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Neue jüdische Presse · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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r Erscheint wöchentlich am Freitag, fttupspccw pr» V»rtrlj«hr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. -Bei der Post abonniert Sü Pfg., frei in» SaM 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch treifband für Deutschland undLesterrrich-Ungarn Mk. 1.56, -für Rußlarck l Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion nnd Erpedition: Frankfurt a. M. rr Lsngeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. y j —•—«— iCf/Z HeeansgeVer: Karg ch-r-/ Jnseriisns-rris für die fünfgespaltene Prtitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechSgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Lxped. und ma.Annoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. 11. Jahrgang. Freitag, den 21. Tewes 5673 3 Januar 1913) Rr. 1 Aever rationalistische Mitzdentnnge« des Judentmntz. j . In einer seiner gelegentlichen Aeußcrungen Wer die Erscheinungen des menschlichen Lebens, die -:weit mehr in sich enthalten als manche gelehrte, -weitläufige Untersuchung, spricht S ch o p e n h a u e.r .Don der Religion als der Metaphysik des Volkes luub überbrückt damit, vielleicht ohne es selber zu i wollen, die sich anscheinend anftuende tiefe Kluft >Uvischen der philosophischen Deutung des universellen Geschehens und der Art und Weise, wie sich chas gewöhnliche Bewußtsein den letzten Grund der jDinge denkt. Man muß nämlich bedenken,, daß; jcbc metaphysische Annahme von einer unerkennbaren transzedenten Potenz, die in die Welt der handgreiflichen Empire Hineinspielen soll, von dem Glauben an ein göttliches Eingreifen nicht weit entfernt ist. Dort wie hier haben wir es nicht mit ^empirisch verifizierbaren Behauptungen zu tun, die sdeni gefunden Verstand ohne weiteres cinleuchten, sondern lediglich mit einem gewissen Triebe, der, selber in der empirischen Sphäre liegend, über die! letztere hinauszugehen strebt. Vom rein empirischen! Standpunkt aus betrachtet, sind alle diese meta-; physischen. Hypothesen von einem Ding an fich, einer jCausa sui, einem absolut einheitlichen Willen > ebenso viele Wunder, für die sich in der Reihe!der Sinnesdaten keine Stelle finden läßt. Anderiseits wiederum ist der Begriff des Wunders als , eines außernatürlichen Phänomens, das den ge- -schlossenen Zusammenhang des natürlichen Geschehens mit einem Male durchbrechen soll, nichts anderes als ein gewisser Ausdruck für eine unerkennbare, transzendente Potenz, die den Kreis der empirischen Zusammenhänge auf ebenso unerklärliche Weise tangiert. Wer den Glauben an Wunder lediglich von einer negativen Seite aufznfassen sucht, indem er ihn ausschließlich als Produkt eines mangelnden Wissens hinstellt, der legt wahrlich eine allzu oberflächliche Kenntnis der menschlichen Natur an den Tag. Denn ebenso wie cs wahr ist, daß die Her- , anziehung eines Wunders zur Erklärung eines > mtürlichen Tatbestandes wohl in den meisten Fällen ,aus ungenügender Kenntnis gewisser Tatsachen geschieht, ebenso falsch ist es, das Wunder lediglich als einen Lückenbüßer zu betrachten, als etwas, das nur dazu da ist, um einen Mangel an Wissen zu decken. Vielmehr entspringt der Glaube au Wunder einem tiefen Bedürfnis der Menschenseele, Pas der verfeinerte philosophische Verstand in dieser ober jener Annahme äußern, mag, und das das (religiöse Bewußtsein auf seine Weise zum Ausdruck bringt. Das religiöse Bewußtsein im Vorgefühle seines innigen Zusammenhanges mit einer mysteriösen Gewalt wird ohne den Begriff des Wunders kaum anskoinmen können. Daher bildet auch der Begriff des Wunders den eigentlichen Lebcnskern jeder echten Religiosität, von dem alle übrigen Aeußerungen des religiösen Lebens getragen und genährt werden, fodaß ein Eliminiere» dieses Begriffes das allmähliche Absterben aller anderen religiösen Vorstellungen mit sich führen muß. Und daher betrachten tvir auch alle oiejenigen rationalistischen Bestrebungen, die sämtlich darauf ansgehen, irgend einen religiösen Gehalt von seiner mystischen Wurzel loszureißen, als ein im Grunde verfehltes Unternehmen, das nur ans einem Mißverständnis beruhen kann. Man verstehe uns wohl, und vor allem hüte man sich vor Verwechselung des Irrationalen mit einem Arationaleu. Das Arationale, das Sinnlose, das Vernunftwidrige, niuß aus jeden: Lebensgebiete nnd somit auch aus dem der Religion schonungslos verbannt werden. Das Irrationale dagegen, als der mysteriöse Untergrund alles, auch des vernünftigen Geschehens, muß notwendig gewahrt nnd aufrecht erhalten werden, soll von einer religiösen Beziehung des Menschen zur Welt dieRede sein können. Der Versuch des Maimonides, die religiösen Gebote des Judentums auf eine vernünftige Basis zu stellen, ist empfehlenswert und nachahmungswürdig, und sein Verdienst in dieser Beziehung kann nicht hoch genug angeschlagen werden; aber derselbe Mainwnides hat .nicht in: entferntesten daran gedacht, an der transzedenten Grundlage der jüdischen Religion zu rütteln. Dagegen muß das Beginnen Mendelssohns, dem religiösen Gehalt des. Judentums seine lebendige Seele zu nehmen, als mangelhaft bezeichnet werden. Aus den Prämissen, die M e n d el s s o h n aufgestellt hatte, zog Professor Hermann Cohen, sein direkter Nachfolger in dieser Beziehung, die äußersten Konsequenzen. Er ist es, der die Mend'elssohnsche Auffassung vom Judentum als einen Inbegriff von Regeln und Normen auf die Spitze getrieben hat;' er ist es, der den radikalen rationali st ischeu Desinfektionsversuch unternommen hat, den religiösen Gehalt des Judentums von allen Ingredienzen z u reinigen, indem er so lange an den mystischen Beziehungen zwischen Volk und Gott herumdeutete, daß ihm als letzter Rest nur noch eine nüchterne Moralität zurückgeblieben ist. Sehr bezeichnend für einen eniinenten Erkenntniskritiker, wie Cohen einer ist, der keine Konzessionen dem Irrationalen machen will. Freilich muß es dahingestellt bleiben, wie es mit der Cohn'schen Behauptung von der Priorität des jüdischen Volkes in Bezug auf die Moral bestellt ist; ob es nämlich wahr ist, wie cs Cohen zu betonen liebt, daß das jüdische Volk in der Person seiner Propheten das Verhältnis von Mensch zu Mensch zuerst in den Vordergrund des Interesses rückte. So viel wir wissen, gab es rein moralisch e Tendenzen auch in der außerjüdis ch e n Antike, die, was die Zeit anbetrifft, mit dem Judentum gleichen Schritt hielt. Wir möchten bloß an Sokrates erinnern, der ungefähr 500 v. Ehr. lebte, also zur selben Zeit, wo die allerersten jüdischen Propheten wirkten, und der in die Moralität den Schwerpunkt aller geistigen Interessen verlegte. Und Co ns ne ins, der 551 v. Chr. geboren tvurde, und dessen Anschauungen für das geistige Leben des chinesischen Volkes grundlegend wurden, hat eine Morallehre aufgestellt, so lauter, so gereinigt, so nüchtern und trocken, wie! es sich Professor Cohen nicht besser wünschen könnte. Das jüdische Volk hat die Moral nicht in Pacht genommen. Haben wir es nicht in der allerletzten Zeit erlebt, daß ein Tolstoi alle Mystik in den Lehren des Christentums verwirft, um es ausschließlich auf ethische Prinzipien zu gründen? Wir meinen also, daß eine Tendenz, die sich an allen Enden der Welt, zu allen Zeiten, in prägnanter Weise kundgibt, nicht zum ausschließlichen Eigentum des Judentums gemacht werdein kann. vr. R. Seligmann. Generalversammlung der Bereinigung tradtttonell-gesetzestrener Rabbiner Deutschlands. Berlin, den 24. Dez. 1912. Die Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands hatte-hier gestern nnd heute ihre Generalversammlung. Bon den ca. 120 Mitgliedern waren 61 erschienen. Rektor Dr. Hoffman», der Vorsitzende, erstattete Bericht über die abgelausenen zwei Geschäftsjahre, Eingangs der verstorbenen Kollegen Dr. Löb-Emden und Dr. Ackermann-Brandenburg gedenkend. Die Vereinigung ist durch den Zutritt von 19 neuen Mitgliedern gewachsen. Während fast der ganzen Tauer der Berichtsperiode beschäftigten die halachische Kommission (Nobel- Halberstadt, Dr. Ehrentreu-München, Dr. Feilchenfeld-Posen, Dr. Hoffmann-Berlin, Dr. Lcrner-Altona) verschiedene Fragen, zuletzt die der Feuerbest a t t u n g. In den bisher bereits von vier Mitgliedern erstatteten, d.m ftinsten Mitglieds vorliegenden außerordentlich mnsangreichen Gutachten werden alle einschlägigen Fragen genauestens geprüft. — Auf der 7. Generalversammlung (Dezember 1910) ist der Vorstand ersucht worden, „eine Erklärung, welche die u n t e r s ch e i d e n d e n M e r km a l e : zwischen glaubenstreuem und liberalem I u d e n t u m knapp und scharf umschreibt, in möglichst kurzer Zeit auszuarbeiten, den Mitgliedern zur Unterschrift zuzusenden und mit den Unterschriften zu veröffentlichen." Im Verfolg dieses Auftrags hat der Vorstand Rabb. Nobel in Halberstadt, als Vorsitzenden der halachischen Kommission, um einen Entwurf gebeten. Rabb. Nobel hat eine sehr klare Darstellung entworfen, die aber den Umfang einer „Erklärung", wie solche der Beschluß fordert, »in ein Beträchtliches übersteigt. Es ist zweifelhaft geworden, ob in der gewünschten Kürze und doch unzweideutig die Merkmale darzulegen möglich sei. Es war dies um so schwieriger, ftls eine sicher^ Unterlage! fstr die Normierung dessen, was „liberal" ist, nicht vorhanden war. Durch die Veröffentlichung der „Richtlinien" ist nach dieser Richtung die Arbeit immerhin erleichtert. — Durch Rundschreiben und zwar wiederholte Rundschreiben ist der Vorstand wegen der Stellungnahme zur „Agudah"- und zu den „Richtlinien" mit seinen Mitgliedern in Beziehung getreten. Zunächst wird über die Tätigkeit in Sachen der „Richtlinien" referiert: Abgesehen von der großen Wichtigkeit der Angelegenheit überhaupt, der Entrüstung, die das ganze gesetzestreue Judentum Deutschlands nach dem Bekanntwerden der Richtlinien erfüllt bat, nnißte die Bereinigung dem Drängen weiter »reise nachgeben, mit einer Erklärung gegen die Richtlinien hervorzutreten. Ursprünglich war geplant, daß diese — am 12. November versandsertige — Erklärung nur vom Borstande erlassen werde, aus vielseitigen Wunsch wurde sie jedoch zuvor allen Mitgliedern zur Rückäußeruiig zugestellt. Eine mündliche Besprechung ivar aus. den IS. November einberuse» morden und von ca. Miigliedern besucht. Nach Versendung des ersten Erkläruiigseiitir urses wurde bekannt, daß die Bereinigung liberaler Rabbiner ihre Bereitwilligkeit erklären wurde, in Bezug auf die Ehegesetze ihre Beschlüsse einzuschränken. Eingehende Erwägungen hatten sowohl den Borstand als auch die durch Rundschreiben besragten Mitglieder .es für unmöglich ansehe» lassen, diese doch höchstens in einem, >ve»n auch äußerst wichtigen Punkte erfolgende „Einigung" für ausreichend zu erachten, mit von einer klaren Stellungnahme gegen die Richtlinien Abstand zu nehmen. Es erschien dann die bekannte Erklärung, der sich lll von unser» Mitgliedern angeschlossen haben. Als dann einige Gemeindevorstände die bekannte Gegenerklärung erlassen hatten, hat der Vorstand sofort eine Erwiderung entworfen, diese sämtlichen Mitgliedern zugehen

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