Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 39 (7.10.1912)
- Date
- 1912-10-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39, . Frankfurter ZsraelitWes FamMenblatk. Seite S z Nach, kurzent, herzlichem dlbschiede schrM^^beide Spiras der Alt-Neuschule -zu, wo Schamech uni» die anderen sie erwarteten.. Das stille Gebet beginnt und wie ein Geisterhauch geht -das Flüstern so vieler Lippen durch den heiligen Raum. Endlich wird es stiller und stiller, allS lauscht. Rabbi Spira tritt vor den Vorhang, der die heilige Lade bedeckt. „Wir gehen wieder Tagen der Not und Trübsal, des Blutes und der Angst entgegen, wie es so oft geschehen ist," sagte er. „Der Gott unserer Väter, der uns bisher errettet hat, kann uns aber auch aus dieser kommenden Not herausführen, wenn wir sein Wort recht verstehen und in seinem Zeichen wandeln! Die Not und Qual,/der Tod und das Verderben, die über uns kommen werden, kommen nicht etwa von der Gewalt, der wir untertan sind, . vom Kaiser, kommen nicht von dem Volke, unter dem wir jüdischen Leute hier leben, sondern von demselben mörderischen Feinde, der so lange schon die Welt nrit Feuer und Schwert verwüstet, der die Menschen seines Glaubens so wenigverschont wie die unsres Glaubens. 7 Was für ein Feind der Schwede ist, wir haben es gespürt voriges Jahr und denken daran mit Schaudckn! — Wird Gott uns diesmal die Heimsuchung ersparen? — Nein, er wird sie uns nicht ersparen! Cr wird über uns kommen lassen des wilden Feindes Schrecken zehnmal ärger und uns schlagen lassen zehnmal schwerer! — Warum? — Weil wir voriges Jahr nicht zur rechten Zeit unsre Angen aufgetan haben, zu erkennen, wer unsere Stütze sein soll. Weil wir damals uns losgekauft haben von den Schweden, unsere Hände aber ruhen ließM gegen unsere Landsleute, — so wird der Feind jetzt kommen über uns selber ohne Mitleid, denn er hat von unserm Reichtum gekostet! Was sollen wir aber tun, daß der Herr im Zorn nicht über uns Blut, Tränen, Schmach und Wehklage verhänge, sondern uns zum Siege führe? Wir sollen zu dem Volke, bei dem wir wohnen, treten und sagen: „Deine Feinde sollen unsere Feinde, deine Not soll unsere Not sein!" und zu dein Kaiser unserm Herrn sollen wir starkmütig halten und sein Recht schützen, wie er und seine Vorgänger unser Recht in Prag seit alter Zeit schützten. Wer also schivach ist am Fleisch, aber begütert, der gebe von seinein Gute zum allgemeinen Besten, damit per Verderber ihm nicht hinterher dennoch sein Gut und das Leben dazu nimmt! Wer stark ist-i'an Kräften, aber arm an Habe, der recke seine Hände zum Streit gegen den Widersacher und biete sein Blut! Wahrlich, besser ists doch, er sieht es in gerechter Sache rinnen und fühlt das ewige Zeichen über feinem Haupte, als daß er erlmirgen läßt sich, sein Weib, seine Kinder, wie man das wehrlose Rind und Lamm würgt ohne Mitleid! Ihr sollt nun nicht meinen, ich, Euer Rabbi, rede nur, aber lasse die Sache selbst an mich kommen. Nein, ich muß auch der erste sein von aller Judenschaft zu Prag, der das Werk anpackt, zu dem er ruft und der sich zuerst anferlegt, was er Euch, seinen Brüdern/ auferlegt! Ich will hingeben alles was mein ist und will der Aermste unter Euch sein! Gott hat mich auch gesegnet mit einem einzigen Sohne, — aber ich gebe in diesem einen Sohn meinen letzten höchsten Reichtum und mit ihm ineines Herzens Blut! Wer geben will, sei es viel oder ivenig, gebe Joach Schaniech, wer streiten will für Befreiung und Sieg mit allen Kräften, trete zu Markus, meinem Sohne. Ich aber werde Euch führen vor des Statthalters Grafen Colloredo Angesicht und ihm bringen unser Geld, unser Blut und unfern Eifer, der Schild Davids," und er erhob die Hand zu dem strahlenden sechseckigen Stern, der den dunklen Tempel durchglühte, „das Licht des Herrn wird unser Schutz sein!" — Der kleine Rabbi mit der gewaltigen Stimme, der gesprochen hatte wie einen der Propheten aus alter Zeit, stieg herab vom Heiligsten und schritt still zum Tempel hinaus. Schamech und die Gemeinde folgten ihm langsam nach. Die Gemüter waren in allen Tiefen bewegt! — IV. Halt- und gehaltlose Charaktere iverden durch schwere innere, .namentlich geistige Kämpfe, denen ihre bisherigen Ueberzeugungen unterliegen, oder durch des Genusses Uebermaß oft völlig zersetzt, und zum Nichtsniehrwissen-, Denken?, Empfindenwollen zum Ueberdruß an sich selbst und der Welt herabgestimmt, jenem Zustande, hxn wir heute im engeren und weiteren Sinne „blasiert" nennen. , Bon solchem Charakter war Esther Katz nicht, und deshalb konnten die schweren Kämpfe ihrer Seele auch keine moralische Zersetzung zur Folge haben. Ihre Erziehung war einseitig und wenig für das Weltleben berechnet gewesen. So, wie sie jetzt war, hätte sie ohne ihren Reichtum und ihr Ansehen unter ihren Mitmenschen gar nicht fortzukoinmen vermocht, denn WÄtklugheit und Lebenserfahrung besaß sie nicht. Das übpige Prag kannte sie nicht, kaum einmal die Judenstadt. Ihre Lebensheziehungen hatten sich im abgegrenztesten Kreise bewegt, :mud sie stand nur mit des», vornehmsten Teile ihrer 'Stammgenossen in wirklicheurs.Verkehr. Mit dem ftinfzehnten Jahre" war sie mutterlos geworden, also zu einer Zeit, wo das Jungfrauentum in seinem Aufblühen des innigen weiblichen Anschluss^ und der Leitung bedarf. Diese Leitung war ihrem Vater, einem gelehrten Talmudisten und Forscher, anheimgefallen, der ihr diejenige Entwicklung nicht zu geben vermochte, deren ein Mädchen bedarf, um ihren Beruf einst zu erfüllen. Durch ihn hatte ihr Geist eine viel zu spekulativ männliche, Asketische, ja skeptische Richtung genommen, so daß ihre Herzensbildung im Rückstände geblieben war, auf deren Kasten sich ihre Eitelkeit, ihr Hochmut und ihr Selbstbewußtsein nur allzu stark entwickelt hatte. An innerem Gemüts- und Geistesleben fehlte es .ihr indes nicht. Ihr Herz war von tiefer Frömmigkeit, weiblicher Sitte und Würde erfüllt, ihr Geist lebte in den hohen, uralten Ideen der Jehoviflkschen Offenbarung, die sie in ihrer, vollen Reinheit überkommen und in sich ausgenommen-hatte. Niemand konnte idealere Anschauungen von der Bestimmung des Menschen und einen reineren Willen haben, empor zur Wahrheit zu streben, das Gute zu tun und den leisesten Mahnungen des Gewissens zu lauschen. Indem sie diese ihre innere Bortrefslichkeit mit ihren strengen und aristokratischen Gewohnheiten und den stolzen Traditionen ihres Geschlechts verband, war sie der Sinnpflanze vergleichbar, welche sich bei der leisesten Berührung empfindlich zusammenzieht, jenen ernsten, keuschen Blumen, die ihre Kelche nur dem -Mondstrahl öffnen und im Dunklen duften. Leider rarcbte das Geschick ihr mit siebzehn Jahren auch den Vater und machte sie zur.Erbin eines ungeheuren Reichtums. Es war natürlich, daß die Verwandtschaft sich alsbpldi an sie drängte, um sie ihrem Einflüsse unterzuordnen, daß sofort jüdische Eltern sich fanden, welche für ihre mannbaren Söhne eine so schwerwiegende, vornehme und schöne Lebensgefährtin lebhaft wünschten, und die Männerwelt erwies ihr auffallende Huldigungen, welche nie ohne Nebenabsichten waren. Besaß Esther auch keinerlei Lebensklugheit, so besaß sie doch die Schlauheit, den feinen Instinkt und die Beobachtungsgabe ihrer Nation. Sie hatte sehr' bald heraus, worauf es ihrer Verwandtschaft wie ihren Freiem ankam, und da Vater wie Mutter in kluger Voraussicht solcher Spekulationen Esther testamentarisch höchst frei und selbständig gemacht hatten, ihr Vormund aber der Vorsteher Joach Schamech war, der dem alten Katz eng befreundet geioesen und dessen -Ansichten genau kannte, so ließ dieser ihr wohlweislich ihren vollen freien Willen, und seine Ratschläge konnten sic nur in ihrer abweisenden Haltung bestärken. In seinem ersten ruhigeren Gespräch mit ihr nach des Vaters Tode hatte Joach zu ihr gesagt:' „Esther, mein Kind, sei vorsichtig! Laß Deine Verwandten niemals mit Deinem Beutel verwandt sein, das gibt Aergernis! Nimm keinen zur Ehe, den Du nicht leiden magst, denn sonst erheiratest Du Dir Jammer und Knechtschaft! Wenn der weise Salomo käme und wollte Dich nehmen, und Dir sagt Dein Herz nichts — schuppse ihn weg!" Stolz war Esther von Hause aus, und das Wegschuppsen verstand sie vortrefflich. Die Furcht, um ihres Geldes wegen geliebt zu werden, war ihr genug, alle Bewerbungen ebenso wie ihre zudringliche Verwandtschaft abzuweisen. Die Rache der Zurückgescheuten nun bestand darin, Esther für herzlos zu erklären, und der Neid ihrer Altersgenossinnen kam hinzu, ihr einen möglichst schlechten Leumund zu machen. Dies erzeugte in ihrer Seele Verachtung und Bitterkeit, es stärkte nur ihren trotzigen Stolz. Ein Ereignis besonders, das sie vor fünf Jahren mit tiefem Groll gegen Markus Spira erfüllt und der sonst so innig befteundeten Familie des Rabbi entfremdet hatte, war dieser ihrer Sinnesrichtung nur zu sehr zu Hilfe gekommen und hatte ihre Reizbarkeit höchlich vermehrt, ihren Charakter noch verschärft und gestern zu der Szene in Simeons Hause Anlaß gegeben. Die Lehre, welche ihr das ererbte heilige Schriftstück ..gegeben hatte, war fürchterlich gewesen, d-enn sie hatte alles in ihr umtzeworfen, was vordem bei ihr feststand, hatte' Geister in ihr entfesselt, die bisher ahnungslos schliefen, hatte ihr den stolzen Mut, das Selbstbewußtsein geraubt, das ganze Reich des Geistes, . in welchem sie sich als Herrscherin glaubte, eingerissen und sie vor ein Dogma gestellt, es ihr als das höchste gepriesen, das Göttlichste, was sie nicht begriff, von dem ihr jede Vorstellung, jede Empfindung abging! — Die Gesundheit, Reinheit, Bortrefflichkeit ihrer Seele indes, der starke Wille und das feste Bewußtsein, das Gute zu wollen, .ließ,.sie nicht moralisch zusammenbrechen. Die Orkane, welche ihr Inneres, Gemüt wie Verstand, bis in allen Grundfesten aufgewühlt, waren jene Kämpfe der freien, starken Elemente der Natur gleich, die aufeinander krachen, verwüsten wie aufbauen, aber stets eine Reinigung der Atmosphäre, eine Genesung zu neuem, erhöhterem Dasein zur Folge haben. In diesem Augen? blicke — es war. bereits Nachmittag — wetterleuchtete es indes noch stark in ihr und noch brachen sich die letzten streitenden Wogen in ihrer Seele. Zugleich Ijtttte eine sehr begreifliche nervöse, sowohl leibliche wie geistige Mattigkeit sich ihrer bemächtigt und sie lag auf ihrem Diwan in einer Art Apathie, in welcher sie nichts mehr zu denken vermochte als das eine: „Was dir auch geschieht — es ist des Ewigen Wille!" — Dieser Zustand der Mspannung wurde durch Rahel» die alte Dienerin, unterbrochen, welche ihr Rebekka Löw, ihre Tante, die fast siebzigjährige Witwe des berühmten Rabbi, meldete, welcher Vorgänger von Simon Spiras Vater im Lehramte gewesen und 1609 gestorben war. „Hast Du ihr gar nicht gesagt," entgegnete Esther müde, „daß ich gar nicht wohl bin und allein sein will? — Wenn ich Täubchen sogar abweisen kaffe, bin ich siir andere Leute auch nicht zu sehen!" (Fortsetzung folgt.) ftmtrihiMiSEliBFits-B Pincenez Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J. W. Albert, Ecke Nene Iainientar. n. Weiafranenatr. 1t. Haiser Friedrich Quelle Offenbach a. K. - Gegen, Gicht and Bheamatbmas bewShrt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a.M., Gflnthersborg-Allee 37. TeL2590.714. Bunte Chronik. ■ Funde altisraelitischer Matze und Gewichte. Bor kurzem erschien ein iMeressanter Bericht über die Ergebnisse der von den französischen Asumptionistenpatres in Palästina durchgeführten Grabungen. Danach sind wir heute bereits im Besitze von Exemplaren aller jener Maße und Gewichte, welche in der Bibel erwähnt werden. So kennt man heute schon Form und Wert des Lug, Kab, Hin, Bath, Omer, Kikar, Ephah nsw. Unter anderem wurde auch ein ganz Keines Maß gefunden, dessen Bedeutung bisher unbekannt blieb. Run soll es endlich gelungen sein, durch vergleichende Messungen festzustellen, daß dieses Keine Hohlmaß zum Messen des Zehents gedient haben soll. Schachmeister Rubinstein. Dr. Tarrasch. der Nestor der Schachneister> hat: sich jüngst über Rubinstein wie folgt ausgespror^n: j „Der unbestrittene Sieger dieses Jahres ist Rubinstein. In drei großen Tournieren, San Sebastian, PistyaN und Breslau an der Spitze; wer könntesolchen 'Erfolgen? Bewunderung versagen. Und sein Spiel ist in jeden». Tournier gleichmäßig stark, was besonders hervorzuheben ist. Uebelwollende oder verständnislose Kritiker suchen seine Erfolge mit seiner „Technik" zu erklären und bezeichnen ihn als den besten Schachtechniker, den cs-, je gegeben. Das ist ganz falsch was Rubinstein aus-- zeichnet, ist sein unerschütterlich klarer, tteser und richttger Positionsblick. Diesem hat er seine großartigen Erfolge zu verdanken. Echtes Genie ist diesem Positionsspieker pur excelience eigen, in weit höherem Grade als den Schachrauvbolden, die in eleganten Kombinationen exzellieren, wie sie schließlich jeder Spieler, zweiten Ranges auch fertigbringt. Sein Spiel ist für den. Kenner^ zum Beispwl für mich, bewundernswert, das große Pub-- liknm wird allerdings oft genug größeres Interesse'an? Spielern nehmen, die man im Vergleiche zn Rubinswm als zweiten Ranges bezeichnen darf."