Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 45 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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~ „ M Ht, 45 MMuMrter IsmeliMm Iftmitienfitaffog. Josef David Sintzheim. (Zu seinem lOOjäh'rigen Todestage.) Bon Max David, Frankfurts. M.. (Fortsetzung statt Schluß.) Die Bearbeitung der Fragen wurde einer K o minission überwiesen, der anjch David Sintzheim angehörtc. Dieser geniale Mann schuf die Entwürfe zu meisten Antworten in kaum vier Tagen. Die Aufrollung der dritten Frage jedech> gab Veranlassung zur heftigsten Debatte. Die Frage nämlirfji: ob das jüdische Msetz die Mischehe zwischen Juden und Christen gestatte. Napoleon, in dessen Staatsgebäude. die trennenden Schranken zwischen Juden und Christen ni# hineinpaßten, verlangte die Bejahung dieser Frage. Bereits in der Kommissionssitzung kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Die liberalen Vertreter scheuten nicht -zurück, dieses so bedeutungsvolle Verbot' der Mischehe, diesen Schlutzwall, der Israel seit seiner Existenz rein und unvermischt erhalten hat, niederzureißen und Israel seiner Vernichtung preiszugeben. Die Aengstlichen, die vor Napoleons Machtspruch zitterten "und die die Verantwortung der etiva cntstehenden Folgen nicht auf sich laden wollten, folgten dem Beispiel der Zerstörer. Diesen trat David Sintzheim mit der ganzen Wucht seiner Beredsamkeit entgegen. Auf Grund seiner großen und tiefen Kenntnis der jüdischen Lehre war es ihm ein Leichp tes, sie zu widerlegen. Er blieb jedoch! mit seinem Anhang in der Minorität. Die Kämpfe nahmen ihren Fortgang im Plenum, vor dem die Antworten zur Diskussion gestellt wurden. David Sintzheim machte hier als Führer der frommen Partei noch! einmal seinen Standpunkt energisch geltend und verlangte, daß bei einer solch rein theologischen Frage nicht nach Majorität entschieden, sondern dem Votum der Rabbiner ein größeres Gewicht beigelegt werde. Aber mit diesem gerechten Verlangen drang der wackere Käinpe nicht durch. Sein Anhang blieb in der Minorität. Der Machtspruch Napoleons lag wie eine schwere Gewitterwolke auf der Versammlung und veranlaßte viele Notabeln, die im Herzen für David Sintzheim stimmten, gegen ihr Gewissen sich auf die andere Seite zu schlagen. Es war ein trauriges Schauspiel, das man hier auffi'chrte. Nach heftiger Diskussion ward eine Antwort vorgeschlagen, die — und das ist typisch für die unter dem größten Gewissenszwang erzeugte Antwort — sowohl Napoleon befriedigen und die Parteien des Parlaments, wieder versöhnen, als auch dieGesetzesvorschrist, nicht ganz beiseite schieben sollte. Die Fassung dieser Antwort gelangte trotz düs heftigsten Protestes seitens David Sintzheims zurlAnnahine. Sie lautet: „ . .. Gegen die Heiraten zwischen Juden und Christen könne auf Grund biblischjer Vorschriften direkt nichts eingewendet werden, jedoch könnten die Rabbiner eine solchie Ehe unmöglich einsegnen. ..." Man sieht, wie diese Antwort sich dreht und Nnndet, um zwischen. den beiden Klippen einer Preisgebung düs Religionsgesetzes und einer schweren Gefährdung der burgerlMen Stellung der Juden hindurchzukommen. Die Antwort barg den größten Widerspruch! in sich. War die Mischehe rcligionsgesetzlichl erlaubt, dann war es doch geradezu Pflicht der Rabbiner, sie einzusegnen. Hat der Nach satz dagegen seine Berechtigung, dann kann dieselbe doch! .nur mit dem Religionsverbot begründet werden. Und in der Tat merkten die Juden der damaligen Zeit sofort den Widerspruch!, der m dieser „zweiteiligen" Antwort lag. Man nahm sie daher nW ernst, beachtete kaum dies „neue" Gesetz. So hatte das mannhafte Auftreten David Sintzheims jedenfalls vermocht, einen Beschluß, der die traurigsten Folgen nach sich ziehen konnte, unwirksam zu machen. (Schluß folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Köln. Äm 26. Oktober hielt NahumGoldmann- Frankfurt a. M. in der Ortsgruppe einen Vortrag über „Zionismus nnirPersönlichkeit". Selten hörten wir von einem Redner in dem jugendlichen, Alter des Referenten ein Thema ähnlich tiefgründig und 'rhetorisch wirkungsvoll behandeln. Mach, einem gtückblick auf die'Zeiten des Ghettos, iu . denen! die Juden trotz Knechtung und' Verfolgungen als geschlossene, harmonische Persönlichkeiten lebten, weil sie in dem nationalen und religiösen Zusammenhang einen inneren Halt hatten, kam der Redner auf die Emanzipation und die Jetztzeit zu sprechen u»d führte ungefähr folgendes ans: Die Assimilationsjuden, die so sehr bestrebt sind, sich dem Milieu der nichtjüdischen Umgebung cmznpassen, kranken an der unüberbrückbaren Kluft zwischen jüdischer und fremder Wesensart und erleiden infolgedessen eine Einbuße an Harmonie der Persönlichkeit. Deshalb enthält der Zionismus, der das aufrichtige Bekenntnis zur Nation fordert und die Gesundung der zerrissene» Matur des Juden anstrebt, ein hohes ethisches Motiv. Die seelische Zerrissenheit deS moderuen Juden illustrierte der Vortragende an einigen der Wirklichkeit entnommenen, typischen Erscheinungen, welche die durch die Assimilationssucht hervorgerufene geistige Entartung darstellen. Die Hauptmerkmale dieser Entartung sind: Selbstiroiiie — Beispiel Heine —, Sclbstverachtung — Beispiel Weininger — und die krasseste Form von Würdelosigkeit — Fall Wertheim. Während der Referent die geistige Struktur und die Form kulturellen Schaffens als das Wesen des Judentums hervorgehoben hatte, betonten in der anschließenden Debatte Rabbiner Dr. Hanovcr, Dr. Scheft e l o w i tz, Munk und Dr. Lorch, daß das religiöse Ideal das Charakteristikilm des jüdischen Volkes sei und bleiben müsse, wobei die beiden letztgenannten Redner besonders nachdrücklich und temperamentvoll die Verbindlichkeit und den hohen Wert des jiid. Religionsgesetzes hervorhoben. Demgegenüber präzisierte Dr. Klatzlin und der Referent den zion. Standpunkt wie folgt: Ein Ideengehalt kann nicht das Kriterium des Judentums b.ilden. Die Ideen des Judentums sind, gerade weil sie hohe ethische Werte repräsentieren, in ihrer Anlage dazu bestimmt, Gemeinheit der ganzen Menschheit zu werden und können daher nicht den Bestand der Volksindividualität gewährleisten. Nicht die Erhaltung der Idee, sondern die Erhaltung der nationalen Daseinsformen, wie hebräische Sprache und Kultur, kann die jüdische Wesensart vor dem Untergänge bewahren. Die Bedingung hierfür ist die territoriale Konzentration der Juden in Palästina. Die interessante, lebhafte Debatte hielt das zahlreiche Publikum bis nach Mitternacht beisammen (s. hierzu die Erklärung der Herren Dr. Klatzkin und N. 'Goldmann in heutiger Nummer). ^Frankfurter Berichte. Eine feierliche Stifte lag über der bis zum letzten Platz besetzten Börneplatz-Synagoge, als am letzten Samstag nach Kerias hatauroh Rabbiner Dr. Nobel das Podium bestieg. Ein jeder unter den Hunderten von Zuhörern fühlte es, daß die diesmaligen Worte des geschätzten Redners über den Rahmen einer Sabbatpredigt weit hinausgehen würden. „Verwirf niich nicht vor dir, nimm deinen heiligen Geist nicht von mir," mit diesen Worten begann der Redner in sichtlicher Ergriffenheit, auf den Ernst der Stunde hinweisend. Eine folgenschwere Tat ist vor unseren Augen geschehen: .Auf das seit Jahrtausenden geheiligte und mit dem Blute unserer Väter getränkte sinaitische Gesetz ist ein Angriff verübt worden, ein Angriff von Männern, die berufen sein sollten, das kostbare Vätererbe zu schützen und zu wahren. 'Ich meine die jüngst beschlossenen Richtlinien für das liberale Judentum. Wir wollen bei der Gerechtigkeit bleiben und anerkennen, daß die Urheber der Richtlinien nicht in dem Bewußtsein gehandelt haben, das geschichtliche Judentum anzugreifen, vielmehr in der Selbsttäuschung befangen waren, die abseits stehenden Elemente zu sammeln und ihnen etwas Positives zu bieten. Aber die Wirkung solcher Kundgebungen richtet sich nicht nach den.Wsichten der Urheber, sondern entwickelt sich nach dem Gesetze der Folgerichtigkeit. Die mit unsäglichen Opfern gewahrte heilige Ueberlieferung, das Andenken der großen Männer, die vor mir an dieser geheiligten Stätte lehrten, zwingen mich, — ohne persönliche Spitze gegen irgend jemand — feierlichst und nachdrüMchst Verwahrung gegen die Richtlinien einzulegen. Wohin soll ein solcher Weg führen? Wenn das Gesetz nicht mehr als göttlich, nicht mehr als geoffenbart gilt, sondern als Menschonwerk, — wie kann es Verbindlichkeit beanspruchen? Soll etwa die wandelbare Wissenschaft zur Richtschnur dienen? Warum soll die Brücke, die vom Menschen zu Gott fiihrt, für den modernen Menschen nicht gangbar sein?! „Masso dewar haschem el-jisroel bejad malocht!" Der Grund für ein solches Unternehmen kann nur in der Abneigung gegen eine scheinbare Last („Masso") zu suchen sein. In Wirklichkeit bedeutet unsere Thora aber keine Last, keine Bürde, sondern ein Erheben, was ja, wnrzelhaft betrachtet, auch der Sinn von „Masso" ist. Unsere geoffenbarte Lehre, das Wort Gottes (Dewar haschem) hat von seiner Kraft nichts eingebüßt; auch den modernen Menschen erhebt und vergeistigt die Thora. Entlastung vom Gesetze, — dies wollte ja auch Paulus von Tharsus. Auch er, dem die „Doxa" Panier war, dem das Judentum nur „Glaube" war, hielt dafür, daß die Zahl der Gesetze zu groß sei; er wollte entlasten — und gelangte schließlich dahin, wohin er gelangte. Man sagt: die Propheten sind es, die gegen .das Gesetz eifern. Doch dies ist grundfalsch. Der Prophet trat nur gegen die Veräußerlichung des Gesetzes auf, er wollte nicht abschaffen, sondern verinnerlichen. Und wenn der Talmud sagt: Pinchos se Elio, fe Malachi, se Esra; Pinchos ist Elio, ist Malachi, ist Esra, — so hat das seinen tiefen Sinn. Dasselbe was nämlich der Prophet Elias anstrebte,- wollte auch Esra. der als Bindeglied zwischen den Propheten und de» Männern der großen Synode steht, und sie alle eiferten gleich Pinchos für die selbe Sache. Doch leider gibt es Männer, die sich, als die einzigen, als die besten Juden wähnen und angesichts dieser für ganz Israel so schmerzlichen Kundgebung nicht Trauer, sondern Schadenfreude an den Tag legen. Doch ein wahrer Jude muß ob der Verirrung seiner Brüder tief bestürzt fei»! Wer da noch frohlockt, der ist kein guter Jude. Wir müssen »ns «»klagen, daß wir durch unsere Kleinheit, durch unsere A e u ß erlich k e i t manches verschuldet haben . . . Suchen wir also uns zu verinnerlichen, zu vertiefen und zu heiligen, damit von unserem Beispiel Belehrung aussträmt über alle unsere Brüder. Nie aber dürfen wir daran denken, uns unserer Verpflichtungen gegen die Brüder entledigt zu glauben. Eh« wir es aussprechen, daß es zwei jüdische Konfessionen gebe, eher müßte» wir in Trauer unsere Gewänder zerreißen. Zmn Schluß gibt Redner im Aufträge folgendes kund: „D ieVerwaltungderJfr. Gemeinde er- . klärt, daß sie es als Erfindung, betrachtet, wenn der mit de» Konservativen' geschlossene Vertrag als Konzession auf Widerruf bezeichnet wird. Abgesehen von den Bestrebungen, die konservativen Institutionen im Statut der Gemeinde feftznlegen, fühlt sich die Verwaltung durch den geschlossenen Vertrag sittlich und rechtlich gebunden, den Konservativen ihre verbriefte religiöse Freiheit zu gewährleisten. Insbesondere wird es das Recht der Ritnalkommisjion sein, e intre'tenden Fak-. les dem Vorstand eine Liste von 3 konservativen Rabbinern zu präsentieren, von denen einer vom Vorstand gewählt werden muß. Durch das gleicheWahlverfahrenwird die Ergänzung der .Ritualkommission bewirkt. Es ist Recht und Pflicht der Ritnakkommission, den konservativen Gemeinderabbiner in der Bewachung und Ausgestaltung der rituellen Gemeindeinstitntionen zu unterstützen. Die Rede, die wir, da sie ja am Sabbat gehalten wurde, nur nach dem Gedächtnis' wiedergeben können, wird nächster Tage im Druck erscheinen. n_ Der Lichtbildervortrag Professors Dr. I. Hülse.» im Verein für jüd. Geschichte und Literatur über das Thema „Aegyptens Baukunst znr Zert des Moses" gab den 'Schilderungen unserer Bibel einen Hintergrund, durch den die damaligen Vorgänge noch weit imponierender erscheinen. Denn diese Aegypter, unter deren Druck die Kinder Israels lebten um» sich: behaupteten, waren ein mächtiges Kulturvolk, vor deren: Leistungen auf dem Gebiete der Technik wir heute: noch nur unsere Bewunderung fühlen können, ohne sie zu begreifen, ohne die Möglichkeit zu sehen, sie; nachznahmen. Man vergegenwärtige sich nur, daß wir: zur Aufnahme des Materials einer ägyptischen Pyramide! 400 000 Güterwaggons nötig hätten oder daß die 30 Meter hohen Obelisken in einem Stück aus dem Felsen gehauen wurden. Nirgends in der Weltgeschichte hat sich der fchreckenlose Despotismus nackter und gewaltiger gezeigt als hier in Aegypten zur Zeft des Moses, — unb auf diesem Hintergrund baut sich nun die Schöpfung des jüdischen Volkes auf. Mft spannendem Interesse folgte das zahlreiche Auditorium dem Bortrage, der .sicherlich bei jedem nachhaltigen Eindruck hinterließ. Vergangenen Sonntag-Abend veranstaltete der Verein „Nachlaß Zwi" einen gemütlichen Abend, der sich eines sehr guten Besuches erfteute. In bunter Ab-- wechslung erfteuten, nach einleitenden Worten von Herrn Gabriel Plant, die Herren Fritz Köstrich, Nathan Rothschild, Silberstein, Karl Weil fo< - wie die Damen Rosa Kahn und Silberstein ihre Zuhörer durch rezitatorische, gesangliche und musikalische Darbietungen. ' Erst in später Nachtstunde trennte man sich, nachdem man vorher noch einer launigen Bierrede gelauscht hatte und ein lustiges Festspiel, von Herrn Fritz Meyer verfaßt, die aktuellen Ereignisse in witziger Weise beleuchtet hatte. Herr Rabbiner Dr. Breuer nahm in seiner dieswöchentlichen -Predigt ebenfalls Beranlassnng, zu einigen aktuellen Fragen Stellung zu nehmen. Nach prächtiger Erklärung einiger Sidrah-Stellen richtete er sich in schärfster Weise gegen die Nicht- . linien der liberalen Rabbiner-Bereinigung. Während vor hundert Jahren die ersten Reformer unter dem Deckmantel der Religiosität nur vereinzelte Reformen gepredigt hätten, würden sie neuerdings näht anstehen, offen" Farbe zn bekennen, und, wenn auch, vielleicht unbewußt, eine neue Religion inaugurieren: Jetzt erst zeige sich Mit Deutlichkeft, wie recht Hirsch mit seiner Austritts - Forderung gehabt habe. Der Austritt sei heute mehr denn je geboten, und sei es ihm persönlich unbegreiflich, wie orthodoxe Juden, denen kein' Opfer für Tauroh und Mizwaus zu viel sei, trotzdem, in irgend einer religiösen Gemeinschaft gemeinschaftlich mft die Liberalen arbeften können. Sie seien jetzt nicht mehr mft „Reform-Gemeinde-Orthodoxe", sondern - mit „Neue Religions-Orthvdoxe" zn bezeichnen. Wie man aber nach dem erneuten Borgehen herliberalen Rabbiner daran denken könne, „Neue RÄi» gionS-Orthodoxe", die nicht gleichzeitig her am Ort bestehenden AuStrittS^emeinde angehöron» in dst Leitung ijiaasA&kti 48