Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 40 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oktober ISIS» Rr. 40. j Die Balkankrise. Europa befindet sich wieder einmal in einer starken politischen Krise; jeder Tag birgt ungeahnte Möglichkeiten in sich, und niemand'kann heute poraussehen, was der Morgert bringen wird. Jnr Mittelpunkt dieser Krise steht wieder, wie fast immer in letzter Zeit, der kranke Mann am Bosporus. Die Balkanstaaten mit ihren Desperadoprinzipien und Allüren mazedonischer Bandenführer hoffen die mißliche innere wie äußere Lage der Türkei ansnutzen zu tonnen, und so strecken sie schon beutegierig die Krallen aus, funkelnden Auges liegen sie sprungbereit; in vornehmer Sprache gesagt: sie mobilisieren. Wie unsicher die Lago ist, zeigen gerade die letzten Tage. Schon hieß cs, die Mächte hätten sich alle verständigt, ein energischer Kollektivschritt stehe bevor, und es bestehe soniit begründete Ähussicht auf Erhaltung des Friedens. Kaum aber war diese stolze Ankündigung von der endlich erzielten Einigung der Mächte erfolgt, als einige Stunden später der Telegraph meldete, König Nikita von Montenegro habe plötzlich den Krieg erklärt. Damit ist natürlich die ganze Aktion der Mächte wieder in Frage gestellt und die Unsicherheit der Lage noch um ein Beträchtliches gesteigert. Auf aller Lippen schwebt nun die bange Frage: Was nun? Wird es, wie es den Anschein hat, zum Balkankrieg' kommen, und wenn es dazu kommt, welches wird sein Ausgang sein? Mit einem Worte: Welches wird das Schicksal der Türkei sein? Mehr als alle muß diese.Frage uns beschäftigen, uns Jude n. Es braucht wohl hier nicht mehr bewiesen zu werden, von welcher Bedeutung jedes Wohl und. Wehe der Türkei für uns Juden ist. Jede Gefahr, die sie bedroht, ist zugleich eine Gefahr für unsere tiefsten nationalen Hoffnungen, jeder Schaden, der ihr angetan wird, bedeutet einen Schäden für unsere nationale Zukunft. Für alle anderen bedeutet schließlich die Frage nach dem weiteren Schicksal .der Türkei nur eine Frage des Interesses, für uns ist sie eine Frage unserer Zukunft. Sicheres sagen läßt sich naturgemäß vorderhand nicht, und müssige Prophezeiungen in die Welt; zu setzen, ist nicht.nur wertlos, sondern geradezu lächerlich. Denn wohin man blickt, nirgends läßt i sich etwas wirklich Sicheres, Feststehendes wahr- > nehmen. Scheinbar ist Europa geeint im Bestreben, den Frieden zu erhalten und, wenn der Balkankrieg schon unvermeidlich, sein sollte, diesen unbedingt zu lokalisieren. Scheinbar, so unbedingt! sicher ist es auch nicht; wer weiß, ob nicht der oder I jener Staat eine doppelzüngige Politik treibt, und I selbst wenn Man den Versicherungen der verantwortlichen Diplomaten Glauben schenken will, wer garantiert dafür, daß inoffizielle, unverantwortliche Strömungen da oder dort die Oberhand gewinnen? Ein Beispiel dieser Art haben wir ja schon in diesen Tagen erlebt: Während Sasanow in den europäi-! scheu Hauptstädten energisch an der Erhaltung des! Friedens arbeitet, eröffnet die russische Nationali bank Bulgarien einen Kredit von 25 Millionen. I Scheinbar will die Türkei einen Krieg nicht. I Sicher ist auch dies nicht. Und es gibt einsichtige I'Kenner der Situation, die meinen, die Türkei wolle I mit Italien Frieden schließen, und dann durch einen I Sieg über die Balkanstaaten ihre Niederlage in I Tripolis wieder gutiMachen) eist Plan, der sehr klug I 'wäre, wenn er nur gelingen sollte. Wahrscheinlich I ist es nun .allerdings, daß die Türkei siegt. Sicher baberist auch dies nicht. ' Wie Man sieht, überall Unsicherheit, Verwirrung .und unbegrenzte Möglichkeit fiir alles. Unterdes aber wird die Türkei an inneren Reformen gehindert, die gesunde Entwicklung des Landes' wird gehemmt, und im Lande selbst leidet alles. Ueberblickt man alle erdenklichen Möglichkeiten, so ergibt sich ein Resultat als sicher: Die unbedingte Notwendigkeit für die Türkei, innere Reformen in Mazedonien einzuführen, die in einer Erweiterung der Dezentralisation und der Gewährung größerer Freiheiten fiir die einzelnen Nationen bestehen müssen. Das eine wird die jetzige Krise gewiß zur Folge haben: die chauvinistische, gewaltsame, zentralistische innere Politik, wie sie die Jungtürken geführt haben, ist ein für allemal unmöglich. Ob es zum Kriege kommt oder nicht, ob die Türkei siegt oder nicht: worüber entschieden werden muß, ist der Umfang der Reformen; daß sie eingeführt werden müssen, steht Jetzt fest. Und dieses Resultat der jetzigen Krise ist gewiß zum guten Teil auch für uns Juden günstig und bedeutsam. Denn gibt einmal die Türkei den christlichen Nationalitäten größere Rechte, so wird sie nicht umhin können, dieselben auch den Juden zu gewähren. Und dies ist nur gut: nicht nur im Interesse der ottomanischen Judestheit, sondern auch in demjenigen der Türkei selbst. Denn mit der Einführung der Dezentralisation wird gewiß die wichtigste Ursache der meisten inneren Nationalitätenkämpfe beseitigt sein. Soll also diese Krise, selbst wenn es zum Kriege kommt, was .jetzt ja höchstwahrscheinlich ist, ohne irgendwelcher territorialen Schaden firr die Türkei ausgehen, was auch sehr wahrscheinlich ist, so wird, da die finanzielle Schwächung sowie der Verlust an Menschenleben bei der voraussichtlich nur kurzen Dauer des Krieges nicht so bedeutend sein kann, das Ergebnis im großen ganzen nicht so gefährlich sein, wie es nach manchen pessimistischen Beurteilern jetzt aussieht. So führt eine nähere Betrachtung der Situation dazu, in Ruhe und ohne Aufregung den kommenden Ereignissen entgegenzusehen. Hoffen wir, daß das Ergebnis nach unseren Wünschen ausfallen wird. Ans den Ereignissen des Tages. Beginnende Klärnng. Der große Kampf zwischen dem Zionismus u n d d e r A s s i m i t a t i o n tritt in seine letzte, entscheidende Phase' Das nächste Jahrzehnt bereits wird über Sein oder. Nichtsein 8er Assimilation entscheiden. Die Symptome dieses letzten Kammes lassen sich an allen Ecken und Enden wahrnehmen, deutlicher aber wie überall an der Scheidung der Richtungen, die sich innerhalb der Assimilation Kn vollziehen beginnt. Dem aufmerksamen Beobachter wird es nämlich nicht entgangen fein, daß innerhalb der Assimilation, deutlicher gesagt, innerhalb der «nationalen, rein konfessionellen deutschen Jud'enheit, wie sie etwa im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" organisiert ist, eine gewisse Spaltung, ein gewisser Gegensatz inbezug aus ihre Stellung zum Zionismus und zur jüdisch-nationalen Idee Platz zu greifen beginnt. Auf der einen Seite steht eine Richtung, die in ihrer Feindschaft zum Zionismus unversöhnlich und unnachgiebig ist und, über die großen Erfolge desselben erbittert, von Tag zu Tag nur radikaler, extremer und unversöhnlicher wird. Ihr gegenüber aber besteht eine andere Strömung — die stärkere —, die zwar prinzipiell noch an der Ablehnung i des Zionismus festhält, dabei aber doch keinen 3 Kampf mit demselben, sondern fiiedliches Beisammenarbeiten, gegenseitige Verständigung und — wenn möglich — die endgültige Versöhnung erstrebt. Naturgemäß ist dieser Gegensatz innerhalb des Zen-! tralvereins noch nicht so weit gediehen, daß erbej reite zu offenen Konflikten geführt hätte, nochfiehen I beide Richtungen dicht beisammen, scheinbar vollstänj big geschlossen und einträchtig, aber der Gegensatz! j besteht trotz alledem. j Dieser Gegensatz hat sich deutlich und unverj kennbar in einer großen Versammlung gezeigt, j die der „Zentralverein" vergangenen Samstag hier j abgehalten hat. Auf der Tagesordnung! stand das j bald nun sattsam bekannte Thema: „DieZukunft ] der I uden", und Referent war der zweite Bori sitzende des Verbandes, Geh. Justizrat Dr. Eugen i Fuchs-Berlin. j Die Versammlung sollte naturgemäß eine j Gegcnveranstaltung zur Sombärtversammlung hier i sein, und' in der Tat bestand das ganze Referat in j einer Widerlegung Sombarts, woran sich noch eine; Polemik gegen Goldstoins Aufsatz im „Kunstwart" j anschloß. Äuf den Inhalt des Referats aber kam 1 es nicht so sehr an. Es waren meist bekannte Dinge, i die der Referent erzählte. Was aber am Bortrag! so interessant, so bedeutsam, so symptomatisch war, i war der Ton der Rede. Man hatte nach der Er- ' j regung der hiesigen Zentralvereinsmitglieder mäh- | rend der Sombärtversammlung einen scharfen, Heß-! tigen Angriff gegen Sombart und den Zionismus j erwartet; was statt dessen kam, war zwar eine prinf zipielle Ablehnung, aber eine Ablehnung, die in ' jj der denkbar versöhnlichsten, konziliantesten und entgegenkommendsten Weise erfolgte. „Wir sind zwar im Prinzip Gegner des Zionismus, aber das tut nichts; djie Hauptsache ist: Nur kein Kämpf, nur kein Zank, fiiedlich, versöhnlich wollen wir Hand in Hand arbeiten; einen sehr großen Teil des Weges können und wollen wir ja mit dem Zionismus zusammengehen!" Dies etwa war das'Leitmotiv der Rede. Und wenn man diese Rede nun mit derjenigen Vergleicht, die der Vertreter der Zentralvereinsrichtung in der Sombärtversammlung gehalten hat, dann imuß inan schon währhastig blind sein, um nicht den tiefen Gegensatz, der da innerhalb des Zentralvereins besteht, zu erkennen. Hier Kamps bis' zum Tod, nichts von Friede, nichts von Einheit; und dort: Versöhnungsbestreben, Friedenswunsch, konziliantestes Entgegenkommen! . , - Diese Entwicklung der Dinge, die sich da vor uns äbspielt, ist durchaus keine überraschende. Weitblickende Beurteiler der Sachlage haben sie schon seit Jahren vorausgesagt. Die Assimilation muß eben aktive Stellung zum Zionismus nehmen; bei ihrer Indifferenz kann es nicht belassen bleiben. Und kaum muß sie aktive Stellung nehmen, so muß sofort die Scheidung der Geister einsetzen! Aus der einen Seite all die wahrhaft überzeugten Assimilanten, all diejenigen, die nicht nur durch den Einfluß von Erziehung und Milieu und' durch träge Gedankenlosigkeit die Ideen der Assimilation vertreten, sondern innerlich, in . ihrem unbewußten Fühlen und Empfinden dem Judentum für immer entfremdet werden. Und auf . der anderen Seite wieder all diejenigen, die nur in ihrem Reden und Denken, der Assimilation angehören; in ihrem unbewußt, ten Empfinden, in ihrem instinktiven Wollen aber gut Wisch sind, warme Liebe zu allem Jüdischem im Herzen tragen, und innerlich wahrhaft stolz sindi aus ihr Judentum: sie werden immer mähr «M