Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 39 (7.10.1912)
- Date
- 1912-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692807--07224-2702287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'S ' ■ .. . . / " . Erscheint wöchentlich am Freitag. '■'■'jpqn&fni* pro Virrirljahr: In Frankfurt a. PL Mk. 1.—> - frei «iS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-7 frei inS H auS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung 'durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. AedaKtrön und Grpeditüm: Frankfurt a. M rr Canstftr- 7; Fernsprecher Amt I. 1Q507. ' SargÄeis. ..• :-** Inper tionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für ' die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender - - Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuchs Wohnungsinserate. -» Heirats-Annoncen 15 Pfg. die fechsgespaltene Petitzeile ohne- - jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borfchrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Cxped. und inaÄnnoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt eu M. unter Nr. 4864. 10. Jahrgang. Momag, oe» 26 2!86dr1 S673 (7. Oktober 1812) Rr. 38. Aus den Ereignissen des Tages. Zur Präsidentenwahl in Amerika. In Amerika herrscht gegenwärtig fieberhaftes politisches Leben, utifr die politischen Leidenschaften sind bis zur Siedehitze gesteigert. Die Pr äsidentenwahl ist im Anzüge. Die diesjährige Wahl hat ganz besondere Bedeutung, weil pnt ersten Male drei Parteien und drei Kandidaten. auf. dem Plan erscheinen. Die Entscheidung, die in diesem mit einer selbst für Amerika ungewohnten Heftigkeit geführten Wahlkampf gefällt werden wird, ist von einschneidender Bedeutung für das ganze zukünftige innere Leben Amerikas. Denn von ihr wird es abhängen, ob man endlich ernsthaft beginnen wird, der inneren Korruption .des politischen Lebens, ein Ende zu machen, oder alles beim alten gelassen werden wird. Es ist unter diesen Umständen erklärlich, daß. diese Wahl auch für das Wohl der amerikanischen Jüdenheit von Wichtigkeit ist und diese daher lebhaften Anteil an derselben nimmt. Amerika ist ja bis zum heutigen Tage unbestritten das Land, in dem es den Juden, was ihre Gleichberechtigung anlangt, am besten geht. (Italien und.Frankreich mit'ihrer Handvoll Äiden sind ja kaum kn Betracht Au ziehen.) Nichtsdestoweniger macht sich auch dort in letzter Zeit ein starker gesellschaftlicher Antisemitismus bemerkbar, der auch auf das politische Leben übergreift, und ganz besonders unter der rigorosen Einwanderungsgesetzgebung haben ja die Juden sehr zu leiden. Nun richtet sich aber bekanntlich in Amerika die Zusammensetzung der gesamten Beamtenschaft nach der Parteirichtung des Präsidenten. Kein Wunder also, daß es den amerikanischen Juden, aber auch der gesamten Jüdenheit, nicht gleichgültig sein kann, welcher Präsident gewählt wird. Sehen wir uns nun die drei Kandidaten in Bezug auf ihre Stellungnahme zu den jüdischen Interessen näher an. Bon den dreien kann der eine, Taft, wohl sofort ausscheiden, einmal, weil er so gut.wie gar keine Aussicht hat, wiedergewählt zu werden, sodann aber, weil, er als der reaktionärste für uns Juden zweifellos auch der ungünstigste ist. So kommen denn eigentlich nur die zwei anderen Bewerber in Betracht: der Demokrat Wilson und der Fortschrittler Roosevelt. Sie sind beide fortschrittlich gesinnt und besitzen beide den aufrichtigen Millen, mit der herrschenden Korruption aufzuräumen. Soll man sich aber für einen von ihnen entscheiden, so würden hie amerikanischen Juden wohl überwiegend für Roosevelt eintretün. Einmal ist er bei alledem doch dür fortschrittlichere gegenWor Wilson, zudem auch derjenige, der weit mehr Energie und Erfahrung in dem zu beginnenden schwierigen Säuberungsprozeß aufbieten kann. Und vor allem: Sein Standpunkt in der Muslvanderungsfrage iA der für uns Juden bei weitem günstigore. Wilson war bis zur Aufstellung seiner Präsidentschaftskandidatur als Gegner der Einwanderung bekannt und hat seinen gegnerischen Standpunkt auch ,in mehreren Schriften vertreten. Nachdem er zum Kandidaten nominiert worden war, hat er selbstverständlich seinen Standpunkt sofort revidiert und korrigiert und laut erklärt, ' er denke nicht daran, Gegner der Einwanderung zu sein; im Gegenteil, er begrüße sie, werde sie fördern üsw. Daraus aber ist natürlich kein Gewicht zu legen. Tatsache bleibt trotz alledem, daß er innerlich Gegner der Einwanderung ist und wenn auch vielleicht nicht anzunehmen ist daß er die Gesetzgebung in dieser Hinsicht verschärfen wird, so darf es doch als sicher gelten, daß er sie nicht bessern und ihre Handhabung nicht erleichtern wird. Demgegenüber ist Roosevelt seit jeher als Freund der Einwanderung bekannt, und tatsächlich war es während seiner Präsidentschaft besser als jetzt. Noch ein anderes kommt hinzu. Roosevelt hat als Kandidaten für. den Posten als Gouverneur von Newyork Oskar Strauß ausgestellt, eine der promenentesten Persönlichkeiten der amerikanischen Jüdenheit. Nun ist der Newyorker Gonverneursposten einer der wichtigsten in ganz Amerika, und er hat schon manchmal sogar als Vorstaffel zur Präsidentenwürde gedient. Die Aufstellung eines Inden als Kandidaten für dieses Amt, zudem eines Juden, der wärmstes Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten besitzt, mag wohl zum Teil taktischen Rücksichten entsprungen sein; nichtsdestoweniger zeigt es' deutlich, daß die Fortschrittspartei volle Gleichheit den Juden gegenüber herrschen lassen will. Lille diese Gründe und Momente zusammen ergeben, daß von den drei Kandidaten Roosevelt unbedingt der amerikanischen Jüdenheit sympathisch sein muß. Und so scheint es auch in der Tat zu sein. Soweit man sieht, werden die amerikanischen Juden bei der Wahl in ihrer Majorität für Roosevelt eintreten. Die Masse der Newyorker Juden hat Roosevelt schon durch die Aufstellung des sehr populären Strauß gewonnen und von den großen führenden Persönlichkeiten wie Jakob Schiff, Sulzberger, Marshall u. a. werden wohl die meisten sich ebenfalls für Roosevelt erklären. Welches der Ausgang der Wahl sein wird, ist noch ungewiß. Das eine aber ist sicher: Wag Wilson oder Roosevelt den Sieg davontragen, jedenfalls wird eine der fortschrittlichen Richtungen siegen und das kann für die amerikanische Judenheit nur von Segen sein. Die Ziele und Erfolge des Jüdischen Ratioualsonds. Im Jahre '1901 wurde auf dem 5. Zionistenkongreß in Basel der Jüdische Nationalfonds ins Leben gerufen. Er ist in London registriert und wird von einem Direktorium unter Vorsitz des Rechtsanwalts Dr. M. I. BodLutz eimer in Köln verwaltet. Die wichtigste Aufgabe des I. N.-F. besteht darin, Grund und Boden in Palästina zu erwerben, auf dem die heimatlosen, in vielen Ländern verfolgten Juden als bodenständiges Volk angesiedelt werden. Zur Zeit besitzt der I. N.-Lf. über 3 Millionen Mark, die vornehmlich aus kleinen Spenden seitens minderbemittelter, Juden in allen Ländern aufgebracht worden sind. Bon diesem Vermögen sind nahezu drei Viertel in Palästina angelegt. Bon den Leistungen heben wir hervor: Landwirtschaftliche Musterfarmen am 'Tiberiassee zar Heranbildung von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen, Anpflanzung von Oelbaumwäldern, Orangengärten u. a. auf den zu diesem Zwecke erworbenen Ländereien an der Bahnstrecke Jerusalem-Jaffa, Begründung einer Siedlungs-Genossenschaft nach den bodenreformerischen Prinzipien des bekannten Berliner Soziologen Dr. Franz Oppenheimer, Ein modernes, hygienischen Anforderungen entsprechendes Stadtviertel „Tel-Awiw" <Frühlingshügel) am Meeresstrande in Jasfa, Förderung der Kunstgewerbeschule Bezalel, welche 500 Jerusalemer Juden Erwerb gibt und einen nenerr Kunststil zu schaffen bemüht ist. Dieser Schule stellte der I. N.-F. zwei Häuser in Jerusalem zur Verfügung und half ihr außerdem, eine Kolonie auf seinen Ländereien zu begründen, wo Hausindustrie mit Gartenwirtschaft verbunden wird. Dem Jüdischen Nationalfonds gehört ferner das auf seinem Boden errichtete Gebäude des hebräischen Gymnasinnis. Auch für das im Bau befindliche Technikum in Haifa, stellte der Nationalfonds den Boden zur Verfügung, Von großer sozialer , und kultureller Bedeutung sind die mit Hilfe des Nationalfonds, geschaffenen landwirtschaftlichen Bauern-Kreditgenossenschaften in den jüdischen Kolonien sowie zahlreiche Einfamilienhäuser und Heimstätten für landwirtschaftliche Arbeiter. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Berlin. In der Lichtenverger Stadtverordnetenversammlung kam die Abweisung eines jüdischen Assistenzarztes zur Sprache. — Stadtv. Redaktnir Kalischer bedauerte das Vorkommnis. Das Krankenhaus werde ans dem städtischen Steuersäckel erhalten, und bei den Geschenken^; die es in reichem Maße erhalten?, sei nie nach dem r Bekenntnis der Spender gefragt worden. —, Stickt». Rechtsanwalt Schachtel erklärte darauf, es sei Vorsorge getroffen, daß sich dergleichen Zurücksetzungen nicht mehr ereigneten. Die Inden seien dankbar, wenn sie in dem Kainpf um Wahrung ihrer Rechte von Mchtjude» unterstützt würden. Dagegen verzichteten sie darauf, daß sich getaufte Glaubensgenosse« , ihrer annähmen.—, Stadtv. Kali scher bezeichnet« ~ nun die Ausführungen des Vorredners als .Mnverschchnt» heit", wosiir er zur Ordnung gerufen wurde. Er sei — fuhr er fort — evangelischer Christ, ebenso wie sein Vater es gewesen, und kein Glaubensgenosse Schachtelst Dieser rief dazwischen: ,/Oann mindestens Stammesgonosse!" —. Oberbürgermeister Ziethen erklärte zuletzt vast sowohl der Vorsitzende des.'Kuratoriums als auch der leitende Arzt die Abweisung des jüdischen Arztes mißbilligten. Sie sei lediglich ans ein Mißverständnis zurückznführen. Mönche«. Das 17. Semester der Bereinigung jüd. Akademiker war recht ersprießlich. Die wissenschaftliche Tätigkeit des Vereins erstreckte sich auf verschiedene Gebiete: 1. Es Wirde gelernt Gs» moroh Pessochim (Rabb. Dr. Ehrentreu), Gemorvh Sanhedrin (Kantor Roter), Schulchan Aruch (unter Leitung von Bereinsmitgliedern). L Der Fuxenunterricht unterwies die jüngeren Mitglieder in den wichtigsten Frage» der jüdischen Weltanschauung sowie ^rn der Apologetik gegenüber den Angriffen wider das Judentum und gab einen Ueberblick Wer die Hauptereignisje der jüdischer Geschichte und Literaturgeschichte. Weiterhin wurde im Fuxenunterricht die Lektüre von S. R. Hirsch „Neunzehn Briese", Dr. Funk „Entstehung des Talmuds" und Dr. Fink „Naturwissenschaftliche Hypothesen im Lichte der jüd. Anschauung" getrieben. Zur wissenschafüichen Ausbildung 8er Mitglieder dienten auch insbesondere die Borträge, welche zum Teil vor zahlreichem Publikum veranstaltet wurden. Es wurden folgende Vorträge gehalten: 1. Rabbiner Dr. Ehrentreu-Munchen: „Mauasse ken JßbmcA -odr Vorkämpfer für Israels Ehre"; 2. F. BielskiPosen. cand. med.: „Altjüdische Kultur"; 3. I. Meyer-Regensburg, cand. jur.: „®ie jüdischen Landgemeinden und ihre Erhaltung"; 4. M. Cobliner-Posen, cand. jur.: ,Moj«s Mendelssohns Leben und Werke"; 5. L. Fäst-HirzemnA cand. jur.: ,Mie Entstehung unserer Tochterreligioir"; 6. Gerichtsarzt Dr. I. WeigLMünchen: „Babylon, die Entstehungsstätte des Talmuds"; 7. M. Goldbach-Unterriedenberg, cand. med.: ,Maimonides"; 8. Oberlehrer Dr. I. Carlebach-Berlin: „Ruht obwohl, sondern weil wir Juden sind..." Sieben der wissenschaftlichen Arbeit wurde die Ge- Skeit eifrig gefördert. Für die körperliche Ausbildung e durch einen wöchentlichen Turnabend, durch Touren in die schöne Umgebung Münchens und durch Ruder- Partien gesorgk. ...