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Neue jüdische Presse · 1912-12-13 · Heft 49 (13.12.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 49 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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II. „Die „Richtlinien" beweisen, wie notwendig >ie Trennung ist." So ungefähr. sagte Herr Rabbiner Dr. Breuer in seiner Chanukahprcdigt vor versammelter Gemeinde. Herr Rabbiner Dr. Breuer ist ein Mann von durchgehender Konsequenz, dies werden ihm auch seine größten Gegner nicht versagen können. Die Trennung, die ihm ' vorschwebt, läuft auf einen v o l l st ä n d i g e n B ruch mit der jüdischen Gesamtheit hinaus. Nicht nur will er jegliches Band zwischen sich und den freisinnigen Brüdern, die ihm überhaupt nicht mehr als Juden gelten, zerrissen sehen, sondern auch mit den traditionell gesinnten Brüdern der gemischten Gemeinden will er keine Gemeinschaft haben; auch sie sind ihm wegen ihrer Berührung mit den sogenannten, „Poschim" nicht vollwertig. Dies beweisen seine' fortgesetzten Angriffe auf die besten und edelsten Mitglieder seiner Gemeinde, die ob ihres starken. Zugehörigkeitsgefühls zur jüdischen Gesamtheit und weil sie in ihrer richtigen Einsicht von der Notwendigkeit der Stärkung der Traditionellen innerhalb" der anderen Gemeinden überzeugt sind, Beilräge dorthin gewähren. Rabbiner Dr. Breuer ist eben ein Mann von durchgehender Konsequenz. Ihn geht das Heil der breiten jüdischen Massen, sofern sie nicht „strenge" Orthodoxe in seinem Sinne sind, nichts an, ihm ist der eng umschriebene.Maßstab „Jehoreg weal'- jaawaur, (Lieber sich töten lassen, als zu über-, chreiten)" für alle, selbst für noch so geringe ilebertretungen gültig, und indem er so ist, macht er die Trennung, die vom großen Hirsch, s. A. auch seiner Zeit, da man die Gesetzestreuen v e rgewaltigte, als Nebel empfunden wurde, zum System, ja zur Tugend. Die kleinste Auslese— ein Zibbür von der Größe auch nur eines Minjan —, die alles im buchstäblichen Sinne der Tauroh hält, würde ihm als Jisroel, als das eigentliche, alleinigeJudentum, als da» jüdische Volk genügen! Ist dieses System im Judentum gegeben? Ist diese Anschauung richtig? Nun, wir glauben, daß ein solches System nicht der Widerlegung bedarf. Was wir hier bezwecken, ist, zu untersuchen, ob dieses System realisierbar, ob es überhaupt haltbar ist. Ein Blick auf die Zustände in unserem Frankfurt genügt, das Gegenteil davon zu beweisen. Eine stattliche Zahl der besten Religionsgssellschaftler sind aktive Mitglieder vieler Gremien an der Seite von jüdischen Freisinnigen, auch sind nicht wenige von ihnen Mitglieder der israelitischen Gemeinde. Nun wird man sagen: Ungarn! 'Allein das ungarische Eldorado mit seiner extremen orthodoxen Kanzlei kann doch wahrlich nicht als Musterbild für das Breuer'sche System des „Jehoreg weal jaawaur" und des „Jikauw hadin es behör" dienen! .Wollte man nach diesem Prinzips in der ungarischen Orthodoxie eine Musterung vornehmen, so würde sich sofort die Notwendigkeit ihrer Teilung in ungemein viele gesonderte Gruppen ergeben, mid.gär manche von ihnen müßten zu den Neologen hinüber dirigiert werden! Und so ergibt sich, daß bisweilen selbst der ideale Minjan-Zibbur, der in Mitte eines fremden-,Milieus.Tausenden "von Einflüssen unterworfen ist, nach diesem System gezweiteilt oder gar gevierteilt werden müßte. Man sieht also, wie unhaltbar das Breuersche Systein ist! Und nun, >vas bleibt einem traditionellen Juden, der Herz undSinn für das gesamte Millionen-Zibbur besitzt, der auf dem Boden des „Kol jisroel chaweerim" steht, und den aus tiefer Liebe zuni Judentum geborenen Grundsatz „Kol hamekajem nefesch achas mejisroel keilu kijam anlom mole Derjenige, der nur eine Seele in Israel erhält, ist so, als ob er eine ganze Welt erhalten hat" zur Richtschnur seiner Tätigkeit fürs Judentum gemacht hat, — anders übrig, als innerhalb der jüdischen Gesamtheit für diese Gesamtheit durch Takt, Ruhe und Besonnenheit, durch Gerechtigkeit und wohlwollendes Verständnis klärend und läuternd zu wirken?! Das Poltern, Schimpfen, Verdammen führt nicht zum Ziel, sie sind nur dazu angetan, den Radikalismus von rechts lind links im Judentum großzuziehen; denn sie wirken verrohend sowohl auf diejenigen, die sich ihrer bedienen, als auch auf die sic angewandt werden und sichren so zlurZerreissung Israels. Daß die Religion kein Interesse am Scharfmachen hat, wer wollte es bestreiten? Nur die Politik bedarf dieser Waffe. Gewiß ist niitunter ein scharfes Wort am Platze. Auch die Propheten haben bisweilen scharfe, sehr scharfe Worte gebraucht. Aber sie haben dabei keine Politik getrieben; nicht zerreissen wollten sie, sondern einen; nicht ausstoßen, sondern heranziehen. Was sie auch taten, taten sie ans Liebe, aus tiefer, unermeßlicher Liebe zu ihrem über alles in der Welt heiß geliebten Volke, und so kam es, daß sie in ihrem Fluche die schönsten Trostworte fanden und in. ihrem Vorgehen die allzu natürliche Methode des mit der Rechten Zurückstoßens und mit der Linken Heranziehens („Jemin dauche usmaul mekarewes") ihren fehlenden Brüdern gegenüber anwandten. Was folgt aus all diesem, will man hieraus Schlüsse auf den speziellen Fall der Richtlinien ziehen? Wir sagten bereits in unserem ersten Artikel, daß wir uns nach keiner Richtung hin „Al cheet" auf die Brust zu schlagen haben; unser Bestreben ging von jeher dahin, die Gemäßigten innerhalb des liberalen Flügels zu stärken, und dies taten wir auch jetzt. Die Richtlinien, sagten wir uns, sind als n i ch t v e r b i n d l i ch erklärt worden; da wäre doch bei einem geschlossenen Vorgehen der Gesetzestreuen — sei es durch Verhandeln seitens der traditionellen ältesten Rabbinen und sonstigen gesetzestreuen Führerit, sei es durch Takt und Klugheit —, eine Aufhebung der Richtlinien möglich gewesen. Tahin richteten tvir unser Augenmerk, und siehe, durch Verhandeln eines einzigen Rabbiners gelang cs, das Wesentlichste zu inhibieren. Es waren also gute Ansätze vorhanden; doch die intransigente Politik unserer gegnerischen traditionellen Gesinnungsgenossen wollte es anders haberr, und die guten Ansätze der Liberalen verliefen im Sand. Es kam anders, wie es kommen sollte und konnte! Tie scharfen Worte einer gewissen Presse bewirkten eine Verschärfung der Gegensätze; der Radikalismus hat hübeir wie drüben die Oberhand bekommen, der Streit ist akut. - Doch siehe, unsere traditionellen Gesinnungsgenossen von der anderen Presse wissen Rat; sie empfehlen, die Gemeindü-Orthodoxen in ihrem Kampfe mit den Liberalen mit „kraftvoller Hand" -zu unterstützen. Dies freut uns, denn dieser Rat kann nur dann einen Sinn haben, wenn die Orthodoxen aus der Religionsgesellschaft in großen Scharen in die Hauptgemeinde eintreten; können iwch mrr konservative Mehrheiten liberale Uebergriffe van vorueherein unmöglich machen. Freilich ist es >ms unersindlich, wie sich eine Stärkung der Gemeinde- Orthodoxie gleichzeitig mit einer Schwächung derselben Vereinen läßt. Will man ernstlich die Geineinde-Orthodoxen stärken, dann muß man doch gleich uns eine Stärkung der Gemäßigten innerhalb der Liberalen anstreben, nicht aber umgekehrt. . . Oder soll etwa damit nach ddr Methode unserer Propheten des „Jeniin dauche usmaul mekarewes" vorgegangeu werden? ... Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Eine gefährliche Wendung des Verein zur Abwehr des Antisemttismns- Als vor einigen Monaten A v e n a r i u s in seinem „Kunstwart" den Artikel von Goldstein: „Der deutsche jüdische Parnaß" veröffentlichte und damit in diesem vornehmen, angesehenen Organe eine offene Aussprache über die Judcnsiage eröffnete, als nachher Avenarius diese Aussprache mit einem überaus sachlichen und taktvollen Achssttz, aus seiner eigenen Feder schloß, da sagten wir in unserer Betrachtung über diese Debatte voraus, es wird nicht lange dauern, und alle die, deren einzige Devise in allen jiidischen Fragen das Mundhalten und Vertusch»! ist, werden Avenarius als 'Antisemiten verschreien. Unsere Voraussage hat sich bewahrheitet. Ja, es kam noch besser, als wir gedacht. Nicht nur ertönten hier und da aus deni Lager der Assimilation Stimmen, die Avenarius zum Antisemiten stempeln wollten, sondern eine ganze, große Organisation übernahm - es, systematisch den mutigen und feinsinnigen Herausgeber des „Kunstwart" mit dem. Schandfleck des Antisemiten zu behaften; diese Organisation war „Der Verein zur Abwehr des Antisemit i s m u s". Den äußerenAnlaß gab leider 'Avenarius selbst durch den unklugen Fehler, daß er in der Debatte einen Aufsatz des wüsten Radauantisemiten Staufs veröffentlichte, ohne einige darin enthaltene persönliche Angriffe zu streichen. Der Vorsitzende des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" Gothein sandte eine Erwiderung ein. die auch Persönliches enthielt. 'Avenarius wollte es diesmal streichen, getreu feinem Prinzipe, die Debatte in sachlicher Form zu leiten. Auch dies war weder klug noch ganz gerechtfertigt. Nachdem er einige Persönliche Gehässigkeiten bei Stauff — wohl ungemerkt — hatte durchgehen lassen, hätte er mich Gotheins persönliche Wendungen akzeptieren müssen. Daß er es nicht tat, war ein politischer Fehler, der aber durchaus verschwindet gegenüber dem Verdienst, das sich Avenarius dadurch erworben hat, daß er die Judcnsiage auf eine öffentliche, angesehene deutsche Tribüne brachte. Mag man nun aber auch dies als kein Verdienst ansehen, wie es die Assimilation tut, auf jeden Fall war es doch sonnenklar, daß Avenarius den Fehler nicht aus antisemitischer Gesinnung begangen hat;, davon zeugte ja die ganze Leitung der Debatte, davon zeugte doch vor allem sein Schlußartikel selbst. Ihn nach diesem offenen, sympatischen, taktvollen Artikel als Antisemiten zu bezeichnen, war eine siasse Ungerechtigkeit. Der „Verein zur Abwehr des 'Antisemitismus" scheute sich nicht, dies zu tun. In

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