Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Nr. Z cfßs Frankfurter IsmeMslkm #amiCien6(affes. Die Kolonisation Palästinas. (Aus dem Jahresbericht 1911 der I. C. A.) Von I. T u r o f f - Berlin. Der jüdische Landbesitz in Palästina wird gegenwärtig aus 42,000 da geschätzt und besteht aus 39 Besitzungen mit fast 10,000 Seelen (einschließlich der jüngst eingewanderten 1500 Jemeniten). 38~' der Kolonien im Umfange von 39,000 ha werden von der I. C. A. kontrolliert. Der Bericht verbreitet sich über 22 Ansiedelungen mit 28,000 ha. Hiervon wurden 12,000 ha mit Getreide bestellt, 1162 mit Reben und 1505 mit Mandeln bepflanzt. Ferner verfügen die 22 Kolonien über 300 ha Oliven- und 681 Orangepflanzungen. Es harren demnach selbst in den alten, festfundierten Kolonien über 50°/o des Bodens noch der fleißigen Bearbeiter. Daneben befinden sich diesseits wie jenseits des Jordans viele tau sende, ha im jüdischen Besitz, die noch niemals von dem Fußö eines j ü d i s ch e n P f l ü g e r s betreten worden sind. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse sind im Berichtsjahre dem Getreidebau wenig günstig gewesen. Die ersten Regen ließen lange auf sich warten, gingen dann in unregelmäßigen Mengen nieder und störten so den Bauer bei der Bestellung seines Ackers. Trotzdem konnte Getreide im Werte von 1,184,518 Frs. gegen 1,029,844 Frs. int Vorjahre geerntet werden. Der jüdische Bauer in Palästina hat bei feiner hohen Intelligenz in kurzer Zeit gelernt, durch rationelle Bodenbewirtschaftung sich von ungünstigen klimatischen Verhältnissen bis zu einem gewissen Grade zn emanzipieren. Noch besser haben im Berichtsjahre die Pflanzer abgeschnitten. Die Weinberge erbrachten 400,336 Frs., die Olivenhaine 24,272, die 'Mandelpflanznn-- gcn 198,320 und die Apfelsinönplantagen 577,544 Frs. Die Orange hat demnach ihre viel ältere Schwester, die Rebe, an Ertrag überholt. Auch die Mandekbäume, obwohl zum überwiegenden Teil noch nicht ertragsfähig, haben sich in dem obstreichen Jahr 1911 zum ersten Mal mit ansehnlichen Erträgen eingestellt und so das ihrige b'eigütragen, daß die jüdischen Pflanzer eine Einnahme von 1,195,672 Frs. gegen 732,506 Frs. im Vorjahre erzielt haben. Die 3595 mit Bäumen bepflanzten Hektare hatten höhere Erträgnisse als die 10,210, die mit Getreide bestellt warm. Fnr ganzen haben die jüdischen Kolonien -- nebst einiger! Einnahmen aus Gemüsebau und' Viehzucht im Betrage von 50,000 Frs. —, eine Bruttoeinnahine von 2,362,083 Frs. gegen 1,739,989 im Vorjahre gehabt. Die Ausgaben beliefen sich auf 1,282,943 Frs., sodaß den Kolonisten 1,079,140 Frs. Reingewinn übrig blieben. Im Vorjahre beliefen sich die Selbstkosten auf 1,114,208 Frs., waren also um 168,735 Frs. geringer; den Kolonisten verblieben aber 450,000 Frs. weniger als im Berichtsjahre. Die Produktionskosten bleiben sich nämlich in jedem Jahre fast gleich, unbekümmert darum, ob das Jahr gut oder schlecht ist. Daher behält auch der türkische Bauer, der, weil er nach ganz veralteten Methoden arbeitet, kaum jemals eine sehr gute Ernte hat, selten nreh'r als 25 o/o für sich, den Rest verschlingen die Produktionskosten, obgleich er für Löhne wohl kaunr etwas ausgibt. Die jüdischen Bauern, aber hätten, trotzdein sie sehr viele fremde Arbeiter beschäftigen, selbst im schlimmen Jahre 1910 3 6o/o Nettogewinn. Wie gilt der Jude seine Felder bestellt, kann inan aus dem Durchschnittsertrage pro ha Getreideboden erkennen. Derselbe belief sich auf 113,8 gegen 94,2 Frs. im Vorjahre. In E k r o n betrug er 121,6, in Petach-Tikwah 189,4 und in Katra 213,1 Frs. Manche Kolonisten haben bis zu 2400 Pfund Getreide und Erträge bis zu 480 Frs. pro ha erzielt. Was in Palästina bei sachgemäßer Bestellung selbst aus sandigem Boden Herauszuholen ist, hat ein „Unabhängiger" — d. h. von keinem Menschen unterstützter Kolonist — in Rischpu lc Zion bewiesen, der 294,8 Frs. pro ha erzielte. * Im einzelnen sei HervorgeHoben, daß die 63 Kolonisten von Rischon le Zio n aus dem Weinbau, der immer noch ihr Hauptprvdnkt ist, sowie aus einer Anzahl bereits .ertragsfähiger Mandelbäume 170,000 Frs. erzielten. Ihr 540 ha umfassendes Getreideland Hat, da es noch gemeinsanl mit dem der Araber bestellt werden must und daher nicht rationell zu bewirtschaften ist, nur 13,000 Frs. gebracht. Auch die 78 Pflanzer von Rechowoth, die 400 ha Weinland, ebenso viel Mandelpflanzungen und 61 ha Orangeugarten bewirtschaften, Haben eine Bruttoeinnahme von 183,522 Frs. gehabt, wobei auf jeden Kolonisten nur 640 Frs. Reingewinn entfielen. Von dem bepflanzten Boden dieser Kolonie gehört nämlich nur die kleinere Hälfte den einheimischen Kolonisten, der größere Teil ist Eigentum von Leuten, die noch in Rußland wohnen. Daher können die Kolonisten selbst in guten Jahren allein von ihren allzutleinen Parzellen, solange diese noch keinen vollen Ertrag bringen, nicht existieren, sondern müssen sich einen Nebenverdienst als Geschästsftihrer von außerhalb wohnenden Besitzern verschaffen. In den gleichen Lage befinden sich die 40 Kolonisten von Wand el Chanin, welche überhaupt nur 300 ha zur Verfügung Haben, von denen überdies nur 111 bepflanzt sind. Ihre Bruttoeinnahmen beziffern sich dennoch aus 64,000 Frs. Drei von ihnen treiben nänrlich Bienenzucht und haben für 16,000 Frs. Honig gewonnen. Ferner unterhalten einige von ihnen eine gemeinsame Baumschule, die ihnen 11,000 Frs. erbrachte. Sehr gut haben auch die 25 Kolonisten in Katra .gewirtschaftet, welche nebst 96 ha Pflanzungen .260 ha unter Getreide haben. Die Pflanzungen erbrachten 23,742, der Getreidebau 55,407 Francs. Auch die 75 Kolonisten in Sichron-Jacob und Dependencen haben glänzend äbgeschnitten, indem sie aus 997 ha Getreideland 171,610 Frs. herausgeholt haben. Die Anpflanzungen, einst der Stolz dieser Kolonie, sind in den Hintergrund getreten und brachten nur noch 74,357 Frs. Zu den dauernd reüssierenden Kolonien darf auch die 3600 ha umfassende, einstweilen aber noch wenig bevölkerte Kolonie Chederah gezählt werden. Ihre 33 Kolonisten besitzen 17 ha Orangen, welche ihnen 34,140 Frs. gegen 24,000 im Vorjahre gebracht haben. Vor zwei Jahren haben sie eine Bewachung ihrer Felder durch jüdische Wächter organisiert, und der Lohn dieser guten wie klugen Tat ließ nicht lange auf sich warten! Ihre! 688 ha Getreidefelder brachten im Berichtsjahre 140,485 Frs. gegen 97,180 im Vorjahre. Die Kolonisten von Ekron haben ihre vor 25 Jahren mit großen Unkosten eingerichteten Pflanzungen in unverantwortlicher Weise vernachjlässigt, sodaß sie ihnen selbst in diesem segensreichen Obstjahr nur 10,768 Frs. eingetragen haben. 'Desto sorgfältiger pflegen sie ihre Getreidefelder im Umfange von 1086 ha, und diese haben ihnen 182,112 Frs. eingebracht. (Schluß folgt). Jüdischer Frauenbund. Der Jüdische Frauenbund hat seit seiueiu Bestehen der Einrichtung von Stellenvermittlungen und Arbeitsnachweisen sein - besonderes Augenmerk zngewendct. Um eine ausgebreitete Organisation und Zentralisation der weibl. Stellenvermittlung zu schaffen hat der Bund eine Kommission für S t c l l e u v e r m i t t l n n g eingesetzt. Am 2. Dezember fand die 2. Sitzung der Kommission in Berlin statt. Ihr Bericht zeigt, mit welchem erfreulichen Berständnis man den Arbeiten der Kommission von allen Sekten entgegcnkommt, wieviel in dieser kurzen Zeit geleistet Ivurdc, und was ans diesem Gebiet noch zu leisten ist. Die Zabl der weibl. jüd. Stellennachweise hat sich im laufende» Jahre verdoppelt, cS sind in Deutschland jetzt über ->0 jüdische Stellennachweise s ü r w e i b l. Arbeit s nchende vorhanden, von denen die Mehrzahl ans Anregung des Jüdischen Frauenbundes gegründet wurde. Ein große Anzahl der Vermittlungsstellen arbeitet jetzt schon andauernd miteinander: für die Zukunft aber soll ein noch weiter gehender Austausch zwischen den Nachweisstellcn organisiert werden. In dieser Absicht sind zwei wesentliche Faktoren von der Kommission geschaffen worden. l. wird die Kommission eine aufs sorgfältigste bearbeitete Tabelle hcrausgebe», welche ein genaues Adrcssenverzeichnis aller bestehenden jüd. weibl. Stellenvermittlungen enthält. Die Stellenvermittlungen sind je nach' ihrer Zugehörigkeit zu . den B. B. Logen, zum Jüdischen Frauenbund und zur Vereinigung der Sabbatfreunde geordnet, und die Tabelle nnrd allen Gemeinden, Frauenvereinen, Schulleitungen nsw. unentgeltlich zur Benutzung zugesandt werden. Zweck dieser Tabelle ist, es jedermann zu ermöglichen, sich im Bedarfsfall an die nächstgelegcne Stellenvermittlung zu wenden und dadurch den Zustrom von Arbeitsuchenden nach den großen Stüdien abzuschwüchen. Große Städte sind oft von Arbeitskräften so überschwemmt, daß Stellsuchende nicht unterzuüringen sind. Das bedeutet für viele eine große Gefahr, während an kleineren Orten gute Arbeitsgelegenheit ihrer wartet, und die Zeit der Stellenlosigkeit weniger kostspielig und gefährlich ist. 2. Di« Herstellung einer sorgfältig zusammengestellten Liste von Vertrauenspersonen des In-und Auslandes ermöglicht es den Vermittlungsstellen überall eingehende Recherchen über Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzuziehen. Die Liste der Vertranenspersonen, a die mehrere hundert Namen umfaßt, . soll aber noch einen zweiten, sehr wichtigen Zweck erfüllen. An kleinen Plätzen und auf dem Lande, wo der kleinen Verhältnisse wegen die Einrichtung eines Stellennachweises nicht möglich ist, können vorkommenden Falls die Vertrauenspersonen die Funktionen einer sozialen Vermittlungs- ' stelle übernehmen. Daraus ergibt sich ein Netz, welches für später eine große Organisation vorbereitet. Um ein förderndes Zusammenarbeiten der Stellenvermittlungen der B. B. Loge und der dem Jüdischen Frauenbund angehöronden Stellenvermittlung zu ermöglichen, hat der Vorstand des Jüdischen Frauenbunds ein Mitglied der Stellenvermittlungskomnrission in den Vorstand des Verbandes der Arbeitsnachweise der Grvßloge delegiert und der Verband der Älrbeitsnachveise der Großloge eine Vertreterin in die Kommission des Bundes gewählt. Einen sehr breiten Rann! in den Verhandlungen der Konnnissionssitzung. nahm die Frage der Ausbildung geeigneter Leiterinnen für jüd. Nachwvsstellen ein. Ferner tvurde eingehend die Frage der hauswirtschaftlichen Ausbildung unbemittelter .Mädchen in Privathaushaltungen disputiert, weil durchaus nicht alle Mädchen in Haushaltungsschulen oder ähnlichen Anstalten für den häuslichen Beruf vorgebildet werden können. Ein Antrag ans Einführung des vonr Berliner Hausdienstausschusses herausgegebenen Dienstvertrages mit entsprechender Umänderung für jüd. Dienstpersonal wurde abgelehnt. Wenn einzelne Stellenvermittlungen das Bertragsformukar des Hausdienstausschusses benutzen wollen, so können sie sich den städtischen Verhältnissen anpassen und den ortsüblichen Vertrag für jüd. Personal selbst abändern. Es wird seitens der Vorsitzenden angeregt, daß die jüd. Stellenvermittlungen angefragt werden, ob in ihrer Stadt auch die von der Berliner Polizei herausgegebenen roten Zettet, die die Adressen der gemeinnützigen Arbeit»- und Stellenvermittlungen enthalten und die den Mädchen in das Dienstbuch geklebt werden, vorhanden sind. Wo dies nicht der Fall ist, sollen die jüdischen Arbeitsnachweise Möglichst fiir die Einführung dieser roten Zettel eintreten und dafür Sorge tragen, daß auch ihr Arbeitsnachweis unter den andern angeführten vermerkt wird. Auch die Gründung eines Verbandes der . weibl. jüd. Stellenvermittlungen ist geplant und zwar in der Form, daß die Leiterinnen der Äachweisstellen den erweiterten Beirat der Kommission für Stellcnverinittlungcii des Jüd. Frauenbundes bilden, der an de» Sitzungen der Kommission mit beratender Stimme teilnimmt. Wenn cs gelingt, alle die neuen Anregungen, die durch die Kominissionssihung gegeben worden sind, in die Praxis umzusehen, so wird die Bearbeitung der Stellenvermittlungsfrage ein ganzes Stück Vortvärts kommen. Frankfurter Berichte. Im Verein für Demographie und S t a - t i st i k d e r I n d e n sprach am Samstag Abend, Herr Dr. Wassermann (Berlin) über Neoinalthusianismns und Judentum. Der Redner besprach die Malthus'sche Bevölkern ugstbcorie und die weiteren, z. -t. neueren Theorien, Sie sich ans derselben aufbanen. Er besprach den Einfluß der sozialen Verhältnisse auf Geburtenzahl und Sterbeziffer, den Einfluß von Stadt und Land und kam auf die Juden zu sprechen. Ihre auffällige geringe Berniehrung, die in den letzten Jahren sich, erschreckend bemerkbar gemacht hat, rührt zmn Teil von der verhältnismäßig günstigen sozialen Lage der Juden her. Ihr aber ist auch anderseits ihre geringe Sterblichkeit neben andere» Dingen (Sorge um ältere Angehörige, um Kinder nsw.) zu verdanken. Doch die Stcrblichkeitszisfcr hat die unterste Zahlenschwelle, die man für heute erreichbar hält, bei den Juden stellennieise schon unterschritten, z. B. inbczng auf Säuglingssterblichkeit (nur 4»-°o in Frankfurt, bei nahezu 20°v> im Reich) von dieser Seite ist also hinsichtlich Berinehrung des Geburtenüberschusses nichts zu erwarten. Diese kanil nur durch ein Anwachsen der Geburten erzeugt werden. Auch die Abnahme der Religiosität spielt eine Hauptrolle, ebenso physische - Entartung (Alkoholismus, Syphilis, Nerven- und Geisteskrankheiten). Die sehr angeregte Diskussion nahm folgenden Verlaus: Dr. Bndge, der Vorsitzende, betonte im Gegensatz zum Referenten, wie sich die Erwerbsverhältnisse der Juden verschlechtert haben und dauernd verschlechtern durch antisemitische Einflüsse. Der Nahrungsspielraum fiir den Inden werde immer kleiner; 'die Kind erzähl 4285