Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 46 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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",f M Nr. 46 des liftii|ifttttec IsmkMm FamlimklMs. Josef David Sintzheim. (Zu seinem 100jährigen Todestage.) Bon Max David, Fran'kfurt sä. M. (Schluß.) Nachdem das jüdische Parlament seine Hauptaufgabe erfüllt Hatto, trates einstweilen ab voll der Stätte seiner Wirtsanlkeit, um nach» dein Willen Napoleons durchs das Sanhedrin ersetzt zu werden. An Zahl der Mitglieder und in den äußeren Formen sollte es ein Abbild des alten. Sanhedrin der Einundsiebzig darstellen, das einst im Tenrpel Kl Jerusalem tagte. Seine Aufgabe sollte zunächst darin beruhen, die in dem Parlament gefaßten Antworten ncch einmal dürchzuberaten und ihnen die Form von Gesetzesentscheidungen zu geben. Zum Chef des Sanhedrin mit dem Titel „Nassi" war das hcHangesehane und bedeutendste Mitglied der Notabelnversammlung, der fromme und gelehrte Rabbiner David Sintzheim, Punchs den Minister bestimmt worden. Zwei Beisitzer mit denk Titel „Ab Bet-Din" und dem Titel „Chachjam" traten ihni zur Seite. Voraus wollen wir bemerken, daß dies Sanhedrin von Napoleons Gnaden voin jildischen Standpunkt aus nicht existenzberechtigt tvar und daß seine Disqualifikation schon in der Zusammensetzung seiner Mitglieder — -'s Rabbiner, Vs Laien — ausgesprochen war. David Sintzheim, voll der innigsten Liebs Kirn Judentum und zu seiilem Bolke durchglüht, nahm die ihm voin Minister bestimmte Nassi-Würde an, weil er sie nicht ausschlagen konnte und nicht ausschlagen dürste. Auch trug er sich im Stillen mit der Hoffnung, daß es ihm jetzt möglich sei, der ominösen dritten Antwort, die ihür viel Kummer -bereitete, bei der nochmaligen Durchbeberatung eine andere Fassung geben zu können. Auch wollte er mit aller ihm zur Verfügung stehdnden Kraft verhindern, daß Gesetze sanktioniert würden, die der jüdischjen Lehre widersprachen. Am 3. Februar 1807 trat das Sanhedrin zum erstemnale Zusammen. Aber auchs es merkte gar bald, daß es nur ein Werkzeug in der Hand Napoleons war, der absolut nicht gewillt war, ihm freie Hand Kr lassen. Die Arbeit int Sanhedrin zu schildern, würde hier zu weit führen, nur sei bemerkt, daß es dem Einfluß David Sintzheiins gelang, wenistens die Fassung der drjtten Antwort anders zu gestalten. Sie wurde in einer solchen Weise — insbesondere im jüdischen Texte — verklausuliert, daß nur Unverstand und böser Wille die Sanktionierung der Mischehe herauslesen können. Jedochi mag es David Sintzheim sehr schwer geworden sein, seinen Namen unter eine Entscheidung zu setzen, die der vorsätzliche gewissenlose Sünder zu seinen Gunsten auslegen konnte. Die Frage wäre berechtigt, ob Sintzheim unter diesem unerträglichen Geivissenszwange nicht besser auf die Nassi-Würde verzichtet hätte und von seinem Posten Kirückgetroten wäre; aber einerseits war er durch ministerielle Entscheidung zu dieser Würde gelangt, andererseits hätte er durch seinen Rücktritt einem Sauhedrialmitglied seinen Platz eingeräumt, das .vielleicht, minder bedenklich, die Judenheit auf den Weg des Mfalls geführt hätte. Nein, er hielt es für seine unbedingte Pflicht, gleich einent Feldherrn auf seinem Posten auszuharren und' jedenfalls Kr retten zu suchen, was zu retten war. Und es traten noch! weitere große Versuchungen an das Sanhedrin heran, und da hieß es für David Sintzheim, standhaft sein. Von liberaler jüdischer Seite wurden Denkschriften eingereicht, worin die Zlufhebüug religiöser Vorschriften gewünscht wurde. (Alls dem Wust dieser Denkschriften habe ich eine hervor; tze ist von einem Josef Bamb'erger „an das hichwohllöbliche große Sanhedrin, insonders hochgeehrte Herren" gerichtet, worin der Verfasser nichts geringeres verlangte, als daß das Sanhedrin u. a. das jüdische Gebet verpöne, die Erlernung der jüdischen Sprache für die Kinder verbiete, die Schjechitäh untersage usw.) So stand Sintzheim auf der Wacht. Und wenn wir mit Recht die ganze Sanhedrialtätigkeit als ein Unglück für Israel bezeichnen müssen, weil man die Mitglieder zwang, gegen ihr Gewissen und gegen ihre Ue'berzeugung Tekonaus zu erlassen und, um der.Tauroh gerecht zu werden, sich im Zickzack zu bewegen, müß andererseits betont werden, daß das Sanhedrin) entgegen allen gehegten Befürchtungen, sich! sonst von jedem direkten Eingriff in die Satzung des Judentum sürngehalten hat und daß es alle Bestimmungen der schriftlichen und' mündlichen Lehre in ihrer Integrität bestehen ließ Und dies ist das unleugbare große Verdienst David Sintzheims, daß er darüber wachte, daß unter seiner Leitung und mit seinen! Willen kein Stein aus dem dem erhabenen Gebäude des Judentums gerissen wlirde. Zum Glück bestand das Sanhedrin nur einen Monat. Im folgenden Jahre genehmigte der Kaiser die Konsistorialverfassung, von der wenig Rühmliches zu melden ist. Ein Zentralkonsistorium mit seinem Sitze in Paris trat an die Spitze der französischen Judenheit, und David Sintzheim ward ihr erster Präsident, welches Amt er mit viel Umsicht und Tatkraft bekleidete. Wie sehr er darauf vedacht war, daß das jüdische Gesetz unangetastet blieb, beweist' ein Brief, den er an den Präsidentcil des westfälischen Konsistoriums in Kassel, Israel Jakobsen, gerichtet hat. In diesem geharnischten Schreiben ,nacht er Jakobsen die bittersten Borwürfe darüber, daß er ein Verbot (der Genuß von Reich Hirse und Hülsenfrüchten am Pessach) aufgehoben, und.inachte es ihni zur unbedingten Pflicht, den Erlaß wieder zurückzunehinen. So lebte und wirkte David Sintzheim bis zu seinem Tode, der in der Nacht auf Dienstag, 10. November 1812, erfolgte. Ueber das Ableben dieses bedeutenden Mannes berichtet der Moniteur, das offizielle Staatsorgan, vom 14. November 1812 folgendes: „David Sintzheim, Großräbbiner und Präsident des Central- Ccnsistoriums, Vorsitzender des großen Synhedrin 1807, ~ ist in der Nacht von Montag auf Dienstag verstorben. Die Beerdigung hat am Mittwoch, den 11. ds. Mts., stattgefilnden. Tausende waren herbeigeeilt, um dem Verstorbenen das letzte G!eleite zu geben. Der Trauerzug bewegte sich zur Synagoge, die mit schwarzem Flor ausgeschlagen war, und hier wurden zunächst in feierlichster Weise die Trauergebete verrichtet. Abraham de Cologn a, E m a n u e l D c u tz, Großrabbiner, und I a k. Lazar, Laien-Mitglied des Central-Eonsistoriums, hielten ergreifende Reden, durch die sie ihrem Bebauern und ihrem tiefen Schmerze über den teuren Verlust ihres hochwürdiaen Kollegen Ausdruck verliehen; ihre fchmerzlichen Gefühle wurden von allen Anwesenden geteilt. Dieser ergreifenden Zeremonie schloß sich auf dem Friedhof eine Handlung an, würdig bemerkt zu werden. M a r r u, Pastor und Präsident des protestantischen Konsistoriums, hätte die sterbliche Hülle des Großrabbiners bis zum Friedhöfe begleitet, und hier, am Rande des Grabes, hielt er unerwartet eine ergreifende Rede, in der sich tiefste Gelehrsamkeit mit den schönsten Reizen der Beredtsamkeit vereinigte. Dieser Betveis einer höflichen, brüderlichen Eintracht ist ein leuchtendes Beispiel der religiösen Toleranz." Ein in Phramidenform gehaltenes Monunient wurde xhm aus allgemeinen Mitteln errichtet. So ehrte die Judenheit ihren großen David Sintzheim noch im Tode. Und wenn man der großen jüdischen Männer gedenkt, dann darf auch der Name Josef David Sintzheim nicht unerwähnt bleiben. Frankfurter Berichte. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen wählte in seiner Generalversammlung Professor Sigwart Ruppel neu in den Vorstand und den ausgeschiedenen Philipp Schiss zum Ehrenmitglied des Ausschusses und des Vereins. Die Zahl der Schwestern betrug am Ende des Geschäftsjahres 32, die der Lehrschwestern 10. Mit dem Krankenhansneubau der israel. Gemeinde wird auch ein neues Schwesternhaus errichtet. Das bisherige Schwesternhaus ist von der israclit. Gemeinde übernommen worden. Der Verein selb st ändiger israelit. Handwerker u. Gewerbetreibender E. V. veranstaltet am 27. Novbr., abends 8 Uhr, einen öffentlichen Vortrags- Abend im Saale der „Alemannia" Herr Berlin aus Hamburg, Mitglied des Ausschusses der dortigen Israelitischen Gemeinde, referiert über: „Vorurteil gegen jüdische Handwerker unter spezieller Berücksichtigung Frankfurter Verhältnisse." An den Vortrag soll sich eine freie Aussprache anschließen. Der Eröffnungsabend des. Verein „Tisereth Bachurim", der im neuen Bereinslokal, Bleichstx. 70, stattsand, erfreute sich eines guten Besuches. Nach dem Gemoro - Schiur unter Leitung des Herrn Rabb. Dr. I. Horovitz, hielt Herr Willy Müller einen Vortrag über „Goethes und Schillers Beziehungen zum Indent n in." Der Referent mies an^ das Interesse hin, das Goethe den jüdischen Bräuchen bereits als Knabe emtgegenbrachte, wie er später selbst als Minister vorurteilslos mit Juden verkehrte, wie er die Bibel hochschätzte und sogar zahl-- .reiche Gedanken und Zitate in seinen Werken und Briefen verwertete, und schließlich, wie er die Geschichte der Juden in Romanen zu schildern gedachte, ohne daß jedoch mehr als einige Fragmente erhalten geblieben wären. Auch bei Schiller ließen sich Parallelen zu dem oben Gesagten ziehen, namentlich bezüglich der auch bei chm sich reichlich findenden Bibelanklänge. An den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bortrag schloß sich eine rege Diskussion an. Im Frankfurter Verein für Statistik und Demographie der Juden (Vorsitzender: Rechtsanwalt Dr. Budge) sprach Rechtsanwalt Dr. Bl an, der Leiter des Büros für Statistik der Juden in Berlin, über „Die Bedeutung der Statistik der Juden und ihre Aufgaben für die Zukunft." Redner zeigte, welchen Nutzen die Statistik für uns Juden im Kampfe um die. Erreichung der Gleichberechtigung hat, indem sie manche Behauptungen und Vorurteile zahlenmäßig widerlegt, und wie sie den jüdischen Gemeinden für steuerliche und Wohlfahrtszwecke unentbehrlich ist. Der zionistischen Bewegung muß das Verdienst zuerkannt werden, das Interesse für eine jüdische Statistik erweckt zu haben. Redner bespracht sodann die respektablen Leistungen des vor sechs Jahren gegründeten Büros für Statistik der Juden. Die Verwaltung des Moritz und Johanna Oppen heim er scheu Kindergarten für I kr Loli t e n beschloß in ihrer jüngsten Sitzung, den vor zwei Jahren verstorbenen .Herrn Sally Loewenick, in Anbetracht seiner hervorragenden Verdienste, in die Liste der Ewigen Mitglieder einzntragen. Auch fand eine Gedenkfeier ihm zu Ehren statt. Die Franks. Zion. Bereinigung hatte Dienstag eine Mit g lie derv erfammlnng. Parteisekretär Curt Rosenbanm-Berlin beleuchtete die Lage in der zionistischen Bewegung, dabei besonders die Ereignisse auf dem Balkan und das jüdische Leben in Deutschland in seiner Beziehung zum Zionismus würdigend. In der anschließenden Disßljsion sprachen Rechtsanwalt Dr. S i e g f r. S ch w a r z s chi l d, Zahnarzt Nathan, D. Dachauer, I. Levy und S. Geis. Der musikalisch-deklamatorische Abend des „Montefiore"- Vereins gewährte wieder einen reinen künstlerischen Genuß. Die Töne des Klaviers fanden ihren sie beherrschenden Meister in Siegfried! Würzburger und Frau Dr. Mannheimer, die des Jnstrumentalvortrages in Ella Cahn, Anna Rosenthal ustb Richard Strauß. Sophie Horovitz und Hugo Michel hielten den gesanglichen Teil auf den Höhen der Kunst und Nellh Bamberger den rezitatorischen. Aus dem Programm sei erwähnt, daß bei den Rezitationen der 100jährige Todestag Ludwig Uhlands (13. November 1912) pietätvolle Berücksichtigung fand. Der „Zentralverein israelit. Gemerndemitglieder" hielt am Dienstag Abend bei starkem Besuche im Knrjaal Milani eine Mitgliederversammlung vertraulicher Natur ab. Auf der Tagesordnung standen als erstes: „Die bevorstehenden Ausschlußwahlen," als zweites: „Aktuelle jüdische Fragen." Bezügl. der Ausschußwahlen hat eine Einigung mit den Liberalen stattgefunden. Die Versammlung beschließt nach dem Anträge Levigard die Einsetzung eines zehngtiedrigen Wahlausschusses. Zn Punkt 2 der Tagesordnung wurde einstimmig eine Resolution gegen die sogenannten „liberalen Richtlinien" angenommen. Aus der zionistische» Beweg»»,. Köln. Für den Jüd. Nationalsonds find vom 1. Januar bis 30. September dss. Js. 392473 JL gespendet worden; das sind 61000 Jt mehr als im gleicAn Zeitraum des Vorjahres. Dieses augenscheinlich erfreuliche Ergebnis ist bei den in Palästina immens wachsenden Aufgaben leider noch weit hinter dem, was erforderlich wäre. Hamburg-Altou«. Die Misrachi-Gruppe hat in ihrer Generalversammlung den Mitgliedsbeitrag aus 12.— Jfe für diejenigen, die gleichzeitig der zion. Ortsgruppe angehören, und auf 5.— \M. für die anderen Mitglieder erhöht. Dr. S. Möller, Emil H. Lipstadt, Hermann Warisch und Frl. I. Wolfs wurden wieder und Jacob Herz wurde neu in den Borstand gewühlt. Nürnberg Die Zion. Ortsgruppe Nürnberg-Fürth erläßt in dem „Frank. Kurier folgenden Protest: .Herr Rabbiner Dr. Freudentha,l hat es für richtig befunden, in feiner Samstag-Predigt vom 16. November er. die zionistische Bewegung anzngreise» und herabznsetzen. Auf die Angriffe selbst werden wir an anderer Stelle antworten. Wir erachten es aber als unsere Pflicht, dagegen zu protestieren, daß die Kanzel benützt wird, um Bo» 4280