Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 49 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bis sechs solcher Barrikaden quer über die Brücke zogen. Als dies binnen weniger Stunden bewirkt worden war, rückten die christlichen wie jüdischen Streiter durch den Altstädter Turm zurück, dessen Tor und Gatter sich nun schloß uird den grenzenlos Erschöpften eine erste Rast nach blutiger Arbeit innerhalb der schützenden Stadt vergönnte. Zuni ersten Male durfte der greise Simon seinen Sohn nach 8er Nacht des ersten Angriffs umarmen. Eine kurze Waffenruhe von drei Tagen erfolgte. Die Schweden, einsehend, daß ihnen ihre zahlreichen Streitkräftc nichts gegen die Verteidiger Prags nützten, da die lange, schmale Linie der Brücke keine Ausbreitung der Sturmkolonnen zuließ und der Kampf stets auf einen engen Raum Mann gegen Mann beschränkt blieb, und überdies durch die zahlreichen Hindernisse, welche das Terrain wallartig jetzt durchschnitten, völlig unmöglich. gemacht worden war, beschlossen nun die ernstliche Beschießung. Diese mußte aber mit Vorsicht geschehen; denn durch sie die Brücke ungangbar machen, hieß sich selbst die einzige Operationsbasis äbschneiden. Königsmarck, obwohl noch Rekonvaleszent, ließ sich auf einem Tragstuhl nach dem Kleinseitertorturnr bringen, nur das Bombardernent in Person zu leiten. Er ordnete an, vor diesem Turni eine Reihe schwerer Stücke aufzufahren. Barrikade um Barrikade sollte eingeschossen, dann abgeräumt und in den Strom geworfen werden. Je nach den gemachten Fortschritten sollten die Geschütze auf der Brücke vorgeschoben werden, um, wenn alle Hindernisse beseitigt .seien und die Brücke völlig in schwedischenr Besitz wäre, von ihr aus den Mtstädter Turin zu bombardieren. Daß die Schweden. aber jetzt keinen anderen Ausweg . als diesen haben konnten, leuchtete Markus Spira, Colloredo und den kaiserlichen Offizieren ein, und sie bereiteten. sich vor, dem Angriff zu begegnen. Da sie kein Interesse wie die Schweden au der Erhaltung der Brücke hatten, im Gegenteil es ihnen wünschenswert werden mußte, dem Feinde diese seine einzige Operationslinie abzuschneiden, so trafen sie hierzu ihre Anstalten. Die Ufer, besonders das Kastell der Kreuzherren, wurden so dicht wie möglich mit Geschützen besetzt, die alle ihre Wirksamkeit auf die Zerstörung der Brücke selbst richteten. Unter zahlreichen Opfern an Bedienungsmannschafteil gelang es den Schweden erst nach drei vollen Wochen, die letzte Barrikade zu zerstören, unr den Altstädter Turm durch direktes Bombardement angreifen zu können. Leider war die Steinbrücke zum- Unglück der Verteidiger Prags auch so gewaltig fest, daß^cs ihnen nur gelang, die Balustraden, die äußeren zur Verkleidung dienenden Steinschichten, niederzuwerfen. Sie waren aber unvermögend, durch Einschießen einiger Bogen derselben den Schweden die völlige Verbindung mit sich abzuschneiden. Damit der Kampf rascher entschieden werde, entschloß sich Graf Königsmarck, nachdem die letzte Barrikade gefallen war, seinen Plan zu ändern und, bevor er den Altstädter Turm beschieße, ihn durch Sturmangriff seiner Infanterie zu nehmen. Zugleich hatte er schon im Laufe des August an den schwedischen General Wittenberg, der im unteren Teile Schlesiens stand, Boten um Zuzug entsandt, damit er die Ostseite Prags berenne, die bisher an der Brücke vereinigten Verteidiger der Stadt also gezwungen würden, sich zu zersplittern. Es war um so dringender, ein Ende zu machen und Prag zu erobern, als bereits am 6. August die Friedenspräliminarien zu Münster geschlossen worden waren, im September der definitive Abschluß des Friedens zu Osnabrück bevorstand und die tapfere Verteidigung Prags allgemeines Aussehen erregt, des Kaisers Situation bei den diplomatischen Verhandlungen wesentlich verbessert, die der Schweden aber verschlechtert hatte. Graf Königmarcks Ehre und Existenz stand hier auf dem Spiele und sie, wie er ivohl wußte, gar gegen die Prager Juden noch verlieren zu sollen/ entflammte ihn zum Entschlüsse, mit Anspannung der äußersten Kräfte einen Sturmangriff zu »vagen und, sei es auch über Tausende seiner Krieger, sich den Weg in die Mt- und Neustadt zu bahnen. Bevor er zu diesem Angriffe ging, hatte er es bei seinen Leuten nicht an verlockenden Versprechungen fehlen lassen, hatte mit dem Reichtum der Stadt, besonders des Judenquartiers, ihre Phantasie erhitzt und ihnen schrankenlos alles preisgegebeu, wenn sie den Mtstädter Turm und die Stadt nur zu nehmen vermöchten. Als die letzte Barrikade gefallen war, und man einen: neuen direkten Angriff eutgegensehen mußte, entsank selbst Colloredo und den kaiserlichen Offizieren jede Hoffnung, die Stadt zu retten. Markus Spira versicherte sie indes, falls sie ihm nur einmal noch ihr ganzes Vertrauen in die Hände legten, ihm das Tor des Altstädter Turms wie den Brückenplatz dahinter ganz frei ließen, alle christlichen Mannschaften aber zun: Vorrücken und Kämpfen in der Kreuzherren-, Vrückmüht-, Seminar- und Liliengasse bereit hielten, ihn jedoch gewähren ließen, dann wollte er als ein gewiegter Viehhändler den Schweden einen Ochscntänz aufspielen, wie sie ihn noch nicht erlebt hätten. Er verlangte außer dem Befehl über seine jüdischen Leute auch noch eine Schar kundiger Arbeiter mit Hacken und Brecheisen, etliche Zentner Pulver und einen langen Minensack. Markus wurdei: diese Wünsche gewährt, einmal, »veil er des höchsten Vertrauens sich bisher wert bewiesen hatte, andernteils weil mit dem Falle des Altstädter Tores Prags Schicksal so wie so besiegelt, also jedes Mittel zu ergreifen war, ihn abzuwenden. Colloredo kannte Spiras neues Auskunflsmittel allein und billigte es, aber wie bei allen Experimenten bezweifelte er begreiflicherweise schließlich doch den Erfolg. (Fortsetzung folgt.) Gustav Schwarz 14 Gutleutstrasse 14 nächst dem Schanspielhans. Kein Laden. TeL 13479. Bunte Chronik. Die „gute" alte Zeit. Der hervorragende Talmudgelehrte Samuel Edles, der unr 1700 in Polerr als Rabbiner wirkte, schreibt: „Fast alle jene Sünden, um derentwillen Jerusalem zerstört wurde, werde»: lewer in unserer Zeit begangen. Die Sabbatfeier »vird von den wenigstvn streng beobachtet; die Heranwachsenden Kinder in den Gemeinden lerneir nichts; die jrrngen Leute oder vielleicht die Bachurinr flanieren in den Straßen umher und zerstreuen sich beinr Spiele; gar mancher ist Rabbinats- Kandidat, wenn er auch nicht die Tora studiert; jeder J»che gibt sich als reicher Mann, treibt Luxus, »nacht Auswand in Kleidern, Wohnung, Einrichtung, in allem, was zum guten Tone gehört, mrd fehlt es ihm am Gelbe — da läßt er sich! protokollieren; die besten Inden, das sieht man tägliche »verden nicht hochgeachtet." Wo bleibt der Rabbiner? Diese Frage stellt in dem Schweizer ^Israel. Wochenbl." Rabbiner Dr. F. K.-Z. hinsichtlich des Kaiserbesuches in der Berliner FasanSnstraße - Synagoge. Er schreibt: „Ich habe alle Berichte der in- und auslländischear Presse, soiveit sic mir zugänglich waren, ganz genau gelesen, nein studiert; habe mir alles genau gemerkt, alles Wichtige und Umvichtige vor und nach dein Besuche und auch während dieses Besuches. Ich habe inir die Namen aller Personen gemerkt, die von James Simon de»: Monarchen vorgestellt »vurden, aller» die der Kaiser mit Ansprache und Händedruck huldvollst ausznzeichnen die Gnade hatte — allein den Namen eines Rabbiners hatte ich darunter nicht gefunden. Noch mehr: Der Kaiser äußert den Wuirsch, die Torarolle zu sehen. Diesem Wunsch »vird natürlich entsprochen: man zeigt den: Monarchen die Tora, rollt sie auf und übersetzt ihm einige kurze Verse. Dies alles geschieht von — keinem Rabbiner. Es gewinnt also de» Anschein, als hätte man die Rabbiner absichtlich und bewußt von dem Besuche des Kaisers serngehalten. Man »vollte einmal „unter sich" sein, den Kaiser ganz für 'sich allein haben und mm: sorgte dafür, daß kein Schimnter von dem strahlenden Glanze der Majestät der Krone in eine Rabbinerfamilie falle. Das ist so Berliner Art. Oder genauer: die Art und Weise jener, die das Berliner Judentum allein gepachtet zu haben glauben. Bei keiner andern Konfession wäre ein derartiger Vorgang nur hälbtvegs denkbar" Am Grave Rahels.*, Und NUN sind »vir am Grabe Rahels. Klein und bescheiden ist das Bethaus. das Montefiore über ihm errichtet hat. Seine Kuppel erhöht es über den Friedhof, auf dem es steht. Die eiserne Tür geht auf. Wir treten ein. Die Wände sind mit kleinen Deckchen' aus 'Atlas und Sainmt behängen, — fromme Geschenke, die die Kinder der Mutter brachten. Keine Gemeinde, kein Verein, fehlt. Weder im Lande Israels, noch den Ländern des Golns. Und ich lese de» Borwurf von den Wänden: Und du? Warum hast du nicht also getan? Und hell ists in dem kleinen Bethaus der Mutter. Denn Freitag abends vor dem „Lichtzünden" iveiht ihr jede jüdische Frau ein Lämpchen. Und da hängen die Lämpchen und brennen tagein, tagaus zwischen den Decken. Lichtübergossen ist das Grab. Hoch und rund ist der Stein, den unser Vater Jakob auf Rahels Grab gesetzt hat. Sicht aus wie ein Sarg, aus Stein gehauen. Und unzählige Seelen umschweben ihn. Jedes der Kinder, das hier bei seiner Mutter >var, hat seinen Rainen in den Steiir geritzt, hat sein Briefchen in die Fugen und Löcher des Steines gesteckt. . Und küljl und still ists in dem kleinen Hanse. Man hört das Knistern der Lichter und das Atmen der Seelen. *) Aus „Im Lande der Väter" von Schals»: Asch. Erster Band der Sammlimg „Vom alten Stamm".- Jk 2-—, gcb. Jk 3.—. Berlin, Jüdischer Verlag. Nr. 49. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Teppiche «eite 5 Und jede Nacht, genau um die zwölfte Stunde^ steWdie Mutter Rahel au» ihrem Grabe auf. In ihren Tötens gewäudcrn, die Sabbathaube auf dem Kopfe, geht sie hin-» ans auf den Weg von Bethlehem, sieht die Leiden, diy Nebusaradan über die Juden bringt, »vie er sie in b«4 Golüs treibt, und hebt die Hände zum Himmel empvr-L Ein Gedanke durchzuckt mich: Wie spät? . . . DiekS leicht.... . I Ich seh' mich um. Eine königliche Frau steht tn mir. Eine königliche Stirn strahlte unter der tiefsitzew« den Spitzenhaubc hervor. In den Falten ihres schwarzem Seidenkleides ruht das Geheimnis der Nacht. Sie haH die Hände erhoben, mich zu segnen. ' Habt keine Angst! Es war nicht die Mutter Rahe^ Es »var die Loivitscher Rebbezin, die ihr hier im Bevtz hause dient, ihr die Oellämpchcn entzündet, die Deckchew aufhängt ... . Z Sie gibt mir ein Gebetbuch in die Hand: „Da, sag' Psalmen!" Ein tapferes Mischer Schneiderlei». In der Schlacht bei Kumanowa kämpfte, wie ftanfc* zösisckst Blätter berichten, ein kleiner jüdischer SchneideiA namens Abraham Lev») im serbischen JnfanteriaMegSH ment mit. Die türkische,: Geschosse prasselten wie Kugeks regen auf die Serben nieder und richteten eine PaniH unter ihnen an. -J „Kein Zurück!" rief der Koinmandierende. „Die OffH ziere vor die Front!" H Und die Offiziere marschierten an die Spitze. BorH »värts gings mit neuem Mut. Aber der Kugelregen wurd"* immer dichter. Die -Offiziere fielen, unter ihnen de Kommandierende. Der Fahnenträger fiel. Die Lage waiA entsetzlich. Eine Minute länger und eine allgemeinE- Flucht »värc ausgebrochen. Da auf einmal flattert die Fahne tvieder in deH Luft, ein frischer, mächtiger Ruf ertönt: „Bortväri r Kameraden!" Erstaunt blickten alle einpor. Das jüdische Schneider« lein hatte die Fahne ergriffen, begeistert stürmten big? anderen nach, in einer Minute standen sie Leib aitz Leib mit dem Feinde. Die Serben kämpften wie Löl—^ und eroberten das türkische Fort, der Fahnenträger der Spitze. Anderen Tags erscheint Prinz Alexander unter deM Helden von gestern. „Wer verdient eine Auszeichnung,^ fragt der Prinz. Und alle »veisen auf das jüdisch^ Schneiderlcin, den neuen Fahnenträger. Aus der Stellt ernannte ihn der Prinz zum Fahnenträger und schenkt^ ihm U) Zwanzigfrankenstücke. -l Kunst «uv Literatur. 1 Kunstwerk und Knlturwert- HeraiMeber Avenarius. Erstes Dezemberheft 1912. - f Aus dem Inhalt: Ballankrieg-Nebengedanken — Jw^ den, Antisemiten und wir — Bildung und Schulwesem. (Wolfgang Lehmann — Zum Thema Traun: und künjtz« lerisches Schaffen (Hans Thonia) — Fabrikware (JohcuU »es Buschmann) — Bon der Charitas zur Sozialpolitik (Alice Salomon). f Vortrag gehalten am Sabbat Schnwa 5K7Nvon- Oberrabbiner Dr.' M. Lerner -Altona. 14 Seitens Berlin, H. Jtzkowski. Der Bortrag, der' sich im Stile der alte»: Derust. anfbaut, ist auf Wunsch zahlreicher Zuhörer der Oeffeni lichkeit übergeben worden. Er beschäftigt sich — gemch der Zeit, in der er gehalten worden — mit ernste» Gedanken und erhebt seine mahnende Worte, daß fi» den jüdischen Menschen zur inneren Einkehr und Hin Wandlung veranlassen, lieber dem Ganzen liegt, ei» .Hauch abgeklärter, altjüdischer Lebenslveisheit. „Die Zunx ist geschaffen worden, um zu segnen, nicht um di Menschen zu verderben. Halten wir am Segen sest, Bersenken wir uns .nicht in die Schattenseiten, sonderrA in die edlen Züge im Wesen unserer Mitmenschen!-? Der Erlös des Heftchen ist für den Altonaer Bereiiü für Fürsorgeerziehung bestimmt.__; -f Offenbacher Druckluft -Anlage! Ottenbach a. M. Telefon 183. (Anschluss mit Frankfurt^! Bewährteste TapotChratnlgunB, 100,000 qm jährücB| sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigang^ mittelst Druckluft and Wasserdampf. 5 skalser Friedrich Quelle ——— Offenbadt tu M. —— Gegen Gicht und Ehenmatismna bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a.M., Güntherahnrg-Allee 37. Tel.259u.714.' Wocheu-KaleuLer. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 14. Dezember (-- 4 Tewes). Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Mm , Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15®ht;| in Berlin 4 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt: Wajigasch. — Inda bietet für Benjamin als Sklave an. Run kannJoses nicht mehr enthalten, er gibt sich zu erkennen, stürznng, Weinen, Umarmung im») Küssen. — Mit re Geschenken ziehen die Brüder heim, dem bekäme Vater die glückliche Botschaft zu bringen. Sie sei! ihn mit nach Aegypten nehmen. Jakob bleibt erst. 1 Die Erzählung der Brüder, der Anblick der königlp Wagen wirken jedoch überzeugend. Jakob zieht » Aegypten, opfert an der Landesgrenze und bekommt^