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Neue jüdische Presse · 1912-11-01 · Heft 43 (1.11.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 43 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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«eite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ge Nr. 43 M. Warburg-Hamburg und Henriette Herz- Rom sind in die Kaiser-Wilhelm-Gesellsch>aft berufen worden. Lffeubach. Louis Feistmann hat für eine zu erbauende Synagoge 10000 JL gespendet. Hamburg. Hermann Gumpertz sit aus dem Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle ausgetreten. Göttingen. Dr. Wilhelm Ebstein, Geh. Medizinalrat, ordentlicher Professor der inneren Medizin und Direktor der Univ ersitätsklinik, ist im Alter von 76 Zdhren verschieden. Dr. Ebstein war in seinem Fache ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. Seine Werke „Die Medizin im Alten Zcfßamcmt" und „Die Medizin im Neuen Testament und im Talmud" (verlegt bei Ferdinand Enke, Stuttgart), die er, da er des Hebräischen unkundig war, ans Grund von Uebersetzungen verfaßt hat, enthalten' selbst von rein wissenschaftlichem Gesichtspunkte viel Hypothetisch^ und viel Unsachgemäßes. Mannheim. Holzhändler Mayer-Dinkel beging sein Wjährigcs Stadtverordneten-Jub ilftum. Erfurt. Jüngst feierte der Pensionär der hiesigen ckönigl. Gewehrfabrik Otto Bibo, ein Veteran der Kriege 1866 und 1870/71, seinen 70. Geburtstag. Bibo hat 1866 u. a. bei Königgrätz und 1870/71 bei Weißenburg, Pfalzburg, Wörth und Sedan mitgekämpft und nahm an der Belagerung von Paris teil. Bei Wörth warf sich der Unteroffizier Bibo mit einem kleinen Häuflein tapfer gegen die Uebermacht des Feindes und vermochte durch sein mutiges Vorgehen und seine Ausdauer die gefährdete Fahne zu halten. Vor Sedan gelang ihm die Ausführung schwieriger Patrouillen. Am 18. Oktober heftete ihm der Kronprinz eigenhändig das Eiserne Kreuz 2. Klasse an. Vor einigen Jahren hat Bibo die Rote Kreuz- Medaille 3. Klasse erhalten. Kaiser Wilhelm II. hat sich gelegentlich feiner Anwesenheit in Erfurt mit Bibo unterhalten. Wie«. Kultusvorsteher, kaiserl. Rat Siegmund Kanders erhielt das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. — Simon Buchwald, Präses der Talmud Thora- Synagoge in der Malzgasse und des Vereins „Bet-Hamidrasch Talmud Thora", ist — 80 Jahre alt — verschieden. Budapest. In Bistritz verschied im 73. Lebensjahre der Großgrundbesitzer S usjaR oh r lich, der viele Jahre Präses der orthodoxen Gemeinde war und vor 20 Jahren auf seine Kosten ein großes Beth-Hamidrasch erbaute und dessen Dajan besoldete. Eßernowitz (Bukowina). Dr. Jakob Ausländer erhielt das Ritterkreuz des Franz Joseph- Ordens. Paris. Der älteste französische Offizier ist der am 9. Juni 1817 geborene General Brisac, ein Jude. Er dürste wohl der einzige lebende Franzose sein, der 1850 an der Belagerung Roms teilgenommen hat. London. In Norwich wurde der im 38. Lebensjahre stehende Politiker Arthur Samuel zum Bürgermeister gewählt. Florenz. Samuel Friedrich Baer, der bekannte Bildhauer, ist plötzlich —. 67 Jahre alt — verschieden. Rew-Aork. Mit Professor Morris Loeb ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die im jüdischen Leben Amerikas eine leitende Rolle spielte. Er gehörte zu den Leitern der Educational Alliance, des Hebrew Technical Institute, der Jetvish Agricultur and Industrial Aid Society, des United Hebrew Charities Building usw. usw. Sein Bruder ist der bekannte Gelehrte James Loeb, und seine Schwestern sind die Gattinnen von Jakob H. Schiss, Jsaac N. Seligmann und Paul Marburg. Sein Vater war einer der Gründer von Kuhn, Loeb u. Co. ES letuMm. ES * lor de« Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Fortschung.) „Und wir finden wahrscheinlich jcht nicht ein Horn, nicht einen Huf mehr, weirn wir vorrückcn, Rittnreister!" sagte der fremde Oberst. „Das ist Wohl gewiß, Olav Trigvason," und Odowalsky nickte. „Das tvar eben des Juden Absicht! Nebenbei wollte er auch noch etwas kundschaften, wagte sich bis Buchau, und Eure Partei fing ihn!" „Ich wollte," sagte der Dritte, „Königsmark hätte das verfluchte jüdische Beest lieber gehängt!" „Das wäre sehr unklug gewesen, Hauptmann Silverscron," entgegnete der Rittmeister, „denn dann, hättet Ihr und der Oberst schwerlich zu mir gelangen können. Sie sind durch Markus aber glücklich hier und wissen nun, wie gut die Kleinseite zu nehmen ist, sobald Vorsicht geübt wird!" „Aber der Schuft!" rief der verkappte schwedische Oberst, „hat unsere Absicht verraten und alles alarmiert!" „Daß er uns geradezu verriet, glaube ich nicht," erwiderte Odowalsky, „sonst hätte man ihn als Verräter, der heimlich Schweden nach Prag geführt hat, zweifelsohne verurteilt^ statt ihm eine Hauptmannsstelle zu Leben; pich, einem Juden!!" „Richtig, Rittmeister," bekräftigte Silverscron. „Er hat sich ganz sicher gehütet, von uns und Euch zu reden. Aber um seist Gewissen zu entlasten, hat er vor unserm Anmarsch gewarnt und die Juden aufgebotcn, bei der Verteidigung zu helfen. Ihr Patriotismus soll seine verräterische Haridlung verdecken!" „Mit dem verstohlenen Anmarsche, mit plötzlichem Ueberfalle," entgegnete Oberst Trigvason, „ist es nun nichts strehr, und das verdanken wir diesem niederträchttgen Judenhunde! Wir werden teufelsmäßig schlechte Tage bei Königsmark haben, wenn wir znrückkommen." „Geduld, Herr Olav. Ich gab Graf Königsmark mein Wort, ihm Prag in die Hände zu spielen, — und bei des Friedländers noch nicht gerächtem Blute, ich halte cs! Sic kennen mich seit jener Zeit gut genug als Schwedens Freund, um mich für keinen Maulmacher zu halten. — Stellt die Sachlage also dem General vor, wie Ihr sie gefunden habt. Allerdings ist man im jenseitigen Prag ans den Ueberfall nun vorbereitet. Aber hier auf der Kleinseite und dem Hradschin glaubt man nicht an ihn, verlaßt sich überdies auf die Festigkeit der Werke. Ich bin dafür, daß man den Ueberfall' etliche Wochen verschiebt, bis in Mt- und Neustadt die Unruhe sich legt und die jetzt übertriebene Wachsaiukeit nachläßt. Inzwischen mache Euer General eine Diversion auf Saatz, Laun und Budin zu, als ob er sich mit Kart Gustav wieder vereinigen wolle. Er kann ja aussprengen lassen, daß ein Zug schräg nach Thüringen oder ins Bayrische im Werke sei. Sobald' der Zeitpunkt zum Handln gekommen ist, schwenkt Graf Königsmark rasch gen Süden um und rückt die Moldau auswärts in gleicher Höhe von Kladno, in der folgenden Nacht ist er dann hier. Ich bringe die Vortruppen bis an die Pallisaden und werde sorgen, daß die Zugbrücke offen und Harttck unschädlich ist. Von hier aus wird Euer gesamtes Korps sich der Kleinseite bemächtigt haben, bevor noch das erste brennende Haus' den Pragern die unwillkommenen Gäste verkündigt. Geschieht der Ueberfall geschickt und geräuschlos genug, dann kann man sich der kaiserlichen Geschütze auf der Kleinsefte beniächttgen und hat nicht erst nötig, über die Verglömme die eigenen Stücke herabzuschlcppen, um das Altstädtcr Tor in Bresche zu legen." Der Oberst hatte alle Angaben, die Odowalsky gemacht hatte, irr sein Taschenbuch eingetragen und' erhob sich zum Gehen. „Euer Knecht, der unsere Pferde droben hat, ist doch zuverlässig?!" „Wie ich selbst! Seine Tochter ist meine Liebste, er muß also das Maul halten!" „So helft uns ohne Aufhebens davon; ich hoffe, Ihr sollt bald mehr von mir hören. Vergeht uns nicht zu berichten, wenn sich etwas Unvorhergesehenes zutragcn sollte, und gehabt Euch wohl!" Damit verließen beide Schiveden mit Odowalsky das stille Haus, in dein Prags schändlichster Verrat und ein Blutbad geplant worden war, schlinimcr als cs die Stadt je erlebt hatte. V.< Keine Stätte des Todes vermag mächtiger das Gemüt zu ergreifen als der mehr.den» zwölfhuiidertjährige Judenfriedhof zu Prag! — Sein Areal zieht sich in unregelmäßigen Windungen in dem westlichen Teile der Judeirstadt von der Pinkusgasse an zwischen der Beletes-, Honipas- und -er Salniter- oder Salpetergasse bis zum sogenannten Salpeterberge hin, einem kleinen Hügelzuge dicht mit rechten nordwestlichen Moldau-Ufer, von dem mau auf Hradschin und 'Kleinseite einen freien Blick hat. Diesen Gottesacker zu umschreften, braucht mau eine starke Halbe Stunde, und die vielfachen Windungen, Winkel' und' Zipfel, die seine Umfassungsmauern machen, lassen ihn noch größer erscheinen, als er ist, obwohl er fast den vierten Teil des Raumes der ganzen Judenstadt einnimmt. Denke man sich ein weites Lcichenfeld, aus dessen Hügeln von Schutt und Trümmern, aus dessen grubenartigen Einsenkungen und klaffenden Höhlungen Hundcrttausendc von Leichcnsteinen ragen, mit hebräischen Inschriften, Zeichen und' Symbolen bedeckt, die der Toten Herkunft, Stellung oder Sinnesart verkünden. Diese Trümmerwelt umspinnt und überwuchert das Schöllkraut mit Millionen seiner gelben Blüten so dicht, daß es dem Wanderer bis zum Leibe emporreicht. Ein Wald von Holunderbüschen und Bäumen aber drängt und windet seine uralten Stänrme und. Zweige schlangenhast durch die Grabmale empor, um ein grünes, von weißen, zahllosen Blütendoüren durchwobenes Blätterdach über die Totenstätte so dicht zu breiten, daß man den Himmel nicht' mehr hindurchsieht und selbst bei vollem Sonnenscheine hier ein ewiger Schatten herrscht. Die Holunderblüten und die Blumen des Schöllkrauts, verbunden mit dem Modergeruch so vieler tausend Leichen und zahlloser Pflanzenreste, bilden eine so starke gasige Atmosphäre, daß einem der Kopf völlig benommen wird, man halb betäubt ist, halb berauscht. Wie die Juden von Prag sehr richtig sagen, sind das ihre „redenden Steine". Sie reden uneMich viel und gar Wundersames durch 'Zeichen und Morte zu dem, der sie recht versteht. — — Die ältesten Denkmale sind die einfachsten, aber auch — die beredtesten. Viereckige, lange, aufrechtstehende, oft nmgestürzte oder schräg herausstehende Sandsteinplatten, oft aneinandergelehnt und so gedrängt stehend, daß man kaum zwischen ihre Flächen die Hand legen kann. Diese ällesten Steine endigen in einem rechtwinkligen Dreieck, dessen Spitze — gen Himmel deutet. Ändere gesellen zu der dreieckigen Spitze zwei Säulen, zwischen denen die Inschrift steht. Auf sie stützt sich dann die Basis des Dreiecks, und ihre Kapitäle tragen eine gemeißelte Flamme oder eine Kugel, aus der die Flamme loht. .Es' sind die Feuer- und Wolkensäule, die Führer auf der mühseligen Wanderschaft durch die irdische Welt. . Rings ist's ssill, kein Lüftchen regt sich. Unendliche Lethargie, namenlose Trauer, beklemmende Bangigkeit, ein Gefühl der Angst schwebt über dieser Totenstadt. Zweige knistern, das Gras rauscht — Esther Katz ist es mit Täubchen Caro. Sie. kommt, wie sie es gestern gewollt hat. — Kein Schmuck ist an ihr, kein Juwel, kein edles Metall. Sie ist bleicher als ehedem und trägt ein langes, dunkles' Tuch, das nonnenhaft ihr Haupt umschließt und mantelartig über die Arme auf ihr dunlles Kleid herniederfließt; Täubchen ist gleich ihr verhüllt. Erst wenden sie sich ans der westlichen, gegen die Moldau gelegene Seite des Friedhofes zwei Gräbern zu, an denen sie beten und zu deren vielen Erinnerungssteinen sie noch einen legen; es sind - die Ruhestätten von Esthers Eltern. Dann suchen beide Mädchen auch das Grab von Täubchens Eltern und ihres Vorfahren, des berühuiten Rabbi Avigdor, auf, denen sic ihre fromme Pflicht'erweisen. „Laß uns zu Sara, Meiner Ähnmutter, jetzt gehen und tun, w«rs ich mir vorgenommeu habe," sprach Esther halblaut. Sie gingen in das Innere des' Friedhofs. A» dessen dunkelster Stelle fast schläft Sara Katz seit dem Jahre 606. Weit über die Hälfte ist ihr Grabstein in den Boden gesunken und erscheint fast winzig neben der hohen, stolzen, sarkophagartigen Grabstätte Mordechai Weisels. Die Inschrift ist durch die Verwitterung kaum fiirs Auge mehr kennbar, doch Esther kennt sie sehr wohl, und wenn ihre zarten Finger tastend' über die halb verlöschten Charaktere hingleite», kann sie sich des Inhaltes genau erinnern. Auf dieses Grab sind nur sehr wenig Steine hingelegt, denn wer kennt Sara Katz noch, wer hat nach mehr denn achthundert Jahren noch verwandffchaftliches Interesse an ihr als die verlvaiste Esther. Bon ihr allein sind diese Steine, an ihnen erkennt sie, wie oft sie hier war, um zu beten, /— doch ein Blick auf das Grab läßt sie jetzt stutzen. „Ein Stein zu viel! Es ist ein Stein zu viel!" murmelte sie. „Wer anders als Du sollte ihn hingelegt haben?" entgegnete Täubchen. Ihre Freundin antwortete nicht, sie zählte die Steine. — „Siebenundzwanzig! — Einer, ich habe cs ja gewußt, einer ist zu viel." Damit hob sie den obersten Stein auf. „Es ist ein Faden an ihm." Sie wendete ihn um. „Gott soll schützen!" rief Täubchen, „es hat einer ein Papier unter den Stein gebunden!" Esther löste den Faden und den Papierrsteifcn, den sie entfaltete. Ans ihm stand hebräisch: „Ich bin geflohen por Deinem bösen Wort und' habe es ihr gellagt, die hier unten liegt. Was fortan mit mir geschieht, Du trägst die Schuld, und ich lege es auf Dein Gewissen wie diesen Stein auf Saras" Grab!" (Forffetznng folgt.) flmBPihimiscbBFits-a Pincenez SÄ ' Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J. W. Albert, Ecke Neue Hainientr. n. Weissfrauenstr- II. eil bl te (je D ei zu 1' I ÜI ri g> E er lc B ii) 33 sc T § sc >r j> d e fi d p ii v i n ei s l s k t js s i 1 i

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