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Neue jüdische Presse · 1912-11-01 · Heft 43 (1.11.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 43 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " M Et. 43 fe Frankfurter UmMslkm fflmtMktfes. Joses David Sirrhheim.*) (Zu seinenr lOOjäh-rigev Todestage.) Von Wax David, FrankfurtV. M. „Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten " Dieses Schiller'sche Wort läßt sich trefflich ans einen Mann anwenden, dessen Persönlichkeit sich ein bleibendes Andenken 'bei uns nachfolgenden Äeschleche tcrn erworben hat. Ich meine Josef David Sintzheim. Anläßlich der 100jährigen Wiederkehr feines Todestages (10. November) lohnt es sich wohl, einen Rückblick auf das Kebün dieses genialen Mannes zu werfen. David Sintzheim wurde in Trier am 16. Nov. 1745 als Sohn des dort amtierenden Rabbiners Isaak Sintzheim geboren. Der Vater war ein ' überaus frommer und gelshrter Mann und unterrichtete anfangs den Knaben selbst, der große und glänzende Geistesgaben an den Tag legte. Als die Eltern bald .darauf nach dem Elsaß verzogen, kani er in die Rabbinerschule zu Ribeauville, und hier lag David Sintzheim mit einer solchen Liebe nnd Begeisterung dem Talmudstudium ob, daß er — wie er von sich selbst in der Einleitung zu seinem Werke „Jad David" bemerkt —mit 20 Jahren , die sämtlichen Partien des Talmud mit Ausnahme des Traktat „Kodoschim" gelernt Hatte. Nachdem er die Schwester des edlen, reichen Eerf Berr geheiratet hatte, ließ er sich in Niedernay nieder, uni ganz, seinem Studium zu leben. Inzwischen hatte sein Schwager eine Jeschiwah in Bischheim gegründet, wohin er den noch jungen Gelehrten als Leiter berief. Bei Ansbruch der französischen Revolution im Jahre 1789 verlegte er die Jeschiwah nach Straßbürg, wohin ihm seine Hörer gern und willig folgten; hätten sie doch in ihm einen Lehrer gefunden, der durch seinen lebhaften Vortrag, durch seine geschickte Lehrweise aus jedenl Stein — wie man zu sagen pflegt — Wasser zu schlagen verstand. Jedoch auch die Leiden sollten unserm Helden nicht erspart bleiben. Wie der Tamm nur gewisse Zeit das reißende Wasser aufzuhalten vermag, das alsdann, mit um so größerer Vernichtungskraft ausgestattet, die fruchtbaren und unfruchtbaren Pflanzungen zerstört und das Erdreich unterwühlt, so war es auch mit der französischen Revolution. Nachdem einmal der Damm des Gehorsams gegen das Königtum durchbrochen war, gab's keinen Halt mehr, und immer höher gingen die Revolutionswogen. Selbst die Gottheit wurde entthront und statt dessen ein Weib als Göttin der Vernunft eingesetzt. Obzwar nun diese Himmelstürmerei vorzüglich gegen die katholische Religion gerichtet war, verbot man doch auch in zahlreichen französischen Städten den Juden die Ausübung ihrer Religion. Straßburg besonders tat sich darin hervor. David Sintzheim wurde die Ausübung rabbinischer Funktionen Verboten.Hören wir, was er in seiner bereits oben erwähnten Selbstbiographie darüber schreibt: . . . „Und da kam das Jahr 5554 (1793), die Tage der Heimsuchung; man wollte uns zwingen, den einig einzigen Gött, gelobt'sei er, zu verleugnen; die „Sifrei Tauraus" wurden aus der Lade geholt und verbrannt, unser köstlichster Schmuck vernichtet. Ich selbst mußte meine Bücher verbergen. In dieser drangvollen Zeit ruhte das Talmudstudium; die Pforten unseres Gotteshauses wurden geschlossen." Aber unberammerl um das Verbot übte Sintzheim seine rabbinischen Funktionen aus. Da wurde ein Haftbefehl gegen ihn ausgefertigt. Noch rechtzeitig gewarnt, konnte er fliehen. Darüber schreibt er: „-. . . Gleich einem gehetzten Wild, mußte ich von Stadt zu Stadt, von einem Gebiet ins andere fliehen, bis durch Gottes Barmherzigkeit die Verfolgung aufhörte, und wir wieder in Frieden wohnen konnten. Ws ich, dem Jona gleich, geflohen bin, tat ich zu Gott ein Gelübde: „Wenn Gott mit mir sein wird und mich wieder zurückbrkngen wird an den Ort meiner Bestimmung, so werde ich meine ganze Kraft einsetzen, um Thorakenntnis zu verbreiten." Nachdem er nun als offizieller Rabbiner *) Quellen :- Grätz Bd XI., Revues Orientales. Moniteur 1808-1812, Crehange, Kalender 1854/55, Bran, G sammelte Aktenstücke; Jad. David. Qffenbach 1799. nach Straßburg berufen worden war, löste er sein Gelübde, indem er Tag und Nacht lernte und lehrte und u. a. den grandiosen Talmud-Kommentar schrieb („Jad David", Offenbach 1799), welcher von seiner Gelehrsamkeit und Gründlichkeit beredtes Zeugnis ablegt. Inzwischen hatten sich in Frankreich sowie in einigen anderen Ländern große Staatsumwälzungcn vollzogen. Gleich einem leuchtenden Meteore am dunklen Firmament war Napoleon am politischen Himniel Frankreichs erschienen, hatte die unfähige Direktorialregierung gestürzt, sich zum ersten Konsul auf Lebenszeit wählen lassen, bis er sich im Jahre 1804 die Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Napoleon hegte für die Juden als ältestes zivilisiertes Volk größte Bewunderung und verglich sie nrit dem Granitfelsen mitten inr Weltmeere, an dem die Brandung ohnmächtig abprallt. Die bürgerliche Äleichstellung, mit der sie die französische Revolution beglückt hatte, ließ er ihnen ganz und voll bestehen. In des Kaisers Umgebung tvurden allerdings Stimmen laut, welche nichts Geringeres forderten. als die Juden ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben und sie wieder in den früheren schimpflichen Zustand zu versetzen. Auch die Stadt Straßburg, die damals judenfeindlich gesinnt war, schickte Petition auf Petition an den Kaiser, worin sie darzustellen versuchte, wie gefährlich es sei, daß man den Juden das Wohnrecht in einer so nahe an der Grenze liegenden Stadt eiuräume, wie die Juden zu Landesverrat hinneigten, den Wohlstand der Bürger untergrüben, dem Wucher ergeben seien und dergleichen Sprüchlein mehr. Irr diesem gehässigen Tone ließen sich die Judenfeinde von allen Seiten hören. All die albernen Märchen, die man durch die Revolutionsstürme vernichtet glaubte, wurden wieder aufs neue aufgetischt. Und der Kaiser? Anfangs wies er die Judenfeinde und deren Schriften verächtlich von sich; als aber die judenfeindlichen Stimmen nicht verstunnnten, nistete sich allmählich auch in seiner Brust ein Argwohn gegen die Juden ein. Aber dieselben ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben, was die Judenfresser so gern gesehen hätten, davor scheute er zurück; auch, kam es ihm schwer an, eine Staatsaktion vorzunehmen, die nicht seinem Geiste entsprungen, und bei der er nur halb dabei war. Er wählte einen Mitteltveg. Die angesehensten jüdischen Männer seiner Länder — Rabbinen und Laien — sollten sich an einem bestimmten Tage, dem 15. Juli 1806, in „der guten Stadt Paris" einfinden, um als geschlossene Versammlung die ihnen vorgelegten Fragen, die zum großen Teile eine Formulierung aller gegen sie erhobenen Anklagen bildeten, nach bestem Wissen und G!ewisseu zu beanlworrcn. Jetzt war eine bündige Widerlegung auf Grund schriftlicher und mündlicher Lehre notwendig, wenn das Schicksal nicht über sie hereinbrecheu sollte. Den Präfekten ging seitens Napoleons ein Dekret, datiert vom 30. Mai 1806, zu, das u. a. enthält: „1.68 depn'es designes seront rendus ä Paris avant le 10 juillet et feront connaitre leur ai rivee et leur demeure au secretaire notre miuistre de l'interieur, qui leur fera savoir Ie lieu, Ie jour et i’heure oü l’assemblde s’ouvrira. . . " David Sintzheim wurde als einer der Deputierten des Rhein-Departements gewählt. So sollte es jetzt einmal in die Hand der Juden gelegt werden, als geschlossene Körperschaft die lächerlichen Beschuldigungen vor aller Welt zu entkräften und Judenheit und Judentum in ihrer wahren Gestalt und Bedeutung hinzustellen. Ein Parlament, das, getragen von der Bedeutung seiner hohen Aufgabe, einmütig in seiner Gesinnung, auf dem Boden des überlieferten Judentums stehend, die Geschicke eines durch die Thora geistig zusammengehaltenen Volkes lenkt, kann Gutes wirken. Hier aber traten zum Teil Notabeln zusammen, deren geringschätzige Meinung über das Judentum ihrer Älufgabe nicht zum Heil gereichen konnte. Auf der einen Seite faßen wohl ehrwürdige Männer, denen däs Judentum noch keine quantite negügeable geworden war, — auf der anderen Seite aber Männer, denen das überlieferte Judentum nur ein Gewand vorstellto, das man der Zeit gemäß zustutzen könne. Die divergierenden Meinungen innerhalb des Parlaments äußerten sich am deutlichsten in den 'Führern; hie Furtadv — hie David Sintzheim. Dazu kam der unglückliche Umstand, daß Napoleon den Verhandlungen nur eine Scheinfreiheit gewährte, obzwar er völlige Freiheit zugesagt hatte. Auch die Beantwortung der vorgelegten Fragen nach „bestem Wissen und Gewissen" wurde illusorisch gemacht. Napoleon, von dem Gedanken durchdrtmgen, daß Staatsgesetz und Staatsraison über Religion zu setzen sei, wollte auch die diesbezüglichen Fragen unbedingt in diesem Sinne beantwortet wissen. Durch diesen unerträglichen Zwang setzte man sich entweder in Konflikt mit der religiösen Vorschrift, oder man gab das Religionsgesetz nicht auf und erregte die Unzufriedenheit Napoleons, was Erniedrigung und Zurücksetzung aller französischen Juden zur Folge haben konnte. Bereits in der zweiten Sitzung des jüdischen Parlaments von Napoleons Gnaden wurden den Deputierten seitens der von Napoleon bestimmten Kcmmissarien die bekannten 12 Fragen vorgelegt, u. a., ob die ftanzösischen Juden Frankreich als ihr Vaterland, die Staatsgesetze auch für sie verbindlich betrachteten usw. Die Fragen bezogen sich zum großen Teile auf solche Punkte, in denen Satzungen und Gebräuche des Judentums das bürgerliche Leben berührten und mit den Sitten und Gesetzen des Landes in Widerspruch zu stehen schienen: Die Regierung wollte solche Widersprüche beseitigt sehen und legte den Deputierten nahe, durch bessere Auslegung die Religionsgesetze mehr mit den Staatsgesetzen in 'Einklang zu bringen. Natürlich unnb.it solche Winke verstanden. (Schluß folgt.) Frankfurter Berichte. Wieder sah der Lerer n „Nachlaß Z w i" einen gedrängt besetzten Saal, — und doch war die Atmosphäre eine ganz andere als in der vorwöchcntlichen Bersammluiig. Dort der Ruf nach dem Schisma, hier der Ruf nach Einigung, nach Berpslichtungsgefüht für die Gesamtjndenheit. Zu solchem Schlüsse zwang schon das Thema, das da lautete: Nicht Untergang, sondern Lerjüngung der. deiUschen Juden heit. Aber arrch der Redner des Abends bürgte für diese Auffassung, denn er — Dr. Arthur Kahn- Charlottenburg — hat bei aller Wahrung seines traditionell-gesetzestreiren jüdischen Standpunkts sich stets mit allen Juden verbunden gefühlt und ist jeder Zeit dort, wo es galt, für sein Judentum zu wirken, mit dem Wort und mit der Tat eingetreten. Sich eines Schopenhauerschen Wortes bedienend, bezeichnete der Redner es als einen „ruchlosen Optimismus", wenn man vor der Lage der deutschen Jndenheit den Kopf in den Sand stecke. In den letzten 42 Jahren hat die jetzt 600 000 Seelen zählende deutsche Jndenheit 48 000 Seelen an das Christentum verloren, — und die gewaltige Verheerung in der deutschen Judenheit wäre noch viel mehr sichtbar, wenn nicht ständig ein Zuzug aus dem großen Reservoir der Ostjudenheit stattgehabt hätte. Nach der Statistik eines jüdischen Grotzstadtarztes wurden in seinem Klientel von 58 jüdischen Knaben nur 28 beschnitten. In Berlin. Hamburg und München sind von je fünf jüdischen Eheschließungen zwei Mischehen. Der Anteil der Juden an den' Selbstmorden ist prozentual 3Vs mal so viel als bei den Protestanten und 8% mal so viel als bei den Katholiken. Der berühmte christliche Gelehrte Du Bois-Reymond hat 1892 in Zürich anonym eine Schrift „Der Untergang Israels" erscheinen lassen. Hier schreibt er, daß an dem Untergehen Israels die Entfernung von seinen Traditionen schuld sei. Wir haben aber heute unendlich viele, die den Willen zum Judentum in sich tragen, ihn aber nicht betätigen können, weil sie das Judentum nicht kennen. Unter den heutigen Umständen hängt alles von denen ab, die noch fest in der Tradition des Judentums wurzeln. Sie haben ihr eigenes Tun und Lassen ernst zu prüfen und haben dann hinauszugehen zu ihren Brüdern. Einfachheit umd Gemütstiefe fehlen häufig selbst in den Kreisen der Traditionstreuen; wenn Einfachheit und Gemütstiefe wieder zurückgewonnen werden, dann ist wieder die Grundlage für den Aufstieg der Jndenheit gelegt. Zum Schluß empfahl Redner noch das Zuwenden zur Landwirtschaft, die ein Gegengewicht zu dem zerstörenden Materialismus der Großstadt bilde. Dem Bortrag schloß sich eine sehr angeregte Debatte an. Der Zion. Share-Club (Leiter: Karl Roscnhcimer, Feststr. 2) gibt Klubkarten und Marken zu 25 und- 100 Psg. aus. Für 20 JL 50 Pfg.-Marken erhält man das Anrecht auf eine Aktie der Jüd. Kolonialbank oder der Palestine Land Development Co. oder der Anglo Palestine Co. Die Marken sind auf den hiesigen zionistischen Vereinsabenden zu kaufen. Rabbiner Dr'. Nobel ist einstimmig in, den Ausschuß des Deutsch-Israelit. Gemeindebrrndes gewählt worden. . . 4780

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