Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 47 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dem Hilfs verein der Deutschen Juden werden jetzt nähere Einzelheiten über die Ä u s s ch r e i t u n g e n mitgcteilt, deren Opfer die Inden Salonikis nach der Einnahme der Stadt durch die Griechen geworden sind. In allen Teilen Salonikis, das ja über die Hälfte Inden zählt, namentlich aber in den speziell jüdischen Merteln, haben sich schwere Exzesse ereignet. An denselben haben sich Soldaten in erster Reihe, dann aber auch einheimische griechische Bürger Salonikis, sei cs allein, sei cs im Bunde mit den Soldaten, beteiligt. Unter dem Borwand, nach Waffen resp. Sprengstoffen — insbesondere nach der Explosion des Pulverturms in Saloniki — zu suchen, wurden die schutzlosen jüdischen BewvhNcr beraubt. Dabei kam es zu schweren Mißhandlungen, wobei weder Frauen noch Kinder und Greise! geschont wurden. Privatwohnungen, Läden ivurden geplündert, Synagogen entweiht. Das Gerücht, daß einige Evzonen (griechische Soldaten) durch Juden vergiftet worden seien, wurde von den griechischen Zeitungen der Stadt, namentlich dem Journal Embros, zur Hetze gegen die Juden Salonikis ausgenntzt. Obwohl eine sofort eingeleitete Untersuchung die völlige Grundlosigkeit dieser. Beschuldigung ergab, so ivurden doch die Leidenschaften der durch die Kriegsvorgänge schon erregten Massen, sowohl der Zivilbevölkerung wie auch unter beit niederen Soldaten, dadurch stark gegen die Inden aufgestachelt, denen man vorwarf — gleichfalls unberechtigt —, daß sie eine unfreundliche Haltung beim Einzug der Griechen eingenommen hätten. An Einzelheiten sei folgendes angeführt: Im Quartier des Campagnes wurde der Jude Schouchino unter dem Borwande, er solle entwaffnet werden, von einein einheimischere Griechen und zwei Soldaten unter Bedrohung mit Bajonett und Revolver seines Portemannais beraubt, das 12 Ltq. enthielt. Im Quartier Tchamekjdi, einem speziell jüdischen Mertel, wütete die! Soldateska so arg, daß sich der Bewohner eine große Panik bemächtigte. Anr 12. November, nachts um 11V2 Uhr, zogen mehrere griechische Soldaten in Begleitung von Eingeborenen in das Mertel, zerschlugen die Fensterscheiben fast aller Häuser und zwangen die Insassen uirter Todesdrohüngen, itynen all ihr Geld zu geben. Vierzehn Personell lvurden gefesselt abgeführt. Der Laden des' Krämers Jssak lvurdc geplündert. Sie drangen dann in die Synagoge, deren Fensterscheiben und Kultusgegenstände sie zerbrachen. Im Quartier Hirsch wurden tagelang terroristische Akte begangen und zwar von Soldaten und voll einheimischen Griechen. Eine große Akdje Mesdjid. Bestohlen wurden um Geld, Wäsche, Schmuckgegenstände, Kleidungsstücke u. a. Hiskia Eatan, Mme. Bea Cap'on, Israel Lea, Wwe. Esther Cohen, Sabatay Beja, Abraham Nordoh, David Soestiel. Owadia Levy, Jacob' Mache, Abram Arabadji, Manouel Sroumdjaci wurden nach Plünderung ihrer Häuser verhaftet. In das Haus Abraham Attias drangen vier Soldaten, die alles dnrchtvühlten und ihn und seine Frau mißhandelten, tveil sie nichts fanden. Die Nachbarin Esther Veissi, die Hrbeieilte uird um Hilfe rief, erhielt gleichfalls Schläge und außerdem wurden ihr 8 Ltq. und wertvolle Schmuckgegenständc gestohlen. Zuletzt wurde Attias gefesselt ab- Zahl Häuser wurde geplündert. Dasselbe Schicksal hätte die Synagoge. _ In der Straße Sie. Sophie wurde ein jüdischer Leichenzug von einzelnen einheimischen Griechen beschimpft, der voranschreitendo Rabbiner Isaak Versana wurde mißhandelt, und man jagte ihn . fort. Es bildete sich ein Auflauf, und schließlich mischten sich Soldaten drein. Der Leichenzug wurde angehälten, der Sarg ans die Erde gestellt. Nach langem Hin und Her mußte die Beerdigung schließlich auf einein anderen Wege erfolgen.. Besonders viele Ueberfälle, bei denen es auf Raub abgesehen war, ereigneten sich im Quartier Erwähnt sei noch, daß in einem Falle auf Beschwerde von Leuten, die als „Dyuainitards" verhaftet worden waren, griechische Soldaten von vorübergehenden griechischen Offizieren dilrchsucht tvorden sind und bei ihnen noch der Raub, Öfclb und Schmucksachen, vorgefunden wurde. Daraufhin erfolgte die Verhaftung der Soldaten. In dem Mertel Akdje Mesdjid wurde die Tür der Synagoge Catan eingeschlagen, die Kultusgegenstände ivurden auf den Boden geworfen und mit Füßen getreten. Acht jüdische Familien, die in der Nähe der Synagoge wohnten und flieheil ivollten, wurden mißhandelt und ihre Häuser geplündert. Weitere Nachrichten besagen, Laß das Magazin von Mourad Oglvn geplündert worden und man für 400 Ltq. Waren gestohlen hat, bei Razinr Monteja hat man 300 Ltq. entwendet. Soldaten und Einheimische sind in das Landhaus des reichen Ahmed' Capändji gedrungen und haben ihn mit dem Tode bedroht und alsdann sein Haus geplündert, 1000 Ltq. uiid feine Familienkleinodien, die einen Wert von 2000 Ltq. darstellcn. genommen. Es sind sogar, wie von verschiedenen Seiten übereinstimmend gemeldet wird, Vergewaltigungen von jüdischen jungen Mädchen vorgekommcn. Diese Fälle sind nur herausgegriffene! Beispiele; es liegen noch mehr Meldungen über vorgekommene Ausschreitungeil vor. Von Interesse ist es, daß selbst bei beim Großrabbiner zwei Soldaten in Begleitung von zwei eingeborenen Griechen vorsprachen und' ihn um Znstcllung von 300 Gewehren ersuchten, dis er inr Besitz haben sollte. Der Großrabbiner protestierte mit Entrüstuilg gegen die Beschuldigung und erklärte, daß er die Durchsuchung seines Hauses freistelle, aber sich alle tveitereu Rechtsschritte Vorbehalte. Daraufhin ständen die Soldaten von der Durchsuchung ab. Es erscheint außerordentlich auffällig, daß die Haussuchung bei einer so hohen Persönlichkeit. tvie dem Großrabbiner in so formloser Weise dllrch griechische Soldaten vorgenommen werden sollte, und die Vermutung, daß ein Anitsmißbrauch vorliegt, erscheillt hier wohl nicht unbegründet. Der Großrabbincr führte über die vorgekommenen Ereignisse insbesondere über die falsche Anklage bezüglich der Vergiftung von griechischen Soldaten durch die Juden,— Beschwerde beim Präfekten Argiropoulos, der sein Bedauern über die Zwischenfälle, namentlich über die Haltung der griechischen Presse, ausdrückte. Eine Delegation jüdischer Journalisten erhob über die letztere gleichfalls bei Herrn Jean Dragoumis, politischem Beirat des griechischen Generalstabs, . Klage. Sie führten aus, daß nach der Ankunft der griechischen-.Armee inSaloniki die griechischen Zeitungen, an ihrer Spitze der Embros, eine heftige Campagne gegen die Juden Salonikis unternommen und zahlreiche falsche Gerüchte gegen sie in die Welt gesetzt hätten, u. a., daß eine jüdische Deputation sich an die Vertreter auswärtiger Mächte gewandt hätte, um zu bitten, die Juden Salonikis gegen die griechische Armee unter ausländischen Schutz zu stellen. Das alberne Märchen von der Vergiftung von Brunnen durch die Juden sei überdies mit zahlreichen Details erzählt worden und enthielt Insinuationen aller Art. Herr Dragoumis erwiderte u. a. folgendes': „Ich bin Freund der Juden, der«! Charakter und Arbeitskraft ich schätze. Ich persönlich glaube nicht alle Erzählungen der griechischen Zeitungen unserer Stadt, durch die tatsächlich die öffentliche griechische Meinung erregt wird." Er fügte hinzu, daß, da Verhaftungen von Juden in der Angelegenheit einmal erfolgt seien, der Justiz ihr Lauf gelassen werden müsse. Die griechische Presse hätte aber keine bestimmten Behauptungen ausstellen dürfen. Er werde aber die Leiter der griechischen Presse auf ihre Pflicht Hinweisen, im Sinne der Eintracht und nicht der Zwietracht zu wirken. Die jüdischen Journalisten erklärten darauf noch die reservierte Haltung der Juden beim Einzug der Griechen damit, daß sie nicht im Augenblick desselben als bisherige Ottbmanen ihnen entgegen-! jubeln konnten, denn Las hätte! Verachtung verdient. Herr Dragoumis gab die Berechtigung dieses Standpunktes zu. Eine jüdische Deputation, bestehend aus dem Großrabbincr, dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde und zwei anderen Notabeln, hat den König von Griechenland ausgesucht, der sie wohlwollend enrpfing. Der König dankte für die zum Ausdruck gebrachten guten Wünsche und sprach sein lebhaftes Bedauern über die unglücklichen Zwischenfälle ans, die zwischen Griechen und Juden stattgöfunden hätten. Aus de« Ereignissen des Tages. 1. 3ur Entscheidung innerhalb der „Agudas-Jisroel". Jede große Volksorganisation Pflegt in einem Sturm der Begeisterung gegründet zu werden, in den: sich alle, sonst noch so despäraten Glieder einigen und brüderlich die Hand einander reichen.. Und erst nach und nach, wem: die Wogen der Begeisterung sich abgeflaut haben, beginnen die natürlichen Kümpfe wieder hervorzutreten, und die inneren Kämpfe setzen ein. In dieser Weise vollzog sich der Entwicklungsgang aller großen jüdischen Organisationen, sei es eine philantropische Organisation wie die Alliance oder sei es eine nationale wie der Zionismus. Nur die Entwicklung einer neugegründeten großen jüdischen Organisa-, tion scheint andere Bahnen einzuschlagen: wir meinen den Weltverbänd der Orthodoxie, die „A g ndas-Jisroel". Hier, konnte nicht einmal jene notwendige Einheit wenigstens für die erste Zeit erzielt werden, ohne die die Besserung, die Ausgestaltung einer solchen Organisation unmöglich ist. Die „Agudäs-Jisroel" hat gleich am ersten Tage ihrer Gründung mit Kämpfen nach außen und Uneinigkeit im Innern begonnen. Und die Ursache dieser beiden traurigen Erscheinungen in der Gründüngsgeschichte der „Agudas-Jisroel" ist ein und dieselbe Gruppe, die relativ enge Schar der unbedingten Trennungslcute, die an Rührigkeit und Rücksichtslosigkeit das zu ersetzen suchen, was ihnen sowoW 4