Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ans Veu Ereignissen des Tages. Vom'Fortschreiten der nationalen Bewegung. Während in Deutschland der Kamps gegen die . nationale Bewegung immer heftiger und erbitterter wird, macht diese außerhalb Deutschlands die schönsten Fortschritte und beginnt selbst in Kreisen Wurzel zu schlage«, die ihr bisher feindlich gegenüberstanden und ihr sür immer verloren .zu sein schienen. In Wien ist vor kurzer Zeit Rabbiner Grunewald von einer größeren Palästinar e i s e zurückgekehrt und hat in einer vom V o r - st-ande der Wiener Gemeinde einberufenen großen Versammlung über seine Eindrücke und Beobachtungen berichtet. Seine Worte waren von eineni Enthusiasmus für das erblühende neue jüdische Leben in Palästina getragen, den man sonst nur in ausgesprochen zionistischen Kreisen anzutressen gewohnt est. In einem begeisterten Appell erklärte er es sür die heiligste Pflicht der Wiener Gemeinde, die jüdische K o l o n isation in Palästina zu unterstützen. Nach ihm sprach der Vorsitzende der Gemeinde: Stern. Er schloß sich ganz drn Worten Grunewald s an und stellte eine Aktion der Gemein d e z u G u n st c n ' d ei r P a l ä st i n a a r b e i t i n dl u s s i ch t. Wenn man bedenkt, daß der Vorstand .der Wiener Gemeinde bisher allen. Bestrebungen der jungjüdischen Renaissancebewegung feindlich gegenüberstand, daß besonders Stern einer ihrer erbittersteir Gegner war, wird man erst die Bedeutung dieser Betvegung ganz erpressen und ihren symptomatischen Wert ganz würdigen können. Es steht mit diesem ganzen Umschwung auch die Tatsache in Verbindung, daß bei den letzten Wiener Geineindewahlen zum ersten Male eine Verständigung zwischen den Zionisten und der herrschenden Partei zustande gekommen .ist, indem sich beide auf eine gemeinsame Liste einigten, auf der auch zwei hervorragende Führer des Wiener Zionismus standen, die dann gewählt wurden. Wenn selbst eine scheinbar so uneinnehmbare Burg, wie es der Vorstand der Wiener Gemeinde bisher war, dem Ansturm der nationalen Idee nachgibt und Männer wie Stern ihr entgegenzukommen beginnen, dann ist dies ein erneuter Beweis von der absoluten Siegeskraft der nationalen Bewegung, der gegenüber sür die Dauer jeder Widerstand vergeblich bleiben muß. Und dies haben die allerletzten Wochen noch an einem anderen. Fall demonstriert, der gewiß noch erstaunlicher ist als der eben besprochene. Wir meinen den Triumph der nationalen Idee innerhalb der italienischen I u d e n h e i t. Wir haben bereits vor Jahresfrist in diesen Spalten von dem ersten Kongreß.der jüdisch e n I u g e n d I t a l i e n s berichtet, dieser ersten Manifestation der jüdischen Lebenskraft in einem Lande, dessen Judentum seit Jahrzehnten. für beinahe völlig verloren galt. Vor wenigen Tagen hat nun der z w e i t e K o n g r e ß stattgefuuden, der dein ersten gegenüber einen bedeutenden Fortschritt bedeutet. War der vorige nur das Stammeln und Sichregen der bisher in toter Apathie sich befindlichen italienischen Judenheit, nur der erste. Ausdruck eines neu erwachenden Willens zum Judentum, ' dem aber jede Klarheit des Zieles und Sicherheit des Strebens fehlte, so zeigte der jetzige Kongreß, daß inzwischen diese erwachende jüdische Jugend Italiens auch den Boden gefunden hat, auf den sie sich stellen muß, will sie dem Judentum wirklich erhalten bleiben: den Boden der nationalen Idee. So-stand dieser Kongreß ganz unter ihrem Zeichen, und die Stimmungen und Gedankeugänge des Judentums beherrschten ihn. Diese Wandlung zum Nationalismus zeigt sich nicht nur bei der jüdischen Jugend Italiens, auch die'erwachsene Generation beginnt, sich auf ihr Judentum zu besinnen, und größere Spenden, die die jüd. Gemeinden Venedigs und Turins dem Nationalfonds haben z u k o m m e n lassen, demonstrieren diesen beginnenden Umschwung aufs deutlichste. Gewiß ist dieser Triumph der nationalen Bewegung noch erstaunlicher, bewundernswerter als der erste. Die Judenheit Italiens galt bis vor weniger Jahren als für das Judentum unrettbar verloren. Nun vollzieht sich das' Wunder, an das niemand glauben wollte: auch sie erwacht, auch sie sucht den Anschluß an die jüdische. Gesamtheit wieder zu gewinnen und die Sünden von Generationen wieder gut zu machen, und dieses Wunder, die nationale Idee vollbringt es: es gibt eben keinen Widerstand, den sie nicht überwinden, könnte. Diese Erkenntnis, die diese beiden Fälle aufS neue mit aller Gewalt demonstrieren, sollte dach nun wirklich überall dnrchdringen und zum Gemeinplatz werden. Vor allem tut dies bei uns in Deutschland not. Denn hier gibt es noch immer jene Schwärmer und Phantasten, die meinen, durch Komitees und Broschüren den Siegeszug der nationalen Idee aushaltön zu können. Es ist beschämend für die deutsche Judenheit, daß zu einer Zeit, da die Wiener Gemeinde die Palästinaarbeit wirksanr unterstützen will, da jüdische Gemeinden in Venedig und. Turin ihre Sympathie für den Zionismus durch Nationalsondsspenden zum Ausdruck bringen, bei uns in Deutschland sich ein Antizionistisches Komitee bildet. Die Gegner der nationalen Bewegung Pflegen sich ja immer als die praktischen, realen, nüchternen Gegenwartspolitiker auszugeben, die den Zionismus als Utopie ablehnen. Mit theoretischen Beweisen ist ihnen also nicht beizukommen. Nun zeigt ihnen doch in solchen Fällen, wie die von uns besprochenen, die Erfahrung, wie energisch die Entwicklung des Zionismus fortschreitet; vor dieser Lehre der Erfahrung sollten und müßten sie doch endlich kapitulieren, ihren-Widerstand aufgeben und durch eine Wandlung ihrer Haltung, wie sie sich jetzt in der Stellungnahme der Wiener Gemeinde vollzieht, die bisher gemachten Fehler wieder gut machen. Frankfurter Berichte. Die G e n e r a l v c r s a »i »i l u » g der Israelitischen R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t j die Sonntag, den 29. Dezember, stattfaiid, legte wiederum beredtes' Zeugnis von dem Wachstum dieser in ihrer Art wohl einzig dastehenden Gemeinde ab. Den Bericht erstattete der derzeitige Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. E. R o s e n b a n m. Ganz besonders zu erwähnen sind die namhasten Stiftungen, die im Berichtsjahre ans dem Kreise der Mitglieder — sei es durch einmalige Beiträge, sei es durch Stistungen für großzügige Zwecke — der Religionsgesellschaft" zur Verfügung gestellt wurden. Diese erreichest die imposante Höhe von ca. Jk 350,000.—, was der Opserfrendigkeit der Gemeinde ein einzigartiges Zeugnis ansstellt. Unter den Stistungen > befindet sich ein hervorragendes Legat für eine zu gründende Gewerbckasse zur Unterstützung Gewerbetreibender, ferner Stiftungen fürdie Volksschule, Jeshiwoh nsw. Der Vorsitzende gedachte »och in ehrenden Worten der verstorbenen Gemeindcmitglieder. Auch die Schule der Äeligionsgesellschaft, deren Etat sich wesentlich erhöht hat, entwickelt sich überaus befriedigend: der Provinzial-Schulrat hat die Leistungen der Realschule, sowie des Lvceiims offiziellen Stellen gegenüber außerordentlich gelobt. Diskussion über den Bericht fand nicht statt» sodaß die Versammlung sofort zit den Wahlen schreiten konnte, die folgendes Resultat hatten: Naftali S chw abacher (Vorstand), Moritz Baß und Meier Nußbairm (Ausschuß). Am Samstag, beit 4. Januar, 83A Uhr, wird Herr Max Fischer-Berlin im Cafe Kursaal (Friedberger Anlage) ' über „Moderne Lebensanschauung und Zionismus" sprechen. Der Vortragende wird — so schreibt er uns — „die weitverbreitete Ansicht bekäinpsen, daß moderne Lebensanschannng und Zionismus Gegensätze seien und zeigen, daß eine moderne Lebensanschanung das Streben auf das zionistische Ideal nicht nur zuläßt, sondern geradezu bedingt." Auch die vielnnistrittene Frage, ob Sozialismus und Zionismus sich gegenseitig ansschließen, wird der Redner einer gründlichen Besprechung unterziehen. Das überaus interessante Problem wird sicherlich zu einer anregenden Diskussion Anlaß geben. Der jüdische M ä d ch e n k l u b feiert am 5. Januar in sämtlichen Räumen der Loge Carl, Mozartplatz, sein U> jähriges Stiftungsfest. Das reichhaltige Pro- - gramm bietet musikalische Vorträge, eine Revue 1912 und zum «chluß Tanz. Der Billet-Berkans sindet im Mädchenklub, Langestraße 30, statt (Karten ä Jf. 3 —, 2 — und 1.—). Die Feier beginnt um 7 Uhr. Im 77. Lebensjahre verschied Frau SaraKnlp Wwe. geb. Kutp, eine vornehme Frau, die treu im Geiste des Thorawortes lebte. Wer sie in Wohltätigkeitssachen anging, war aufs freudigste überrascht, durch die Art, wie sie gab; durch die Art ihres Gebens war sie „mekadesch haschein" und erwarb sich aber allch die Hochschätznng aller, die ihr näher traten. Im Tranerhause würdigte Rabb. Dr. Breuer und ans dem Friedhose Rabb. Dr. Nobel die Entschlafene. Salomo» Marx und Frau Henriette geb. Simon (Hanauerlandstraße 41) feierten die gold ene Hochzeit. In der letzten Sitzung des Vorstandes des „Montes i o r e" - B e r e i ii s wurde ein Antrag angenommen, der i auf die Gründung einer H kl fs fasse für S ommerirr l a u b e r abzielt. Der Re g i er un g s p r ä s i d e n t v o n Wies baden hat den „M ontefiore"-Verein bei. der diesjährigen Verteilung, der ihm für die Förderung der Jugendpflege zur Verfügung gestellten Staatsmittel mit 6Q Jf. bedacht, mit dem Hinweis, daß der Verein hierin ein Zeichen wohlverdienter Anerkennung seiner bisherigen Bestrebltngen und Erfolge erblicken möge. Ch. Correvon, Pfarrer an der hiesigen französisch- , reformierten Gemeinde, richtet an den Verein zur I Abwehr gegen den Antisemitismus folgendes Schreiben: ___ Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir die Statuten Ihres Vereins zuzusenden, da ich gern demselben beitreteil möchte. Meine Mittel sind freilich beschränk, und ich kann keinen hohen Beitrag zeichnen, aber 'ich denke, der moralische Zweck wiegt auf diesem Gebiete mehr als die finanzielle Frage, und mir ist besonders darum zu tun, öffentlich festzustellen, daß ich im Namen "der Freiheit und der Menschlichkeit das unwürdige Treiben der j Antisemiten verabscheue, noch mehr aber als evangelischer - Pfarrer und Christ. Eine der Fainilieu, deren Ansehen weit über die Grenze» unserer Vaterstadt geht, wurde von einem Trauerfall betroffen: Herr Isaak Ettlinger-Halpern ist im hohen Alter von 77 Jahren verschieden. Der Verblichene war ein Jude von echtem Schrot. Er hielt sich streng an den Satzungen unserer Thora, MM" Frinin fflazxe 'PB hergesteiltunt. Aufs. Sr. Ehrw. Herrn Babb. Dr. Bamberger, Schönlanke empfiehlt Fritz Ruschin, Sehönlanke Mazzefabrlk mit elektrischem Betriebe. Fernraf 44._ fyiederverkänfer gesucht. Neu-Isenburg, Frankfurterstrasse 107, I. 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Niederlage von Beckstein, Th. Steinweg Nachfolger, Bönisch, Kaps, Förster, Grunert, Hupfer, W^lssbrod etc. etc. Anfragen erbeten. Lichteustein Zell 102. 7285