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Neue jüdische Presse · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die jüdische öffentliche Meinung in Rußland beschäftigt sich jetzt eifrig mit einem Probleme, dem bisher nur zu wenig Beachtung geschenkt worden war und das doch von der erheblichsten Bedeutung für düs jüdische Leben des Ostens ist: mit der Frage des Che der s. Hier im Westen ist der Begriff des Cheders den meisten unbekannt, und die das Wort bereits gehört haben, verbanden mit ihm sehr unklare, oft sehr falsche «Vorstellungen. Jedenfalls sind sich die wenigsten klar über die unermeßliche! Rolle, die der Cheder im jüdischen Leben des Ostens spielt, über seinen unschätzbaren Wert für die Erhaltung des Judentums. Dieses „Cheder", dieser enge, schwüle, unsaubere Raum, in den noch kein Strahl europäischer Kultur gefallen ist, bildete hier vor wenigen Jahrzehnten die einzige, bildet noch heute vielleicht die vornehmste Grundlage der jüdischen Erziehung der Jugend. Es ist unmöglich, jemand, der nie ein Cheder gesehen, nie dem Unterricht im Cheder beigewohnt hat, ein richtiges, getreues Bild dieses seltsamen Gebildes zu geben. Es bildet eine Erscheinung, zu der es in der westeuropäischen Kultur kein Analogon gibt, dessen Wesen und Eigenart gebildet worden ist durch die jahrhundertelange Entwicklung des Ghettos und mit ihr unzertrennlich verknüpft ist. Denn nicht der äußere Rahmen des Cheders, auch nicht seine innerliche Einrichtung lassen seine Eigenart erfassen, sondern nur, wer die Stimmung des Cheders erlebt hat, ist dazu fähig, sein Wesen und .seine Bedeutung zu begreifen. Es ist dies jene religiös-nationale! Atnrosphäre, die in ihm herrscht, wie sie in dieser . harmonischen Verbindung, in dieser organischen Einheit nur im Ghetto möglich, ist und außerhalb desselben sofort eine ganz andere, wesensfremde, logisch angehauchte, nach Theorie schmeckende Färbung erhält. Es ist natürlich, daß mit den: allmählichen Fall des Ghettos auch in Rußland der Cheder immer mehr von seiner souveränen Stellllng als einziges Erziehungsinstitut des Ghettojudentums ein-, zubüßen, begann. Mit dem Eindringen fremder, westeuropäischer Bildung kamen auch neue Erziehungsideale, neue Erziehungsmethoden: auf, mit ihnen neue Schulen. Immerhin blieb zum großen Teil der Cheder bestehen. In den kleineren Städten, die abseits von der allgemeinen Strömung lagen, ganz naturgemäß, aber auch in den größeren erhielt er sich und blieb für die breiten Massen, was er auch früher war, da für diese die neuen, modernen Schulen aus materiellen Gründen wie ihrem ganzen Geiste nach nicht in Betracht kamen. Die Intelligenz jedoch kehrte den: Cheder völlig den Rücken. Niemand kümmerte sich um ihn, die großen Organisationen hatten für alles etwas übrig, nur für den Cheder nicht, und so geriet dieser in einen gewissen «Verfall. Er blieb auch äußerlich ganz der alte und erlitt nicht einmal jene Veränderungen, die für die jetzige Zeit unumgänglich sind. Erst sehr spät, eigentlich in der allerletzten Zeit, haben die leitenden Kreise der jüdischen Intelligenz, soweit sie wenigstens national gesinnt ist, begonnen, dem Cheder ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Und dies aus dem Grunde, weit man jetzt iy der Lage ist, zu ermessen, welchen Wert der Cheder für die Erhaltung des Judentums besitzt. Die Erkenntnis ist jetzt nahezu überall durchgcdrungen, daß mit dem Fall des Cheders einer der stärksten erhaltenden Faktoren für die jüdische Erziehung geschwunden ist, daß alle noch so modernen Methoden und Programme nicht das zu leisten vermögen, was der unmoderne Cheder wohl vermag: die Schafsting einer jüdischen Atmosphäre um das jüdische Kind und damit seine lebenslange Verwurzelung in: Judentum. Der Jute, der aus dem Cheder herausgeht, mag er so bleiben, wie er da erzogen worden ist oder nicht, mag er manches abstreifen, manches Frenlde sich aneignen, die jüdischen Keime, die der Cheder in ihn versenkt hat, bleiben ihm, seine Erhaltung als Jude ist garantiert. Und so fordern denn einsichtige nationale Führer der russischen Judenheit schon seit längerer Zeit, man solle dem Cheder mehr Aufmerksamkeit schenken und ihm die Sorge znwenden, die er seiner eminenten Bedeutung nach verdient. Man solle an seine Ausgestaltung und Verbesserung schreiten, denn daß eine solche Verbesserung und Reformierung des Cheders erste Voraussetzung ist für seine günstige Entwicklung, ja für seinen Bestand in der Zukunft, ist allen klar. Diese Forderung beschäftigte nun die vor kurzem stattgefnndene Generalversammlung der „Chewras mefizei haskoloh" (Gesellschaft zur Verbreitung von BildungV in Petersburg. Diese Gesellschaft stellt eine der bedeutendsten jüd. Organisationen Rußlands dar, und gerade die Beschäftigung mit der Frage des Cheders wäre ihre eigentliche Aufgabe. Es sollte also ganz natürlich erscheinen, daß die Generalversammlung dieser Forderung ohne weiteres zustimmen würde. Tom war aber nicht so. Nicht umsonst ist in dieser Organisation eine starke assimilatorisch schillernde Gruppe vorhanden, die von einer Beschäftigung mit dem Cheder, diesem „konfessionellen" Institute des „mittelalterlichen" Ghettojudentums, nichts wissen will. So kam es zu einem heftigen Kampfe, der aber erfreulicherweise mit einem entschiedenen Siege der nationalen Richtung endete. Die Generalversammlung beschloß, daß die Gesellschaft von nun sich mit der Ausgestaltung und Reformierung des Cheders intensiv beschäftigen soll. Daß dieses erfreuliche Resultat erreicht wurde, ist vor alleni das Verdienst Bialiks, unseres großen nationalen Dichters, der energischer als alle und mit einer glühenden Begeisterung und Ileberzeugungskraft für den Cheder austrat, die denn schließlich die Majorität der Delegierten fortriß. Es ist nun zu hoffen, daß die Frage des Cheders in ein neues Stadium eintreton und ernstlich mit der Reformierung und modernen Ausgestaltung desselben begonnen werden wird. Daß seine religiös-nationale Grundlage dabei natürlich erhalten werden muß, ist für alle klar, denn rührt Man an diese, dann ist es kein Cheder mehr, nnd dann wäre der ganze Kampf unnütz. Mit seiner Umgestaltung des Cheders zu einer modernen Schule aber wird die brennendste aller jüdischen Fragen Rußlands, die der jüdischen Erziehung der Jugend, ihrer Lösung nur einen erheblichen Schritt nähergebracht nnd der Assimilierung der russischen Jüdenheit ein neuer Riegel vorgeschoben werden. «ns de» Ereignissen des Tages. 3«m 30 jährigen Jubiläum der Bil«. Es war im Anfang des Jahres 1883. Die großen Pcgrome hatten bereits gewütet, nnd das fruchtbare Erwachen der von den allmenschlichen Aufklärungsidealen schwärmenden jüd. Intelligenz Rußlands war erfolgt. Ihrem Traum von Menschenverbrüderung und goldenen Freiheitstagen war «r. 4 ein plötzliches grausames Ende bereitet worden, und alle empfanden, daß nunmehr eine neue Epoche beginnen nmß und neue Wege gesucht werden müssen. Die neuen Wege waren jedoch bereits gefunden. Schon hatte Smolenskin 1871 den „Haschachar" begründet, schon hatte P i n s k e r - seine „Autoemanzipation" veröffentlicht, schon hatte Lilienblum seine innere Umkehr vollzogen, und das neue Ideal war schon da: das nationale. Statt der Menschheit — das jüdische Volk, statt dem Zukunstsstaat — das Judenland, statt einer würdelosen Aufopferung für die anderen das stolze Besinneü auf sich selbst, statt Marxens: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" ein neuer Ruf, ein schönerer Ruf, das alte große Prophetenwort: Beth Jakob Lechu wenel'chah! „Haus Jakobs, auf, wir wollen gehen!" — Wohin? Zwei Etappen waren vorgezeichnet: zunächst der Weg zum Volk, das aufgerüttelt und für das alte Ideal der Zionsliebe neu begeistert werden mußte, und sodann, wenn das Volk gewonnen war, die zweite Bahn, die letzte Bahn: .der Weg zum Judenland, nach Zion, nach Palästina. Dies waren die Ideale, die Ideen, die Gefühle, die eine kleine Anzahl junger Studenten in Charkow zusammenführten und sie eine Gruppe bilden ließen, der sie den Namen „Biln" (gebildet aus den Anfangsbuchstaben ihres hebräischen Leitsatzes) gaben. Es waren ihrer nicht viele, nicht viel mehr als zwanzig. Junge, begeisterte Idealisten, die eben noch in den Idealen der sozialistischen Gedankenwelt geschwelgt, und nun ihr Ideal, ihr Volk, wiedergefunden hatten. Aber ihr Idealismus war echt. Das Feuer, das sie beseelte, war nicht jener Alltagsidealisnrus, der gewöhnlich nur zur Phrase, bestenfalls aber zu der hochherzigen Spende! einiger lumpiger Taler ausreicht, ihre Begeisterung, ihr Idealismus war echt, unverfälscht, reines Juwel, das nicht erst in der Werkstatt der öffentlichen Meinung und des guten Tones künstlich geschmolzen worden war. Sie waren entschlossen, das höchste, das einzige ihrem Volke zu opfern, das sie besaßen: sich selbst. Nicht mehr Reden halten, sondern tun, nicht flammende Ausrufe schreiben, sondern ein Beispiel geben, nicht die anderen anfmuntern, sondern selbst vorangchen: Beth Jakob, Lechu wenelchah! „Haus Jakobs! Wohlan, wir wollen gehen!" Und sie gingen. Die einen .zum Volk, die anderen ins Land. Die große Verbreitung der nationalen Ideen unter den jüdischen Massen- Rußlands und die praktische Kolonisation in Palästina beginnen mit den Bnei Bilu, den Söhnen der Bilu. In dieser doppelten Tatsache rächt ihre geschichtliche Bedeutung. Mit der Bilu beginnt die neue Epoche der uwdernen jüd. Geschichte. Was sie erreicht haben, die Schwärnier der Bilu, war, praktisch angesehen, nicht viel, jedenfalls nicht so viel, daß ihre Stellung in der jüd. Geschichte dadurch unvergänglich wurde. Was sie gaben, war der erste große Impuls und — das erste lebendige Beispiel. Das lebendige Beispiel! Das verleiht ihnen die Unsterblichkeit. Darin beruht die Neuheit ihrer Erscheinung, ihre Originalität. Die Liebe zu Zion war nichts Neues, war uraltes Gut unseres Volkes seit dem ersten Tage seines Exils. Die nationale Idee war in ihrem Wesen so alt wie das Judentum, in ihrer modernen Formulierung bereits von Pinsker und Smolenskin, von Heß und Lilienblum ausgesprochen worden. Aber es waren alles nur Ideen, Programme, Parolen. Hier war zum ersten Male eine Tat geschehen, die erste Tat zur

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