklärt, daß er mit der Erklärung vom 1. Dezember 1912 weder die Absicht gehabt hat, zu den „Richtlinien zu einen: Programm für das liberale Judentum" Stellung zu nehmen, noch daß er dies getan hat, daß auch der Vorstand das Recht, ja die Pflicht der. Kritik dieser „Richtlinien" durch konservative Rabbiner niemals bestritten hat und niemals bestreiten wollte. Kaufmannsgerichtswahlen. Donnerstag, den 20. Febrriar er., finden hier die Bei sitz erwählen zum Kaufmanns geeicht für die Amtsperiode vom 1. April 1913 bis 31. März 1915 statt. Diese Wahlen sind für die jüdische Kaufmannschaft, insbesondere die Handlungsgehilfen, von ganz außerordentlichem Interesse, da bisher ein lunverhältnismäßig großer Teil der Beisitzer- Posten durch Angehörige des bekanntlich antisemitisch gesinnten deutsch-nationalen H a n d l u n g s g e h il f en - B e r b a n d e s besetzt tdar. Dieser Verband hat es durch eine rücksichtslose Agitation, die hier in Frankfurt — wohl als Vorspiel für den im Juni hier stattfindenden großen a n t i s e m itischen Verbandstag — in letzter Zeit alles Bisherige in den Schatten stellt, verstanden, seine Parteigänger in den Kaufmannsgerichtcn unterzubringen. Das war nur möglich, weil bisher leider das Interesse der jüdischen Kaufmannschaft für diese Wahlen beinahe gänzlich versagt hat; die Wahlbeteiligung der jüdischen Kaüfleutc muß als geradezu beschämend gering bezeichnet werden. Daß es möglich ist, dem antisemitischen Besitzstände ganz erheblichen Abbruch zu' tun, beweisen an: besten die folgenden Zahlen: Dem organisierten antisemitischen Verband gehören etwa 4—500 Wähler an; er weist aber bei den Kaufmannsgerichtswahlen eine Stimmenzahl von etwa 1200 auf. Dagegen haben wir hier in Frankfurt a. M. ca. 2500 wahlberechtigte jüdische Angestellte, von denen seither k a u m 2 0 °/o i h r W a h l r e ch t ausgeübt haben. Es ist mir nötig, diese Lässigkeit zu überwinden, im: eine Aendernng des seitherigen beschämenden Wahlresultates herbeizuführen. Es bedarf wohl keiner weiteren Ausführungen, daß es die dringende Pflicht eines jeden jüdischen Handlungsgehilfen ist, der das 25. Lebensjahr vollendet hat/-am kommenden Donnerstag, zwischen 12 und 8 Uhr nachmittags, seine Stimme zu Gunsten einer Vorschlagsliste irgend eines der paritätischen Verbände abMgeben. Auch an die j ü d. Geschäftsinhaber ergeht der MahNruf, daß sie ihre Angestellten durch bereitwillige Ausstellung der Legitimationskarten, sowie durch Freigabe der zum Wahlgeschäft erforderlichen kurzen Frist zur Abgabe ihrer Stimmen anspornen, denn das Interesse der Geschäftsinhaber an dem Ausfall der Wahlen geht mit dem der Angestellten Hand in Hand. Mögen alle jüdischen Angestellten eingedenk sein, daß das Wahlrecht in diesem Falle besondere! Wahl-Pflicht bedeutet! Meuarversammlrma des Provisor. Komitees der Agudas Jisroel. Die Sitzung fand in Frankfurt a»r 3. Februar statt. Nach Kenntnisnahme des! befriedigenden Finanzberichtes beschäftigte sich die Versammlung besonders mit den Satzungen. Hinsichtlich des „rabbinischen Rates" wurde beschlossen, nunmehr die notwendige Zuwahl in die Wege zu leiten. Dem „Haderech" soll versuchsweise eine deutsche Beilage, die den hebräischen Hauptinhalt bringt, hinzugefügt werden. Der wichtigste Gegenstand' der Tagesordnung betraf die Einleitung der praktischen Tätigkeit. Die T h oralehr an stalten (Jeschiwoth) des Osten, kommen hier zuerst in Frage. Hierzu ist jedoch ein Fonds nötig, dessen Kapital Millionen betragen muß. Nur mit der hingebungsvollen Unterstützung der breitesten Bolksmassen und durch die Freigebigkeit der Begüterten kann sich dieser Fonds entsprechend entwickeln. Inzwischen darf aber der drängenden Gegenwart nicht vergessen werden. Es wurde daher beschlossen, j e 10,000 ,lf, z n Beginn d es Sommer- und des Wintersemesters zu Gunsten der größerer Jeschiwoth zu bewilligen. Eine weitere Aussprache galt der Frage, wie es möglich wäre, eine Steigerung der Spenden für die Thoralehranstalten und eine Verringerung der Akqnisitionsspesen, bedingt durch die gegenwärtige Organisiermrg des Sendbotenweseiw, herbeizuführen. Der Gegenstand wird nach Einholung sachverständiger Gutachten in einer späteren Sitz::ng weiterverhandelt werden. Es galangte hierauf eine Reihe von bereits borgeprüften Plänen zur Einleitung der P a l ä st i n a a r - beit zur Vorlage. Es soll versucht werden, durch den Ban von Arbeiterhäusern an der Seßhaftmachrmg eines wahrhaft jüdischen Arbeiterstandes in den Kolonien mitzuarbeiten. Zur Verfügung gestellt wurde zunächst ein Betrag von 50000 Frs., der dazu dienen wird, kleine Arbeiterhäuschen in Verbindung mit Gemüsegarten, evtl, der Gewährung der Möglichkeit einer kleinen Milchwirtschaft, zu errichten. Im einzelnen wurden dafür folgende Bedingungen beschlösse::: a) Da das Unternehmen den Kolonien' iir hohem Maße zugute kommt, wird erwartet, daß die Kolonieverwaltungen 'den Grund und Boden für die Häuser unentgeltlich zur Verfügung stellen. b) Die Häuser loerden den Inhabern zunächst pachtbezw. mietweise überlassen mit der Verpflichtung, den Baubetrag allmählich in kleinen Raten zu amortisieren und dadurch den Ban weiterer Häuser zu ermöglichen e) Ms Pächter tverden vor allein eheinalige Zöglinge von Jeschiwoth, überhaicht Bnei Thauro gewählt, die bereits mindeste«^! ein Jahr in einer Kolonie landwirtschaftlich tätig waren. Auf Antrag der russischen Gesinnungsgenossen wurde beschlossen, auch von Seiten der „Agudas Jisroel" die Bemühungen um Wiederaufrichtung des a s ch k e n a s i - scheu Oberrabbinats zu Jerusalem auf gesunder Grundlage nach Kräfte:: zu fördern, umsomehr, als hieran über Jerusalem hinaus die Gesamtheit in höchsten: Maße interessiert ist. Den Vorschlägen des Herrn Rabbiner Dr. Wolf in Cöln, die sich init de» Bedürfnissen der nach Tausenden zählenden osteuropäischen Bevölkerung des rheinisch-westfälischen Jndnstrrebezirkes beschäftigen, soll demnächst eine besondere Sitzung gewidmet werden. Die Versammlung beschäftigte sich ferner mit einem Plane zur Hebung des Thorastndiums in Deutschland, auf den später noch zurückzukommen sein wird. Herr Wolf Möller -Altona regte eine Verschmelzung der für die Pflege gesetzestreuer Palästinaarbcit gegründeten „Moria" mit der „Agudas Jisroel" an. Das Komitee beschließt, seine volle Sympathie gegenüber diesen: Vorschläge zu bekunden,' der geeignet ist, latente Gegensätze innerhalb der' Orthodoxie zu beseitigen, und ist bereit, den Vorschlag in: Auge zu behalten. Die Versammlung gab noch dem einmütigen Danke für den ersten Vorsitzenden, Kommerzienrat Feist, 'Ausdruck, der an der .Sitzung nicht teilnehmen konnte, durch seine schriftlich gegebenen Anregungen und durch sein tatkräftiges Eintreten für die praktische Arbeit der Aguda aber fortdauernd in hervorragendem Maße dazu beiträgt, die raschere Verwirklichung dieser praktischen Ziele zu ermöglichen. Fraukfurter Berichte. Während in den letzten Winterhalbjahren der Besuch - der Vorträge des Vereins „Nachlaß Z w i" häufig sehr zu wünschen übrig ließ, ist in dem gegenwärtigen Winterhalbjahre der Besuch stets ei» glänzender. Das dürfte wohl auch in der guten Auswahl der Thenrata und der Redner liegen. Man sieht also: das Interesse ist da, man mutz ihm nur entgegenkommend Anch der vorwöchentliche Vereinsabend brachte einen überfüllten Saal und einen interessanten Verlauf. Robb. Dr. Wolfs- Köln, ein durch feine Rührigkeit und sein idealistisches Streben bekannter Herr, sprach über „Das Ansländerrproblem des Industriegebietes." Er führte aus: Das Problem berühre weniger die Erwachsenen, die als fertige Menschen nach hier komme::, mit ihrer neuen Umgebung nur beruflich, in Konnex treten, aber in ihren Anschauungen sich gleich' bleiben; das Problem berühre vielmehr die Jugend. Für die Jugend bedeute der Wechsel des Landes auch einen Wechsel der Kultur, und bei den neuen, ihrem jüdischen Werde:: so ungünstigen Kultureinflüssen finde sie naturgemäß bei ihren Eltern keine Leitung. Wohl gebe es in den Großstädten jüdische Volksschulen, doch deren Lehrer seien häufig neolog gesinnt. Es sei deshalb heilige Pslicht der traditionell - gesetzestreuen Judenheit Deutschlands, unter ihrer Verwaltung jüdische Volksschulen in: Industriegebiet zu schassen. Auch die Berufswahl dieser Jugend verlange das größte Interesse, denn Schule, Gemeindevorstände nsw. sind meist gegen die Beobachtung des Sabbats tätig. Redner machte bezüglich der Sabbatwahrung eine 'Anzahl von Vorschlägen. Als erster in der Diskussion sprach Rechtsanwalt Dr. S i e g f r. S ch w a r z s ch i l d. Er ist der Ansicht, daß die Vorschläge des Referenten, selbst wenn sie alle verwirflicht würden, das Ausländerproblem doch bestehen lassen. Die grauenhafte 'Ausweisungspolitik, die jede:: Tag wie ein Damoklesschwert über jeden: ausländischen Juden schwebt, werde damit nicht berührt. Auch sei erfahrungsgemäß in jeden: Lande eine jüdische Einwanderung ::::r bis zu einer gewissen Prozentnorm möglich. Und da» Wichtigste: es fehle das jüdische Milieu, die Voraussetzung für die Entfaltung eines gesunden jüdischen Lebens. Dieses Milieu könne nur Palästina geben. Jacob R o s e n h e i m wandte sich gegen den Vorredner. Es sei den: Zionismus in den 15 Jahren seines Bestehens nicht gelungen, an dem Problem nur ein geringes weiter zu fördern. Wie es mit den Segnungen des jüdischen Milieu stehen könne, sehe man in Palästina. Die jüdische Arbeit fei nur partiell möglich, wie es das» Referat auch Vorschläge. Leopold Perlmutter erklärte die ideelle Seite des Ausländerproblems für viel wichtiger als die materielle. Dazu sei es nötig, die Kluft zwischen Ost und West aufhöre:: zu lassen; dieses Verdienst müsse dem Zionismus zugeschrieben werden, während innerhalb der Orthodoxie diese Kluft immer noch nicht überbrückt sei. Es sprachen noch Maximilian Michel, S. Schach::oWitz, der früher Zionist war und jetzt gen: jede Gelegenheit benutzt, gegen de:: Zionismus zu polemisieren, Martin F e i st, der mit Begeisterung die jüdische Regenerierungskraft Palästinas betonte, die er mit eigenem Auge gesehen hat, I a c o b 'R o s e n h e i n: und der Referent. Die rühmlichst bekannte Kunstgewerbeschute „Bezalel" in Jerusalem, die vor 8 Jahren von Prof. Boris Schatz begründet worden und in ständigem Wachse:: begriffen ist, bezweckt, unseren palästinensische:: Brüdern reelle Erwerbsmöglichkeiten zu ermöglichen. Gerade Palästina, wo weder die Hausindustrie noch bas Krmstgewerbe entwickelt ist und wo die Arinut in Permanenz und geradezu .erschreckend haust, ist der geeigneste Boden für ein solches Unternehmen. » Für uns Jlwen hat eine solche Schule doppelten Wert: von unseren: Können, von unseren Talenten aus alten Gebieten der Kllnst und Wissenschaft haben wir vielfach Zeugnis abgelegtjedoch von unserem Können :md Wollen, nicht nur Künstler, nicht nur Wissenschaftler und Großindustrieller zu sein, bedarf es — trotz der vielfachen gelieferten Beweise — noch immer weiterer Beweise, — und ein besserer Beloeis als den, Leute, die durch unser eigenes Verschulden im Müßigang und Bettel großgezogen winden, zu tüchtige» Gewerbetreibende heranzubilden, gibt's nicht'. Dank dem großen Zwecke dieses palästinensische:: Unternehluens und Dank der überraschmwen großen Erfolge des Werkes; erfreut sich der Bezalel der allseitigen Beliebtheit und der größten Popularität, so daß in allen Ländern, wo J:iden wohnen, sich Vereine gebildet haben, ihn d:rrch freiwillige Jahresbeiträge zu fördern ::nd seiner Produktion durch Ausstellungon zur weit möglichsten Abnahme zu verhelfen. Nur unstr schönes Frankfurt steht noch abseits, obwohl es sonst bei alten jüdischen Zwecken an erster Stelle steht. Um aber auch Frankfurt zu diesem grandiosem Werke heranzuziehen, hat sich hier ein Komitee von prominenten Persönlichkeiten gebildet. Dieses Komitee wird eine Ausstellung von Bezalet-Erzengnissen in dem großen Geschäft Wronker ab 20. Februar eröffnen, und gleichzeitig eifrig um weitere Mitglieder werben. , ^Letzten Dienstag abend veranstaltete das Komitee in: Saale des Montefiore-Vereins einen Bortrag über die bisherige Tätigkeit der Kunstgewerbeschule Bezalel bei Vorführung von Lichtbildern. Referent des Slbends — der auch Leiter des Komitees ist — war der rühmlichst bekannte Professor Dr. I. Hülsen, hier. Mit beredeten Worten schilderte Redner die große Bedeutung des Bezalel nicht nur jür die Juden Palästinas, sondern auch für die ganze Judenheit. Dem Bezalel, der es von 50 Schülern int Jahre 1908 und Erzeugnissen jm Werte von Frs; 20,000 im Jahre 1908 auf 457 Schüler und Erzeugnisse von ca. 133,000 im Jahre 1911 gebracht hat, steht eine große Zukunft bevor, vorausgesetzt, daß ihm von seiten der Judenheit die nötige Förderung gewährt wird; denn es darf nicht vergessen werden, daß der Bezalel sein großes Werk fast ohne Mittet, ohne Grundkapital begönne:: hat, was bei einem großen Betrieb sehr hindert. Redner verbreitete sich -über die Großartigkeit der Einrichtung der Schule, die die modernsten Schulen dieser Art an Wert überflügelt, ebenso über die vorzüglichen Qualitäten der Schüler, die mit unermüdlicher Energie, Ausdauer und Liebe ihre Arbeit verrichten, und belegt dann mit Zahlen und zahlreichen Lichtbildern seine Behauptungen. Er meinte, daß nur der alte Geist des Bezalel ben Uri, der von göttlichem Geist itni> voll von Weisheit erfüllt war, es vermocht habe, ein solches grandioses Werk und solche künstlerische Leistungen zu schaffen. Redner drückte seine Verwunderung darüber aus,. 4780

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