Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 47 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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47 SIU-I-, Tll wo, ib s« tefj Pro 8ary Atttins „IIt6. krourl86Ä L»M". („Das verheißene Land".) Won Samuel B ay (Frankfurt). Noch ein Buch, kann in die lange Reihe der ril'cttolitcratur eingegliedert werden. Es ist ein;[,i koman Von einer jungen jüdisch-amerikanischen " Schriftstellerin, im Jankeo-Englisch. geschrieben und üchts weniger als poetisch. Trotzdem sind manche stellen Von solchem Enthusiasmus getragen, von olch berauschender Begeisterung und flammender Leidenschaft durchdrungen, das; sie an die Ber- Mimgen eines chassidischeu Rebben erinnern. Der hassidismus, der bei Mary Autill an der Wiege iand, hat offenbar auf sie größeren Einfluß auseübt als die anlerikanische Treibhauskultirr, Von er die Verfasserin so ungemein prahlt, es je ver- $ liochte. Das Goluth, Von dem sie nichts mohr wissen 1‘id vill. Von dem sie mit Abscheu und Herabwürdigung pricht, hat ihr mehr gegeben als .alle Freiheit der Inion; das dumpfe Ghetto mit all seinen Trabanm toar auf ihren Entwicklungsgang Von nachdrücklicherer Bedeutung, als sie ihm gewöhnlich bci-- >nißt. Allein Mary Autin will eine „'Amerikanerin" ein! . . . Das Buch ist eine Tragikomödie im Vollen Finne des Wortes. Es 'ist ein Sirenengesang auf die Assimilation und ivohl auch das Originellste, ras je auf diesem Gebiete geleistet wurde. Denn die Dichterin sucht die Assimilation gewissermaßen zu idealisieren. Wenn Zaugwill sein „Meltiug-Pot" schrieb', o schuf er darin bloß einen Spiegel für Tatachen, wie sie in Wirklichkeit sind; er stellte den Sruch zwischen der alten und der neuen G'eneraion dar, nicht größer oder kleiner, als er in Wahrte heit ist. Dagegen reißt Mary Mutin eine unüberbrückbare Kluft zwischen die jüdische Gasse und die große Welt, erhebt eine unüberstcigbare Scheidewand zwischen Altem und Neuem, von der nian wohl hier und da Fundamente sieht, die . aber über hre Anfänge in absehbarer Zeit nicht hinausgehcn dürften, noch könnten. Uebertreibung ist überhaupt der gauzc Ton, in dem der Roman geschrieben ist.-Und wenn auch die Darstellnngsweise, die Lebendigkeit der Bilder, die Plastik der Gestalten, die spannende Erzählungsorm ein entschieden geniales Talent bekunden, so Pr 1° sei St Be i e ut irjaliCungpti aus Mpt uiut Tallinns. Bon M. Pulvermann. König Salomo und die Bienen. Salomos Ruhm drang hinaus in alle Welt. Aber, ivährend sein Heldenmut und seine Tapferkeit den Zchrecken seiner Feinde bildeten, wurde er seiner Weisheit wegen von vielen noch mehr bewundert. Der Ruf seiner Klugheit war auch zu der listigen und ränkesüchtigen Königin von Saba gedrungen; die sich dadurch in ihrer Eitelkeit verletzt fühlte, da sie doch von ihren Höflingen und Schmeichlern bisher nicht nur als die schönste, sondern auch als die klügste Frau auf Erden gerühmt' worden war. Es wurde ihr berichtet, welche' Weisheit jedes der Worte Salomos enthalte, daß seine Aussprüche, die wie Honigseim von seinen Lippen flössen, köstlichen Perlen gleich von allen begehrt und geschätzt wurden, daß nichts auf Erden vorhanden sei, das er nicht durch seine Weisheit ergründen könnte. Sie _ hatte vernommen, daß auch all' die Ränke und PV nrit denen manche Frauen sich zu brüsten - ^pflegen, daß jede List, noch so fein gesponnen, offenkundig vor ihnr lägen. Sie wollte sich von der Wahr- 1 lljcit dieser Gerüchte überzeugen und ging mit großem u»W befolge nach Jerusalem, um dem Könige eine Falle zu stellen. ' Bald stand sie vor dem. großen König und wies spöttisch auf zwei Rosen, die sie in ihren Händen trug. Tie in der einen war eine solche, wie sie die Natur herrlich und köstlich in der Frühlingszeit hervorbringt, die in der andern aber war mit kunstvoller Fertigkeit hergestellt, sodaß sie " in nichts von der andern sich unterschied, - ICH nni i 3 ll! >z° *«l t. )ic laß ai tob lzo< >ift P°> ist cs Umsomehr zu bedauern, daß dieses Genie sich auf fremdeir Boden verirrt. Wiederum bewährt sich die alte Fabel: Was Wind und Wetter nicht Vermag, ist mildem Sonnenschein eine Leichtigkeit. Was das schwarze Rußland lnit all seinen Zaren, allen Popen, aller Polizei, allen Metzeleien, allen Gewalttateir nicht zustande bringen konnte, das hat das bißchen Freiheit Amekas erreicht. Israel, über dessell Haupt schwüle Stürine getobt, das so Viel Leid und Schmerz standhaft ertragen, scheint auf ein Mal sich beugen zu wollen, sobald ihm ein Hafen winkt, wo es seine Glieder zur Rüste legen kann; das Herz, das mit Glut die höchsten Ideale gehegt und gesonnen, erkaltet, erstirbt, wenn es neue, fremde Wärme unter sich stihlt. . . . Aber genug. Lassen wir die Verfasserin selber sprechen: „Ich konnte nicht den Namen Georg Washington ohne Pause aussprechen. Niemals betete ich, niemals stimmte ich, die Gesänge Davids an, niemals rief ich das Allerheiligste in solcher Ehrfurcht und Anbetung aus, als ich die einfache Kindergeschichte des Patrioten wiederholte. . . . Ich wurde plötzlich bescheiden, da ich sah, wie unbedeutend ich neben dein Glroßen — gleich einem König an 'Größe — war, und er und ich — Mitbürger eines Landes! . . . Als ich las, wie die Patrioten die Revolution planten und die Frauen ihre Söhne Hingaben, in der Schlacht zu sterben, und die Helden dm Sieg davontrugen und das sich freuende Volk die Reprcklik gründete —, da dämmerte das Bewußtsein langsam in mir auf, was mein Land bedeutete. . . . Fa, ich wußte, daß Polotzke nicht meine Heimat ioar; es war Goluth- Exil. Die Erzählung aus Exodus war für mich nicht Geschichtfe indem Sinne wie die der amerikanischen Revolution." Dieses Zitat erweist zur Genüge, was wir von der Dichterin und ihrem Buch,o zu halten haben. Sie ist eins Afsimilatorin reinsten Wassers und würde für uns von keinem Interesse sein, wenn sie nicht in ihrem Vater einen Charakter gezeichnet hätte, für den wir ihr dankbar sein müssen. Er war arm — diese Armut, mit der uns Zangwill in manchen seiner Typen bekannt macht. Er war einer der Denker und Träumer unserer Rasse mit dieser vollkommen nichtjüdischen llntauglichkeit für das Geschäft. Er gründete kleine Kramläden, hausierte mit Kastanien und Nüssen und bankrottierte in seinen meisten Versuchen, um wieder und immer wieder von neuem zu beginnen im festen Entschlüsse, seinen Kindern oder wenigstens seiner glänzenden Miriam das Glück einer guten Bildung zu hinterlassen. Indem sie dieses Bild entioirst und unbewußt auf sich das Ghetto cinwirken läßt, zeigt Mary Autin, wie tief sic noch trotzdem im Judentum wurzelt. Sie mag Zweige, Aeste gewaltsam abhauen, die Wurzel ist gesund und treibt unwillkürlich neue Keime. Bei alledem ist cs wunderbar, wie künstlerisch die junge Dichterin es versteht, von einer Erzählung zur anderen, von einer Skizze, von einer photographischen Illustration zur anderen, überhaupt von Stimmung zu Stimmung hinüberzngleiten — denn der Roman ist keineswegs einheitlich —, ohne den Zusammenhang zu verlieren, den llebergang merken zu lassen und an Spannung einzubüßen. Wie gesagt, das Buch ist das originellste, das in der englischen Literatur in der jüngsten Zeit erschienen ist. An manchen Stellen erinnert uns die Autorin zwar an die berühmte Amy Levh, an das grübelnde Temperament dieser unglücklichen Ghettodichterin; allein die Lebens- und Siegessreude, in der sie schreibt, das sichere Bewußtsein, die große Tragödie des Gvluth überwinden zu können, ist unvergleichlich. Zufällig hat das Werk auch eine wichtige Beziehung zur Frage der Zukunst der Vereinigten Staaten, und das dürfte wohl der Grund sein, weswegen es in so kurzer Zeü die Aufmerksamkeit des allgemeinen Interesses auf sich gelenkt hat. „Der wahre Amerikaner", sagt Mary Autin, „wie ihn die Zukunft kennt, ist noch nicht geboren. Die merkwürdigen neunzig Millionen Menschen aus allen stoßenden Rassen des Planeten in ihren stoßendsten Exemplaren müssen sich in einem Typus zurechtrücken. Was für ein Prozeß in der Chemie der Entwicklung! Wer könnte das Resultat voraus» sehen?" _ Erklärung. Die von der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands-' Unterzeichneten „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum" leugnen den göttlichen „Du großer, weiser König," sprach die Königin voller List, „voll ist die ganze Erde Deines Ruhmes und hochgepriesen von allen wird Deine Weisheit. Nun aber sage mir schnell, welche von den Rosen, die ich in. meinen Händen trage, die echte und welche durch Menschenkunst hergestellt ist?" Satomo schwieg, während die Umstehenden verblüfft Las Haupt schüttelten. Sollte es möglich sein, daß der König eine solche einfache Sache nicht erraten konnte? „Welche ist die echte?" wiederholte die Königin ihre Frage voller Hohn und Spott. „Sollte Deine vielgerühmtc Weisheit schon bei einer solchen kleinen Sache Dich im Stiche lassen?" Salomo schwieg noch immer, und tiefe Falten legten sich auf seine Stirn, als gelte es, das größte Lebensrätsel zu erforschen. Plötzlich aber richtete der König sich auf, und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. Während alle gespannt lauschten und mit verhaltenem Atem schwiegen, hätte er ein leises Summen vernommen und . aufblickend eine Biene bemerk, die hin und her flatterte und nach Nahrung suchte. „Oeffnet das Fenster!" befahl' der König kurz. Kaum war dieses geschehen, da kam auch schon die Biene ins Zimmer gefwgeu und ließ sich mit lautem Summen auf eine der Rosen nieder, die die Königin in der Hand trug. Salomo deutete auf das Tierchen und sprach mit überlegener Rrche: „Siehe, Königin, nur aus echten Rosen kann die Biene Honig saugen!" Salomo und die Ameisen. Während die Königin von Saba, die jetzt von Salomos Weisheit überzeugt war, noch länger als Gast in Jerusalem weilte, unternahm der König ihr, zu Ehren einen Spazierritt, von dem beiderseitigen Gefolge Begleitet.; Sie kamen zu einem Ameisenhaufen, und da Salomo auch die Sprache aller Tiere und Geschöpfe verstand, so hörte er das Jammern und Klagen der kleinen Wesen, die also sprachen: „Wochen und Monate haben wir mühselig und fleißig hier bei unserem Ban gearbeitet, und nun kommt der großtz König, dessen Klugheit alle Menschen preisen,' um unser Werk mit seinen Füßen zu zertreten und zu vernichten!" Salomo beugte sich zu feiner Begletterin und berichtete ihr, was er soeben vernommen hatte. „Erhabener Monarch," erwiderte die Königin mit glatter Zunge, „glücklich und zufrieden solllen sich die preisen, von dem Fuße eines solchen gottbegnadeten Mannes eines schnellen Todes zu sterben! — Du, dem solche göttliche Eigenschaften innewohnen, solltest auf solche niedrige Geschöpfe Rücksicht nehmen wollen? Sollten diese gegen Dein Tun murren dürfen, wenn Könige und Fürsten Deinem Winke gehorchen müssen?" „Nicht doch!" wehrte Salomo. „Die erste Pflicht des Starken ist es, die Schwachen zu beschützen und die Toren zu belehren." Bei diesen Worten machte er einen großen Bogen um den Ameisenhügel, sodaß die andern ihm folgen mußten, und das Werk der kleinen, fleißigen Geschöpfe blieb unzerstört. Die Königin, deren Roß der König ebenfalls zur Seite gelenkt hatte, schlug beschämt ihre Augen nieder, und nach einem längeren Schweigen sprach sie: „Jetzt erst habe ich die Quelle Deiner Weisheit erkannt und weiß nun, warum Du bei Gott und Menschen so beliebt bist! Heil dem Lande und dem Volke, dessen Herrscher mehr auf die Klagen der Armen als auf die Schmeicheleien der Höflinge und Großen hört!" . Sie übergab dem König reiche und kostbare Geschenke und kehrte dann nach ihrem Lande zurück. Sie hörte nicht auf, Salomos Güte und Weisheit zu preisen, und unterließ es nicht, reiche und freiwillige Opfer alljährlich nach Jerusalem zu schicken. 4780