Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 35 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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September 1912) Kr. 35 Infolge des Roschhafchonohfestes erscheint die «Schstwöcheutliche Kammer bereits Mittwoch. Schluß fnrJnseratenffnnahme Dienstag Mittag 12 Uhr. Das Jahr »672. - „Wächter, was' bleibt noch von der Nacht? Brach der Morgen an?" — „Kein Morgen, kein Licht, nochi. ist Nacht, tiefe, dunkle Nacht!" — So spricht der Wächter, so seine Antwort! . Und verhält sich dies wirklich so? entspricht dies' den Tatsachen? Wir wollen die Ereignisse des Jahres Revue passieren lassen und Schlüsse ziehen. Zmtächst das Lastd, das uns am nifthjsten liegt, das deutsche Vaterland. Was brachte, uns deutschen Juden das dahiugegangene Fahr? In politischer Beziehung keine noch so geringe Besserung. Wohl ist ein neuer Reichstag gewählt, wohl ist eine linke Mehrheit", wenn auch eine kleine, in diesen neuen Reichstag eingezogen; Mein die reaktionären Regierungsmaximen uns gegenüber sind die alten geblieben; die Anschauungen des Kriegsministers von Heeringen über die Anstellung von jüdischen Offizieren sind noch dieselben geblieben, denn äs facto regiert noch minier der blauschwarze Block, obwohl dieser durch den Ausfall der Wahlen in eine Minderheit versetzt worden ist. Schuld daran sind ibie rückgratlosen Nationalliberalen, die mit einem lFuhe links und mit einem Fuße rechts stehen und p auch dem Antisemitismus der reaktionären Parteien im Stillen mehr oder minder huldigen. Nock) mnier setzt die Regierung Prämien auf die Fahnenflucht der Täuflinge. Auch der schreiende wirtschaftliche Ge-, schäftsantisemitismus sowie der stille gesellschaftliche Antisemitismus blüht üppig in unseren Landen. Das die Tatsachen. — Welches aber sind die Ursachen hierfür? Dex. politische Antisemitismus ist ohne weiteres verständlich, sind' doch die Juden einerseits fortschrittlich, andererseits will die Partei, die die ausschließlich^ Macht besitzt, alle Privilegien für sich allein in Anspruch nehmen. Ebenso ist der wirtschaftlichst Antisemitismus erklärlich. Die Frage bleibt nur nach! dem Grund des gesellschaftlichen Antisemitismus. Angeborene, ererbte Abneigung, lautet die landläusige Erklärung. Allein diese Begrürrdung erklärt das Problem nur teilweise; aber eine vollständige Lösung hierfür gibt sie nicht, denn es bleibt Iwch immer die Frage offen: Wie kommt's, daß sogar die Oberschicht, die Inteiligenz des deutschen Volkes, vom Antisemitismus befallen ist? Solange die Juden iM Ghetto steckten .und der Christenheit nur wenig Gelegenheit gelten war, die Eigenschaften der jüdischen Mitbürger näher kennen zu . lernen, waren die Vorurteile gegen die Juden ohne weiteres verständlich. Doch die Ghettomaucrn sind schon mehr als 100 Jahre gefallen und mit ihnen alle äußere 'Schranken. Fast auf sämtlichen Gebieten der Wirtschaft, der Wissenschaft, Kunst und Literatur machen sich die Juden bemerkbar. Der Christenheit ist demnach täglich die Möglichkeit gegeben, das Wesen der Juden zu erfemtenj, um ihr Urteil über uns zu korrigieren, damit sie die Vorurteile fallen lassen. WeHalb also der Haß, weshalb der Antisemitismus? ' . Hören wir, wie aufgeklärte, objektiv denkende Christen darüber urteilen: In - der hoch angesehenen Halbmonatsschrift „Der Kunstwart" vertritt Avenarius, der Herausgeber dieser Zeitschrift, die Ansicht, daß der gesellschaftliche Antisemitismus ein verschleierter Akt nationaler Notwehr gegen die durch die pseudogermanische intellektuelle Arbeit der Juden entstandene Verwischung der Grenzen zwischen echt-- und pseudogermanisch sei. „Gerade das Gemischte, Halbe, das Nichtgewagte, das Versteckte, das „Deutschelnde" ist es, was uns im jüdischen Schrifttum abstößt. ..." Die Aufgabe sieht Avenarius nicht dort, wo sie die Antisemiten sehen, vielmehr erstrebt er: die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können. „Die Bereicherung der Gesamtkultur durch jüdisches Wesen könne nur uni so besser wirken, je rassiger, je „urtümlicher" sie sind. Und gerade die Juden, die selbst ihre Bolksverschiedenheit von den Nichtjuden energisch betonen, werden uni so mehr begreifen, daß wir keine Verschleierung, daß wir im Gegenteil einen betonenden Ausdruck dieser Rassenverschiedenheit auch bei all jenen jüdischen Betätigungen wünschen, bei denen völkischst Imponderabilien sind. ..." Nun, wir wissen also wenigstens einen vernünftigen Grund, — und indem wir in unserer Fahresbetrachtung Rückschau halten, wollen wir nicht bloß Tatsachen registrieren, sondern deren Ursachen angeben, damit wir wissen, welchen Weg wir cinzuschlagen haben und wie den entstandenen Schäden abgeholfen werden kann. Soweit die politische und soziale Lage der Juden bei uns in Deutschland. Wir wenden uns nunmehr zu dem Verbündeten Deutschlands jenseits der Donau, zu Oesterreich-Ungarn. . ... Es ist eine alte Erfahrung, daß es in den Ländern der Zerrüttung den Juden gar schlimm ergeht; vom Chaos hat der Schwächste am meisten zu leiden. So darf es denn nicht wundernehmen, wenn es mit unseren Brüdern in den Ländern an der Donan nicht gut gestellt ist. Sozial urrd wirtschaftlich war die dortige Judenheit — besonders die Galiziens — schon längst ziemlich schief gestellt. Jedoch politisch — sofern die jüdische Uneinigkeit ihren politischen Rechten nicht Wbruch tat — waren sie den anderen dortigen Nationalitäten fast gleichgestellt. Auch die Juden durften Staatsämter bekleiden und den Offiziersrock tragen. Nunmehr soll es anders werden! Der österreichische Reichskriegsminister hat nämlich einen Erlaß lhersazusgegebeln. Worin gesagt wird,, daß tadellose Dienstleistung, physische und geistige Eignung zum Offiziersrang und noch so gut bestandene militärische Prüfungen von nun ab keinen Anspruch mehr auf Erlangung des Offiziersgrades begründen; vielmehr in erster Linie das soziale und familiäre Milieu sowie das Aussehen der Aspiranten in Berücksichtigung zu ziehen sind. Daß der neue sErlaß eine ausgesprochene a n t isemitische Tendenz verfolgt, wer wollte es' bezweifeln? Der Jubel der deutschnationalen und christlichsozialen Presse anläßlich dieses famosen Erlasses beweist zur Genüge, wen eigentlich die Regierung Mit dieser neuen Verordnung treffen wollte. Doch wer von unseren unverwüstlichen Optimisten über den Antffemitismus der österreichischen Machthaber noch nicht km Klaren'ist, braucht nur von dem Fall des tschechischen Abgeordneten Smeral Kenntnis zu nehmen, um sich von ihm zu überzeugen. Der Fall war folgender: Abgeordneter Smeral hat im Juni ds. Js. im österreichischen?kbgeordnetenhause bei der Beratung der neuen Dienstpragmatik einen Zusatz beantragt, wonach. politische, nationale und konfessionelle Gründe bei der Anstellung von Beamten keinen Einfluß üben dürften. Dieser Antrag wurde vom Hause mit ansehnlicher Majorität angenommen. Doch was tat die löbliche Regierung? Anläßlich der bevorstehenden Beratung des Gesetzes im Herrenhäuse gibt sie bekannt, daß für sie der Antrag Smeral unannehmbar ist und sie ihm daher, ihre Sanktionierung verweigert. Es ist klar, daß die österreichische Regierung einen solchen eklatanten Berfassungsbruch zu begehen nicht gewagt hätte, wenn sie gewiß wäre, mit dieser ihrer Rechtsbeugung die 11 n Zufriedenheit der christlichen Bürger zu erregen. Die Regierung antisemitelt, weil sie sich bewußt ist, 'damit den Beifall ihrer christlichen Bürger zu ernten. Sie weiß, daß die Zustinnnung der Mehrheit her Abgeordneten zum Antrag Smeral nur platonischer Natur war und Nur aus taktischen 'Gründen erfolgte. Dieselben Mgeordneten, die mit Ja stimmten, taten dies nur in der zuversichtlichen Voraussetzung, daß die Regierung die Sanktionierung verweigern werde. Und doch, — trotz allem würde die Regierung' eine andere Haltung gegenüber den Juden eingenommen haben, wenn sic wüßte, daß die Juden geschlossen und einheitlich dastehen. Eine Nationalität von ca. 2 Millionen — so viel ungefähr beträgt die Zahl der dortigen Judenheit —. flößt jeder noch so starken Regierung Respekt ein, geschweige denn einer schwachen eines zerfahrenen Landes, wie es die österreichische Regierung ist. Doch eine buntscheckige Nationalität, die aus Deutschen, Polen,Tschechen, Slowaken, Kroaten, Magyaren mosaischer Konfession zusammengewürfelt ist, kann der schwächsten Regierung keine Achtung «bringen. Und der dritte im Bunde, Italien, — wie ist es mit feiner Regierung bestellt? Noch ist in Mer Gedächtnis, wie antisemitisch sich die Regierung und Presse JtMens beim Ausbruch des. tripolitanischen Krieges — als die italienischen Waffen sich Mißerfolg auf Mißerfolg hdlten — geberdete. Und weshalb? Haben die italienischen Juden etwa den Krieg verurteilt? Haben sie ihre Haut nicht gleich ihren christlichen Mitbürgern zu Markte getragen? Weshalb also die große Hetze gegen das jüdische Volk? Die demokratische Presse Europas, in deren Redaktionen u. a. auch Juden sitzen, verurteilte den skandalösen Uebersall Italiens! Weil der jüdische Demokrat sich dasselbe erlaubt wie der christliche, deshalb die Wut. Doch auch dieser italienische Antisemitismus hat seinen Grund. Das italienische Volk hat vor sich nur rückgratlose, ehr- und' gedankenlose Inden, die ohne Zwang, aus purer Kriecherei und Feigheit, ihr „Ich" verleugnen und die heiligsten nationalen jüdischen Güter über Bord werfen, gesehen. Daß es auch Juden gibt, die ihre eigene, selbständige Meinung haben und diese auch laut vertreten, war ihnen ftemd. Als 'sie daher zum ersten Mal diese ihnen unbekannte Erscheinung wahrnahmen, waren sie entsetzt, und in ihrem Schrecken begannen sie zu schimpfen. — Ja, die Assimilation ist es, die uns Juden nicht nur hie nationalen Rechte, sondern auch die Menschenrechte genommen hat. Die Assimilation ist es, die . die anderen Nationen an ehr- und. gedankenlose Juden gewöhnt hat, an Jachen, die kein