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Neue jüdische Presse · 1912-10-18 · Heft 41 (18.10.1912) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 41 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Fraukfurttr UraelitischeS Kamiltenökaü. Seite 10. dem soll in: laufenden Jahredaselbst schon eine feste jüdische Unsiedelung mit 80 Familien begründet werden. Daß man bei intensiver Bewirtschaftung auch mit Deinen Parzellen glänzend vorwärtskommen kann, beweist das Beispiel von Palästina, dessen Kolonisten nicht einmal über den zehnten Teil des Bodens verfügen wie! ihre Brüder in Brasilien. Noch prägnanter tritt dies bei den jüd. Farmern in den Vereinigten Staaten von Nordamerika hervtzr, wo mit relativ geringen Bodenflächen überaus glänzende Resultate erzielt worden sind. Freilich hat man in den. Vereinigten Staaten, wo auf SÄWlfe und eigene Initiative von jeher so großes Gewicht gelegt wird, sich mit Gründung _ jüdischer Kolonien nicht viel abgegeben. Die in diesem Lande lebenden jüdischen Farmer, die zuin überwiegmden Teil bereits in ihrem russischen Heiinatstädtchen Gemüse- und Obstbau oder mit 3—4 Kühen eine Seine Milchwirtschaft betrieben, haben sich, in ihrer neuen Heimat mit eigenen Mitteln und auf eigene Gefahr als Landwirte niedergelassen. Eine von der I. C. St. subventionierte Organisation, die „Jcwish Agricultural and Jndustricl Aid Society", sucht seit 12 Jahren sie mit Rat und Scinctcn und größeren Darlehen zu unterstützen. Bis zum Jahre 1911 sind 4,641,000 Mark an 1950 jüdische. Farmer verliehen und 1,188,000 Mark an Kapital und 358,000 Mk. an Zinsen von diesen zurückgezahlt worden. Etwa 8 Millionen Mark stehen nochaus, würden jedoch bis ans einen verschwindenden Prozentsatz zweifellos ihren Weg in die Kasse der Gesellschaft zurückfinden. Äuch in Kanada beginnt auf der Basis der Selbsthilfe ein starkes jüdisches Bauerntum sich zu entfalten. Die Entwicklung geht aber nicht, von den seinerzeit von Baron Hirsch sowie auch von der I. E. SU begründeten alten Kolonien aus. Diese lassen im Giegenteil immer noch viel zu wünschen übrig, und die Kolonie Qu'Appelle, welche vor etwa acht Jcchren von der I. C. A. ins Leben gerufen und mit rumänischen Juden besetzt worden istgeht sogar von Jahr zu Jahr zurück und hat im Berichtsjahre weitere 36 Einwohner verloren. Sie zählt gegenwärtig 380 Einwohner gegen 550 im Jahre 1905. , Allein neben diesen durch fremde Initiative begründeten Kolonienentstehen von Jahr zu Jahr immer neue jüdische Ansiedelungen, die ihren Boden auf Grund des Homestead-Gesetz erhalten, sich zum Teil durch harte Arbeit an den Eisenbahnen und als Holzfäller ernähren und ihre etwaigen Ersparnisse in ihren Boden stecken Im. Berichtsjahre konnten sieben solcher Ansiedelnngen, außerdem 53 einzelne Farmer: mit 341 Seelen und ein Landbesitz "von 2606 ha festgestellt werden. Im ganzen gM es gegenwärtig in Kanada 12 größere und kleinere Ansiedelungen nebst 53 einzelnen Farmen mit 828 Familien und 3482 Seelen, welche zusammen etwa 55,000 da Land bewirtschaften. I. Turoff. Frankfurter Berichte. Rtferendar Jakob Möller- Altona, Mitglied' des Zentralkomitees der zionistischen- Föderation „Misrachi". hielt letzten, Sonntag in der Aula der israelit. gteligionsschule einen Vortrag mit dem Thema: „Das Organisätionsproblem in der gesetzestreuen Jude nh eit." Redner, der sich in seinen Ausführungen durch klaren Gedankenaufbau und geläufige Vortragsweise auszeichnetc, erklärte , als unsere wichtigste Gegenwartsfrage die, wie wirr das Judentum existenz- und widerstandsfähig machen. Selbst die extremste Reform sehe sich.-heute nach Mitteln um, den Verfall aufzuhalten. Der Prozeß des Mederganges bestehe seit über 100 Jahren. Zuerst habe Samson Raphael Hirsch Mittel, und Wege gesunden, innerhalb der Orthodoxie den Rückgang aufzuhalten und dann die zionistische Bewegung, deren heilsamer Einfluß sich aus die gesamte Judenheit, die Orthodoxie eingeschlossen, erstreckt. Hat . der Zionismus etwas am Inhalt des Judentums geändert? Hierauf ist nur mit „Nein" zu antworten. Der Zionismus hat nichts anderes getan, als der modernen indischen 'Betätigung neue Form zu geben.. Diese neue. Form ist die Form der Zentralisation durch die Neubelebung des jüdischen Nationalbewußtseins, das leider auch in orthodoxen Kreisen ' geschwunden ist. Im Zionismus sind sämtliche Strebungen, die irgendwie in depi Judentum einen Inhalt sehen, znsammcngcfaßt. Verschiedenartige Anschauungenhat cs stets bei uns gegeben; als das Wesentliche galt stets die Tat und nicht die Anschamlngsweise. Der zionistisch gesinnte Orthodoxe begrüßt naturgemäß im Prinzip eine Organisation wie.die Agudaß-Jisroel, muß jedoch verlangen, daß sie wirklich die ganze Orthodoxie zu positiver jüdischer Arbeit vereinigen will und nicht einseitig gewisse Kreise, die zu ihr gehören, ausschließt. Den Standpunkt der Trennung verwirft er; er sieht viel mehr Gottvcrtrauen darin, überall dort, wo er jüdische Arbeit leisten kann, mitzuarbeitcn, ein 'Standpunkt, der ihn ja dem Zionismus zugeführt hat. Zum Schluß behandelte Redner die Notwendigkeit des Misrachi, der die Orthodoxie innerhalb der zionistischen Bewegung zu jüdisch-kultureller Arbeit organisieren will. Dem Bortrag schloß sich eine Debatte an, und cs trat sodann eine Anzahl von Herren der hier wieder zu gründenden Misrachi-Ortsgruppe bei. Ein neuer jüdischer Verein in Frankfurt. — Nach dem Borbild von Berlin und München - hat sich nunmehr' auch in Frankfurt ein Verein f ü r Statt st ik und Demographie der Juden be- . gründet. Der Verein bezweckt die Erforschung der sozialen Verhältnisse der Juden durch wissenschaftliche Untersuchungen und Erhebungen, er wird Veröffentlichungen herausgeben und auch Vorträge und Diskussionsabendc aus dem Gebiete der Statistik und Demographie der Juden abhalten. _ ^Erster Vorsitzender des Vereins ist Rechtsanwalt Dr. B u d g e, 2. Vorsitzender: Bankdirektor H. Maier, Schriftführer Dr. W. Hanauer-, stellvertretender Schriftführer: Dr. S. Schwarzschild, Kassierer:'Dr. Büding. Dem Vorstand gehören weiter an: Prof. F. Bon di, Dr. A. Feüchtwanger, Stadtverordn, Fromm, Frau H. Fürth, Prof. Dr. Hülsen, Prof. Dr. MicheI,_Dr. med. M. Mainzer, Rabbiner Dr. Nobel, Dr. med. Th. Plant, Rabb. Dr. Salzberger, Dr. med. Sichel, Dr. A. Stern, Jos. Wisloch und D. A. Worms. In einer der nächsten Wochen wird in einer öffentlichen Vers am m l u n g Dr. Blau, der Lei-, ter des Bureaus für Statistik der Juden in Berlin, über die Ziele und Aufgaben der Statistik der Juden sprechen. Der „Montesiore"-Verein ist längst aus dem Dilettantenmäßigcn, das ja auch sehr hoch stehen kann, herausgewachscn. Der Eröffnungsabend der diesjährigen Wintersaison hat das wieder einmal in die Augen fallend bewiesen. Künstler ihres Faches zeigten da in dem Besten ihr Können. — Doch folgen wir dem Verlauf des Abends! Dr. Gustav Löffler, der arbeitsfreudige, umsichtige und feinfühlige Vorsitzende, sprach Worte der Begrüßung und wies die neuen Etappen im Fortschrciten des Vereins auf. Eine Beethoven-Symphonie — Lilli Bacr, Änno Rosenthal, Artur Holde, Richard Strauß — folgte. Diese Symphonie gestaltete sich zu einem Gottesdienst. Atemlose Spannung lag über dem Publikum. Wohl die beste Kritik der Leistungen. Nunmehr betrat Rabb. Dr. I. H o r o v i tz die Rednertribüne, um der Arbeit des Winters die Weihe zu geben, und so widmete er seine Ausführungen in launiger Weise dem Segen der ernsten Arbeit. Jetzt trat wieder die Kunst, der ja der Abend hauptsächlich gewidmet war, in die Reihe. Wir lernten in Fräulein Toni Bischofswerder eine sehr beachtenswerte Gesangskünstlerin kennen, lauschten den seelenvollen Tönen, die Frl. Anna Rosenthal in ruhiger, sicherer Beherrschung den Saiten der Violine entlockte und zollten auch Fräulein R e ch a R o s c n t h a l - Hanau als Rezitatorin volle Anerkennung. Den Exöffnungsvortrag des V e r e i n s „N a ch l a ß Zwi" hatte Professor Dr. Elias Fink von der hiesigen israelit. Realschule übernommen. Er beleuchtete in seinem Vortrag, den er „Apologetisches" betitelte, als Naturforscher und Mathematiker einige Stellen der Mbel> die die Bibclkritik gegen die Bibel auszunutzen beliebt. , So lächelt die Bibclkritik darüber, daß es in der Bibel heißt, ,jdie Insekten haben vier Beine". Aber es ist nicht von vier Beinen die Rede, sondern, da die Dualsorm gewählt ist, von vier Paar Beinen. Und in Wirklichkeit haben die Insekten vier Paar Beine, denn . ihre. Fühler haben genau den Bau der Beine. Deshalb spricht.. Nr. 4L auch die neuere Natursorschung nicht mehr von drei, sondern von vier Paar Beinen bei den Insekten. Auch' die Stelle: „Du sollst nicht kochen/das Böcklein in der Milch seiner Mutter", die bei uns die Trennung zwischen Milch- und Fleischspeisen zur Folge hat, wird von der Bibelkritik für ihre destruktiven Zwecke ausgenutzt. Die Bibclkritik übersetzt diese Stelle gegen den Wortsinn: „Du sollst nicht kochen das Böcklein, solange es noch an der Brust der Mutter .ist", um so diese .Verordnung nur zu einer rein sozialen;u stempeln. Im letzteren Falle hätte es aber, statt „Du sollst nicht kochen", „Du sollst nicht schlachte n" heißen müssen. Redner sührte ( »och mehrere derartige Stellen au und veranlaßte mit' seinen Ausführungen den Vorsitzende» dazu, den Wunsch anszusprcchcn, daß der Bortrag zum Nutzen weiterer Kreise im Drucke erscheinen möge. Die Jüd. Bibliothek u. Lesehalle — Langcstraße 33 — ist während des Winterhalbjahres zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag bis Donnerstag von 1—4 und 8—10 Uhr, Freitag Abend nach Schluß des Gottesdienstes bis 10 Uhr, Samstag und Sonntag von 10J/2—1 und von 3—7 Uhr. Es sei auch wieder darailf hingewicsen, daß die Entleih ung der Bücher kostenlos geschieht. Henry Budge in.Hamburg, ein geborener Frankfurter, und seine Gattin Frau Emma Budge haben für die Frankfurter Universität den Betrag von 250 000 M. gestiftet. Ferner hat das Ehepaar dem neuen Israelitischen Hospital 50 000 überwiesen. Landgcrichtsrat Dr. R a w i t s ch e r tritt am 1. Januar in den Ruhestand. — Moritz Müller, ein infolge seiner persönlichen Eigenschäften in seinem Kreise angesehener "Herr, feierte sein 25 jährig es Jubiläum im Hause der. Firma M. M. Rapp. Zu Gunsten des Jsenburger Heimes des Jüdischen Frauenbundes wird am 5. November, abends 7 Uhr, im kleinen Saal des Saalbaues ein dem jüdischen Volkslied gewidmeter Abend stattfinden. ArrS den Vereine«. Hamburg. Der Verein „Mekor Chajim" feierte unter großer Beteiligung sein 50jähriges Bestehen. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden E. Loebenstein, hielt Oberrabbiiner Dr. Spitzer die Festrede. Michel Jacobsohn überreichte im Aufträge der früheren Vorstandsmitglieder dem Verein eine Anzahl wertvoller Bücher. Chorgesang begann und schloß die Feier. Montag-Abend fand ein Festkommers statt. Letzte Berichte. Jerusalem. Der neue Gouverneur Don Jerusalem, Muhaddi Bey, hat bekanntlich bald nach seinem Amtsantritt die größeren jüdischen Ackerbankolonien in Judäa besucht und sich sehr anerkennend über die Leistungen der jüdischen Kolonisten ausgesprochen, indem er ihnen. gleichzeitig den Schutz der Regierung versprach und ihnen Ratschläge zur Erhöhung her öffentlichen Sicherheit in den Kolonien erteilte. Diese judenfreundlichen Aeußerungen des Gouverneurs paßten den antisemitischen Kreisen, an denen leider auch in der Türkei kein Mangel ist, natürlich, nicht in den Kram. In Kvnstantinopel machten sich dunkle Bestrebungen geltend, den neuen Gouverneur von Jerusalem bei der Zentralregierung und in der Presse anzuschwärzcn, um ihn womöglich gleich bei Beginn seiner ersprießlichen Tätigkeit von seinem Posten zu entfernen. Die gehässigen Quertreibereien sind glücklicherweise sehlgeschlagen. Der Pascha erhielt dieser Tage vom Minister des Innern, Z) a n i s.ch Bey, ein Telegramm, in dem die Erwartung ausgesprochen wird, daß er seine in« tz - liche Tätigkeit in Jerusalem mit Erfolg fortsetzen werde. R i s ch o n l e- Z i o n. Gemäß der Anregung des neuen Gouverneurs von Jerusalem, Muhaddi Bey, hat sich unsere Kolonie im . Verein , mit dem benachbarten Neß-Zionah (Wadi-Chanin) als Munizipalität im .-Sinne des türkischen Gesetzes konstituiert. Auch die Kolonie Rechoboth ist zur Stadtgemeinde erhoben worden. Sowohl hier-wie in Rechoboth kamen hierbei die neueingewanderten jemenitischen Juden, die sämtlich ottomanische Staatsbürger sind, zustatten, da das Gesetz ,bte Ertestnng. der Munizipalitätsrechte an. das. Vorhan.denjsein . einer größeren Anzahl: von Reichsangehörkgen.knüpft. :

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