Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 _ ~ ' Flaschen Sekt gegen mein Tintenfaß, — ja, ich schwöre sogar auf (Verlangen, Du seiest ein ganz modern-realistisches Menschenkind, ein Aufgeklärter, in den Jahren,. wo Deine Figur und . Dein Schnurrbart schon oder noch Furore machen; oder, falls mich das Geschick mit einer schönen Leserin begnadet, Du seiest ein frühlingsjunges, sympathisches Wesen, dem ich auf Mord den Hof machen würde, versteht sich, ohne mich zu Ernsterem zu verpflichten. Du bist .Acht neugierig. Du willst es also wissen, was ein Scheker-Bis^ul ist? Gott verhüte, daß Dst. es je an Leib -und Leben gewahr werdest! Nun wohl, Deiner Wissbegierde zuliebe laß Dir diese Geschichte erzählen. Wohlauf, wandere niit mir ins Netzetal, — sei versichert. Du wirst gut ausgenommen im" Herzogtum. Bist Du Magenmensch? Je kleiner die Stadt, desto besser tmrd gegessen, man bäckt und brät hier schmackhafter als in Berlin. Allerdings, Genüsse für den Magen sind die einzigen, die Dir Zladno bieten kann. Suche es nicht auf der Landkarte! Das Oertchen ist so klein, daß selbst der gewissenhafteste Kartograph übersehen durfte, es anzuzeichnen. Das Städtchen ist leidlich sauber. Die Bevölkerung bilden ungefähr dreitausend Einwohner, aber Du wirst immer fragen, wo sie sich aufhalten; denn Du bekommst selbst am Sonntag, wo der Verkehr am stärksten zu sein Pflegt, kaunl drei-, vierhundert Menschen zu scheu. Deutsche, Juden, Polen Hansen, Getverbe und Handel treibend, in erträglichem Einvernehmen neben einander; geht es dem einen gut, ivird er beklatscht; ergeht cs dem andern schlecht, ivird er bewchleidet^ nur lebt man stiller und gemächlicher als in größeren Städten. Die Körper gedeihen und sind wohlgepflegt; der Geister bleibt nicht viel erwähnenswert. Die Leute, haben eine frische, rotbraune Gesichtsfarbe, und stellen nach und nach den Zcitungsreportern für die Hundertjährigen das beste Materials Hin und lvieder unter jüngeren Personen ein kleiner, übermütiger Skandal, regelmäßiger noch an Markttagen unter dem betrunkenen Landvolk ein tüchtiges Handgemenge, und der Kreislauf aufregender Ereignisse in Zladno ist beendet. 'Auf dem Markte von Zladno. An einem Oktobersamstag-Abend, man schrieb das durch welterschüttcrndc Geschehnisse so bedeutsame Jahr 1.888, da begann es. Das Städtlein lag friedlich in sanftem Dämmerlicht; nur die Kirchturmspitze funkelte noch sonnengoldig. Der Marktplatz war sauber gefegt, Julek, der Stadtdicner, stäubte, ivohl aus Uebermut, mit seinem großen Besen vor den Füßen einiger junger Dirnen, die aufschrieen und schalten, .aber nicht allzusehr; denn Julek war ein hübscher, junger Mann, eine begehrensivcrte Partie. „Soldat gewesen, drei Kaisern gedient", pflegte er zu sagen und ztvirbelte den kleinen, schwarzen Schnurrbart auf. Nach seiner Entlassung ans dem Heer hatte der anstellige junge Mann den Posten eines Stadtdieners und Nachtwächters in Zladno erhalten. Es gibt Acmter, welche mehr an Geld und Ehren einbringen, aber an Haltung und Standesgefühl nahm cs Julek mit dem Bürgermeister auf. Wahrhaftig, er ging herum: „Dies alles ist mir untertänig —", nur war leider kein ägyptischer König zur Stelle, dem ec diese erfreuliche Mitteilung hätte machen könne,i. Jetzt blickte er scharf hinüber nach dem Brunnen; der gesamte Küchenfeenstaat hielt dort seine Ratsversammlung ab. War das ein Geschwätz und ein Gezänk! Der Stadtdicner rollte die Augen und eilte mit starken Schritten auf das Weibergetümmcl zu. „Platz, Platz," schrie eine kecke Stimme, „hier kommt des Kaisers schönster Unteroffizier." " Die Gegenrede war weniger galant: „Habt Ihr noch nicht genug geschnattert, Ihr Gänse? So lange, wie Ihr hier plappert, hätte einer den Brunnen ganz ausschöpsen können . . . Faules Chor!" „Wenn Schnaps drin tvär', hätte ihn Herr Julek schon allein leergetrunken." Es war dieselbe schnippische Stimme von vorhin. Sie gehörte einem kleinen, siebzehnjährigen Mädchen mit auffallend häßlichem Gesicht, in dem kohlschwarze Augen und blutrote Lippen nebst langen, goldenen, radförmigen Ohrgehängen und tiefblauer, großer Perlenkette unk den, Hals einen schreienden. Farbenspektakel aufführten. Man wunderte sich, daß ein so junges Ding so frech sein könne, doch wenn man die funkelnden Augen unter den brandroten Ponyhaaren sah, glaubte man es. Der Herr Stadtdiener hatte die größte Lust, die naseweise Spötterin derb anzufahren, aber die verliebten Blicke und Las. entgegenkommende Lachen, des Mädchens weckten weniger strenge Gefühle in seiner Brust; er strich flott den Schnauzbart auf, dann be- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. trachtete er aufmerksam die Sprecherin- Die wich aber seiner eindringlichen Musterung keineswegs schüchtern aus. Er kniff ihr in den Arm. Franja schrie laut auf; alle sieben Weisen Griechenlands hätten nicht zu ergründen vermocht ob vor Schmerz oder vor Vergnügen. „Wenn das Pelagiw sähe," rief eins der Mädchen, „he, Julek, dann ging's Euch schlecht!" Der Wächter setzte sich auf den hohen Brunnenrand, sodaß er, den Mittelpunkt im'Kreise der Mädchen bildend, thronte wie ein 'PaschÄ im"'Kreist seiner Sultaninnen, zerrte an den Schürzenbändern der Nächststehenden pnd sagte gleichmütig: „Was geht mich Pelagia an? Ich scheere mich den Kuckuck um sie!" „Oho, das war doch früher nicht!" lachte die Nächststehende, „da hieß es immer: Pelagia überall, und Pelagia ist die schönste von allen." „Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter," stichelte die Nachbarin, die schwarze Hanna. Die Mädchen kicherten und stießen einander an. Zwei oder drei von ihnen blickten aber doch so vorwurfsvoll nach dem schönen Julek, daß ihm beinahe unbehaglich geworden wäre. Da kam ihm Hülfe; nicht umsonst hatte er vorhin die kleine Franja in den Arm gezwickt. „Ich möchte wohl wissen, was Ihr Euch an der langen Pelagia für eine Schönheit erseht," fragte sie scharf, „wenn man sich Tag inn Tag so anstakelt wie die! Ganz wie ihre Madame, die donnert sich auch auf. Ich sage! Habt Ihr den roten Hut gesehen?" „Es ist kein roter Hut," stritt Hanna, „es sind nur rote Federn daraus." „Ein roter Hut ist's, ich hab's genau gesehen." — Franja sprach so schnell, wie ihr liebes Mundwerk sich nur bewegen konnte, sie nahm immer zivei Sätze auf einmal. — „Heute am Nachmittag ging sie an mir vorbei, die Amtsrichterin. im größten Staat. Bei der Doktorin war Kaffeevisite. Es gab Kranzkuchen und dann Baisers, hernach haben sie Likör getrunken. Ich habe aufgepaßt, wie die Doktor-Anna vom Konditor kam. Um sieben Uhr ist sic wieder gegangen, die Amtsrichterin und die Doktorin — na, man weiß ja, warum die so befreundet mit einander tun —, wie die Amtsrichterin ans dem Kloster gelaufen ist, hat der Jude sie versteckt. Die Doktorin hat sie bis vor die Tür begleitet — in ihrem Schwarzseidenen, die Uhr und Kette vor, — der Hut ist von rotem Samt und gebogen wie eine Schüssel, drei große Federn sind darauf. Der kostet gewiß zehn Mark." „Zehn Mark," lächelte Hanna und blickte Franja geringschätzig über die Achsel an, „was so ein Ding >vie Du von einer Sache versteht! Zehn Taler kannst Du sagen!" „Warum nicht gar hundert?!" „Da ist Pelagia, die wird es wissen." „Guten Abend," sagte ein großes Mädchen von ausfallender Schönheit, „um was geht cs denn?" „Um den Hut Deiner Madame. Die Luscheck Franja will sich einen gleichen kaufen." Hanna zeigte spöttisch auf die kleine Kokette, die verlegen bald an ihrem ^großen, vergoldeten Haarpfeil, bald an ihren blauen Wachsperlen nestelte —, „weißt Du nicht, was Deine Frau Amtsrichter für das Prachtstück gezahlt hat?" „Um so was kümmere ich mich nicht," antwortete Pelagia ruhig, nahni ihren Krug vom Kopfe und setzte den Zieheimer des Brunnens in Bewegung. „Ihr habt ja noch keine eingefüllt?" fragte sie erstaunt. „Werden uys schön bedanken, die schweren Kannen zu schleppen," erwiderte Franja spitz, „wir holen nur Trinkwasser, das andere mag der Jude bringen." „Perez ist schwach und matt," sagte Pelagia, „er ivird nicht mehr lange Wasser tragen." „Ach was! Er hat sich heute den ganzen Schabbes ausgeruht!" Während Franja sprach, verfolgten ihre schwarzen Späheraugen unausgesetzt Pelagia und den Stadtdiener, welche beide ihrerseits einander gar nicht zu sehen schienen; Julek stampfte taktniäßig seinen Besen auf den Boden, indes Pelagia in ihren Krug schaute, als müsse sie die Wassertröpflein zählen. Mit einem Male flogen Franjas Blicke wieder über den Marktplatz hin. „Wollt Ihr reiche Juden totschlagen?" schrie sie, „da kommen sie alle aus ihrer Betschnle." Auf der anderen Seite des Marktplatzes, ani unteren Ende, das schon nach der Chaussee zuführt, öffnete sich das Tor eines großen, grauen Hauses und entließ eine Anzahl schwarzgekleideter Männer mit hohen Hüten, welche sprechend, gestikulierend, gehend und hin und wieder in kleinen Gruppen stehen bleibend, sich nach den Häuser» des Stadtzentrums zu bewegten. Seite 5 Julek sah hinüber, warf unmutig seinen Besen beiseite und murrte: „Wenn ich das Geld hätte, das in deren Taschen steckt!" „Es gibt auch arme Inden," sagte Hanna, „Perez und seine alte Mutter zum Beispiel." „Ja, aber meistenteils haben sie doch mehr als unsereiner," ereiferte sich Franja; „ich kann nun mal das Judenvolk nicht leiden, darum habe ich auch den Dienst bei der Doktor Thorner aufgesagt." „Sie :: hat aufgesagt! Was „heißt, sie hat gesagt! Dir hat man gesagt; aber gehörig! Weil Du hast Schmu gemacht mit den Marktdittchens, hat die Madame Doktor» Dir Gannefte Mores gesagt und Dir geheißen. mauchel sein." Der das sprach, ein kleiner, niederbeiniger Jude von etwa vierzig Jahren, hatte sich sacht herangeschlichen und steckte jetzt seinen großen, runden Kopf zwischen die Schultern der Mädchen. Die Jungfrauen erhoben ein furchtbares Geschrei. ,L! weh, der Perez!" „Der alte Narr erschreckt einen zu Tode!" Die Mehrzahl der Mädchen aber begrüßten ihn mit einer gewissen munteren Vertraulichkeit, die auf eine ziemliche Beliebtheit des Ankömmlings in ihren Kreisen schließen ließ. Er gehörte ja zu ihnen; der arme, sehr unansehnliche Mensch diente in einigen wohlhabenden Häusern als männliches Mädchen fiir alles. _(Fortsetzung folgt.)__ üniBPiRaniSGiiB Fits-u PincBnez £55* Grosso Auswahl in amerik. and deutscher Optik. J W. Albert, Erb Nana laimeratr. n. Wemfanenatr. 11. Eingesandt. Offener Brief au Se. Ehrwürden Herrn Distriktsrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt. Ew. Ehrwürden! Ihre Mitteilungen an die Redaktion dieses Blattes enthalten zwei Dinge. t. Eine Erklärung Ihres Standpunktes. 2. Eine Reihe von unzutreffenden und daruin unberechtigten Vorwürfen. Zunächst möchte ich den zweiten Teil — weil er unerheblich ist — zuerst erledigen. Sie wersen mir vor: 1. mangelndes Wohlwollen, 2. nird 3. krankhafte Ueberempfindlichkeit, 4. vorgefaßte Meinung, 5. Mangel an Objektivität, 6. Mangel an Loyalität, 7. künstliche Agitationssucht. Nicht wahr, das ist viel auf einmal. Ich wiederhole diese Ausdrücke auch nur deshalb, damit die Oeffentlichkeit doch anch feststelle, wo Objektivität und wo Subjektivität, wo Ruhe und wo llebereilung die Triebfedern bewegen. In der Hauptsache stellen Sie fest, daß die von mir gerügte Fassung „eine Bekanntgabe durch den Lehrer, die vorausgesetzt w a r," durchaus znließ. Auf das vorausgesetzt möchte ich noch besonders Hinweisen. So möchte ich Sie und damit alle Ihre ehrwürdigen Herren Amtsbrnder davon verständige», daß nicht nur ich,' sondern der ganze jüdische Lehrerstand — ansgesprochenermaßen — den Gemeindevorstand weder als Deckadresse noch als übergeordnete Behörde betrachtet, um durch seine Vermittlung amtsdienstliche Wünsche entgegenzunehmcn. Der Lehrer kann mit Recht verlangen, daß der Rabbiner mit dem Lehrer in unmittelbare Verbindung trete. Ich will bei dieser Gelegenheit über die - beiderseitigen Vorteile solcher direkter Beziehungen mich nicht weiter verbreiten. Sie liegen übrigens auf der Hand. Wenn es mir nun gelungen wäre, daß Sie nach. Ihrer schriftlichen Zusage in Zukunft nicht gerade aus „Schonung für krankhafte Ueberempfindlichkeit", sondern aus objektiver Loyalität und Freundlichkeit dem Lehrer ciitgegenkvininen, so wäre ich reichlich belohnt für meine ehrlichen Bemühungen um verständnisvolle und freundliche Beziehungen zwischen Rabbiner und Lehrer. Insbesondere wenn Ihre ehrwürdigen Herren Amtsbrüder Ihrem schöne» Beispiele folge». Ich will meine Bemühungen in dieser Richtungfortsetzen und bitte um Ihre freundliche Mitwirkung. Meine „Konsequenzen" in der dargestelltcn Form der Nr. 3 dss. Bl. gebe ich preis — ohne weiteres. Zum Schlüsse aber noch eine persönliche Aufklärung. - Mein zuständiger Rabbiner fand für sein Borgehen (nicht Vergehen, wie der Druckfehler schrieb) Worte. der Entschuldigung, die mich befriedigte», was ich auch pflichtschuldigst mitteilte. Ich hatte deshalb und auch aus allgemeinen Gründen — die ich der Redaktion auseinandersehte — die Redaktiongebeten, von dem Albdruck meines „Eingesandt" -Abstand zu nehmen. Dann kam unsere Aussprache. Sie, der Verfasser, brachten meiner Stellungnahme kein Verständnis entgegen. Sie meinten, es sei lediglich Ueberempfindlichkeit, die, wie sich zeigte — sogar krankhaft wurde. Sie fanden kein freundliches Wort der Entschuldigung, Sie stellten sich also nicht an die Seite meines Rabbiners, obschon er auf viel mehr als 23 Amtsjahre zurückblickt —, da überließ ich es in einer Mitteilung der Redaktion, ob sic von meiner Einsendung nicht doch Gebrauch machen solle. Aber dcr Vorwurf, als ob ich die Volksseele in 2. und auch die Seele des Lehrerstandes künstlich zimr Kochen bringen wollte, trifft in keiner Weise zu. Ich bezweckte weiter nichts, als eine Auseinandersetzung^ mit Ihnen (mein vom Redaktionsstift geändertes Manuskript - hatte das deutlich gezeigt), weil ich glaubte, mit der -Druckerschwärze eher zum Ziele zu kommen, lind ich gebe