Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 34 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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r zil Nr. Z4 cfes Frankfurter I Reinerzer Badebrief. Von Leopold Perlmutter- Frankfurt a. M. Die Judenfrage in de» Ferien. •— „Judaismus" und „Bäderkapitalismus". — Das „schlesische Ostende". — Polens Erbteil. — Ein Griff ins volle Menschenleben. — Die jüdische Jugend des Ostens. — Typen ans unserem „Zirkel". — Das Volk der'Propheten. — Die „Hatikwah" in den Bergen. — Es mag paradoxal klingen, ist aber bittere Wahrheit: Je schöner ein Bad, desto trüber stimmt es mich als Juden. Gibt es! d'och kaum einen Kurort, der nicht von russischen und polnischen Glaubensbrüdern überfüllt wäre. Wir bekommen so die traurige Empfindung, daß es nirgends m.chr Erholungsbedürftige als bei uns Juden gibt, sodaß Heine's unglückseliges Wort von der „Krankheit", die der Jude mit auf die Welt bringt, sich erfüllt zu haben scheint. Und dann, warum bevölkern jene Juden die „ausländischen" Bäder? Weil ihnen antisemitische Rücksichtslosigkeit den Kurgebrauch im „Vaterlande" verbietet. Die meisten „Weltbilder" werden von Juden erhalten, und waren die „schwarzen Hundert" wahrhaft national, so hatten sie schon lange eine Massenpetition an den Finanzminister gelangen lassen, die Juden in die Kurplätze Rußlands .aufzunehmen. Welch eine „Bäderindustrie" hat sich nicht entwickelt,. die jeden Ort, der eine Quelle besitzt, zum „AHeltbäde" stempelt, Hotels eröffnet usw. Und fast all't Bäder werden zu 75°/« von den Juden erhalten. Ich glaube, Sombärt kann bald ein 14. Kapitel seinem Buche anfügen: „Judaismus und „Bäderkapitalismus". "... Diese „Bäderindustrie" ydt auch aus Bad Reiuerz ein „schlesisMs Dstende" gemacht, mit Attraktionen mannigfachster Art. Es liegt wunderbar. Eingekeilt zwischen den Bergriesen des Riesengebirges, auf einer Höhe voir ca. 709 Metern, hat cs eine selten starke und reine Luft, die allein schon alljährlich viele Lungenkranke, wovon leider 90°/o Juden, nach Reinerz führt. Aber auch für sonstige Leiden soll es Heil- und nicht nur Luxusbad sein. So ko minen jahraus, jahrein Tausende von Juden aus der „Dreikaiserecke", die Polens Erbteil und darunter auch „seine" Juden übernommen hat, hierher. Sie rekrutieren sich hauptsächlich — auch ein Barometer der Judenfrage — aus den Großstädten: Warschau, Lodz, Lemberg, Krakau, ' Breslau. Wer nun jüdisches Interesse hat/ wird sich, die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich über die Fragen, die diese Kreise bewegen, zu orientieren. Wir nahmen uns hierzu Muße, griffen in dies „volle Menschenleben" keck hinein und fanden uns mitten unter den verschiedensten Strömungen des östlichen Judentums. Speziell die Jugend interessierte uns. Diese war in allen Schattierungen sehr zahlreich vertreten, und bald versammelten wir uns zu einer lebendigen "„Zukunft des Judentums". Da platzten die Meinungen aufeinander, und in der eigenartig lebhaften Form voller blitzend wechselnder Einfälle und flammender Beredsamkeit, die die jüdische Jugend des Ostens auSzeichnet, wurde die „Judenfrage" nach allen Seiten erörtert. ' Alle möglichen Richtungen tvaren da vertreten. Aber zu unserer großen Freude konnten wir feststellen, daß in diesem Kaleidoskop verschiedenster Auffassungen jene früher so starke Spezies der. Mipncri-Assimilanten, speziell jener, die für alles/ was polnisch ist, am liebsten gleich sterben möchten, zwar noch existiert, aber viel, viel seltener geworden ist. Dagegen macht sich'— und besonders bei den weiblichen Studierenden — eine starke jüdisch-naticnale, oft ausgesprochen zionistische Stimmung bemerkbar. Ja, zu unserer freudigen Ueberraschung beinerkten wir sogar bei manchen eine, wenn auch zunächst nur platonische Achtung vor dem jüdischen Gesetze und der Tradition. So setzte ssthi eine aus Grydno gebürtige, in Warschau studierende Dame mit dem ganzen Feuer ihres nicht geringen Temperaments für die Th'ese ein, daß ohne Beibehaltung der Tradition die Zukunft Israels unmöglich sei. DeM widersetzte sich regelmäßig eine Grzäktungkn. aus JIM uni£ föaCmiuf. Bon M. Pulvermann. König Salomo. Als Salomo von der Bestattung seines Vaters zurückgckchrt war, überfiel ihn eine große Müdigkeit, sodaß er sich auf sein Lager warf und bald von einem tiefen Schlaf umfangen war. Nach einigen Stunden erwachte er wieder. Verwundert sah er um sich: vor ihm standen acht Gestalten, verschieden in Glanz und Herrlichkeit, die sich dreimal vor ihm verneigten. „Wer seid Ihr?" fragte Salomo. „Wir sind die Engel, die die acht Winde des Himmels und der Erde beherrschen. Uns hat der Herx zu Dir gesendet, um Dir Macht über uns .zu verleihen, um Dir die Winde zu Deinen Diensten anzubieten. Auf Dein Geheiß werden sie fortan stürmen und rasen oder sanft jiri8 mild wehen. Nach Deinem Willen werden sie Dich über Berg undj Tal, über Meer und Felsen tragen und in allem Dir gehorchen." Dann trat der herrlichste der Engel vor, gab dem König einen Ring, auf dem die Worte eingraviert waren: „Gott allein ist die Allmacht und die Größe!" und sprach dann: „Hast Du irgend einen Befehl für uns, dann hebe den Ring empor, und wir werden als Deine Diener erscheinen." - * Kaum war diese Engelsschaar verschwunden, als vier andere erschienen, ebenso von einander verschieden wie die vorigen. Der eine hatte die Gestalt eines Walfisches, der andere die eines Adlers, der dritte die eines Löwen und der vierte die einer Schlange.. Sie sprachen: „Wir beherrschen all die Geschöpfe, die sich ans Erden, in der Luft und im Wasser bewegen. Gott hat uns. zu Dir geschickt, daß wir Dir Deine.Herrschaft über uns verkünden, daß wir Dir dienen bei dem, Guten und für Dich kämpfen., gegen .das Böse." Der Engel, dem die Vögel gehorchten, überreicht« dem; König einen kostbaren Stein, der die Inschrift trug: „Alle Geschöpfe loben den Herrn!" und sprach: „Willst Du von der Wünderkraft dieses Steines Gebrauch machen, dann hebe ihn himmelwärts, und wir eilen herbei, um Deine Befehle zu vollziehen." Als dieser geendet, erschienen zwei andere Engel, der eine der Erde, der andere dem Wasser ähnlich. Auch sie verneigten sich dreimal und der eine sprach: „Uns hat der Herr erschaffen, daß wir seinen heiligen Willen auf der trockenen Erde und im feuchten Meere vollziehen. Jetzt aber sollen wir Dir dienen, damit Du durch uns auch über Land und Meer herrschen kannst. Auf Deinen Befehl wird der höchste Berg zur glatten Fläche und die ebene Wiese zum hohen Hügel werden. Auf Dein Geheiß werden Ströme austrocknen und die öde Wüste in eine Wasserquelle sich verwandeln. Doch," sprach der Engel weiter, „hüte Dich, Deine übermenschlichen Kräfte und Fähigkeiten zum Bösen oder, zum Nachteile Deiner Nächsten zu verwerten, denn dann werden Deine Diener über Dich herrschen und Dich zermalmen!" Auch er übergab dem König einen wunderbaren Ring mit der Inschrift: „Himmel und Erde dienen dem Herrn allein!" Jüdischer Jugend-Kalender. Im vorigen Jahre hatte der Jüdische Volksschriftcnverlag zuni ersten Male' einen Jugendkalender - hcrausgegeben. Soeben — noch rechtzeitig vor dem Beginn des neuen Jahres — ist fein Nachfolger erschienen. Das hübsch ausgestattete Büchlein umfaßt 80 Seiten und bietet mannigfaches. Dr. David Earlebach schildert die Emanzipation der Juden in Deutschland. Jda Oppenheim ergänzt diese Schilderung durch eine Erzählung aus der Zeit der Emanzipation. Dann spricht Rabbiner Dr. Josef Wohlgemuth über die Bedeutung der Speisegesetze. Von seinen überaus beherzigenswerten Worten seien hier die folgenden wiedergegeben: „Durch die eine Nahrung werden vorhandene Kegungen abgestumpft, durch die andere neue Triebe erweckt. Berauschende Getränke sind von lähmender Wirkung auf unsere geistige Tätigkeit,: Der Blutgenuß erzeugt Roheit in Len Herungemein scharfdenkende angehende Juristin aus Warschau, die mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, sich gegen die Zere- . monialgesetze wandte, ohne aber leugnen zu wollen, daß sie in deren Geist nie eingedrungen sei. Ihre gefühlvolle Schwester, Studentin der Literatur, sucht nach einem Kompromiß, das „Rücksicht" vertrage und setzt sich mit schöner Leidenschaft für jüdische Geschichte und hebräische Sprache ein. Und jeder und jede verspricht sich die Zukunft. Lauter Propheten! Propheten rechts, Propheten „ links, aber auch Propheten in der Mitte! Ein schönes Zeugnis dafür, daß das Volk der Pro pheten nicht ganz zum Volk der Profite geworden ist, wie der Antisynit gerne behauptet. Nach allem, was wir da sahen und hörten, geht es in der jüdischen Jugend des Ostens wieder vorwärts. Es weht wieder ein jüdischer Wind. Man sage nicht, ein reiner Zufall, der eben solch jüdisch Denkende nach Reinerz! warf. Gerade ein solcher Ausschnitt, aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Gegenden zusammengewürfelt, ist am besten geeignet, ein gutes Bild zu geben. Und symbolisch für die Stimmung, die in der jüdischen Jugend herrscht, ward uns ein unvergeßlicher Mend, den unser „Zirkel" nach eiftiger Diskussion auf hem Balkon einer hoch vom Berge hinab ins Tal schauenden Villa erlebte. Eben war die große Sonnenscheibe an den Bergen hinabigeglitten. Der Park ließ den Ausblick auf die trotzigen Bergwände des Eulengebirges, ftei, über denk sich der Mond erhob. Von unserer Tafelrunde klangen in die Nacht hinaus jene schwermütigen Jargon- und russischen Lieder, die zur ganzen Stiminung des Abends paßten. Dann und wann Stille, die von Zeit zu Zeit das Plätschern eines Gießbächleins unterbrach. Da begann plötzlich jene Studentin, die polnische Literatur studiert und jüdische liebt, mit seltsam inniger Weise und weicher Stinrme unser Lied der Sehnsucht und Hoffnung zu singen. Alle Gefühle weckt es, Leid und Hoffzeu der ihm Frönenden. Selbst Tiere werden durch Len einen Genuß blutdürstig, wild, durch den anderen zahm und mild. Können wir da noch zweifeln, daß unsere Nahrung von wesentlichem Einfluß auf unser seelisches Leben ist? Nein! Unser Körper ist 8er Boden, auf dem erst unsere geistige und sittlich« Persönlichkeit gedeihen kann. Führt der Landmann dem Boden nicht die geeigneten Stoffe zu, dann verkümmert die Frucht des Feldes. Führen wir unserem Körper nicht die geeignete Nahrung zu, dann verkümmert unsere Seele. Die uns verbotenen Speisen aber und die durch sie unserem Körperzugeführten Kräfte nehmen unserem Leibdre Fähigkeit, als fruchtbarer Boden und als geeignetes Werkzeug unserer Seele zu diene n." Wieder tritt ein Erzähler auf. Die 15jährige A n n a Grad hat ein Märchen gedichtet, das ihrer Phantasie und ihrer Erzählungskunst alle Ehre macht. Nach ihr führt uns Nathan Adler die bedeutungsvollsten Ereignisse im Leben des Propheten Jona vor; es find das jene Ereignisse, die so recht die unendliche Güte Gottes lehren und deshalb am Nachmittag des Versöhnungstages in allen Gotteshäusern Israels vorgelesen werden. Der Schluß des Büchheins bringt die drei preisgekrönten Aufsätze des vorjährigen Preisausschreibens. Vorbedingung war selbständige Abfassung der Arbeiten. Ob jeder der drei Preisgekrönten diese Vorbedingung auch ganz erfüllt hat? Doch bald hätten wir etwas vergessen. Zwischen den einzelnen Aussätzen und Erzählungen finden sich Sprüche aus unserem Talmud eingestreut. Dr. I. Weigl hat sie zusammengestellt. Dr. Weigl, der als Arzt in Milchen lebt, ist ein fiommer Christ. Sein seit vielen Jahren betriebenes Studium des jüdischen Schrifttums hat ihm ein umfassendes jüdisches'Wissen und ein für einen Nichtjuden merkwürdiges objektives Verständnis unseres Judentunrs gegeben. Wünscht Euch zu Eurem, nächsten Geburtstag sein Buch „Das Judentum" — erschienen bei I. Guttentag-Berlin. und erhältlich durch jede Buchhandlung —, und ein Christ wird Epch! zeigen, wie groß die Geschichte und. diif Gesetze^ Eures Volkes sind! 0788