Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 42 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Offizieller Bericht.) Prinzipielle Beschlutzfassungen. Am Sonntag und Montag, den 13. und 14. d. M., fanden stark besuchte Plenarversammlungen des provisorischen Komitees der „Agudas Jisroel" statt, in denen über eine Reihe schwerwiegender Fragen Beschluß gefaßt wurde. Zunächst hatte das Komitee zu dein im „Haderech" bereits bekanntgegebenen Anträgen der ungarischen orthodoxen Landeskanzlei Stellung zu nehmen. Rach eingehender Beratung wurde beschlossen, zur Herbeiführung einer dollen Einigung mit den ungarischen Gesinnungsgenossen den. bereits in Kattowitz geäußerten Wünschen der Kanzlei, soweit sie sich aus die parenthetische Einführung des Wortes „orthodox" in § 1. der „provisorischen Bestimmungen", sowie die Anwendung des Wortes „gesetzestreu" beziehen, Rechnung zu tragen, ferner dem „rabbinischen Rate" die Entsendung dreier Delegierter mit beschließender Stimme in den geschästsführenden Ausschuß zuzugestehen und endlich für die aus Ungarn selbst zu wählenden Vorstands- und Ausschußmitglieder die Zugehörigkeit zu der staatlich anerkannten Organisation zu bedingen. Zu den darüber hinausgehenden Wünschen auf Beschränkung des passiven Wahlrechtes für die gesamte Aguda wurde folgende Resolution gefaßt: „Das Provisorische Komitee erklärt: 1 Tie „Agudas Jisroel" will all e gesetzestreuen Juden auf dem Erdenrunde umfassen. 2. In die Verwaltungskörperschaften der „Agudas Jisroel" sind alle Mitgliederwählbar, die inMesinnung und Tat auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen. 3. Das „Provisorische Komitee" fühlt sich nicht berufen, diese Bestimmungen einschränkend zu interpretieren, überläßt es vielmehr jeder der in der gesetzestreuen Judenheit Vorhandenen Richtungen, ihren Standpunkt auf dem verfassungsmäßigen .Wege Vor den zuständigen Organen Innerhalb der Aguda zur Geltung zu bringen." Tie Annahme dieser Resolution erfolgte nach lebhaften Auseinandersetzungen einstimmig unter Teilnahme der anwesenden Vertreter des traditionell-gesetzestreuen und des orthodoxen Rabbinerverbändes. Organisatorisches. Ter zweite Vorhandlungstag brachte zunächst die Beschlußfassung über die Ausarbeitung der Satzungen. Eine fünfgliedrige Kommission wurde mit der Herstellung eines Vorentwurfes auf Grund der in Kattowitz angenommenen „Grundlinien" und der „vorläufigen Bestimmungen" beauftragt. Der Vorentwurf soll nach Annahme durch das provfforische Komitee dem räbbinischen Rate vorgelegt und alsdann der öffentlichen Kritik unterbreitet werden. Die gleiche Kommission wurde mit der Ausarbeitung eines Normalstatuts für die Ortsgruppen beauftragt. Eine Anzähl Aktueller organisatorischer Fragen (Bildung doppelter Ortsgruppen in Großstädten,. Fräuengruppem, Studenten- und Jugendgruppen) fanden ihre Erledigung im Sinne Möglichst weitgehender Bewegungsfreiheit' der verschiedenen Jnteressentengruppen bei Festhaltung der einheitlichen Organisation. Um die Beitragszahlung in kleinen Monatsbeträgen zu ermöglichen, sollen 4kgudas Jisroel-Marken zum Einkleben in entsprechende . Zwölf-Felder-Karten ausgegeben werden. Die Mitgliederrechte gelten als erworben, sobald die Karte mit 12 Marken Versehen und von der Ortsgruppe äbgestümpelt ist. Für den Entwurf der Marke wie für denjenigen einer Mitglieder-Legitimationskarte soll die Leitung künstlerische Skizzen von jüdischen Künstlern einholen. Weitere Beschlüsse galten der Organisation des Kassen wese ns und dor Kontrolle. Zum Hauptkassier wurde Herr LooWreschner, in Fa. Beer, Sondheimer & Co., zu Stellvertretern die Herren Dr. S. Bambergcr und Dr. S. Oppenheimer, zum stellvertretenden Schriftführer Herr B. Stern gewählt. Eine ausgedehnte Diskussion war dem Theina „P ress e" gewidmet. Von vielen Seiten wurde die Herausgabe einer deutschen Ausgabe des „Haderech" gewünscht. Die Versammlung schloß sich diesem Wunsche im Prinzipe an und überließ die Ausführung dem Bureau für den Fall der Erfüllung gewisser Vorbedingungen. Nachdem über die journalistische Vertretung des Aguda-Gedänkens in den verschiedenen Ländern berichtet war, wurde der von der Leitung zu diesem Kapitel beantragte Kredit bewilligt. Den Rest der Montag-Vormittagsitzung nahm die Berichterstattung und Beratung über den Stand der P r o p a g a n d a in Rußland, Galizien, Rumänien, Holland, Belgien, England, Amerika und Deutschland ein. Beginn der prattischen Tätigkeit. Am Nachmittag gelangten die ersten Maßnahmen zum Eintritt in die praktische Arbeit zur Beratung. Für diese sollen neben dem bereits bestehenden Propagandafonds drei weitere Fonds gebildet werden, die den einzelnen Arbeitsgebieten entsprechen. Der erste dieser Fonds, der Fonds für Thora zwecke und Erziehung, entspricht einer bereits in Kattowitz gegebenen Anregung. Es soll jeder Generation, den breitesten Schichten der jüdischen Gesamtheit aus dem Erdenrunde, Alt und Jung, dem Bettler wie dem Millionär, Gelegenheit geben, ihre materielle Kraft der über das Leben des Einzelnen hinausreichenden, dauernden Erhaltung des jüdischen Volkes für sein höchstes und allgemeinstes Gut, für seine Thora, zu weihen. Ein besonderes Statut für die Verwaltung dieses Fonds, dessen Popularisierung eine der wichtigsten Aufgaben der Aguda bildet, wird später zu schaffen sein. lieber eine Reihe von Einzelzwecken, deren sofortige Verwirklichung aus den Zinsen dieses Erziehungsfonds überaus segensreich wäre, wurde eingehend beraten, ohne daß naturgemäß vorerst bindende Beschlüsse hierüber gefaßt werden konnten. Ebenso freudige Anteilnahme fand der Beschluß der gleichzeitigen Begründung eines Erez Jisroel-Fonds. Das hierbei vorgelegte und zum Teil bereits -geprüfte erste Projekt soll je nach dem Erfolge der Sammlungen ftir den Erez Jisroel-Fonds unverzüglich in Angriff genommen werden; Interessenten erhalten nähere Auskunft. Endlich wurde die Errichtung eines Wirts schaftsfonds gutgeheißen, der zur Durchführung von Arbeiten auf ökonomischem Gebiete dienen soll. Auch hierbei wurden bereits bestimmte Unternehmungen ins Auge gefaßt, zu denen u. a. die Errichtung eines internationalen Arbeitsamts für jüdische Arbeiter geWrff Obgleich das „Provfforische Kvmitee sich im allgemeinen nicht für berechtigt hält, vor Vollendung der Organisationsarbeiten aus den lausenden Mitteln der Aguda Lubdentionen zu bewilligen, so sah sich die Versammlung doch veranlaßt, in einigen ihr vorliegenden Fällen von diesem Prim zip abzuweichen. Es handelt sich dabei einerseits um die Unterstützung russischer Brüder in Frankreich, die sich zur Erhaltung der notwendigsten religiösen Institutionen aus die Beihilfe der Aguda angewiesen sehen, andererseits um die Ausrichtung einer neuen Heimstätte für das überlieferte Judentum in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Bekanntlich ist dort die jüdische Gemeinde durch die seit Jahrzehnten grassierenden Mischehen in trostloser Verfassung, und nach dem Weggange des Oberrabbiners Dr. Leweustoin sahen sich die wenigen in Kopenhagen angesiedelten Deutschen und etwa 3000 Seelen russisch-polnischer Gesinnungsgenoffen ohne die Möglichkeit, ein jüdisches Leben nach den Vorschriften der Thora zu entfalten. Dem zur Bildung eines Vereins bezw. einer Gemeinde znsammengerrercnen Ausschuß wurde daher die tatkräftige Unterstützung der Aguda und eine Subvention von 1000 Mark ftir das laufende Jahr zngebilligt. Eine Reihe von Freunden der Aguda beteiligte sich alsdann weiter mit entsprechenden Beiträgen. Nach Erledigung der Tagesordnung gelangte aus der Mitte der Versammlung folgender Antrag zur Vorlage: „Die Absicht der „liberalen Bereinigung", Ehen zu sanktionieren, die im Sinne des überlieferten Judentums „Giluj Arojaus" sinv, erfordert rechtzeitiges Eingreifen der Gesamtheit von „Kelal Jisroel", um schweres „Michschaul" abzuwenden. Es wird beantragt, die Aguda möge eine zentrale Registrierungsstolle errichten, her der die erforderlichen Beurkundungen vorgenommen werden, und von dor aus allen Jnteressenten Auskunft erteilt werden kann." Nach Begründung des Antrages durch den Antragsteller, der mit warmen Worten darauf hinweist, daß die Gesamtheit hier vor der Gefahr stehe, das höchste Palladium des Judentums, die.Reinheit des Familienlebens, einzubüßen, erklärten die anwesenden Herren Rabbiner aus Deutschland und Rußland ihre Zustimmung zu der Tendenz des Antrages, jedoch seien die beiden deutschen orthodoxen Rabbinerverbände mit der Angelegenheit zur Zeit beschäftigt und es empfehle sich daher, deren Stellungnahme äbzuwarten. Demgemäß wurde beschlossen, die Leitung aufzufordern, gemeinsam mit den Rabbinerverbänden Gegenmaßregeln gegen die die Eheschließung und -Scheidung betreffenden Beschlüsse der „Liberalen Bereinigung" vorzubereiten. Ten Schluß der Tagung bildet eine Aussprache über Termin und Ort des ersten Kongvefses, der für das nächste Frühjahr in Aussicht genommen wird. Die Beschlußfassung wird bis zur nächsten Sitzung ausgeschoben. Nachdem Herr Abrahams-Haag im Namen aller Anwesenden dem Vorsitzenden, ZÜmmerzienrat Louis Feist, für die Leitung der Versammlung, und dem Bureau für seine Arbeit gedankt hatte, schloß der Vorsitzende die Tagung, indem er feststellte, daß alle Beteiligten aus den zweitägigen