Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 42 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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/Kl i/fe r ia ec r catc ertrec d rer eit tt «Dil. TC(C) IMSdcll/Ulllil UttCl UIIIHIOTlUliUilCd. Das Hilsswerk der I. C- A. (Aus dem Jahresbericht der I. C. U. pro 19t 1.) Bon I. Turoff-Berlin. Neb.il den 62,821 Juden, denen es gelungen ist, in Amerika und Palästina ihren Lebensunterhalt als Bauern zu finden, gibt es weitere 350,000 ackerbautreibende Juden, die in ihrer bisherigen Heimat verblieben sind. Sehr schlimm daran sind die jüdischen Landwjrte in Rußland, denen der Erwerb wie die Pachtung des Bodens gesetzlich verboten ist.. Tie I. C. A. sucht diesen redlichen jüd. Bauern seit 12 Jahren den Betrieb einer Jntensivwirtschaft zu ermöglichen. Ten Bauern in feen russischen Kolonien wird von erfahrenen Agronomen gezeigt, wie^man durch Verwendung besserer landwirtschaftlicher Instrumente, reichlicheres Tüngen sowie sorgfältige Auswahl der Saaten auch von kleinen Parzellen reiche Ernte erzielen kann. Tie bedrängten „Landwirte" in teil Städtchen, die int Sommer kaum 2—3 Morgen Land bearbeiten, im Winter aber. Gänse mästen und vielleicht 2—3 Ziegen melken, werden belehrt, wie sie rationell Gemüsebau treiben und ihr kleines Eigentum mit wertvolleir Obstbäumen bepflanzen könnten. In Sndrußland endlich werden neue Weinberge angelegt und Tabakpflanzungen geschaffen. So wurden in den letzten elf Fahren in Litthauen mit einem Kostenaufwand von 126,000 Rubel an 47 Plätzen 1208 -Obstgärten mit 67,919 Obstbäumen und 28,451 Sträuchrrn gepflanzt. Im Jahre 1911 hat die I. C. A. ftir die jüdischen Landwirte Rußlands 296,000 Mark ausgegeben und 200,000 Mark an Rückzahlungen von ihnen znrückerhalten. Zur Verbreitung landwirtschaftlicher Kenntnisse unter den Juden werden von der I: C. A. neun Ackerbauschulen mit 487 Zöglingen unterhalten resp. subventioniert. Daneben subventioniert die I. C. A. das Lehrgnt Steinhorst, die! Schule in Ahlem bei Hannober sowie eine kleine Ackerbauschulc in Budapest. * Um den zahlreichen kleinen Handwerkern und Händlern die Möglichkeit eines billigen Kredits zu verschaffen, hat die I. C. A. vor etwa 10 Jahren eine Summe von 320,000 Rubel zur Gründung von Spar- und Kreditgenossenschaften ausgeworfen. Noch vor fünf Jahren gab cs in Rußland nur 26 solche Genossenschaften, im Jahre 1911 hat ihre Zahl schon 688 betragen. Davon sind 225 überhaupt ohne jedes Zutun der I. C. A. entstanden, während 86 ihr inzwischen die ihnen gewährten Vorschüsse zurückgezahlt haben. Die restlichen 377, die lwch von der I, C. A. kontrolliert werden, stehen im Dienste einer jüdischen Bevölkerung voll 1,581,000 Seelen. Tie Zahl ihrer Mitglieder beläuft sich auf 218,556. Sie verftigen züsanlmen über ein Aktienkapital Von 2,727,820 und über Reserven in Höhe von 548,906 Rubel. Die korrekte Geschäftsführung der Kassen hak diesen rasch das Vertrauen der jüdischen Massen gewonnen, sodaß sie ihnen Spargelder im Betrage von 10,555,564 Rubel anvertrauten. Auch die wohlhabenden Schichten verschmähen es nicht mehr, bei diesen Kassen große Beträge — 1,546,345 Rbl. — zu deponieren. Mit Hilfe dieser Einlagen, die durch das eigene Kapital der Gesellschaften mit 28 o/0 gedeckt sind, haben sie es im Berichtsjahre vermocht, 33,482,598 Rubel zu verleihen, von denen 29,260,479 Rubel zurückgezählt wurden. So hat die I. C. A. mit nur 320,000 Rubel ein Werk geschaffen, auf das nicht nur sie selbst, sondern auch das ganze Judentum mit Stolz blicken darf. Denn es gehörten zu dieser Schöpfung nicht nur 320,000 Rubel der I. C. A., sondern auch eine jüdische Bevölkerung, wie sie nur Rußland aufweist, ein hochintelligenter, lebenszäher Menschenschlag, voll Tatkraft und Initiative. In Galizien, wo die I. C. A. gleichfalls ähnliche Kassen ins Leben gerufen hat, ist der Erfolg bei weitem nicht so glänzend. Wer auch ha sind in verhältnismäßig kurzer Zeit 24 Kassen mit 21,628 Mitgliedern und einem Vermögen von 830,000 Kronen entstanden; die im Berichtsjahre 16,452 Darlehen mit 3,747,204 Kronen vergeben haben. Tie Zahl der MitgliÄer hät sich im Jahre 1911 um weitere 2480, das Kapital um 85,120 und die Reserven um 42,273 Kronen vermehrt. Tic Kassen besitzen 39 Filialen und kommen im ganzen 568 Ortschaften mit einer jüdischen Bevölkerung von 157,000 Seelen zugute. Tie Reservell der galizischen Kassen bilden 58"/o des Aktienkapitals, während sie in Rußland nur 21,12»/» ausmachen. Aehnliche Darlehenskassen sind mit Hilfe der I. C. A. auch in Amerika entstanden. Tie Farmer in den Vereinigten Staaten haben 45, die Kolonisten in Argentinien und Brasilien 7 Kassen aufzuweisen. Auch in Jerusalem Hut die I. C. A. vor einigen Jahren mit 100,000 Frs. eine Darletzensgenossenschaft begründet. Bon den 501 Darlehennehürern mit 97,105 Frs. haben 148 ihre Schuld mit 26,289 Frs. zurückgezahlt. 170 neue Darlehen im Betrage voll 84,188 Frs. wurden neu bewilligt, sodaß die Kasse 528 Schuldner mit 111,859 Frs. zählte. Das Vermögen derselben ist durch Zinseinnahmen inzwischen auf 184,099 Frs. gestiegen. * Zur Ausbildung resp. Fortbildung jüdischer Handwerker unterhält resp. subventioniert die I. C. A. 54 Anstalten nöbst einem Lehrerseminar mit zusammen 5481 Zöglingen. Die bestell Erfolge von allen diesen Schulen tveist die Trade School in Rewyork auf. Sie hat die Aufgabe, jüdischen Emigranten in kurzer Zeit ein Handwerk oder auch nur einige Handgriffe beizübringen, durch. die sie befähigt werden, ihren Unterhalt selbständig oder als Fabrikarbeiter zu erwcrbell. Während ihres 12jährigen Bestehens hat sie 2186 Handwerker ausgebildet. Solche Erfolge können die Knabenschulen in Rußland nicht auftveisen. Bon 2010 Zöglingen, die im Berichtsjahre die Schulen besuchten, haben nur 181 sie regelrecht beendet, während 894 sie Vorzeitig verlassen haben. Besser als die Knabenschulen haben die 16 Mädchenschulen abgeschnitten, die 177 Handwerkerinnen unter 1488 Zöglingen hervorgebracht haben. 242 Zöglinge haben die Schule ohne Examen verlassen. Da jeder Zögling etwa «8 Rubel kostet, so bilden die vorzeitig abgehenden ftir die Schulen eine unangenehme tote Last. Dieser Zustand wird aber solange anhalten, als die politische Verfolgung und die durch sie verursachte große Armut der russischen Jllden fortdauern werden. Tie Kinder müssen schon frühzeitig den Eltern verdienen helfen und können sich daher den Luxus eines Schulbesuches nicht gestatten. Die besten Erfolge hat die I. C. A. mit den 18 Abendkursen erzielt, deren 831 Besucher resp. Besucherinnen den Unterricht beendigen. Die ausgelerntetl Handwerker sucht die I. C. A. in gemeinsamen Ein- und Börkanfsgenossenschaften zu organisieren, von denen gegenwärtig 4. bestehen. Sie haben zusammen 219 Arbeiter beschäftigt und ftir 85,625 Rubel eigene Produkte abgesetzt. Tie Fabrik in Dnbrowno, die 500 Weber beschäftigt, arbeitet seit Jahren mit Verlust. Mit etwas besserem Erfolge arbeitet dagegen die I. C. A. nlit der von ihr ins Leben gerufenen Aktiengesellschaft für billige Wohnungen. Ihre 7 Häuser in Wilna, Bobruisk und Soroki haben, trotzdem die geräumigen und hygienischen Wohnungen zu sehr niedrigen Preisen vermietet werden, im Berichtsjahre 6400 Rubel Ueberschüsse gebracht. Die Gesellschaft dient der I. C. A. auch als Vermittlerin zur Gewährung von Darlehen an Opfer der in Rußland alljährlich herrschenden Sommerbrände. So haben die Städtchen Jvanetz, Telschi und Molodetschna in den letzten drei Jahren zusmnmen 77,700 Rubel zum Wiederaufbau ihrer Häuser erhalten, von denen im Berichtsjahre 6085 Rubel zurückgezahlt wurden. * Eine ausgedehnte Tätigkeit wird Von der I. C. A. seit 1899 auf dem Gebiete des Schulwesens entfaltet. Außer der Primärschule im Städtchen Woodbine in Ren-Jersey mit 578, der gleichen Schule in Montreal mit 588 und der Mendschule daselbst mit 431 Zöglingen gehören hierher die 166 Schulen der Alliance mit 45,000 Zöglingen, zu deren Unterhalt die Alliance Von der I. C. A. eine Jahressubvention von 268,000 Frs. erhalten | hat. Es folgen die von der I. C. M. ganz aus» | gehaltenen 55 Schulen in den Kolonien Südameri- | kas mit 8681 Zöglingen sowie 13 Schulen in | Odessa mit einer unbekanntew Schülerzahl. Ferner _| bestehen in Rußland 19 Knabenschulen, 25 Mädchen-- | schulen, 10 gemischte Schulen und 13 Abendkurse - A mit zusammen 10,368 Schülern. Zu den schul- « kosten im Betrage von 230,000 Rubel (ungefähr - eine halbe Million Mark) trägt die I, C. 3L A etwa 100,000 Mark bei. In Rumänien subventioniert die I. C. A. 12 Knaben-, 13 Mädchen- - und 12 gemachte Primärschulen mit i.Sa. 8830 Zöglingen. Im ganzen unterhält die I. C. A. direkt uni» ' indirekt einschließlich der Schulen der Wliance 347 : Schulen mit nahezu 72,000 Zöglingen. j, * L Zum Schluß sei noch in einigen Worten auf s. die große Hilfsaktion der I. C. M. zu Gunsten a der jüdischen E-rnigration verwiesen. f Schon in seinem Heimatstädtchen hat der jüd. H Auswanderer die Möglichkeit, sich über alle in Be- Z tracht kommenden Fragen zu unterrichten, da die ] von der I. C. A. in Rußland geschaffene Organisa- | tion zum Schutze der Emigranten durch Broschüren, | Flugschriften rc. bemüht ist, die jüd. Massen über alle Z das Allswanderungswesen betreffenden Fragen zu be- S lehren. Bevor der Auswanderer sich in Bewegung § setzt, kann er sich an die an 442 Plätzen sich Leh findenden Jnformationsstellell wenden, um mit ihrer Hilfe Ermäßigungen auf der Bahn sowie billige- | Schiffskarten zu erhalten. Auch stehen den Emigrauten stets geeignete Männer zur Seite, uw ihnen I die nötigen Auslandspässe zu verschaffen. Bei den Uebergängen über die russische Grenze finden sie Hilfe bei einer Anzahl Grenzbureaus. Jenseits der Grenze hört die direkte Hilfe 8er I. C. A. auf. Auf dem Durchmarsch durch Deutschland nimmt sich bekanntlich, der „Hilfsverein her ~ . deutschen Juden" der Auswanderer energisch an. Die I. C. A. hat diesen Verein im Berichtsjahre mit einem sehr namhaften Betrage unterstützt. Ebenso hat sie die zum Schutze der Mischen iAus- ' -I Wanderer bestehenden Vereine in Antwerpen» Rotierd dam, Wien und London subventioniert. 3 In Rewyork und Montreal bestehen endlich Äon . der I. C. A. kontrollierte Organisationen, die Üemüht sind, den ankommenden Emigranten bei der Landung beizustehen und ihnen Unterkunft und; Arbeit zu verschaffen. Dem Canadian-Eomitß in ' Montrecck ist es im Berichtsjahre gelungen, 2028 Personen unterzubringon. In Rewyork ist das Removal-Comite bemüht, jüdische Einwanderer ins ■ Innere zu befördern, und es ist ihm mit dem " I Gelde der I. C. A. in 12 Jahren wirklich gelungen, 58,815 Juden, die sonst in Rewyork hängen geblieben wären, in den verschiedenen Staa- ‘; ten unterzübringen. " Die Zahl der jüdischen Auswanderer im Jahre 1911 dürste auf 104,000 geschätzt werden, davon erhielten die Vereinigten Staaten von Nordamerika 88.094, Canada 5044 und Argentinien 6378. - Die russischen Juden waren an der Emigration mit i 77,000 Seelen beteiligt, von denen 64,000 die Hilft» -5 des Auswandereramts der I. C. A. in Anspruch nahmen. _ . i Statistik und Demographie der Jude» - und ihre Ausgabe«. j Von Dr. med. A. Stern (Frankfurt). L Die Statistik ist eine trockene Kunst. Wer wer die trockenen Zahlen, Rubriken und Kurven zu -jj deuten versteht, dem gibt sie Einblicke in ver- | worrene Verhältnisse, wie sie keine ausgiebigste Beobachtung und Betrachtung zu geben vermag. Die f Zahlen, wenn sie nicht dilettantenhast gehandhäbt, ,'i sondern in wissenschaftlich einwandfreier Weise ge- - i meistert, werden, werden Beweismittel von unwiÜer-- . -j leglicher Schlagkraft. J Die Juden sind nun einmal in allen Ländern Gegenstand aufmerksamster, meist übelwollender Be- J obachtung, und so hat man über ihre intellektuek- | len, moralischen und materiellen, speziell ihre' I sozialen und anthropologischen Verhältnisse imi* j Einflüsse fast nur gefühlsmäßig — und zwar aus |j antipathlschern Gefühl — gewonnene Ansichten ver» 1 0785