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Neue jüdische Presse · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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I VI* l*V‘~ u - des Ostens gekommen. Ich mußte derer gedenken, die ich vor wenigen Jahren noch gesehen, und die heute unter diesen vielen in dunkler Erde schliefen. Ich weilte bei ihnen allen,' vergoß vielleicht auch manche Träne auf diesem und jenenr Grübe, — was kann ich wissen! Es tut zuweilen sehr wohl, seine 'Seele mit Trauer anzufüllen, dachte ich. Meinen Gedanken sollte aber bald eine andere Richtimg gegeben werden. Etwas Ueberraschendes bot sich mit einem Male meinen Augen dar. Eine hohe, schlanke, schwarzgekleidete Frauencrscheinung , . . Was ist ja die .Landgerichtsrätin Rozinsky, die ehemalige Leie Rotenberg! Und hier liegt ihre Mutter, die vor zwei' Jahren aus Gram über die Schande, die die Tochter ihr angetan, starb. Ihre letzten Worte waren ein harter, unversöhnlicher Fluch über ihre Tochter. Ich konnte nicht länger bei meinen Betrachtungen verweilen, denn schon hatte mich meine einstige Hausnachbarin bemerkt — und erkannt. Ich grüßte und sie lächelte mir zu ans verschleierten, tränenfeuchten Augen. Indessen mußte ich denken: Welche imposante, edle Schönheit ist diese Leie geworden! Freilich war sie von jeher schon ein liebreizendes, bildhübsches Mädchen gewesen. Wie hätte sich sonst der junge, adelige und reiche Richter, dem eine so hohe Karriere in Aussicht stand, in ein Judenmädchen.verliebt und es — was das Unglaublichste war — zu seiner Frau gemacht? Aber die, die ich vor mir sah, war nicht nur schön. Es war nicht allein der Sinnenreiz, der von ihr ausging — und gefangen nahm, nicht die alltägliche weibliche Schönheit in ihren tausend und abertausend Variationen, — etwas ungemein Hoheitsvollcs lag wie ein verklärter Schein über ihr ganzes Wesen gebreitet. Eine gemessene Ruhe in ihren Bewegungen verlieh ihr Ernst und Nachdenklichkeit. Um ihren edelgeformten, schönen Mund schwebte jener leise, undefinierbare Schatten, den man als Leidenszug zu bezeichnen pflegt. Ich mußte sie unausgesetzt betrachten. Sie aber sah nicht die bewundernden Blicke, die ihrer Persönlichkeit galten; sie sah nur die fragenden, staunenden meiner Neugier, ivie sie, die „Getaufte", auf einen jüdischen Friedhof komnie. Sie freue sich, mich getroffen zu Haben, sagte sie. Sie halte mich hier in diesem Städtchen für den einzigen Menschen, der für ihre Handlungen nicht bloß ein Berdammungsurtcil übrig habe, sondern auch menschliches Verständnis, Mitfühlen und Verzeihen. Ich fand mich dieser Richterrolle gar nicht würdig und fragte sie, ob es denn in ihrem Tun etwas zu verzeihen gebe. „O!" sagte sie, und ihre Stimme klang wie hilfcflehend, „o, das gibt cs. Sie sind nur rücksichtsvoll gegen mich und suchen es zu übergehen. Aber das will ich nicht, gerade von Ihnen nicht. Ich will es nur hinausschreien, ich >vill es dieser Toten klagen, die ich ins Grab gebracht habe. Ihr Fluch lastet schwer auf Meinenr Haupte. Es rächt sich, cs rächt sich . . Kein Frevel bleibt ungestraft. Es lvar Torheit, Leidenschaft, junger Liebeswahn. Seine Beteuerungen, Liebesschwüre, seine geheuchelte Vorurteilslosigkeit haben mich geblendet. Meine fieberhafte Sehnsucht nach Glück, der heiße Lebensdrang in mir ließen mich alles vergessen, alles . . . Und ich stürzte in den Abgrund, aus dem kein Weg mehr zum Lichte führt . . ." Ihre Stimme brach sich in Schluchzen. Sie hatte nach meiner Hand gefaßt. Ich nickte nur stumm. Ich wollte keine Fragen stellen, denn ich hatte das begriffen, was leicht zu begreifen war: Ihr Mann liebte sie nicht, weil sie ihm innerlich fremd, weil sic eine Jüdin, die Leie Rotenberg geblieben war. Ich konnte ihre große Trauer, die ein Ausfluß i ihres tiefen Unglücks, ihrer zertrümmerten Hoffnungen war, so gut verstehen, ihren Schmerz so nachfühlen, daß mir leer und nichtssagend geklungen hätten, — und deshalb schwieg ich. Nur die Natur, die große Künstlerin, die für jede menschliche Situation ihre besondere Szenerie hat, sang ihre schwermütige» Weisen. Die Sonne verkroch sich hinter düster-graue Wolke», die welken Blätter der Bäume wirbelten, und der Wind heulte in tausendstimmigem Chaos seine alten Klagelicker. Me Gerichtsrätin fuhr daun fort: „Glauben Sie nicht, daß es bloß das mit ih>n ist, was mich unglücklich macht! Es ist das Blut, das in mir schreit, das alte, gequälte, stolze, jüdische Blut, das trotz Taufbecken und Weihwasser dasselbe bleibt. Ich kann nicht t in dieser ewigen Heuchelei und Lüge leben. Ich fühle mich dort' fremd. Mich verlangt cs mit aller Kraft zurück. Und ich werde es! Denn wir alle, die wir uns verirrt haben, müssen zu unserem Ursprung zurückkehren. Die meisten erkennen ihren Irrtum erst auf dem Sterbebette, aber ailch da ist es noch nicht zu spät. Ich habe ihn früher erkannt, und das ist gut so. Denn wir alle kehren zurück, alle —, immer. ." Als sie mir noch einmal die Hand zum Abschied reichte, sagte sic: „Vielleicht schreiben Sie diese Geschichte einmal nieder. Ich glaube, sie könnte nützen!" flniBFiiiiinisjsliB Fits-u Pincenez -ssaff Grosse Auswahl in amerik. and deutscher Optik. J W. Albert, Eck« Nene Mainierstr. a. ffeiafranenatr. 11. Eingesandt. Wir leben in einer interessailteu Zeit und, wären die Ereignisse, welche den Stoff zu den nachfolgenden Betrachtungen liefern, nicht so ernster Art, man könnte , darüber lächeln, wie Leute, welche aus der Geschichte nichts garnichts lernten, jüdische Geschichte machen ivollen. — Für heute wende ich mich nur. an die Urheber, Verfasser und Verteidiger der Richtlinien und möchte von vornherein feststellen: es liegt mir ferne, einen schönen, eleganten Aufsatz liefern zu wollen; geschichtlliche Tatsachen will ich feststellen und wo angebracht — Schlüsse daraus ziehen. — Bor 2000 Jahren gab es im Judcntnine eine Zeitperiode, in welcher — genau wie jetzt seit 130 Jahren — an der jüdischen Religion herumgedoktert wurde. Den .äußeren Anlaß, gegen die neue Richtung jenen weltgeschichtlichen Kampf mit den Waffen in der Hand aufzunehmen, den die Hasmonäer unter G. Beistand zum siegreichen Ende führten, gab ein kleines Stück verbotenes Fleisch^ welches ein Mann ans dem Volke in Gegenwart des Mattisjah essen wollte, — um zu demonstrieren! Und heute — nun heute tischen uns die Führer des Volkes ein Blatt Papier auf, Richtlinien genannt, — auch! um zu demonstrieren! — Können sich die Unterzeichner wirklich wunder>n, daß der Kampf gegen sie ausgenommen werden mußte? — Der Kampf gegen die physische Macht wurde vor 2000 Jahren mit dem Schwerte geführt; heute, den Kampf gegen die geistige Gewalt, ihn führen Wort und Feder, — aber der Erfolg muß der gleiche sein, wie vor 2000 Jahren: Der Sieg muß dem traditionellen Judentume bleiben. — Das Judentum wird weiterhin sein, ivie es voin Sinai uns zugekommen, — das Judentnni, welches die Hasmonäer verteidigten — oder es wird nicht sein. —, .Eines aber ist sicher: das Judentum der Richtlinien — ihm gehört die Zukunft nicht. — 11 in die äußerste Linke von der Taufe zurückzuhalten, geben die Richtlinien alle übrigen preis! Daß das Verhältnis so und nicht anders ist, müßte den Unterzeichnern jenes Schriftstückes inzwischen schon klar geworden sein; in die Wirklichkeit übersetzt heißt das: sie treten aus, sie werden Separatisten! — Sehe man sich doch mal die Geschichte der letzten 100 Jahre an. Was ist denn aus den Nachkommen der I a c o b s o h n, D e r n b u r g, B r e i t e n b a ch, Gans usw. geworden? Sie gehörten zu den besten Namen ihres Zeitalters! Ist noch ein Nachkomme dieser „Reformatoren" des Judentums vorhanden, der diesem Glaubensbekenntnis noch angehört? Sind sie nicht alle zu anderen Bekenntnissen übergetreten? Bor mir liegt der „Orient". — Seine Nummer 25, vom 18. Juni 1846 bringt einen Aufruf zur „Wiederbelebung des Judentums" seitens eines provisorischen Comite, dessen Mitglieder damals ebenfalls da genannt wurden, wo man hervorragende Männer aufzählen wollte; von den Nachkonunen dieser Männer ist. kein einziger mehr Mtglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft. — Das ist der Vorwurf, den ich gegen die Männer erhebe, iv eiche die Richtlinien erdachten und unterschrieben: sie verschließen ihre Augen, ihre Ohren, sie stecken den Kopf in den Sand, um nicht sehen zu können, um nicht bemerken zu müssen, was die Geschichte der letzten 130 Jahre ihnen als' nackte Wahrheit verkündet: Nicht durch Nachgeben werden Bande geknüpft, sondern durchzuziehen dereinzelnen Fäden. Die Fahne muß von den Offizieren als Heiligtum hochgehalten werden, wenn der Soldat sie als Symbol verehren soll. — Die Rabbiner haben die Tauroh, die jüdische Fahne, hochzuhalten, wenn die Gemeinde sie verehren soll. Wenn aber die Soldaten eine beliebige Fahne bestimmen, und die Offiziere deren Ruf folgen, dann ist es schlimm um das Heer bestellt. — „Raw" ist nicht derjenige^ welcher sich von den Mitgliedern seiner Gemeinde die meisten Vorschriften machen läßt, sondern, wie es das Wort ja sagt, derjenige, der a m m e i st e n w e i ß. — Ungefähr 70 Jahre sind es her, da bildete sich in Franksiirt ein Verein gegen die Ali loh (heute gehört deren Vollziehung zu dem eisernen Bestände der Richtlinien) und suchte die Hilfe der Polizei gegen ihre Ausübung zu erlangen. —' Da wandte sich Leopold Z u»tz in einem vom 2. 4. 44 datierten, hier in Frankfurt gedruckten Gutachten gegen diese Leute. Seite 44 lautet es: ,Sir überlassen alle individuelle Verletzung der Zeremonialgesetze dem Spruchs -des Gewissens. . . . Aber ein behufs erneuter Opposition gegen Schrift, Tradition und Akessiasglanben handelnd austretender Verein, der für den Abfall wirkt.... ein solcher hat durch Wort und Tat sich gegen seine Kirche verschworen und kann nicht zugleich fordern, von ihr anerkannt zu werden." Wüllen die liberale.« Herren angesichts des Gutachtens des von ihnen sonst so hoch geachteten Altmeisters und Gelehrten nicht eingestehen, daß die heutigen gesetzestreuen Rabbiner ein geschichtliches Recht daraus haben, zu erklären, daß sie die rabbinischon Funktionen der Herren, welche sich als Verein konstituiert Haben, . D um die Tauroh aufzuheben, von ihrem traditionellen Standpunkte aus nicht mehr als gültig anerkennen? Ich bin am Schlüsse: mögen meine Worte dazu bcigetragen, Friede in Israel herbeizuführen. N. b. I. Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 3 Ihres gesch. Blattes veröffentlichen Sir auf <Z\. 5 ein Eingesandt eines beleidigten A. B. E. - Lehrer?, der angeblich mit seiner ganzen Gemeinde um deswillen' so schwer gekränkt ist, weil sein Rabbiner ein von mir verfaßtes Schreiben — denn nur um ein Schreiben handelt es sich, nicht um eine Predigt, wie der Herr Einsender glauben machen will — durch den Vorstand in der Synagoge verlesen ließ, nicht durch den Lehrer, dem in Vertretung des Rabbiners doch die Kanzel gebühre. Der Herr A. B. C. - Lehrer knüpft daran Betrachtungen- und will angeblich daraus Konsequenzen ziehen, die jedem, der den wahren Sachverhalt kennt, geradezu ungeheuerlich erscheinen müssen. Damit nun nicht etwa nur die Volksseele in L., sondern auch die Seele des Lehrerstands künstlich zum Kochen gebracht wird, bemerke ich zu diesem Eingesandt Folgendes: 1. Das Schreiben sollte — das war sein erster und hauptsächlicher Zweck! — die Vorstände der Kultusgemcinden davon abhalten, die von der Verwaltung Nürnbergs propagierte Erklärung der Berlin-Frankfurter Vorstandschast bezügl. der Richtlinien und der Rabbiner-Erklärungen ihrerseits zu unterschreiben. Diese Ausforderniig an die Lehrer zu senden, wäre doch wohl, geehrter Herr A. B. C.- Lehrcr, ebenso absurd wie zweckwidrig gewesen. 2. Um den Vorständen nun den ganzen Vorgang klar zu machen, um den cs sich handelt, war in diesem Schriftstücke die Genesis der in Frage kommende» Erklärung geschildert, der Zusammenhang znit den Richtlinien dargelegt und deren Gefährlichkeit gewürdigt. Da diese Belehrung aber für die Gemeinde nicht minder notwendig war wie für de» Vorstand und da gerade die Bekanntgabe an die Gemeinde unter Umständen rektifizierend auch auf die Anschauung und die Willensentschließung eines irregeleiteten Vorstands wirken konnte, so wurde am Schluß bemerkt: „Tie sind, sehr geehrter Herr Vorstand, gebeten, dieses Schriftstück beim Morgcngottcsdienst des Sabbats der Gemeinde bekanntzngcben." Diese Fassung ließ eine Bekanntgabe durch den Lehrer, die vorausgesetzt war, durchaus zu und tatsächlich wurde in meinem Rabbinatsbczirk, mit Ausnahme einer Gemeinde, die Bekanntgabe durch den Lehrer vollzogen. Da in einer großen Reihe von Gemeinden Lehrer nicht vorhanden sind, das Schreiben aber ein Drnckformular darstellt, so war obige Fassung jedenfalls für alle Fälle zutreffend. 3. Rur mangelndes Wohlwollen, krankhafte Uebcrcmpfindlichkeit und eine vorgefaßte Meinung, als ob die entsetzlichen Rabbiner stets nur die braven Lehrer drücken und beleidigen wollen, konnte den Herrn A. B. C.- Lehrer, der von seinem Rabbiner bereits aufgeklärt war, zur Veröffentlichung dieses Eingesandts veranlassen. „Beurteile jeden Menschen .Lechaw Scchus", — das sollte doch wohl auch dem Rabbiper gegenüber seitens der Lehrer erfüllt werden. Ich habe bei meine» Lehrer» Umfrage gehalten: kein einziger teilte die Ueberempfindlichkcit dieses überempfindlichen A. B. E. - Lehrers. 4. Ich habe in 23 jähriger Amtstätigkeit wohl durch die Tat bewiesen, wie sehr ich den Lehrerstand achte und ehre und zu fördern bestrebt bin. Nur mangelnde Wahrheitsliebe könnte das in Zweifel ziehen. Darum bedauere ich aufrichtig, daß ein Lehrer, der sich nach seiner eigenen persönlichen und mündlichen Mitteilung an mich bestreben will, die unleugbar vorhandene Gereiztheit der Lehrer gegenüber den Rabbinern zu beseitigen, einen solche» Mangel an Objektivität und nach der durch seinen Rabbiner ihm gewordenen 'Aufklärung an Loyalität sich zu schulden kommen lassen konnte, dieses Eingesandt zu veröffentlichen. 5. Trotz alledem erkläre ich, daß ich künftig bei Mitteilungen an die Gemeinden noch vorsichtiger als bisher zu sein mich bestreben werde, uni selbst krankhafte Uebercmpfindlichkeit zu schonen. v. Das Urteil in dieser Sache unterbreite ich, durch das Eingesandt gezwungen, der Oeffentlichkeit, der ich nicht einmal den Namen des „Verbrechers" vorzuenthalren Veranlassung habe. S ch w e i n f u r t, 22. Jan. 1813. Dr. S. Stein, Distriktsrabbiner. Zn obigen Ausführungen haben wir zu bemerken, daß der Schreiber des Eingesandts nicht im Bezirke des Herrn Distriktsrabbiner Dr. Stein wohnt. Die Redakt. a&alser FriedricJh Quelle - Offenbach a. X. - Gegen Gicht and Bheamattsmag bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a. Ä., Güntheraburg-AUee 37. TeL259 u. 714. Wocheir-Kalender. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 25. Januar k— 17. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 40 Mm. Sabbat-Ausgang in Frmckfurt a. M. 6 Uhr — Min. in Berlin 5 Uhr 25 Min. Wochenabschnitt: I i s r a n. — Jisran führt seinem - Schwiegersohn Moses Frau und Kinder zu, die er in

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