Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unheimlicher Monstroprozeß hat hier nach zweimonatlichen Verhandlungen soeben einen schrecklichen Abschluß gefunden. Fast zweihundert Personen,. säst durchweg Juden, sind mit schweren Kerkerstrafen bedacht worden, loeil sie behufs Zulassung zum Dentistenexamen in den vorbereitenden Stadien gewisse Ungesetzlichkeiten begangen .hatten. Alle die Angeklagten hatten sich aber das verhängnisvolle Dentistonzeugnis nicht etwa zu dem Zweck verschafft, um der zahnärztlichen Praxis nachzugehen, sondern einzig und allein, um von den für die Juden bestehenden Wohnrechtsbeschränkungen befreit zu werden. Fragt man, weshalb eine solche Menge dieser Wohnrechtsaspiranten zu ungesetzlichen Mitteln gegriffen hat, so ist die Erklärung in folgendem gegeben: Bis vor einigen Jahren hatte jedermann das Recht, nach dreijährigen Hebungen, die er bei einem approbierten Zahnarzt oder Dentisten durchgcmacht, sich an einer Universität einem Dentistenexamen zu unterziehen und nach bestandener Prüfung selbständig zu praktizieren. Für die Juden bedeutete aber die Erlangung des Dentistendiploms zugleich eine Einreihung in die Kategorien der Privilegierten, denen das Wohnrecht auch außer-! halb des jüdischen Ansiedlungsrayons zusteht. Hunderte, ja vielleicht Tausende von Juden haben diesen langwierigen und mühevollen Weg zurückgelegt, um von den Wohnungsplackereien befreit zu werden und sich dann den von ihnen erwählten anderen Wirtschaftszweigen hinzugeben. Da kam vor einigen Jahren eine Verordnung, laut welcher von einer gewissen Zeit an nur mit dem Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis ausgestattcte Personen zum Dentistenexamen zugelassen werden sollten. In jenem Uebergangsmoment ließen sich zahlreiche Juden, denen an der Erlangung des Wohnrechts lag, von nichtjüdischen Zahnärzten in Smolensk Zeugnisse ausstellen, daß sie bei ihnen die nötigen Vorbereitungsjahre durchgemacht hätten, ohne daß dies der Fall war, und meldeten sich noch in letzter Stunde zur Dentistenprüfung. ZudiesemExamen hatten sie sich, wenn auch nicht vorschriftsmäßig, recht intensiv vorbereiten müssen, da ja die Examinatoren aus Universitätsprofessoren sich zusammensetzten und also die erforderlichen zahnärztlichen Kenntnisse verlangten. Die Prüflinge 'nahmen die ganze Arbeit mit in den Kauf, um nur das ersehnte! Wohnprivileg zu erhaltendenn praktiziert hat nie- MLttd voll ihnen. Hj,.. Nach Jahren der Vergessenheit wurde die Sache Mlhbar) und schließlich entwickelte sich daraus der Mgenartige Prozeß mit fast dreihundert Angeklagten, Mnen sechzig Verteidiger zur Seite standen. Wie-Blüte, der russischen Advokatur war vertreten. DWüner von Ruf wie Karabtschewski, Maklakow, ^MleiAo» Maljantowitsch unter anderen nahmen an Mc Verteidigung teil. Es gab während des Prozesses WMWdnige Momente, die die Tragik des russi- Men'^udendaseins streiften, aber die Gesamtsitua- Murdeperussischen Juden ist bei dieser recht passen- WM Gelegenheit nicht genügend in den Vordergrund WR-Dsfteresses gerückt worden, da die Verteidigung WjlWDoürdigerweise vorzog, jeden Fall individuell ^MHrndeln. Besonders erschütternd warm jene “gff’ATtdenen die Angeklagten naiv meinten, sie hätten sich durch das Dentistenzougnis für alle Eventualitäten ein zweites Wohnprivileg verschafft, obwohl sie eigentlich eines schon besäßm. „Für alle Eventualitäten!" Denn! welcher Jude könne sicher sein, daß ihm sein Wohnrecht durch eine neue Beschränlling nicht am nächsten Tage! genommen werden würde«? Die Schlußverhandlung. Erschütternd war der Schlußakkord. Schwerlich haben sich in dm Mauern des Katharinasaales, in dem die Gerichtsverhandlimgen stattfanden, jemals solcheSzenen tiefster Tragik abgespielt wie gestern, da das grausame Verdikt verkündet wurde. Dieses Urteil, das 178 Personm, die nicht eine Spur vom Verbrechertum an sich haben, zur Einreihung in die Arrestantenkompagnien (schweren Kerker) verdammte und nur für 14 Angellagte die „milde" Gefängnisstrafe stipulierte, war ein unerwarteter Schlag. Man war fest überzmgt, daß der Gerichtshof sich genieren würde, fast zweihundert unschuldige Mensen in ein Meer von Elend hinabzustoßen. Wäre es ein mutiger Gerichtshof gewesen, ein wirkliches Tribunal, das über Recht und Unrecht entscheidet, so hätte hier das ganze Unterdrückungssystem verdammt werdm müssen, das die Gesetzesumgehung als Notwehrmaßregel unumgänglich macht, das achtbare und'ehrliche Menschen dazu treibt, sich falsche Zeugnisse ausstellen zu lassm, um das „Wohnrecht" zu besitzen. Doch dazu hätte der Gerichtshof ein besonders hochstehender, seiner Pflicht gegmüber dem Recht und her Menschlichkeit bewußter sein muffen. Indes auch von einem normalen Dutzendgerichtshof war zu erwarten, daß er ein menschliches Einsehen habm und nicht wegm Umgehung des Wohnrechts eine furchtbare Katastrophe zeitigen würde. Die Verteidiger hatten auch reichlich für ihn gesorgt und den Nachweis erbracht, daß im gegebenen Falle selbst vom rein juristischen Standpunkt aus die Anwendung eines milderen Paragraphen, der leichtere Dokumentvergehen mit mehrmonatlichen Gefängnisstrafen ahndet, am Platze sei. Doch sie hatten gut reden. Bei der gegenwärtigen antisemitischen Stimmung entschloß sich der Moskauer Gerichtshof zu solcher Milde nicht. Als die zweihundert Verurteilten vernahmen, daß sie zu Zuchthäuslern degradiert worden seien, da war der Jammer unbeschreiblich. Der Saal ward vom Schluchzen der Frauen und dem Klagen der Männer so erfüllt, daß der Vorsitzende die Verlesung des Urteils mehrfach unterbrechen mußte. Ein Echo des ganzen russisch-jüdischen Elends, das neuerdings grenzenlos geworden, war hier so vernehmbar, daß auch den Verteidigern die Tränen in den Augen standen, und es redete die Sprache der Verdammung über die Menschenfolter. Der Gerichthos beschloß, den Zaren um Milderung des harten Urteils zu bitten. Warum hatte er es aber nicht gewagt, von der Handhabe des milderen Gesetzesparagraphen selbst Gebrauch zu machen? Denn wer weiß, was der den Juden nicht gerade günstig gestimmte Zar tun wird? Die russische Justiz hat sich wieder einmal mit Schande bedeckt. Es ist eben dieselbe Justiz, die fast alle Pogromstister freigesprochen oder minimalen Strafen verurteilt hat.. Aus de« Ereignissen des Tages. Die Balkankrisis nuS der Zionismus. Die Balkankrise hat noch immer ihre Lösung nicht gefunden. >Der blutige Kampf der Waffen hat zwar vorderhand einen gewissen Abschluß gefunden, aber eine Entscheidung ist noch nicht gefällt. Die Friedenskonferenz in London ist auf unbestimmte Zeit suspendiert worden, und allem Anschein nach ist jetzt an die Mächte die Reihe gekommen, das entscheidende Wort zu sprechen. Soviel aber steht heute wohl schon fest: die Türkei als europäische Großmacht hat W existieren aufgehört, und ihr Schwerpunkt wird in Zukunft in ihrem asiatischen Besitztum ruhen müssen. Auch der strittigste Hauptpunkt bei den Friedensverhandlungen, der Streit um Adriancpel, betrifft eigentlich nur die Sicherung der Machtstellung der asiatischen Türkei; insofern, als die Türken in Adrianopel den notwendigen Vorposten für die Hauptstadt erblicken. An dieser Neugestaltung der Verhältnisse im Orient hat aber niemand größeres, lebhafteres Interesse als wir Juden und vor allem der Zionismus. Nun wäre es vollkommen irrig, zu glauben, die Niederlage der Türkei im Balkankriege, ihre Zurückdrängung auf ihre asiatischen Besitztümer müsseohne weiteres von erheblichem Schaden für den Zionismus sein. Fm Gegenteil. Biel einleuchtender ist der Gedanke, daß die Türkei durch ihre nun .erfolgte Schwächung in Zukunft mehr als jetzt auf Einwanderung arbeitsamer, loyaler Bürger angewiesen und so einer jüdischen Immigration nur günstig gesonnen sein wird. Doch all dies sind nur Vermutungen, Annahmen, die, mögen sie legisch noch so treffend und richtig sein, durch die Erfahrung dennoch nicht bestätigt zu werden brauchen. Und so ergibt sich für bot Zionismus die Pflicht, sich nicht mit der Politik des Abwartens zufrieden zu .geben, sondern schon jetzt alles zu versuchen, um seine Interessen bei der nun veränderten Situation wirksam zu vertreten und zu fördern. Die Erkenntnis von dieser Notwendigkeit ist auch in den leitenden Kreisen des Zionismus durchaus vorhanden. So hat bereits vor einigen Wochen in Paris unterLeitung MaxNordans eine Konferenz führender Persönlichkeiten! des Zionismus stattgefunden, die darüber beratschlagte, was in der gegenwärtigen Situation zu unternehmen sei. Diese Beratungen haben nun bereits zu einem ersten, öffenllich vollzogenen Schritt geführt. Max Nordau hat in der „Times" einen längeren Aufsatz veröffentlicht, in dem er das Interesse des jüdischen Volkes an der Aenderung der politischen Verhältnisse im Orient darlegt und von der Botschaftorkonferenz verlangt, daß sie dieses Interesse bei ihren Beratungen berücksichtige. Gleichzeitig nimmt er die Gelegenheit wahr, all die Verleumdungen, die besonders in England über den Zionismus verbreitet werden, indem man ihn als Agenten Deutschlands hinzustellen sucht, zurückzuweisen und die Oeffentlichkeit über die wirklichen Ziele und Absichten des Zionismus zu orientieren. Diesen Artikel unterschreibt Nordau als Präsident des 10. Zionistenkongresses, womit er also erklärt, daß er ihm als offizielle.Kundgebung des Zionismus betrachtet wissen will. Welchen praktischen Erfolg der Brief haben wird, muß naturgemäß dahingestellt bleiben. Schon allein die Tatsache, daß hierdurch die Blicke Europas auf die Judenftage und auf die zionistischen Bestrebungen gelenkt worden sind, läßt den Artikel als erfreuliche Kundgebung des Zionismus