Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 46 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Veröffentlichung der Richtlinien für das liberale Judentum wird einen bedeutsamen, einen historischen Moment in der Geschichte der deutschen Fndenheit bilden. Sie wird einerseits den Abschluß einer folgenschweren Entwicklungsreihe innerhalb des deutschen Judentums darstellen, andererseits aber eine gewichtige Lehre für die Zukunft enthalten. Die „Richtlinien", zeigen nämlich mit aller Deutlichkeit, wohin das Bestreben, die jüdische Religion zu „modernisieren", in seiner praktischen Realisation, der Reform, führen mutz: zu nichts Geringerem als Au der Aufstellung eines neuen religiösen Judentums. Denn darüber werde man sich doch klar: Was in diesen Richtlinien vorliegt, ist ein neues religiöses System, das an Stelle der jüd. Religion, wie sie bis heute gilt, gesetzt wird. In den „Richtlinien" wird zwar kein direkter Angriff gegen das bisher Geltende unternommen, aber mit der Aufstellung der neuen „Richtlinien" ist doch selbstverständlich die Entthronung der alten bisherigen unauflöslich verbunden. Wer diese „Richtlinien" anerkennt, bekundet damit, daß er die alten nicht mehr anerkennt. Und so bedeuten die „Richtlinien" bei einiger logischer Konsequenz die Kodifizierung eines neuen Glaubens, der im wesentlichen vom historischen Judentum abweicht. Als die Rabbinerkomniission der liberalen Vereinigung an die Ausarbeitung dieser Richtlinien ging, hat sie gewiß nicht die Absicht gehabt, einen neuen religiösen Glauben zu kodifizieren. Dies hat der Vorstand der liberalen Rabbiner jetzt wieder erklärt, und darin muß ihm unbedingt Glauben geschenkt werden. Diese.Verfasser der Richtlinien hatten nichts anderes vor, als das, was den Inhalt der Reform von Holdheim und Abr. Geiger bis heute im wesentlichen ausmacht, systematisch zusammenzusassen. Und haben nicht gewußt oder geahnt, welch ein ungeheurer Unterschied zwischen dem Abfall vieler einzelner Juden vom historischen Judentum und der bewußten Abwendung einer geeinten Gruppe besteht. Wenn 100,000 einzelne Juden die religiösen Postulate des historischen Judentums nicht anerkennen, wenn 100,000 Juden! den Sahbath und die Speisegesetze nicht beobachten, so bleiben sie dennoch Juden. „Jehudi af al pi chotoh, jehudi hawe", ein Jude, der gesündigt hat, bleibt Jude», vorausgesetzt, daß er für sich, als einzelnes, reguläres Individuum sündigt. Wenn aber 100 Juden zusammentreten und erklären: ^Vir erkennen nicht mehr das alte Judentum an, sondern nur das und dies, so stellen sich jene 100 außerhalb der jüdischen Gemeinschaft, weil sie kollektiv, als Gruppe, als Organisation, den Abfall vollziehen. Nicht die Abkehr vom historischen Judentum stellt einen Juden außerhalb des Judentum, erst die Organisation dieses Abfalles, seine kollektive Ausdrucksform tut es. Und eine solche organisierte, kollektive Abkehr stellen die Richtlinien dar. Dies mögen ihre Verfasser zugeben oder nicht, fiir jeden logisch Denkenden ergibt sich das von selbst. Und dann stellen die „Richtlinien" einen Angriff dar auf die Einheit der j ü d. G e s a m t h e i t. Denn diese Einheit wird heute konkret durch den Komplex von Gesetzen und Normen repräsentiert, die das historische Judentum ausmachen und das jüdische Volk als einigendes Band umschließen. Andere konkrete Bindungsformein haben wir nicht, solange wir im Golus sind. Und dann ist jede kollektive Abkehr von diesen Komplex von Gesetzen und Normen ein Angriff auf das konkrete Einigungsband der jüdischen Gesamtheit und so nicht nur ein religiöses, sondern ebensosehr ein nationales Vergehen. ,Mit der Einheit des Judentums steht und fällt dasselbe in unseren Tagen. Die Richtlinien des liberalen Judentums bedeuten darum einen Angriff auf die Erhaltung des Judentums überhaupt. - All das sind Konsequenzen, an die — wie gesagt — wohl niemand von den Verfassern und Unterzeichnern der Richtlinien gedacht hat. Sonst hätten sie wohl nicht ein solches Werk zutage gefördert. Dies anzunehmen ist eine Pflicht ihnen gegenüber, sofern man nicht an ihrer Liebe zum Judentum zweifeln will. Und an dieser darf nicht gezweiselt werden. Daß die liberalen Rabbiner mit der Schaffung der Richtlinien im Interesse des Judentums handeln wollten, ergibt sich aus den Berichten über die Entstehung derselben, ergibt sich vor allem aus der vom Vorstand der liberalen Rabbiner in der vorigen Woche in diesen Spalten veröffentlichten Erklär u n g. Diese Erklärung — dies muß bei aller Verurteilung der Richtlinien selbst zugegeben werden — ist eine Tat der liberalen Rabbiner, die manches von der Schuld tilgt, die sie durch die Veröffentlichung der Richtlinien auf -sich geladen haben. Die Erklärung zeigt, daß die ganze Sache nur „beschaugeg" geschehen ist, daß sich keiner der Unterzeichner über die Tragweite der Konsequenzen klar war. . . „Es ist der einmütige Wille der sämtlichen Unterzeichner der Richtlinien, die Einheit des Judentums unter allen Umständen aufrecht zu erhalten." Dieser Satz darf nicht vergessen werden. Er bedeutet einen Schlag für alle die, die bei aller zur Schau getragenen Entrüstung im Innersten doch froh waren, über die Veröffentlichung der Richtlinien, weil sie nun die Zeit für gekommen hielten, der Sache der Trennung dm Sieg zu erringen. Jetzt ist dieser Versuch unmöglich gemacht. Auf Grund dieser Erklärung ist eine Verhandlung mit den liberalen Rabbinern möglich und eine Verständigung sehr wahrscheinlich. Denn was kann die Bereitschaft derselben, ,,in allm dm Punkten, aus denen ein Schisma erwachsen könnte, eine Verständigung mit der konservativen Richtung herbejzusühren", anders Ledeutm, als daß sie die großen Gefahren, die sie herausboschworen habm, einsehen und aus diesem Grunde bereit sind, ihre diesbezüglichen Neuerungen zurückzuziehen? Denn daß die Konservativen, die Vertreter des historischm Judentums, nicht um ein Iota nachgeben können, werden die Herren vom Vorstand des liberalen Rabbinerverbandes wühl genau gewußt haben. Der Standpunkt der konservativen Richtung kann nicht erst neu formuliert werden, der ist schon seit Jahrtausenden fest niedergelegt. Was geändert werden kann und wird, sind die Forderungen der Liberalen!; eine Bereitschaft ihrerseits zur Verständigung kommt also ihrem Verzichte auf die Neuerungm gleich. Die Verfasser der MchtlinienHaben nichts weiter getan, als die Ideen der Reform zu ihrer letzten K o n s e q u e n z.zu treiben und hal^n eigentlich nur das Mißgeschick, in der Realisation dieser Konsequenzen die ganze Gefahr der Reform gezeigt und nun ihr Omen damit belastet zu haben. Die Schuld für die Veröffentlichung der Richtlinien ist also aus das Konto der ganzen Reformbewegung, vor allem ihrer Initiatoren, zu setzen. Wenn darum diese Enkel den getanm Schritt in seinen wichtigsten praktischen Konsequenzm wieder j gut machen, erwerben sie sich nur ein bleibendes 1 Verdienst um das Judentum. Nicht nur werden die liberalen Rabbiner durch eine Zurücknahme ihrer Neuerungen die Einheit des JudMtums bewahrt ' haben, sie werden durch eine solche Tat auch den Gegnern dieser Einheit einen vernichtendenSchlag verhetzen. Denn wenn ' die Einheitsprinzipien überhaupt einer praktischen Rechtfertigung bedürfen, so kann diese nicht glänzender gegeben werden, als sie durch die Erklärung des Vorstandes der liberalen Rabbiner erfolgt und durch eine Einigung derselben mit der konservativen Richtung in noch höherem Grade erfolgen wird. Diese Einigung, und damit die Bewahrung; der Einheit des Judentums, wird einzig und allein der Erfolg des Prinzips sein, auf Grund dessen Konservative und Liberale Mitglieder derselben Ge-, meinde sind. Wenn die Neuerungen der „Richtlinien" wieder fallen gelassen sein werdm, so wird dies nicht ein Verdienst der Trennungsorthodoxie,; sondern der Gemeinde-Orthodoxie sein. In unserer heutigen Nummer veröffmtlichen wir auch die Erklämng des traditionellen Rabbinerverbandes. Die'Erklärungen, die er abgibt, sind solche, die er notgedrungen abgeben muß. Aber bevor er zur Verwirklichung seiner Erklärungen kommt, wird er selbstverständlich in Verhandlungen? mit den liberalen Rabbinern eintretM müssen; und wir sind überzeugt, diese Verhandlungen werden ganz den von beiden Seiten gewünschten Erfolg haben: die Einheit des Judentums aufrecht zu erhalten. Der Gang der Verhandlungen ist von vornherein gegeben. Tie Haltung und Forderung der traditionellen Rabbiner ist fest umschrieben. Sie - können von ihrem Standpunkt kein Jota aufgeben, ohne selbst ihre Heiligsten Prinzipien zu verletzen. Sache der liberalen Rabbiner ist es, diesen Standpunkt, als zur Aufrechterhaltung der Einheit allein fähig, anzuerkennen, und die aus dieser Anerkmt nung sich ergebenden Konzessionen zu machen. Dies wird sie gewiß Ueberwindung kosten. Nmso größer % aber wird dann das Verdienst sein, das sie sich .r um die Sache der Einheit, um die Sache des Judentums erwerben werden. Aus de» Ereignissen des Tages. 3« der Präsidentenwahl in Amerika. Die Präsidentenwahl in Amerika ist! vollzogen, _ und aus dem außerordentlich scharfen : Wahlkampf ist der Geschichtsprofessor Woodrow t Wilson als Sieger hervorgegangen. Damit ist die Herrschaft der Republikaner durch eine solche! der Demokaten ersetzt worden, die auch bei den Senats-v t und Parlamentswahlen den Sieg davontmgm. Gin '; solcher Regierungs- und Parteiwechsel ist natnrge!- j mäß von internationaler Bedeutung, und nicht zum t wenigsten muß er uns Juden interessieren. Amerika r ist ja im letzten Jahrzehnt zu einem mächtigen jüd. J Zentrum geworden, und ist noch immer das Haupt-- 1 land der jüdischen Emigration aus RuUand, Gali- 1 zien und Rumänien, und es muß sich daher ge- « fragt werden, welchen Einfluß der Regierungswechsel | auf diese Rolle Amerikas im jüdischen Leben haben 4 kann. t Da ist von vornherein zweierlei zu unter- » scheiden: die Stellung des neuen Präsidenten und r . seiner Partei zur amerikanischen Judenhöit selbst < und die zur jüdischen Einwanderung. Was das 's